Das Reich (Regnum, ) ist eine Rangstufe innerhalb des Systems der Lebewesen. Es ist nach der Domäne (bzw. dem Realm bei Viren) die zweithöchste Rangstufe, sie galt aber lange nur innerhalb der Eukaryoten und Viren. Innerhalb der Prokaryoten (Bakterien und Archaeen) wird erst seit 2024 in Reiche eingeteilt, zuvor gab es nur die nächstniedrigere Rangordnung, den Stamm (Phylum) – es waren hier aber bis 2024 schon etliche „Überstämme“ (Superphyla) vorgeschlagen worden.Beispiele: Reich Nanobdellati (früher Superphylum DPANN) und Mathanobacteriati (früher Superphylum Euryarchaeida) bei Archaeen; Planctobacteria (alias PVC: Planctomycetes, Verrucomicrobia und Chlamydiae) und Patescibacteria (alias CPR, ) bei Bakterien In der Botanik ist die nächstniedrigere Rangstufe die Abteilung (Division).
Das Reich kann noch in Unterreiche (Subregna), und diese wiederum in Infrareiche (Infraregna) untergliedert werden.Mineralienatlas: Fossilienatlas: Abietoideae
Geschichte Das Reich war lange Zeit die höchste Rangstufe der Lebewesen.
Ursprünglich wurde in der Taxonomie nur zwischen Tieren (Animalia) und Pflanzen (Plantae) unterschieden (2 Reiche, Carl von Linné, 1735). Später kamen einzellige Organismen unter dem Namen Protisten (Protista) dazu (3 Reiche, Ernst Haeckel, 1866). Danach trennte man die Pilze (Fungi) von den Pflanzen. Schließlich wurde Mitte des 20. Jahrhunderts eine fundamentale Unterscheidung zwischen einzelligen Lebewesen mit Zellkern, Eukaryoten (Eukaryota), und solchen ohne Zellkern, Prokaryoten (Prokaryota syn. Monera), eingeführt. (2 Imperien oder Superreiche – engl. mit insgesamt 5 Reichen, Robert Whittaker, 1969). Eine Variante davon beinhaltet die umfassenderen und die Grünalgen einschließenden Protoctisten anstelle der Protisten (Lynn Margulis, 1980er Jahre).Lynn Margulis, Karlene V. Schwartz: Die fünf Reiche der Organismen — ein Leitfaden. Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft, Heidelberg, 1989, ISBN 3-89330-694-3. Originaltitel der en. Ausgabe: Five Kingdoms. Freeman & Co., New York/Oxford 182/1988. Nach genaueren molekulargenetischen Untersuchungen bekamen die Archaeen (Archaea) ein eigenes Reich (6 Reiche, Carl Woese, 1977). Die Protisten/Protoctisten wurden nochmals differenziert in Stramenopile (oder Chromisten) und Protozoen (Bakterien und Archaeen wurden ursprünglich nicht unterschieden, daher 6 Reiche, Thomas Cavalier-Smith, 1998 – dies wurde in einer Revision von Ruggiero, Cavalier-Smith et al. 2015 nachgeholt, damit 7 Reiche). Durch weitere Untersuchungen der Nukleinsäuren kam man in den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts zu einer neuen Einteilung, wobei man die Domäne als höchste Kategorie einführte, um den fundamentalen Unterschied zwischen Archaebakterien (nun Archaeen (Archaea) genannt) und Eubakterien (nun schlicht als Bakterien (Bacteria) bezeichnet) auch taxonomisch zu dokumentieren (3 Domänen, Carl Woese et al., 1990). Die geschichtliche Entwicklung des Domänen-Konzepts ist ausführlich dargestellt bei Jan Sapp. Die herkömmliche Einteilung der Domänen der Bakterien und Archäen direkt in Phylum (Stämme) unter Auslassung der dazwischenliegenden Rangstufen (insbesondere Reich) ist noch ein Erbe aus der Zeit, als beide gemeinsam zu einem Reich zusammengefasst wurden. Metagenomanalysen zeigen aber die hohe Diversität in diesen beiden Domänen, so dass für beide inzwischen etliche Vorschläge für Supergruppen wie Superphyla, Infrareiche und Reiche vorliegen. Die List of Prokaryotic names with Standing in Nomenclature (LPSN) und die Taxonomie des National Center for Biotechnology Information (NCBI) haben diese Vorschlägen 2024 aufgegriffen und eine Reihe von Reichen innerhalb dieser beiden Domänen eingerichtet. Diese sind mit Stand August 2026: Archaeean: Methanobacteriati, Nanobdellati, Promethearchaeati, Thermoproteati Bakterien: Bacillati, Fusobacteriati, Pseudomonadati, Thermotogati Sollte sich herausstellen, dass die Eukaryoten nicht schon sehr früh von Vorfahren der Archaeen abzweigen, sondern (vermutlich unter Aufnahme von Alphaproteobakterien als Endosymbionten) sich erst später aus einem Zweig derselben (etwa im Umfeld der Asgardarchaeota) hervorgegangen sind, wäre die Domäne der Archaeen paraphyletisch. Die Situation erinnert – von der Endosymbiose abgesehen – an den Ursprung der Vögel aus den Dinosauriern. Eine Möglichkeit, Monophylie wiederherzustellen, wäre dann, die Eukaryoten in die Archaeen zu integrieren (vgl. Neomura, Thomas Cavalier-Smith, 2002).
