Pronomen (lateinischer Plural Pronomina, deutsch auch im Plural oft Pronomen) oder Fürwort ist in der Grammatik eine Wortart. Die Bezeichnung ist aus lat. pro „für“ und nomen zusammengesetzt und wurde von den antiken lateinischen Grammatikern erläutert als ein Wort, das pro nomine („für ein nomen“) steht. Der Wortlaut dieser traditionellen Erklärung lässt sich aber nicht für die heutige Grammatik verwenden, denn beide Bezeichnungen, nomen und pronomen, hatten in der antiken Grammatik andere Bedeutungen als heute (zunächst auch anders als in der heutigen Lateingrammatik).
Im modernen Verständnis werden bis zu zehn Untertypen in diese Wortart zusammengefasst, die sehr verschiedenartige grammatische Eigenschaften haben, z. B.: er (ein Personalpronomen), mein (ein Possessivpronomen), jemand (ein Indefinitpronomen) oder welcher (ein Frage- bzw. Relativpronomen). Als allgemeine Beschreibung für die Funktion von Pronomen wird oft die Funktion eines „Stellvertreters“ genannt. Pronomen stehen als Stellvertreter aber tatsächlich nicht „für ein Nomen“ (im heutigen Sinn), sondern für größere Einheiten aus zumindest Artikel plus Nomen bzw. Substantiv. Anders als ein Nomen/Substantiv kann ein Pronomen in der Regel nicht mit Artikeln kombiniert werden. Die Eigenschaften von Pronomen gehen aber auch über eine Stellvertreterfunktion noch hinaus, z. B. können Relativpronomen bei der Einleitung eines Relativsatzes gar nicht durch Substantivkonstruktionen ersetzt werden. Bei Indefinitpronomen können auch verneinende, quantifizierende oder fragende Funktionen eingeschlossen sein.
Pronomen sind wie Artikel und Substantive eine deklinierbare Wortart: Je nach Untertyp können sie Formen für Kasus (Fall), Numerus (Zahl) und Genus (Geschlecht) zeigen. Im Gegensatz zu Substantiven sind sie aber keine Inhaltswörter, sondern bezeichnen Personen oder Dinge nur mithilfe ihrer grammatischen Merkmale. Traditionell können Pronomen freistehende Ausdrücke sein oder solche, die bei einem Substantiv/Nomen stehen („mein Glas“ – „das ist meins“), teilweise wird aber auch die Bezeichnung Pronomen auf freistehende Ausdrücke eingeschränkt. Da die Abgrenzung zwischen Artikelwörtern und Pronomen insgesamt schwierig ist, werden sie in manchen Systemen auch in eine einzige Wortart zusammengefasst.
Eigenschaften und Abgrenzung der Pronomen Pronomen sind eine sehr weit gefasste Wortart, je nach grammatischer Tradition werden bis zu zehn Untertypen unterschieden, die auch sehr unterschiedliche grammatische Eigenschaften haben. So können Pronomina auch Fragen markieren (Fragepronomen wie wer) oder als Relativpronomen Relativsätze einleiten. Eine Definition der Klasse kann daher nur durch sehr allgemeine Merkmale erfolgen.
Pronomen als Funktionswörter In allen ihren Unterarten zählen Pronomina nicht als Inhaltswörter, sondern sie verhalten sich als grammatische Elemente (Funktionswörter). Dies zeigt sich auch darin, dass sie eine geschlossene Klasse bilden, d. h. eine Klasse von Ausdrücken, die nicht beliebig durch neue Wörter erweiterbar ist.
Probleme der Definition und Abgrenzung ergeben sich daher vor allem mit Bezug auf andere Funktionswörter, insbesondere zu Artikeln. Teilweise werden traditionell Pronomina genannte Wörter auch direkt als Artikelwort oder Determinativ klassifiziert. Die Dudengrammatik spricht von einer übergeordneten Klasse „Artikelwörter und Pronomen“, in der beide in manchen Hinsichten gleichartig sind, für andere Zwecke aber zu unterscheiden sind.Duden. Die Grammatik (= Der Duden, Band 4). 10. Auflage. Dudenverlag, Berlin 2022, e-ISBN 978-3-411-91447-0, S. 729.
