Die Pakistanische Literatur ist eine heute eigenständige Literatur in mehreren Sprachen, die sich entwickelte, nachdem Pakistan 1947 den Status einer Nationalität erlangt hatte. Sie ging aus den muslimischen literarischen Traditionen des Mogulreichs und Britisch-Indiens hervor, die sich nach dem Jahr 1000 meist der persischen Sprache bediente. Pakistanische Literatur entsteht heute in den wichtigsten pakistanischen Sprachen wie Urdu, Englisch, Panjabi, Sindhi, Saraiki (ein Sindhi-Dialekt im Übergang zum Panjabi-Sprachraum), Belochi (eine iranische Sprache), Paschto (eine ostiranische Sprache, deren Zentrum in Afghanistan liegt), Hindko und Kashmiri. Während Urdu die mit dem Hindi eng verwandte klassische Literatursprache und Sprache der muslimischen Zuwanderer ist, die nach der Teilung Britisch-Indiens aus Indien nach Pakistan migrierten, ist Panjabi mit fast 40 % heute die am weitesten verbreitete Sprache in Pakistan. Die neuere pakistanische Literatur bearbeitet aktuelle Themen, gilt als stark politisiert und steht teils in kritischer Haltung zum politischen Islam.
Die Bengali-Literatur Bangladeschs, das von 1947 bis 1972 Bestandteil Pakistans war, ist nicht Gegenstand dieses Artikels.
Vorläufer Volksdichtung Die heutige pakistanische Literatur speist sich aus vielen, oft religiös geprägten Quellen. Die Paschto-Literatur, die auf einer reichhaltigen Volks- und Balladendichtung basiert, erreichte ihren Höhepunkt im 17. Jahrhundert mit dem Kriegerdichter Khushal Khan Khattak, der den afghanischen Widerstand gegen das Mogulreich repräsentierte und im heutigen Pakistan starb. In Panjabi, der Sprache der Sikhs, und in Sindhi entstand eine singbare Volksdichtung mit mystischer Grundhaltung. Ein klassischer Sindhi-Dichter war Shah Abdul Latif. Der bis heute populäre Sindhi- und Saraiki-Dichter Sachal Sarmast bearbeitete alte Volkssagen aus der Indusregion literarisch. In seinem Buch Risalo (1866) gestaltet er die Elemente des einfachen Landlebens zu Symbolen religiösen Lebens. Sindhi entwickelte sich seit der englischen Annexion Sinds 1843 zur vielseitigen Prosasprache – vor allem durch die Übersetzungsarbeiten aus vielen Sprachen und Themengebieten von Mirza Kalich Beg (1853–1929) –, während Panjabi von Muslimen seltener als Literatursprache verwendet wurde, auch weil der Schwerpunkt der Verbreitung in Indien lag. In Balochi entstand vor allem improvisierende Volksdichtung, wie sie für ein kriegerisches Hirtenvolk typisch war.Pakistanische Literatur, in: Der Literatur-Brockhaus Band 3: OG-Z, S. 34.Schimmel, 1966, S. 18 ff. mini|Schrein von Sachal Sarmast bei Ranipur, Provinz Sindh
Die Urdu-Poeten mini|hochkant|Muhammad Iqbal Bis weit ins 16. Jahrhundert – während des Sultanats von Delhi, das auch den größten Teil Pakistans umfasste – stand Urdu (eigentlich ein gehobener Soziolekt, entstanden aus dem vorislamischen Hindi) unter dem Einfluss des Persischen, das die Sprache der Gebildeten war, sowie auch unter arabischem und türkischem Einfluss. Erst im 18. Jahrhundert setzte sich im Mogulreich Urdu gegen das Persische als Literatursprache durch. Es ist bis heute fast in allen literarischen Gattungen und als Wissenschaftssprache verbreitet. Wali Mohammed Wali begann um 1700 als erster Poet in Delhi, Ghaselen, also Gedichte mit der Reimform aa, ba, ca, die aus bis zu 15 Doppelversen bestehen, in Urdu statt in persischer Sprache zu dichten. Am Hofe des letzten Moguls dichtete Mirza Ghalib (1797–1869), ein Mitglied des untergehenden Moguladels, zahlreiche Ghaselen, die in Indien wie in Pakistan bis heute volkstümlich geblieben sind. Neben den Ghaselen existierte eine Vielzahl poetischer Formen, die nach ihrem Gegenstand (z. B. Heldenepen), ihrem Zweck oder der Reimform unterschieden wurden. Am Hofe von Lucknow, einem Zentrum der Schiiten, wurden vor allem das Genre des Trauergedichts (marsiya) auf den Tod Hosseins gepflegt. Das manqabat ist ein rhythmisches Lobgedicht auf Mohammed Schwiegersohn Ali oder andere Sufi-Heilige, das sowohl von sunnitischen wie schiitischen Moslems bei religiösen Zusammenkünften rezitiert wird.
