Falsches Selbst (auch Das falsche Selbst) ist die Benennung für ein psychoanalytisches Konzept der Persönlichkeitstheorie, das von dem britischen Psychoanalytiker und Kinderarzt Donald Winnicott (1896–1971) entwickelt wurde. Winnicott war Schüler von Melanie Klein und prägte in der psychoanalytischen Community 1960 diese begriffliche Einheit, die über populärwissenschaftliche Veröffentlichungen auch jenseits von Fachkreisen bekannt wurde. Dem falschen Selbst stellte Winnicott das wahre Selbst gegenüber. Das falsche Selbst ist per se nicht mit Krankheit assoziiert. Es ermöglicht gesunden Menschen ein normangepasstes Verhalten, kann aber Ausprägungen haben, die auf psychische Störung verweisen.
Definition Im Dorsch, einem Lexikon der Psychologie, wird das Begriffspaar in Anlehnung an Winnicott und ihn zitierend definiert als „eine innerpsych. Konstellation defensiver Natur mit dem Ziel, ‹das wahre Selbst zu verbergen und zu beschützen, was immer dieses auch sein mag›“. Im Laufe seiner frühkindlichen Entwicklung verliere das Kind seine Spontaneität und ersetze sie durch eine erhöhte Anpassungsbereitschaft, wenn die Mutter laut Winnicott „nicht gut genug“ sei, „dem Säugling dabei zu helfen, über dessen Omnipotenzfantasien sein schwaches Ich zu stärken“ und auf diese Weise sein „wahres Selbst“ zu entwickeln.
Winnicott und das falsche Selbst mini|hochkant|Winnicott 1952
Das Konzept des falschen Selbst beruht im Verständnis von Winnicott auf Compliance. Das falsche Selbst diene der Abwehr zum Schutz des wahren Selbst.
Seine 1960 veröffentlichte Schrift Ego Distortion in Terms of True and False Self leitet Winnicott mit dem Hinweis ein, das Konzept eines falschen Selbst berge die Idee eines wahren Selbst. Das Konzept an sich sei, so Winnicott weiter, nicht neu, weil es zuvor in der deskriptiven Psychiatrie, in manchen Religionen und Philosophien entwickelt wurde. Die Psychoanalyse stünde vor der Aufgabe, Antworten zu finden auf die Fragen, wie ein falsches Selbst entstehe, welche Funktion es im innerseelischen Gleichgewicht habe, warum manche Menschen kein falsches Selbst entwickeln und ob sich bei ihnen Äquivalente herausgebildet haben. Nicht zuletzt gehe es um die Frage, was man ein „wahres Selbst“ nennen könnte.
In seiner Arbeit als Kinderarzt habe Winnicott Erfahrungen mit Müttern und ihren Kindern sammeln können und als Analytiker gewann er bei der Behandlung von Borderline-Patienten zusätzliche Erkenntnisse, die, einander ergänzend und sich wechselseitig beeinflussend, ihm bei der Entwicklung seines Konzepts vom falschen Selbst zu einem vertieften Verständnis verhalfen.
Winnicott sieht sich mit seiner Zweiteilung des Selbst in der Tradition von Sigmund Freud, der einen inneren, von den Instinkten geleiteten Kern von einem nach außen gewandten und mit der Welt verbundenen Teil unterschieden habe.
Anhand der Behandlungsgeschichte einer Patientin zeigt Winnicott die Funktion des falschen Selbst auf, die darin bestehe, das wahre Selbst gegen Angriffe von innen und außen zu schützen. Dabei erscheine dem Gegenüber das falsche Selbst als die Wirklichkeit einer Person. Tatsächlich aber bleibe das wahre Selbst hinter dem falschen verborgen, wenn gezeigt wird, was erwartet werde, und das sei nicht alles, was den Menschen ausmache. Auf diese Weise ist das Bild, das jemand mit einem falschen Selbst von sich zeigt, das Ergebnis einer erhöhten Anpassungsbereitschaft.
Nur das wahre Selbst könne sich authentisch („real“) fühlen, dürfe nie nachgeben und nicht von außen beeinflusst werden. Ein ausgewogenes Verhältnis von wahrem und falschem Selbst und das Wissen um den Unterschied von Selbstbild und Wirklichkeit schützt das Individuum und sein wahres Selbst. Doch wenn ein Mensch sein falsches Selbst irrtümlich für wahr hielte, würden sich mit der Zeit zunehmend Gefühle von Sinnlosigkeit und Verzweiflung einstellen, die im extremen Fall in einen Selbstmord münden können. Der würde dann als letzter, verzweifelter Versuch der Selbstbehauptung dienen.