+ Tabellarischer Vergleich verschiedener vorgeschlagener Taxonomien Linné Haeckel Whittaker Woese et al. Cavalier-Smith Ruggiero et al. Oren and Göker (1735)Zwei Reiche (1866)E. Haeckel: Generelle Morphologie der Organismen. Reimer, Berlin 1866.Drei Reiche(1969)R. H. Whittaker: New concepts of kingdoms of organisms. In: Science, Band 163, 1969, S. 150–160 doi:10.1126/science.163.3863.150Zwei Imperien und fünf Reiche(1977)Sechs Reiche(1990)Drei Domänen (1998)Zwei Domänenund sechs Reiche (2015)Drei Domänenund sieben Reiche (2024)Drei Domänen,Prokaryoten Animalia Animalia Eukaryota Animalia Animalia Eucarya Eukaryota Animalia Eukaryota Animalia Eukaryota wie bisher bzw.Einteilung in Kladen Plantae Plantae Fungi Fungi Fungi Fungi Plantae Plantae Plantae Plantae Protista Protista Protista(Eukaryota) Chromista Chromista Protozoaveraltet Protozoaveraltet Prokaryota Monera Archaebacteria Archaea Prokaryota Bacteria Archaea Archaea Methanobacteriati Nanobdellati Promethearchaeati Thermoproteati incertae sedis Eubacteria Bacteria Bacteria Bacteria Bacillati Fusobacteriati Pseudomonadati Thermotogati incertae sedis
Sonderstatus der Viren + Virus-Taxonomie ICTV (April 2026, MSL#41v1)ICTV: ICTV Master Species Lists.Zehn Realms (+ weitere Taxa incertae sedis),insges. elf Reiche Adnaviria Zilligvirae Duplodnaviria Heunggongvirae Efunaviria Loebvirae Floreoviria Shotokuvirae Volvereviria Sangervirae Pleomoviria Trapavirae Riboviria Orthornavirae Pararnavirae + … Ribozyviria Kolmioviridae (Fam.) Singelaviria Helvetiavirae Varidnaviria Abadenavirae Bamfordvirae incertae sedis 1 Klasse, 29 Familien, 1 Gattung
Man ist sich weitgehend einig, dass Viren nicht zu den Lebewesen zählen, man sie aber als „dem Leben nahestehend“ betrachten kann. Sie haben keinen eigenen Stoffwechsel und können sich nicht selbständig fortpflanzen, sondern brauchen dazu einen Wirt. Das gilt erst recht für Satellitenviren, die für ihre Fortpflanzung zusätzlich zur Wirtszelle noch ein Helfervirus benötigen. Auch Viriforme und Viroide werden nicht zu den Lebewesen gezählt. Viren inklusive Satellitenviren, Viriforme, Viroide sowie künftig evtl. auch Prionen unterliegen einer eigenen Taxonomie. Die Namensendungen bei Viren sind -virae bei Reichen und -virites bei Unterreichen. Da nicht davon auszugehen ist, dass Viren insgesamt einen gemeinsamen Vorfahren haben, fasst man die Verwandtschaftsbereiche jeweils zu einem der Realms () zusammen (die in Subrealms, en. , unterteilt sein können – derzeit (April 2026) nicht realisiert). Unter diesen folgt direkt die Rangstufe der Reiche (Domänen gibt es nicht).
