Das Kloster St. Lazarus in Bethanien war ein Benediktinerinnenkloster in Bethanien (heute Al-Eizariya; im Westjordanland) zur Zeit des Königreichs Jerusalem. Das Nonnenkloster wurde 1144 gegründet, wurde 1192 nach Akkon verlegt und schließlich nach dem Fall von Akkon 1291 nach Nikosia (Zypern). Um/nach 1370 löste sich das Kloster auf. mini|Stark schematisierter Stadtplan von Jerusalem im 12. Jahrhundert. Bethanien (Bethania) ist rechts oben dargestellt mini|Die Auferweckung des Lazarus von Giotto. Religiöse Bedeutung des Ortes Bethanien war der Ort, in dem zur Zeit von Jesus die Geschwister Lazarus, Maria und Martha lebten, die mit Jesus befreundet waren. Lazarus aber war krank geworden, und seine Schwestern Martha und Maria sandten eine Nachricht zu Jesus, dass Lazarus krank sei. Als Jesus schließlich in Bethanien ankam, war Lazarus schon verstorben und lag bereits vier Tage im Grab. Martha ging Jesus entgegen und sagte zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.. ... Dann ging Jesus zum Grab, in dem Lazarus bestattet war, ließ den Stein entfernen, mit dem das Grab verschlossen war und rief: Lazarus, komm heraus! Und der Verstorbene stand von den Toten auf und kam aus dem Grab heraus.

Das Wunder von der Auferweckung des Lazarus fand schon sehr früh Aufnahme in die christliche Ikonographie. Die Auferweckung des Lazarus ist bereits in Wandmalereien in den Katakomben in Rom dargestellt. Besonders in der Renaissance finden sich viele Darstellungen des Themas. Lazarus wird dabei als ein Symbol für die den Tod überwindende Kraft Gottes betrachtet. mini|Eingang zum Grab des Lazarus mini|Grab des Lazarus

Vorgeschichte Wegen des Wunders der Auferweckung des Lazarus war Bethanien schon im 4. Jahrhundert ein viel besuchtes Pilgerziel. Eine erste Kirche entstand wohl noch im späten 4. Jahrhundert. Im 6. Jahrhundert wurde eine Basilika beim Lazarusgrab erbaut, die der Zerstörung der Kirchen unter Kalif al-Hakim 1009 entging. Angeschlossen war auch ein Kloster. Der Eingang zur Höhlenkapelle mit dem Grab von Lazarus befand sich im Hof der Basilika. Die Kirche und die Klostergebäude standen noch, als die Kreuzfahrer 1099 Jerusalem und deren Umgebung eroberten. Von einem Kloster ist allerdings keine Rede mehr.

1114 überließ der damalige lateinische Patriarch von Jerusalem Arnulf die Kirche St. Lazarus und deren Zubehör dem Chorherrenstift am Heiligen Grab in Jerusalem. König Balduin I. schenkte den Chorherren noch die vier Anteile am Dorf Bethanien. Das Eigentum an Bethanien und seiner Kirche wurde den Chorherren am Heiligen Grab 1121 durch Papst Calixt II. bestätigt, ebenso 1128 von Papst Honorius II. und 1138 vom Patriarchen Wilhelm I. von Jerusalem. Die Chorherren ließen die Gottesdienste wahrscheinlich von Weltgeistlichen lesen, jedenfalls gibt es keine Hinweise, dass die Chorherren hier ein Priorat (oder Tochterkloster) hatten.

Am 5. Februar 1138 versammelten König Fulko und Königin Melisende einen ausgewählten Kreis von höheren Geistlichen und des Adels in Jerusalem. Auf der Versammlung stimmten Patriarch Wilhelm I. von Jerusalem und der Prior Petrus des Chorherrenstifts am Heiligen Grab einem Besitztausch zu. Das Chorherrenstift am Heiligen Grab trat die vier Anteile an Bethanien und die dortige Kirche St. Lazarus mit ihrem Zubehör an das Königspaar ab und erhielt dafür das Gut Thecua (Khirbet et-Teqūʿ, Ruinenfeld , ca. neun Kilometer südlich von Bethlehem), zusammen mit einem Streifen Land, der sich von Thecua bis zum Toten Meer erstreckte. Das Chorherrenstift bekam außerdem das Recht Bitumen und Salz auf diesem Landstrich zu gewinnen, und es erhielt die Jurisdiktion über die Beduinen, die auf diesem Landstreifen lebten. Unter den Zeugen war auch Elias, der Abt des wohl kurz zuvor gegründeten Klosters Palmaria.