Seit 1836 erschienen auch Zeitungen in Urdu. Mit dem Untergang des Mogulreichs 1857 setzte jedoch ein gravierender Traditionsverlust ein, der das kulturelle Selbstbewusstsein der indischen Muslime auf lange Zeit schwächte. Der Niedergang der muslimischen Welt wurde von Altaf Hussain Hali (1837–1914) betrauert; die sich gegen den Hindu-Nationalismus entwickelnde Anglophilie der Muslime wurde von Akbar Allahabadi (1846–1921) in langen Gedichten (Masnawī) satirisch denunziert.
Als wichtiger Erneuerer der Sprache und Nationaldichter des heutigen Pakistan gilt Muhammad Iqbal (1877–1938). Er schrieb in persischer Sprache, Urdu und Englisch. Geprägt sowohl von der persischen als auch von der indischen Religion und Philosophie, versuchte er, klassische philosophische und religiöse Themen in moderner Sprache zu erörtern und arbeitete darin Gedanken des Neuplatonismus ein. Während seines Studiums in Heidelberg um die Jahrhundertwende wurde er durch die Werke Goethes, Nietzsches und anderer europäische Autoren beeinflusst. Wegweisend war er darin, philosophische Themen in Urdu zu erörtern, und erweiterte den traditionellen erstarrten Kanon der Bildersprache der Urdu-Liebeslyrik durch Metonymien und freie Rhythmen. Die Muslime Indiens rief er auf, ein neues kulturelles Selbstbewusstsein zu entwickeln. Seine Antwort auf Goethes West-östlichen Diwan wurde in viele Sprachen übersetzt.Annemarie Schimmel: Muhammad Iqbal. Prophetischer Poet und Philosoph. München 1989, ISBN 3-424-00962-8. mini|hochkant|Ahmad Nadeem Qasmi (1949) Zu den wichtigsten Pionieren der pakistanischen Literatur zählen auch Rasheed Ahmed Siddique (1892–1977), ein Nachkomme des islamischen Reformers Sayyid Ahmad Khan und progressiver Urdu-Prosaautor, der an der liberalen Aligarh Muslim University in Indien lehrte, wo frühzeitig ein toleranter Islam gelehrt wurde, und Ahmad Nadeem Qasmi (1916–2006), der epigrammatische Lyrik und humoristische Kurzgeschichten in Urdu in einem feinen, persisch beeinflussten Stil verfasste. Als Sekretär des 1936 vor allem von Urdu-Autoren gegründeten Allindischen Progressiven Schriftstellerverbandes und Vorkämpfer für die Unabhängigkeit wurde Qasmi mehrfach inhaftiert. Nach der Unabhängigkeit Pakistans wurde er 1949 Vorsitzender des linksstehenden Progressive Writers' Movement. Da er sich für die Einheit der indisch-muslimischen Kultur einsetzte, erhielt er 1971 den Preis der indischen Sahitya Akademi für Werke in Urdu.
Nach 1947: Zwischen Tradition und Kritik am Feudalsystem Nach langem antikolonialen Widerstand und der Ankündigung der Unabhängigkeit für Britisch-Indien kam zu Unruhen zwischen Muslimen und Hindus. Da sich die Kolonialmacht nicht imstande sah, den Konflikt zu lösen, wurde im Juni 1947 die Macht ungeordnet übergeben, wodurch es zu chaotischen Verhältnissen und einer Fluchtbewegung in beiden Richtungen kam. Die Staatsgründung vollzog sich auf der Basis einer großen kulturellen und ethnologischen Vielfalt auf ideologisch-religiösen Grundlagen. Das Kunstwort Pakistan (PAndjab, Afghan-Frontier, Kashmir, Sind, BalochisTAN) war erst 1930 geprägt worden; die Idee, die muslimische Kultur in einem bestimmten Gebiet zu zentralisieren, wurde von Iqbal 1930 formuliert. Gegen die Vorherrschaft des Urdu kämpfte im Ostteil des Landes die Bengalische Sprachbewegung. Erst 1957 wurde das Bengali als gleichberechtigte Sprache anerkannt, obwohl die Zahl der Sprecher viel größer war als die der Urdu-Nutzer. mini|hochkant|Mantos Grab in Lahore mini|hochkant|Faiz Ahmed Faiz Die Phase der Identitätsbildung des sprachlich und ethnisch sehr heterogenen Pakistan nach 1947 war in literarischer Hinsicht durch die Dominanz der Urdu-Literatur mit regionalem Fokus um Lahore geprägt, die sich langsam von ihren traditionellen Vorbildern löste und den sozialen Realitäten annäherte. Diese waren von einem ländlichen Feudalsystem geprägt, das sich bis in die neueste Zeit erhalten hat. Der im Inhalt revolutionäre, in