Pronomen als „Stellvertreter“ In einer Tradition, die sich mindestens von Gottsched (1762)Johann Christoph Gottsched: Vollständigere und Neuerläuterte Deutsche Sprachkunst, Nach den Mustern der besten Schriftsteller des vorigen und itzigen Jahrhunderts abgefasset, und bey dieser fünften Auflage merklich verbessert. Leipzig 1762, S. 277. Im V. Hauptstück Von den Fürwörtern (Pronominibus) des II. Theils Die Wortforschung heißt es: „Es ist schon oben gemeldet worden, daß es unbequem seyn würde, in allen Fällen die Hauptwörter selbst zu brauchen. Darum haben alle Sprachen gewisse kleinere Wörter, die man an ihrer statt brauchet. Und weil sie also für andere gebrauchet werden: so nennet man sie Fürwörter.“ bis hin zu heutigen Schul- und GebrauchsgrammatikenDeutschbuch Arbeitsheft 10. Cornelsen, 2000, ISBN 3-464-60316-4. Siehe die Übersicht „Grammatische Grundbegriffe“; Zitat: „Pronomen – Stellvertreter des Nomens – ich, du …/mein, dein …“Ursula Lassert: Rechtschreibtraining einfach und klar – Arbeitsblätter mit Selbstkontrolle – 4. Klasse. 2012, ISBN 978-3-403-51016-1, S. 1 u. 5. Zitate: „Nomen bezeichnen Lebewesen, Dinge, Gefühle und Gedachtes. Sie werden großgeschrieben. […] Artikel = Begleiter“ & „Pronomen stehen für Nomen (das Kind – es, Monas Tasche – ihre Tasche …).“ verfolgen lässt, wird die Funktion von Pronomen so erklärt, dass es Wörter seien, die stellvertretend für Substantive („Hauptwörter“) stehen. Johann Balthasar Antesperg nannte sie Anstattwörter; in heutigen Schulgrammatiken werden sie manchmal auch Stellvertreterwörter genannt.Pons (Peter Hoffmann, Volker Losch): Gewusst wie! Grammatik-Training Deutsch. Wer’s versteht, lernt leichter. Schule 5. Klasse. 2007, S. 8. Die Funktion der Stellvertretung wird allerdings auch innerhalb dieser Tradition unterschiedlich erklärt: Alle Pronomen seien Stellvertreter von Substantiven. Dies gelte auch für Possessivpronomen, die scheinbar wie Adjektive konstruiert werden wie in „ihre Tasche – d. h. Monas Tasche.“ Das Possessivum würde also als Stellvertreter für Substantive im Genitiv stehen. Eine andere Erklärung unterscheidet substantivische Pronomen, die stellvertretend für Substantive stehen, und adjektivische Pronomen, die stellvertretend für Adjektive stehen.Christian Lehmann: Deixis. Zitat: „[…] Pronomina (Prosubstantive wie ich, Proadjektive wie dieser) […]“So auch: A. F. Bernhardi: Vollständige Griechische Grammatik für Schulen und Gymnasien. Berlin 1797, S. 77 u. 126. Zitate: „[A]n die Stelle des zur Bezeichnung der Substanz bestimmten Wortes tritt ein stellvertretendes Wort, das Prosubstantiv, das Pronomen.“ & „Die Classen der Adjectiv-Pronominum sind: die Pronomina possessiva, […] Pronomina demonstrativa, […].“
Statt eines Substantivs wird aber genau besehen eine ganze Substantivgruppe ersetzt, also: „mein früherer Chef = er“ (es wird nicht das Substantiv Chef ersetzt, so dass sich ergäbe: *„mein früherer er“). Die Ersetzung einer Wortgruppe durch ein Pronomen (ggf. Fragepronomen) ist sogar ein klassischer Konstituententest, also eine Probe zur Ermittlung zusammengehöriger Wortgruppen im Satz. Die verbreitete Redeweise, die Pronomen auf Substantive bezieht, steht heute also auch im Widerspruch dazu, dass die Ersetzung einer ganze Wortgruppe durch Pronomen anderswo in der Grammatik eine sehr hervorgehobene Rolle spielt.
Außerdem können die Personalpronomen der ersten und zweiten Person nicht als Stellvertreter für substantivische Konstruktionen aufgefasst werden, weil Substantive nur das Merkmal 3. Person tragen können.Ivar Ljungerud: Bemerkungen zu den persönlichen Pronomen in der deutschen Gegenwartssprache. In Ulrich Engel, Paul Grebe: Sprachsystem und Sprachgebrauch. Festschrift für Hugo Moser zum 65. Geburtstag. Schwann, Düsseldorf 1974, S. 230–247. Zitat S. 230, Abs. 2,11.: „Eigentlich sind nur die Rollenwörter [= Personalpronomina] der 3. Person Pronomen oder Fürwörter, die der 1. und 2. Person stehen nicht anstelle eines Nomens.“
Zu den Hintergründen des Problems mit dem Begriff „Stellvertreter“ siehe den späteren Abschnitt #Historische Entwicklung des Begriffs „Pronomen“.
Selbstständige Pronomen und Begleiter Im Deutschen können oft dieselben Wörter ein Substantiv/Nomen begleiten oder alleine vorkommen. Traditionell und in der Schulgrammatik erstreckt sich die Wortart Pronomen auf beides. In der Dudengrammatik werden nur die selbstständig auftretenden Fälle als „Pronomen“ bezeichnet, für die Begleiter-Konstruktion ist dann von „Artikelwörtern“ die Rede (speziell also z. B. „Possessivartikel“ oder „Demonstrativartikel“).Duden. Die Grammatik (= Der Duden, Band 4). 10. Auflage. Dudenverlag, Berlin 2022, e-ISBN 978-3-411-91447-0, S. 729 f.
