mini|Eberhard Wolff 2019 Eberhard Wolff (* 12. März 1959 in Heidenheim an der Brenz) ist ein deutsch-schweizerischer Kulturwissenschaftler und Medizinhistoriker.

Leben und Wirken Eberhard Wolff wurde als drittes Kind des aus Königsberg/Pr. stammenden Finanzbeamten Heinz-Otto Wolff und der Bibliotheksangestellten Ursula Wolff aus Magdeburg in Heidenheim an der Brenz geboren. Nachdem er 1978 am Hellensteingymnasium in Heidenheim die Hochschulreife erworben hatte, studierte er Empirische Kulturwissenschaft (Volkskunde) und Politikwissenschaft an der Eberhard Karls Universität in Tübingen, wo er 1986 den M. A. Titel erhielt. Von 1990 bis 1993 war er Dissertationsstipendiat der Robert Bosch Stiftung. Es folgten (1994) ein Forschungsaufenthalt in den USA, u. a. als Stipendiat des Deutschen Historischen Instituts Washington, und (1995) die Promotion zum Dr. rer. soc. an der Eberhard Karls Universität in Tübingen.

Anschliessend arbeitete er am Institut für Geschichte der Medizin in Stuttgart im Rahmen eines DFG-Forschungsprojekts zum Thema «Medizin und Judentum infolge der Aufklärung», sowie am Medizinhistorischen Institut und Museum der Universität Zürich, am Institut für Medizingeschichte der Universität Bern und am Institut für Geschichtswissenschaft und Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck.

Die Philosophisch-Historische Fakultät der Universität Basel verlieh Eberhard Wolff 2009 die Lehrberechtigung für Kulturanthropologie. Er wurde Lehrbeauftragter am Seminar für Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie in Basel. 2014 bekam er eine Anstellung als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft (ISEK), Abt. Populäre Kulturen, der Universität Zürich. Abgerufen am 1. November 2021 2017 wurde er in Basel zum Titularprofessor ernannt.Eberhard Wolff auf der Web-Seite der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel. Departement Gesellschaftswissenschaften. Fachbereich Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie. Abgerufen am 1. November 2021

2010 kuratierte er zusammen mit Felix Graf am Schweizerischen Landesmuseum in Zürich die Ausstellung «Zauberberge. Die Schweiz als Kraftraum und Sanatorium».«Zauberberge. Die Schweiz als Kraftraum und Sanatorium». Ausstellung im Schweizerischen National Museum. 26. März 2010 – 15. August 2010 Im Januar 2010 wurde er Redaktor der Schweizerischen Ärztezeitung für die Gebiete Kultur, Gesellschaft und Geschichte.

Im Mai 1999 heiratete Eberhard Wolff die Medizinhistorikerin Iris Ritzmann. Das Ehepaar Wolff-Ritzmann bekam zwei Kinder.

Arbeitsschwerpunkte Eberhard Wolffs Arbeiten umfassen eine Vielzahl unterschiedlicher Aspekte einer Kulturwissenschaft von Medizin, Gesundheit und Körper in Geschichte und Gegenwart, darunter Themen wie Impfung, Pocken, Prävention, Präventives Selbst, Cholera, Selbstmessung, Selbsttestung, Selbstoptimierung, Sorge, Patientenfotografie, Blickregime, Patientengeschichtsschreibung, Naturmedizin, Chirurgie, Sanatorien, Medizinstudium, Judentum, «Judenkrankheiten», Beschneidung, Medikale Landschaften, Gesundheitsberatung, «Volksmedizin», Ärzteorganisationen. Der Ausbruch der Corona-Pandemie bewog ihn dazu, in Medienbeiträgen einen weiten, kulturwissenschaftlich hinterfragenden Blick auf dieses Phänomen anzuwenden.«Die Impfgegner waren nicht nur Spinner.» Eberhard Wolff und Iris Ritzmann über die Geschichte der Impfkritik. Im Blog der Hauptbibliothek der Universität Zürich, 19. April 2021

Arbeit in Wissenschaftlichen Gesellschaften 1995–2006: Koordinator des Netzwerks Gesundheit und Kultur in der volkskundlichen Forschung unter dem Dach der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde.Eberhard Wolff: Volksmedizin – Abschied auf Raten. Vom definitorischen zum heuristischen Begriffsverständnis. In: Zeitschrift für Volkskunde, Band 94, 1998, S. 233–257 Seit 2004: Beirat der Arbeitsgemeinschaft Ethnomedizin (AGEM) - 2018 umbenannt in Arbeitsgemeinschaft Ethnologie und Medizin (AGEM). Seit 2006: Beirat der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften (SGGMN). Seit 2014: Mitglied im DFG-Netzwerk «Wettbewerb und Konkurrenz. Zur kulturellen Logik kompetitiver Figurationen».«Wettbewerb und Konkurrenz. Zur kulturellen Logik kompetitiver Figurationen».Mitglieder Abgerufen am 15. November 2021.

