mini|Papierfabrik Weissenstein um 1911Die Papierfabrik Weissenstein AG hatte ihren Sitz in Dillweißenstein, einem Ortsteil von Pforzheim. Sie wurde am 2. September 1861 von dem Pforzheimer Fabrikanten Ernst Heydegger gegründet und bestand unter wechselnden Eigentümern bis zum Oktober des Jahres 2001.
Geschichte
Durchstich der Nagold Die Papierfabrik befand sich auf dem Boden des ehemaligen Dorfes Weißenstein, das sich im Bogen des hier mäandrierenden Flusses Nagold befand. Im Jahre 1853 entschlossen sich die Weißensteiner Bürger unter Leitung des Ingenieurs Julius Naeher, die Flussschleife zu beseitigen, das Felsplateau zu durchbrechen und damit die Nagold zu begradigen. Um Flößern eine Durchfahrt zu ermöglichen, wurde zuerst für diese ein Kanal für die Durchfahrt von Flossen angelegt. Der Felsdurchbruch führte zu einem 6 m hohen Wasserfall, der sich direkt auf der westlichen Seite der Hirsauer Straße befindet. Die Nagold wurde an dieser Stelle mit einer Bogenbrücke überbaut. Das eingebaute Stauwerk lieferte genug Wasser, um die Papierfabrik mit Wasserkraft zu versorgen. Dieses Bauwerk entstand zwischen 1853 und 1856.Richard Schrade: Die Geschichte Dillweißensteins, 1981, S. 164
Entstehung der Papierfabrik mini|Baugenehmigung der Papierfabrik Weissenstein vom 3. Januar 1861. Da das Gründungsdatum der Papierfabrik unbekannt ist, wurde das Gründungsdatum des Unternehmens auf das Datum der Baugenehmigung festgelegt. Der Pforzheimer Schmuckfabrikant Ernst Heydegger erkannte, dass man das mit dem Durchstich der Nagold entstandenen Gefälle als Wasserkraft für den Betrieb einer Papiermühle nutzen kann. Er erwarb mit einem Kaufvertrag vom 20. August 1859 die Wasserrechte für 9 000 Gulden und die Grundstücke für 493 Gulden von der Badischen Großherzoglichen Wasser- und Straßenbauverwaltung. Er musste sich jedoch verpflichten, die Wasserkraft so zu nutzen, dass die Flösserei nicht beeinträchtigt ist. Das Vorhaben für den Bau einer Papierfabrik wurde von der Großherzoglich Badischen Regierung am 3. Januar 1861 genehmigt. Er begann sofort mit dem Bau, aber schon im Frühjahr 1861 hatte er mehr als 37 000 Gulden ausgegeben, seine Mittel waren erschöpft. Er wandte sich an den Großherzog und bat um einen Kredit über 30 000 Gulden, der versagt wurde. Ein zweites Kreditgesuch richtete er am 21. Mai 1862 an das Handelsministerium: Das Bauvorhaben sei schon fast fertiggestellt. Er brauche noch 20 000 Gulden zur Beendigung des Bauvorhabens. Auch dies wurde abgelehnt.
Ernst Heydegger hat sich mit dem Bau der Papiermühle übernommen. Es gab Streitigkeiten mit der Gemeinde und mit dem Müller Jakob Hamm wegen der Wasserrechte. Eine Bittschrift, die der Schwiegervater und Bürge Heydeggers, der Konditor Friedrich Trommer aus Pforzheim, am 25. November 1862 an den Großherzog richtete, wurde abgelehnt.H. Bierling: Weissenstein, ein Begriff. Aus der 100jährigen Geschichte der Papierfabrik Weissenstein A.-G., 1961, Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg
Heydegger meldete noch Ende 1862 ein Ganntverfahren, also einen Konkurs, an. In der anschließenden Zwangsversteigerung erwarb der Pforzheimer Fabrikant Kübeleberle das nicht vollständig fertiggestellte Anwesen für 20 000 Gulden. Heydegger hatte bereits 80 000 Gulden aufgewandt.
Wann genau das Bauvorhaben fertiggestellt wurde, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich wurde mit der Papierproduktion von dem Papierfabrikanten Carl Barth begonnen, der das Anwesen von Kübeleberle kaufte. Barth suchte nach Partnern. Die Papierfabrik firmierte sehr bald als Barth, Georgi & Co., dann als Barth & Haas. Da man sich später nicht darauf einigen konnte, wann das Unternehmen fertiggestellt war, wurde später für das Gründungsjahr das Datum der Baugenehmigung gewählt, also das Jahre 1861.