Als Regel gilt, dass alle Pronomen selbständig stehen können, manche haben aber auch noch eine Funktion als Begleiter.Matthias Granzow-Emden: Deutsche Grammatik verstehen und unterrichten. 3. Auflage. Narr/Francke/Attempto, Tübingen 2019, ISBN 978-3-8233-8134-1, S. 209. Nur selbständig: die Personal- und Reflexivpronomen „ich, du, er, es, sie (sg.), wir, ihr, sie (pl.), Sie, man, sich.“ (Zu Problemfällen wie „jemand“ siehe am Ende dieses Abschnitts.) Beispiele: „Das bin ich.“ / „Man wäscht sich zuerst die Hände.“ Begleitend oder selbständig: „der, dieser, jener, derselbe, diejenige, ein, kein, welcher, manche, einige, alle, jeder.“ Beispiele: „einige Minuten warten“ / „Ich habe noch einiges zu tun.“ – „Das ist mein Heft!“ / „Das ist meins!“
In begleitender Funktion kann die Abgrenzung nicht nur zu Artikeln, sondern auch zu Adjektiven schwierig sein: Artikelähnlich scheint die Konstruktion „beide Töchter“; aber adjektivähnlich „die beiden Töchter“.Dudengrammatik 2022, S. 757. Manchmal gibt es auch eine Stellung vor dem indefiniten Artikel: „solcher Aufwand / ein solcher Aufwand / solch ein Aufwand“.Dudengrammatik 2022, S. 761.
Pronomina können auch besondere Konstruktionen zusammen mit Adjektiven bilden, bei denen das Adjektiv großgeschrieben wird.Annika Lamer: Richtig schreiben: Groß oder klein? Substantivierungen, Pronomen & Co. 20. August 2018. Beispiele:Duden. Die Grammatik. 8. Auflage. Dudenverlag, Mannheim 2009. S. 962 / Randnr. 1529 sowie S. 998 / Randnr. 1586. „du Armer!“ „für uns Arbeitslose“ „Hemmungen, jemand Unbekanntes anzurufen“ „Er hofft, dort niemanden Bekannten zu treffen.“ Diese Anordnung aus Pronomen und Adjektiv gleicht der aus einem Artikelwort plus Adjektiv-Substantivierung und manche Pronomina werden in manchen Theorien auch wie Artikel analysiert (siehe am Anfang des folgenden Unterabschnitts). Üblicherweise wird in der Grammatik des Deutschen jedoch gesagt, dass in den obigen Beispielen substantivierte Adjektive als Apposition zu den Pronomina hinzutreten. Dudengrammatik 2009, S. 983 / Randnr. 1556. – Die Dudengrammatik 10. Auflage 2022, S. 447 signalisiert mehr Unsicherheit darüber, wie diese Konstruktion strukturiert ist.
Pronomen im System der Wortarten In der traditionellen Wortartlehre wird „Pronomen“ üblicherweise als eine eigene Wortart geführt (also neben Substantiv u. a.). In der modernen Linguistik ist dies teilweise nicht so, sondern Pronomen werden mit derselben Kategorie bezeichnet wie die Einheiten, die sie auch ersetzen können, also als Nominalphrasen bzw. Determinansphrasen; eine Variante ist die Analyse zumindest der Personalpronomina (wie er, sie) als intransitive Artikel, also Köpfe der Kategorie D.P. Gallmann, T. Lindauer: Funktionale Kategorien in Nominalphrasen. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur. (PBB), 116, 1994, S. 1–27. Ms. Version http://www2.uni-jena.de/~x1gape/Pub/DP-Rezension_1993.pdf siehe darin S. 7.
Im Deutschen kann das Pronomen (in traditioneller Perspektive) als Wortart folgendermaßen gegen andere abgegrenzt werden:Diese Kriterien gehen zurück auf: Karl Erich Heidolph, Walter Flämig, Wolfgang Motsch (Hrsg.): Grundzüge einer deutschen Grammatik. Akademie Verlag, Berlin (Ost) 1981, S. 491. – Für eine Variante, die die Heranziehung des Komparativs vermeidet, aber dafür Pronomen als nicht genusfest einstufen muss, siehe Roland Schäfer: Einführung in die grammatische Beschreibung des Deutschen. 3. Auflage. Language Science Press, Berlin 2018, ISBN 978-3-96110-116-0. Online frei zugänglich. S. 190. Pronomen sind flektierbar (im Gegensatz zu Adverbien, Präpositionen, Konjunktionen, Partikeln),