Unter falschen Verdacht gestellt Nachdem gegen Iris Ritzmann und gegen Eberhard Wolff ein Strafverfahren wegen des Verdachts auf Amtsgeheimnisverletzung zum Nachteil eines Mitarbeiters des Medizinhistorischen Instituts und Museums der Universität Zürich eröffnet worden war, wurden sie im November 2012 für eine Nacht im Zürcher Untersuchungsgefängnis in Polizeihaft genommen. Bis zum Abschluss der Untersuchungen wurde Eberhard Wolff anschließend von der Universität Zürich freigestellt. Er konnte erst nach seiner durch Einstellung des Verfahrens und Entschädigung erfolgten Rehabilitierung im September 2014 als wissenschaftlicher Mitarbeiter in sein ursprüngliches Arbeitsgebiet im Bereich Populäre Kulturen am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft zurückkehren. SRF 1 «Rundschau» vom 16. April 2014. Digitalisat abgerufen am 1. November 2021 TagesWoche vom 29. August 2014: «Ehemann von Iris Ritzmann wehrt sich gegen Zürcher Staatsanwalt». Digitalisat abgerufen am 1. November 2021

Werke (Auswahl) Ausführliche Liste der Publikationen von Eberhard Wolff auf der Web-Seite des Instituts für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft der Universität Zürich: (Digitalisat. Abgerufen am 1. November 2021) Gesundheitsverein und Medikalisierungsprozeß. Der Homöopathische Verein Heidenheim 1888–1945. Tübingen 1989 (Magisterarbeit Tübingen)Besprechung durch Sabina Roth in Gesnerus, 48 (1991) 112–114 (Digitalisat) «Nichts weiter als eben einen unmittelbaren persönlichen Nutzen». Zur Entstehung und Ausbreitung der homöopathischen Laienvereinsbewegung. In: Renate Wittern (Hrsg.): Jahrbuch des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Bd. 4 (1985), Stuttgart 1987, S. 61–97 Kultivierte Natürlichkeit. Zum Naturbegriff der Naturheilbewegung. In: Werner F. Kümmel (Hrsg.): Jahrbuch des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Bd. 6 für das Jahr 1987. Stuttgart 1989, S. 219–236 Le Rôle du Mouvement des Non-Médecins dans le Developpement de l’Homéopathie en Allemagne. In: Faure, Olivier (dir.): Practiciens, Patients et Militants de l’Homeopathie aux XIXe et XXe Siècles (1800-1940). Actes du Colloque franco-allemand Lyon - 11-12 octobre 1990. Editions Boiron Lyon: Presses Universitaires de Lyon, 1992, S. 197–230 «Eine gesunde Concurrenz sei für das Publicum stets von Vortheil». Der homöopathische Arzneimittelmarkt zwischen Apotheken und Laienvereinen. In: M. Dinges (Hrsg.): Homöopathie. Patienten, Heilkundige, Institutionen. Von den Anfängen bis heute. Haug, Heidelberg 1996, S. 102–131 «Volksmedizin» als historisches Konstrukt. Laienvorstellungen über die Ursachen der Pockenkrankheit im frühen 19. Jahrhundert und deren Verhältnis zu Erklärungsweisen in der akademischen Medizin. In: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 7 (1996), H. 3, S. 405–430 (Themenheft „Kulturen der Krankheit“). «Volksmedizin» – Abschied auf Raten. Vom definitorischen zum heuristischen Begriffsverständnis. In: Zeitschrift für Volkskunde, Band 94, 1998, S. 233–257 Volkskundliche Gesundheitsforschung, Medikalkultur- und «Volksmedizin»-Forschung. In: Rolf W. Brednich (Hrsg.): Grundriss der Volkskunde. Dritte, überarbeitete und erweiterte Auflage, Reimer, Berlin 2001, S. 617–635 Medikalisierung von unten? Das Beispiel der jüdischen Krankenbesuchsgesellschaften. In: Bettina Wahrig-Schmidt und Werner Sohn (Hrsg.): Aufklärung, Polizey, Verwaltung. Zur Genese des Medizinalwesens 1750-1850. Harrassowitz, Wiesbaden 2003 (=„Wolfenbütteler Forschungen“, Bd. 102), S. 179–190 Wandel einer Nachbardisziplin: Volkskundliche Gesundheitsforschung jenseits der «Volksmedizin». In: Thomas Lux (Hrsg.): Kulturelle Dimensionen von Medizin. Reimer, Berlin 2003, S. 31–56 Alternativmedizin und Gesundheitsgesellschaft – kulturelle Hintergründe einer anhaltenden Popularität. In: Becker, Raymond u. a. im Auftrag der Heidelberger Akademie der Wissenschaften (Hrsg.): «Neue» Wege in der Medizin. Alternativmedizin – Fluch oder Segen. Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2010 (= Akademiekonferenzen, Bd. 10), S. 177–185 Vom Protest zum Megatrend. Alternative Medizin als Teil der „Gesundheitsgesellschaft“. In: Dr. med. Mabuse. Zeitschrift für alle Gesundheitsberufe. 2013, H. 6, S. 28–30 Gemeinsam mit Ursula Tinner: Pilzgeschichten. Pilzkunde aus der Sicht der Mykologin und des Volkskundlers. Naturmuseum Winterthur 2008 Zusammen mit Felix Graf im Auftrag des Schweizerischen Nationalmuseums: Zauber Berge. Die Schweiz als Kraftraum und Sanatorium. Verlag hier + jetzt, Baden 2010 ISBN 978-3-03919-162-8 Im Auftrag des Schweizerischen Nationalmuseums: Lebendige Kraft. Max Bircher-Benner und sein Sanatorium im historischen Kontext. Verlag hier + jetzt, Baden 2010 ISBN 978-3-03919-163-5 Zwischen «Volksmedizin» und «Naturheilkunde»: Zürcher medizinische Alternativen. In: Gesnerus, 58 (2001) 276–283 (Digitalisat) «Fotoatelier» im Sanatorium. Die Patientenfotosammlung der Bircher-Benner-Klinik Zürich. In: Irene Ziehe, Ulrich Hägele (Hrsg.): Fotografien vom Alltag – Fotografieren als Alltag. Lit 2004 (= Visuelle Kultur – Studien und Materialien, Bd. 1), Münster 2004, S. 271–278 Über die Unfolklorisierbarkeit des Birchermüeslis und die Pluralität von Identitäten. In: Gabriela Muri, Cornelia Renggli, Gisela Unterweger (Hrsg.): Die Alltagsküche. Bausteine für alltägliche und festliche Essen (Festschrift für Ueli Gyr) . Zürich 2005, S. 88–92 Funktionsweisen von Gesundheitsberatung im Medienensemble. Das Modell „Bircher-Benner“. In: Michael Simon u. a. (Hrsg.): Bilder – Bücher – Bytes. Zur Medialität des Alltags. (36. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde, Mainz 2007). Waxmann, Münster u. a.: 2009, S. 83–99 Moderne Diätetik als präventive Selbsttechnologie: Zum Verhältnis von heteronomer und autonomer Selbstdisziplinierung zwischen Lebensreformbewegung und heutigem Gesundheitsboom. In: Martin Lengwiler, Jeannette Madarasz (Hrsg.): Das präventive Selbst. Eine Kulturgeschichte moderner Gesundheitspolitik. Transcript, Bielefeld 2010, S. 169–201 Medikale Landschaften. Das Sanatorium als gedachte und gelebte Gesundheitsgeographie. In: Nicholas Eschenbruch, Dagmar Hänel, Alois Unterkircher (Hrsg.): Medikale Räume. Zur Interdependenz von Raum, Körper, Krankheit und Gesundheit. Transcript, Bielefeld 2010, S. 21–42 Einschneidende Maßnahmen : Pockenschutzimpfung und traditionale Gesellschaft im Württemberg des frühen 19. Jahrhunderts. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1998 (Dissertation Tübingen 1995) ISBN 978-3-515-06826-0 Prävention, Impfzwang und die Rolle der Medizinethnologie. Ein Beitrag zu Akzeptanz und Durchsetzbarkeit prophylaktischer Maßnahmen und der Legitimität präventiven Zwangs - aus historisch-ethnologischem Blickwinkel. In: curare 14, 1991, S. 79–90 Medikalkultur und Modernisierung. Über die Industrialisierung des Gesundheitsverhaltens durch die Pockenschutzimpfung und deren Grenzen im 19. Jahrhundert. In: Der industrialisierte Mensch. 28. Volkskunde-Kongress in Hagen, Ardey-Verlag, Münster 1993, S. 191–212 Die Schlacht auf dem Zahlenberge. Impfgegnerschaft im späten 19. Jahrhundert - das Beispiel Sachsen. In: Ragnhild Münch (Hrsg.): Pocken zwischen Alltag, Medizin und Politik. Begleitbuch zur Ausstellung. Berlin 1994, S. 113–128 «Triumph! Getilget ist des Scheusals lange Wuth». Die Pocken und der hindernisreiche Weg ihrer Verdrängung durch die Pockenschutzimpfung. In: Hans Wilderotter (Hrsg.): Das große Sterben. Seuchen machen Geschichte. Katalog zur Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum Dresden. Jovis-Verlag, Berlin 1995, S. 158–189