Als Begründung für den Landtausch gab König Fulko an, dass eine klösterliche Gemeinschaft von Mönchen oder Nonnen den Gottesdienst an der Lazaruskirche andächtiger verrichten können (als die Weltgeistlichen) (ecclesia illa religioso conventui monachorum seu sanctimonialium devotius quam antea deserviret), ein deutlicher und kritischer Hinweis, dass die Chorherren in Bethanien weder ein Priorat eingerichtet hatten, noch beabsichtigten, ein Priorat einzurichten. Diese Urkunde wird außerdem als Hinweis gewertet, dass König Fulko und Königin Melisende beabsichtigten, in Bethanien ein Kloster einzurichten. Entweder waren sie sich zu diesem Zeitpunkt noch uneinig, ob sie ein Männer- oder Frauenkloster gründen sollten, oder sie hatten sich noch nicht endgültig entschieden. Das Klosterprojekt ruhte nun zunächst für einige Jahre. Am 13. November 1143 starb König Fulko bei einem Jagdunfall. Sein Nachfolger war sein noch minderjähriger Sohn Balduin III., für den zunächst Königin Melisende die Staatsgeschäfte führte.

Gründung des Klosters St. Lazarus in Bethanien Am 10. Januar 1144 schrieb Papst Coelestin II. an den Prior und die Chorherren am Heiligen Grab und bestätigte den Tausch von St. Lazarus in Bethanien gegen Thecua. Der Papst schrieb weiter, dass er auf eine Anfrage von König Fulko und Königin Melisende antworte, die ein Männer- oder Frauenkloster in Bethanien gründen wollten. Anscheinend war zu diesem Zeitpunkt die Nachricht vom Tod König Fulkos noch nicht in Rom angekommen.

Ganz offensichtlich nahm Königin Melisende den Tod ihres Mannes zum Anlass, das Klosterprojekt nun zu verwirklichen; sie gründete ein Frauenkloster in Bethanien und übertrug die 1138 eingetauschten Besitzungen dem neuen Kloster. Nach Wilhelm von Tyrus, der 1175 Erzbischof von Tyrus wurde, soll Königin Melisende das Kloster St. Lazarus in Bethanien auch deshalb gegründet haben, damit ihre jüngere Schwester Iveta dort Äbtissin werden konnte. Hans Eberhard Mayer hält das aber für nicht stichhaltig, da Iveta ja zuerst in das Kloster St. Anna in Jerusalem eingetreten war und auch im dortigen Kloster hätte Äbtissin werden können. Außerdem wurde als erste Äbtissin des neuen Klosters nun nicht Iveta eingesetzt, sondern die matrona Mathilda, vermutlich eine ältere, in Organisationsfragen wohl erfahrene Frau, die als Witwe den Schleier genommen hatte. Die Hauptaufgabe für die erste Äbtissin Mathilda in den ersten Jahren des Klosters war sicherlich der Aufbau des Klosters. Erst nach dem Tod von Mathilda wurde Iveta tatsächlich Äbtissin von St. Lazarus. Sie ist 1157 erstmals als Äbtissin nachgewiesen. Eine Hauptmotivation für Melisende zur Gründung des Klosters St. Lazarus ist sicherlich darin zu sehen, dass sie nun als Klostergründerin gelten konnte.

In einer nicht genau datierten Urkunde, die zwischen Mitte April und September 1144 ausgestellt worden war, bestätigte ihr Sohn und Nachfolger Balduin III. den oben genannten Tausch mit den Chorherren am Heiligen Grab, und die Schenkung von Bethanien an das neue Kloster und an seine neue Äbtissin Mathilda. Papst Coelestin II. bestätigte dem neuen Kloster den Status als Abtei. Das Kloster St. Lazarus in Bethanien war ein direkter Suffragan, d. h. stand unter der direkten Jurisdiktion des Patriarchen von Jerusalem, was später noch eine wichtige Rolle in der Geschichte des Klosters spielen sollte.