Da eine psychoanalytische Behandlung in diesen Fällen nicht ohne bedenkenswerte Risiken für das Wohlergehen des Patienten ist, sollte eine solche laut Winnicott nur dann begonnen werden, wenn der Patient unter einem evidenten Gefühl der Unwirklichkeit seiner selbst leidet und seine Bemühungen, das falsche Selbst zum Schutz des wahren einzusetzen, aussichtslos scheinen.
Als Sonderfall beschreibt Winnicott Menschen, bei denen der Intellekt Sitz des falschen Selbst wurde, was zur Entwicklung einer Dissonanz zwischen Leib und Seele beitrage. Dieses Phänomen führt er auf eine möglicherweise hohe intellektuelle Ausstattung zurück, wobei er nicht ausschließt, dass der testpsychologisch festgestellte hohe I.Q. sich als Folge der Dissoziation herausbildete.
Da das falsche Selbst in der Persönlichkeit eines Menschen verschiedenen Raum einnehmen kann, finden sich neben extremer oder gar gefährlicher Ausprägung andere, die milder erscheinen. Hat das falsche Selbst nicht die ganze Persönlichkeit ergriffen und dabei das wahre Selbst gleichsam zum Verschwinden gebracht, äußert es sich zwar im Alltag, daneben aber kann das wahre Selbst in Kenntnis des Individuums existieren und heimlich ausgelebt werden („is allowed a secret life“). Ist die Persönlichkeitsreifung weiter fortgeschritten, unterstützt das falsche Selbst den Menschen in seiner Suche nach Möglichkeiten, dem wahren Selbst zur Geltung zu verhelfen. Auf einem reiferen Strukturniveau der Persönlichkeit kann das falsche Selbst in Identifikationen begründet sein. Bei gesunden Menschen mit reifer Persönlichkeitsstruktur drückt sich das falsche Selbst in gepflegten Umgangsformen und der Beachtung sozialer Normen wie beispielsweise der Höflichkeit aus. Auch Menschen, von denen man sagt, sie trügen ihr Herz nicht auf der Zunge, behalten das, was ihr wahres Selbst ausmacht, für sich. Gesunde Menschen können auf das Ausleben ihrer Allmachtsfantasien verzichten und einen Platz in einer Gemeinschaft einnehmen, der durch das wahre Selbst allein nie erreicht werden könnte.
Für die Psychopathologie beschreibt Winnicott intelligente Menschen, die ihr wahres Selbst nicht entwickeln konnten oder es durch das falsche gewissermaßen ersetzt haben. Sie können durchaus und auch akademischen Erfolg im Leben haben. Wenn sie sich aber erwartungsgemäß in der ein oder anderen Weise selbst zerstören, weckt das große Enttäuschungen bei jenen, die an ihr Talent glaubten.
Entwicklung des falschen Selbst Wenn am Beginn des Lebens die Bedingungen für eine gedeihliche Entwicklung des Kindes im Sinne Winnicotts „gut genug“ sind, also fürsorgliche Eltern da sind, denen es nicht an der Fähigkeit mangelt, sich in das Kind und seine ureigenen Bedürfnisse einzufühlen, sollte sich ein vom falschen Selbst beschütztes wahres Selbst entwickeln können, wobei das falsche Selbst nicht mehr als ein sozialer Habitus sei.
Die Ursache für die Entwicklung eines falschen Selbst sucht Winnicott in den frühen Objektbeziehungen, also in der Regel der Beziehung zwischen dem Säugling und seiner Mutter. In dieser frühen Zeit ist der Säugling noch nicht in der Lage, sich anzupassen, und äußert insofern ausschließlich Impulse, die dem wahren Selbst entstammen und der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung dienen sollen. Erst etwa im 4. Lebensjahr gelingt Bedürfnisaufschub.
Ist eine Mutter im Sinne Winnicotts „gut genug“ – er nennt eine solche Mutter eine „good enough mother“ –, wird sie den spontan geäußerten Impulsen des Kindes im Sinne des Kindeswohls begegnen. Ist sie nicht gut genug und kann die Bedürfnisse des Babys nicht erspüren oder nicht richtig deuten, wird sie ihre eigenen Bedürfnisse an dessen Stelle setzen und damit zur Entwicklung eines falschen Selbst beitragen, wodurch das Kind mit der Zeit lernt, sich den Bedürfnissen anderer Menschen anzupassen. Die Nachgiebigkeit des Säuglings bezeichnet Winnicott als das früheste Stadium des falschen Selbst.