Die Papierfabrik erzeugte zunächst Tapeten und Packpapier. Später waren es Löschpapiere, Löschkartons, Tauen- und Couvertpapiere, mit denen die Papierfabrik weltbekannt wurde. mini|Papierfabrik Weissenstein nach dem Brand 1886
Brand und Wiederaufbau 1886 zerstörte ein verheerendes Feuer die Fabrik. Nach dem Brand wurden zwei Papiermaschinen neu aufgestellt. Eine Maschine lieferte die Firma Bellmer aus Niefern, die andere kam von Escher-Wyss & Co. aus Zürich. Das Unternehmen beschäftigte zu diesem Zeitpunkt 120 Arbeitnehmer. Nach dem schnellen Wiederaufbau schied Carl Barth aus. Das Unternehmen firmierte nunmehr unter Haas & Co. Kommanditgesellschaft.
Rücksicht auf die Flößerei mini|Der Werkkanal der Papierfabrik Weissenstein mit einem 250 m langen Floß. Für die Papierfabrik war das Wasser von entscheidender Bedeutung. Einerseits wurde die Wasserkraft der Nagold für den Antrieb der Maschinen genutzt. Auf der anderen Seite benötigte man Frischwasser auch für Papierherstellung. Für die Herstellung von 100 kg Papier brauchte man damals 20 Kubikmeter klares Wasser. Um Brunnenwasser zu gewinnen, wurde 1898/1899 ein 500 m tiefes Bohrloch gegraben, ohne jedoch auf Wasser zu stoßen. Dafür wurden bald Fortschritte in der Reinigung des Flusswassers erzielt. Nachteilig für die Stromgewinnung war die Verpflichtung, stets die Durchfahrt für die Flößerei frei zu halte. Bei Niedrigwasser musste dann die Papierfabrik die Produktion einstellen, damit sich vor dem Wehr wieder ausreichend Wasser sammeln konnte. Erst 1911 wurde die Flößerei eingestellt. Umwandlung in Aktiengesellschaft Am 19. Juli 1898 wurde die Papierfabrik in eine Aktiengesellschaft mit einem Kapital von 1 Mio. Reichsmark umgewandelt und erhielt den Namen Papierfabrik Dillweißenstein AG. Es wurden 170 Arbeitnehmer beschäftigt.
Die Aktiengesellschaft arbeitete erfolgreich, sodass sie in den Folgejahren die Buntpapierfabrik Friedrich Funk Nachfolger in Wuppertal-Barmen und die Papierfabrik Wangen im Allgäu erwerben konnte. Beim 50-jährigen Jubiläum am 2. September 1911 beschäftigte die Papierfabrik 270 Mitarbeiter.Volker Grub: Bericht des Insolvenzverwalters im Insolvenzverfahren der Papierfabrik Weißenstein AG vom 25. August 2000, Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg, Y 517
Erster Weltkrieg Die Folgen des Ersten Weltkriegs und der Zusammenbruch des Pforzheimer Bankvereins führten beinahe zum Konkurs der Papierfabrik Weissenstein. Wichtige Mitarbeiter wurden zur Wehrmacht eingezogen. Die Lücken wurden teilweise von Frauen gefüllt und die Nachfrage ließ nach. Um die Verluste auszugleichen, wurden die Beteiligungen an den Papierfabriken in Barmen und Wangen verkauft. Diese Maßnahmen reichten nicht aus, die Papierfabrik war 1916 überschuldet.
Der erst 1911 ins Amt gekommene Vorstand Julius Voss wurde entlassen. Ihm ist es jedoch zu verdanken, dass es nicht zum Konkurs kam. Er sammelte die Aktien der Papierfabrik zu geringen Kosten ein, um sie der Zellstofffabrik Waldhof (Mannheim und Berlin) zu übergeben. Sie bot den Gläubigern außergerichtlich eine sofort zahlbare Quote von 50 % oder eine Quote von 70 % in Raten an. Dieses Angebot wurde von allen Gläubigern angenommen. Anschließend pachtete die Zellstofffabrik Waldhof über ihre Tochtergesellschaft Papyrus das Betriebsgelände und die gesamten Anlagen der Papierfabrik Weissenstein und übernahm so zum 1. Juli 1918 die Fabrikanlagen. Als Vorstand wurde wieder Julius Voss bestellt.
Weimarer Republik mini|Glättmaschine zur Papiermaschine II der Papierfabrik Weissenstein um 1922 Die Papierfabrik Weissenstein AG selbst hatte nun keine Geschäftstätigkeit mehr, erhielt jedoch einen Pachtzins, der ausreichte, jährlich eine Dividende an die Aktionäre auszuzahlen. In den Jahren 1928 bis 1932 war der Geschäftsgang ausgesprochen schlecht. Die Papierpreise verfielen. Zellstoff Waldhof plante schon die Stilllegung des Werkes. Daraufhin wurden im Jahr 1930 die Geschäftsaktivitäten wieder auf die Papierfabrik Weissenstein zurück übertragen ohne jedoch noch finanziell Zuschüsse zu erhalten. Um die finanzielle Lücke zu schließen, übernahm die Stadt Pforzheim die Wasserkraftanlage und einige Wiesen und zahlte 400 000 M. Zellstoff-Waldhof zeigte jetzt wieder Interesse und legte zur Optimierung der Ergebnisse die Verwaltung der Papierfabrik mit der Konzernverwaltung in Berlin zusammen. Verwaltungsmitarbeiter der Papierfabrik Weissenstein zogen 1934 nach Berlin. Die Ertragslage wurde so nicht jedoch verbessert.