Aussicht Neben der klassisch evolutionären Klassifikation (aus der der Begriff Reich kommt), existieren heute drei weitere Taxonomie-Konzepte: die numerische Taxonomie, die Kladistik und die Taxonomie aufgrund von DNA-Basensequenzen. Nicht immer können die traditionell gebräuchlichen Einteilungseinheiten in eine moderne Systematik übernommen werden.
Eukaryoten Das als anerkannt geltende System von Adl et al. 2005 (neueste Ausgabe 2019) für Eukaryoten basiert vornehmlich auf phylogenetischen Untersuchungen (Kladistik) und ist entsprechend aufgebaut. Es enthält keine Kategoriebezeichnungen der verschiedenen Taxa und benennt auf gleicher Ranghöhe Organismengruppen, die entsprechend der klassischen Systematik auf unterschiedlichen taxonomischen Ebenen angesiedelt werden. Dabei hat sich eine neuere Gruppierung durchgesetzt, die die klassischen Reiche der Tiere, Pilze und Pflanzen ihren jeweiligen verwandten Gruppen innerhalb der früheren Protisten zuordnet. Sie werden meist als supergroupsLaura Wegener Parfrey, Erika Barbero, Elyse Lasser, Micah Dunthorn, Debashish Bhattacharya, David J. Patterson, Laura A. Katz (2006): Evaluating Support for the Current Classification of Eukaryotic Diversity. In: PLoS Genetics. Band 2, Nr. 12, 2006, S. e220. doi:10.1371/journal.pgen.0020220 (Supergruppen) bezeichnet. Streng genommen gehört sie damit nicht zur Taxonomie, da sie den Rang „Reich“ überspringt. Die sechs Taxa sind:Sina M. Adl et al.: The New Higher Level Classification of Eukaryotes with Emphasis on the Taxonomy of Protists. In: The Journal of Eukaryotic Microbiology. Band 52, Nr. 5, 2005, S. 399–451. PMID 16248873 doi:10.1111/j.1550-7408.2005.00053.x
Amoebozoa – bestimmte Amöbenartige und Schleimpilze Opisthokonta – u. a. Tiere und Pilze Rhizaria – amöbenartige Protista mit Scheinfüßchen (Pseudopodien) Archaeplastida – Landpflanzen, Grünalgen, Rotalgen, u. a. Chromalveolata – viele eukaryotische Algen, z. B. Braunalgen Excavata – verschiedene Protista mit Geißeln
Prokaryoten Für zwei weitere Supergruppen wird die Einteilung der Domänen von Woese, Kandler und Wheelis (1990) bevorzugt: Bacteria Archaea Als Referenz für die klassische Taxonomie dieser beiden Domänen gilt die (LPSN),LPSN: Startseite. für die Taxonomie aufgrund von DNA-Basensequenzen ist dies die (GTDB).GTDB: Tree.
Siehe auch Systematik (Biologie) Systematik der Eukaryoten
Weblinks
Einzelnachweise LPSN: Domain Bacteria Name: Bacteria Woese et al. 2024. LPSN: Domain Bacteria Name: Archaea Woese et al. 2024. NCBI Taxonomy Browser: Bacteria, Details: Bacteria. Bacteria Woese et al. 2024 in [Göker M & Oren A (2024)]. Rank: domain. NCBI Taxonomy Browser: Archaea, Details: Archaea. Archaea Woese et al. 2024 in [Göker M & Oren A (2024)]. Rank: domain.
W. E. Balch, L. J. Magrum, G. E. Fox, C. R. Wolfe, Carl R. Woese: An ancient divergence among the bacteria. In: Journal of Molecular Evolution. Band 9, Nr. 4, 1977, S. 305–311; doi:10.1007/BF01796092, PMID 408502 (). Thomas Cavalier-Smith: A revised six-kingdom system of life. In: Biological Reviews. Band 73, 1998, S. 203–266. doi:10.1111/j.1469-185X.1998.tb00030.x (). Carl R. Woese, G. E. Fox: Phylogenetic structure of the prokaryotic domain: the primary kingdoms. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. Band 74, Nr. 11, November 1977, S. 5088–90; doi:10.1073/pnas.74.11.5088, , PMID 270744 (). Carl R. Woese, Otto Kandler, Mark L. Wheelis: Towards a natural system of organisms: Proposal for the domains Archaea, Bacteria, and Eucarya. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. Band 87 Nr. 12, 1990, S. 4576–4579; doi:10.1073/pnas.87.12.4576, , PMID 2112744 ().
Kategorie:Taxonomie