Die Entwicklung eines falschen Selbst sichert dem Kind ein innerseelisches Überleben, wenn sich die Mutter nicht gut genug an seine Bedürfnisse anpassen und entsprechend darauf antworten kann. Es scheint die Forderungen seiner Umgebung zu akzeptieren, tatsächlich aber bleibt es unterwürfig und gefügig und baut Beziehungen auf, die nicht wahrhaftig sein können. Das Kind kann nicht es selbst sein und möchte stattdessen so sein, wie bedeutsame Figuren seines Umfeldes es wünschen. Demgegenüber könne sich, so Winnicott, das wahre Selbst nur entwickeln, wenn die Mutter in der Beziehung zu ihrem Kind zur Hingabe bereit und in der Lage sei.
Das falsche Selbst soll das wahre schützen und das kann in sehr verschiedenem Ausmaß geschehen. Die Bandbreite reicht von einem freundlichen Umgang mit sich und anderen bis zu einer völligen Verleugnung und Abspaltung des wahren Selbst, so dass das falsche als wahr missinterpretiert werde. Man könne das, so Winnicott, bei Kindern beobachten, die wie Schauspieler aufwachsen. Auch in der Gruppe der professionellen Schauspieler könne man jene unterscheiden, die ihre Rollen spielen und im Alltag sie selbst bleiben, und andere, die wie verloren wirken, wenn sie nicht auf der Bühne stehen und Beifall ernten.
Das wahre Selbst Um das Konzept des falschen Selbst zu vervollständigen, beschreibt Winnicott, was er unter dem wahren Selbst versteht. Im frühesten Stadium sei das wahre Selbst eine innerseelische Position, aus der Spontaneität und ein gefühltes Wissen vom eigenen Wesen bzw. den persönlichen Eigenarten hervorgehe. Nur das wahre Selbst könne kreativ sein und sich echt und wirklich fühlen. Ein falsches Selbst führe dagegen zu einem Gefühl von Unwirklichkeit und Sinnlosigkeit.
Winnicott beschreibt eine Patientin, die nach einer sehr langen Analyse mit fünfzig Jahren ein neues Leben beginnen wollte, weil sie endlich Zugang zu ihrem wahren Selbst gefunden hatte und sich dadurch zum ersten Mal in ihrem Leben echt, lebendig und authentisch fühlen konnte.
Es gebe nicht viel über das wahre Selbst zu sagen, weil es sich eigentlich nur in Abgrenzung zum falschen Selbst verstehen und beschreiben ließe. Wichtig aber sei, dass sich das falsche Selbst früher zu organisieren beginne und das wahre Selbst erst erscheint, sobald sich eine mentale Organisation der Persönlichkeit eines Individuums entwickelt habe, die mehr sei als die Summe sensomotorischer Lebendigkeit. Weil das wahre Selbst auf die äußere Realität bezogen sei, entwickele es schnell eine ausgeprägte Komplexität sich wechselseitig bedingender Einflussgrößen. Jede neue Entwicklungsphase, in der das wahre Selbst nicht ernsthaften Störungen oder gar Beschädigungen unterworfen war, stärke das Empfinden, real zu sein. Damit einher gehe die Fähigkeit des Kindes, Toleranzen für Brüche in der Kontinuität des Selbsterlebens einerseits und der Wahrnehmung des falschen Selbst andererseits zu entwickeln, verbunden mit der Fähigkeit zur Anerkennung der Existenz einer unabhängigen, eigenständigen äußeren Realität. Darauf aufbauend könne sich die Fähigkeit zur Dankbarkeit herausbilden.
Eine gesunde Entwicklung führt zu einer Ich-Organisation, die an die Umwelt angepasst ist. Das geschehe nicht automatisch und setze voraus, dass sich das wahre Selbst, so wie Winnicott es versteht, unter dem Einfluss einer Mutter etabliert habe, die sich ihrerseits an die Bedürfnisse des Kindes anpassen kann. Dadurch lerne das Kind, Kompromisse einzugehen. Trotz vorhandener Fähigkeit zum Kompromiss kann ein solcher verweigert werden, was bei Heranwachsenden regelmäßig geschieht und ein normübliches Problem darstellt.