Königin Melisende beschenkte das neue Kloster in Bethanien in den ersten Jahren reichlich. Die Kirche wurde mit Gold, Silber und Juwelen verziert. Die dort die Gottesdienste versehenden Priester und Diakone erhielten repräsentative Messgewänder aus Seide. Sie veranlasste auch einen Gütertausch mit dem Meister des Johanniterordens, Raymond du Puy. 1157 traten die Johanniter ihren Anteil an den Zehnten in Bethanien an das neue Kloster ab und erhielten dafür einen Weinberg außerhalb von Jerusalem an der Straße nach Nablus. Sie arrangierte auch, dass das Kloster S. Maria Latina und das Kloster St. Anna in Jerusalem auf ihre Zehnten an diesem Weinberg verzichteten. Als Zeuginnen bzw. Anwesende bei diesem Gütertausch werden aus dem Kloster St. Lazarus neben der Äbtissin Iveta die Priorin Odulina, die Sängerin Alamandina sowie die Schwestern Siguina, Helena und Agnes namentlich genannt,. Im selben Jahr trat auch die Stieftochter von Königin Melisende, die Tochter ihres Mannes aus erster Ehe, Sybille Gräfin von Flandern in das Kloster St. Lazarus ein.

Die alte Kirche St. Lazarus wurde in dieser Zeit renoviert und die Holzdecke im Inneren durch ein steinernes Gewölbe ersetzt. Sie wurde neu den Schwestern Martha und Maria Magdalena geweiht. Direkt über dem Grab des Lazarus wurde eine neue Kirche errichtet, die nun dem Hl. Lazarus geweiht wurde. Königin Melisende stattete die neue Kirche mit Kelchen, Messbüchern und anderen kirchlichen Geräten aus. Bei den Konventsgebäuden wurde ein fester Turm errichtet, damit sich die Schwestern in Kriegszeiten darin verbarrikadieren konnten.

1159 wurde Königin Melisende schwer krank, und ihre Versorgung wurde von ihren beiden Schwestern Hodierna und Iveta überwacht. Vermutlich verbrachte sie ihre letzte Lebenszeit im Kloster St. Lazarus. Sie starb im September 1161 und wurde in der Krypta des Klosters S. Maria im Tal Josaphat beigesetzt. Ihre Schwester Hodierna starb nur wenige Jahre später, noch vor 1164, und auch ihre Stieftochter Sibylle starb 1165 in Bethanien, sodass Iveta nun das älteste überlebende Mitglied der königlichen Familie war.

Das Kloster St. Lazarus in Bethanien war fest eingebunden in die religiösen Feierlichkeiten der Stadt Jerusalem in der Zeit des Lateinischen Königreichs. Am Palmsonntag zogen der Patriarch von Jerusalem begleitet vom Schatzmeister des Chorherrenstifts am Heiligen Grab, dem Prior (später Abt) des Chorherrenstifts auf dem Berg Sion, dem Prior (später Abt) des Chorherrenstift auf dem Ölberg und dem Abt des Klosters S. Maria im Tal Josaphat jeweils in Begleitung ihrer Konvente in festlichen Gewändern von Jerusalem bis nach Bethanien. Der Patriarch trug das Heilige Kreuz, während die anderen Geistlichen Hymnen und Lieder sangen. In Bethanien angekommen sprachen sie ein Gebet und zogen auf dem Weg, den Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem genommen hatte, wieder zurück nach Jerusalem.

Ein Pilger, der 1170 Bethanien besuchte, beschrieb Bethanien als gut befestigt und erwähnte auch die zwei Kirchen. Nach Pringle war die alte, nun den Schwestern Maria Magdalena und Martha geweihte Kirche weiterhin die Pilgerkirche. Die neue Kirche war die Klosterkirche bzw. Nonnenkirche und wahrscheinlich für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Die Pilger konnten das Lazarus-Grab unter der neuen Kirche durch den Gang vom Hof der alten Kirche erreichen.

St. Lazarus in Bethanien – ein Doppelkloster?