Zweiter Weltkrieg Am 1. Juli 1937 übernahm Badischen Bank in Karlsruhe die Aktienmehrheit der Papierfabrik Weissenstein. Verwaltung, Verkauf und Buchhaltung kamen wieder nach Pforzheim. In den folgenden Jahren setzte wegen der Kriegsvorbereitungen eine wesentliche Nachfrage nach Papier ein, die auch während der ersten Jahre des Zweiten Weltkriegs anhielt. Dann jedoch musste die Papierfabrik auf Weisung Produktionsräume für sechs kriegswichtige Betriebe freimachen, die unter anderem Zünder, Schmirgelscheiben und Blechschläuche herstellten. Erst 1944 stellte die Papierfabrik die Produktion vollständig ein.Eugen Jorke, Vorstand der Papierfabrik Weissenstein: Bericht über die Geschäftsjahre 1916-1945, Wirtschaftsarchiv Baden-WürttembergBilananzen der Papierfabrik Weissenstein AG von 1914 bis 1945, Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg
Von dem vernichtenden Luftangriff auf Pforzheim am 23. Februar 1945 blieb die Papierfabrik verschont.
Die Nachkriegszeit Da die Fabrikgebäude im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört wurden, konnte die Papierfabrik bereits im November 1945 die Produktion wiederaufnehmen. In den Nachkriegsjahren wurde die Fabrik modernisiert und vergrößert. Es wurde unter anderem in die Niederlande, Schweiz, Dänemark und Großbritannien exportiert. 1960 kam es wieder zu einem Großbrand in der Papierfabrik. Der Dachstock des Altbaus, in dem Altpapierlager gelagert wurde, brannte aus. Das Feuer griff auch auf den Neubau über. Es entstand ein Schaden von 300 000 DM. 1961 beschäftigte das Unternehmen 360 Arbeitnehmer.
Gesellschafterwechsel Mehrheitsgesellschafter war bis 1985 die Baden-Württembergische Bank, die aus der Fusion der Badischen Bank mit der Württembergischen Bank hervorgegangen ist. Diese veräußerte 1985 die Mehrheit der Aktien an Dr. Hubert Schrödinger, den geschäftsführenden Gesellschafter der Firma LEIPA Georg Leinfelder GmbH & Co. in Schrobenhausen. Von ihm übernahm 1989 die Firma Gebrüder Buhl GmbH & Co., eine expandierende Papierfabrik in Ettlingen, die Mehrheit der Aktien. Sie kam jedoch 1992 in finanzielle Schwierigkeiten und wurde von dem englischen Papierkonzern Arjo Wiggings Appleton übernommen. Nachdem der Großkonzern mit den Ergebnissen der Papierfabrik Weissenstein nicht zufrieden war, kam es zum 1. Januar 1996 zu einem Management-buy-out mit dem Vorstand Wolf-Dieter Hohn sowie den Prokuristen Jörg Frieder Gauß und Hubert Runge. Ihnen gelang es, mit der Süd-Kapital-Beteiligungs-GmbH in Stuttgart eine Kapitalbeteiligung von 2,5 Mio. DM zu erhalten. Das Management hielt seine Beteiligung über eine neu gegründete Weißenstein Holding AG, die an der Papierfabrik ein Kapital von 5 375 560 DM hielt. Lediglich Aktien im Wert von 124 440 DM gehörten freien Aktionären. An der defizitären Lage des Unternehmens änderte sich jedoch nichts.
Der Niedergang Von 1995 bis 1999 fielen Jahr für Jahr hohe Verluste an. Im Jahr 1995 betrug der Verlust 10,7 Mio. DM bei einem Umsatz von 38,4 Mio. DM und 1999 6,4 Mio. DM bei einem Umsatz von 41,6 Mio. DM. Die Anzahl der Beschäftigten erhöhte sich von 184 auf 202. Die Gründe lagen im Wesentlichen in einer mangelhaften Maschinenausstattung mit zwei alten Papiermaschinen. Bei der Papiermaschine 1 war das Herstellungsjahr unbekannt. Sie wurde im Jahr 1998 mit einem Aufwand von 6,3 Mio. DM mit einem neuen Stoffauflauf versehen. Dennoch brachte die Maschine danach keine befriedigende Leistung. Die Papiermaschine 2 benötigte einen neuen Glättzylinder. Auch diese große Reparatur durch die Firma Voith-Sulzer schlug zunächst fehl. Das Unternehmen hatte damit in den Jahren 1999 und 2000 an beiden Papiermaschinen erhebliche Produktionsausfälle. Bemühungen des Vorstandes dem Unternehmen neues Kapital zuzuführen, scheiterten im Juli 2000.