der Form klassische Poet Josh Malihabadi (Gush Malihabadi, 1898–1982), der im Unabhängigkeitskampf Indiens Jawaharlal Nehru nahestand, siedelte 1956 von Indien nach Pakistan um, weil er fürchtete, dass Urdu durch Hindi verdrängt würde, obwohl Nehru ihn darum bat, zu bleiben. Saadat Hassan Manto (1912–1955), ein prominenter Autor von Kurzgeschichten,Eine Auswahl unter dem Titel Bitter Fruit: The Very Best of Saadat Hassan Manto, wurde von Khalid Hassan herausgegeben. Penguin, 2008. begann seine Karriere in Bombay. Er war von der europäischen Literatur beeindruckt und kämpfte gegen die Teilung Britisch-Indiens. Mehrfach stand er in Indien und Pakistan vor Gericht, wurde aber nie verurteilt und siedelte 1948 nach Pakistan über. Er verarbeitete die Ereignisse um die indisch-pakistanische Unabhängigkeit zu großer Literatur, die in Ton und Geist als fortschrittlich galt, und spielte eine bedeutende Rolle bei der Dokumentation der Nöte und Hoffnungen Pakistans nach der Staatsgründung. Faiz Ahmed Faiz (1911–1984) verfasste Urdu-Lyrik zu aktuellen politischen und sozialen Themen. Als angeblich an einer kommunistischen Verschwörung Beteiligter saß er nach der Unabhängigkeit Pakistans lange in Haft. Ehsan Danish (1914–1982) war Dichter, Prosaautor, Linguist und Lexikograph, der in Urdu schrieb. Seine Lyrik war zunächst romantisch geprägt, dann solidarisierte er sich immer stärker mit der Arbeiterschaft, aus der er selbst stammte, und wechselte in seiner Autobiographie zu einem stärker realistischen Stil. Noon Meem Rashid (1910–1975), der lange im Ausland lebte, führte nicht nur neue Themen in die Urdu-Dichtung ein, sondern versuchte ihre erstarrten Formen zu überwinden. Erstmals arbeitete er mit freien Versen (Mavraa, 1940). Shaukat Trihanvi (1904–1963) arbeitete als Journalist für Urdu-Zeitungen und das All India Radio, nach der Teilung für das Radio Pakistan in Lahore. Er verfasste etwa 60 Bücher mit oft humoristischem Grundton und auch Drehbücher. Mit ihm endet die Ära der großen Urdu-Literatur.
Aziz Ahmad (1914–1978) schrieb Erzählungen und Romane in Urdu sowie historisch-politische Bücher in englischer Sprache. Er war stark von der europäischen Literatur beeinflusst und übersetzte Texte aus zahlreichen Sprachen in Urdu. Als scharfer Kritiker des fortbestehenden Feudalsystems wanderte er 1962 nach Kanada aus. Zaib-un-nissa Hamidullah (1918–2000) war die erste muslimische Kolumnistin in Britisch-Indien. Sie schrieb in englischer Sprache. Nach der Teilung des Landes war sie auch die erste politische Kommentatorin in der pakistanischen Zeitung Dawn und gab später die Zeitung Mirror heraus. Als regierungskritische Feministin, die die Sozialstrukturen des Pandjab als repressiv empfand, überstand sie mehrere Prozesse und Kampagnen, die sich gegen die Zeitung richtete, und erreichte späte Anerkennung auch in diplomatischer Mission.
In der Folge der Modernisierung und Alphabetisierung des Landes entstanden seit den 1960er Jahren vor allem in Karatschi Pulp-Magazine mit trivialen romantisch-erotischen Inhalten für die Mittelschichten. Darin äußerte sich teils verschleierte Kritik am religiös-patriarchalischen System. Als Autor am bekanntesten wurde wohl Mohiuddin Nawab (1930–2016), der seit 1977 33 Jahre lang im Pulp-Magazin Suspense Digest eine erfolgreiche Fortsetzungsserie mit dem Namen Devta veröffentlichte und damit das Geld für seine 13 Kinder verdiente. Es handelte sich um einen Fantasy-Serienthriller in Urdu über das Leben eines Hellsehers in 56 Bänden. Die Serie zeichnet sich – neben der in der Trivialliteratur stets dominierenden Sozialromantik – wie viele andere seiner Geschichten durch einen kritischen Blick auf die Gesellschaft und ihre fragwürdige Moral aus.Kurzbiographie auf www.thelibrarypk.com Der polyglotte, von Iqbal, Manto, Rabindranath Tagore und anderen beeinflusste Nawab wurde auch von klassischen Urdu-Autoren akzeptiert.
Das nachwirkende Trauma der Teilung