Bei den Wahlen im Kanton Bern 2022 wurden am 27. März 2022 die 160 Mitglieder des Grossen Rates (Parlament), die sieben Mitglieder des Regierungsrats (Regierung) und die 24 Mitglieder des Bernjurassischen Rates (Regionalparlament) für die Legislaturperiode 2022–26 neu gewählt.
Wahlverfahren Das Wahlverfahren für den Grossen Rat, den Regierungsrat und den Bernjurassischen Rat ist im Gesetz über die politischen Rechte (PRG) geregelt.
Grosser Rat
Der Grosse Rat besteht aus 160 Mitgliedern, die nach Proporz gewählt werden. Der Wahlkreis Berner Jura erhält unabhängig von der Bevölkerungszahl zwölf Sitze. Die übrigen acht Wahlkreise erhalten proportional zu ihrer Bevölkerungszahl Sitze. Bei der Sitzverteilung auf die Listen nach dem Hagenbach-Bischoff-Verfahren ist das jeweilige Wahlkreisergebnis massgebend, das gesamtkantonale Ergebnis spielt also keine Rolle. Listenverbindungen und Unterlistenverbindungen sind möglich, eine explizite Sperrklausel existiert nicht.
Regierungsrat Der Regierungsrat umfasst sieben Sitze, die nach dem Majorzwahlrecht vergeben werden. Im ersten Wahlgang ist gewählt, wer das absolute Mehr erreicht. Sollten nicht alle Sitze im ersten Wahlgang besetzt werden, findet ein zweiter Wahlgang statt, an dem alle Kandidaten teilnehmen können, die mindestens 3 % der Stimmen erzielt haben. Hier genügt das einfache Mehr, es sind also die Kandidaten mit den meisten Stimmen gewählt.
Eine Besonderheit stellt die von der Kantonsverfassung garantierte Minderheitenvertretung des Berner Juras dar. Dabei wird einer der sieben Sitze für französischsprachige Kandidaten mit Wohnsitz im Berner Jura reserviert. Unter den in Frage kommenden Kandidaten wird das geometrische Mittel aus dem gesamtkantonalen und dem regionalen Wahlergebnis ermittelt, um den reservierten Sitz zu besetzen. Auch hier ist im ersten Wahlgang das absolute Mehr erforderlich.
Ausgangslage Bei den Regierungsratswahlen vom 25. März 2018 wurden mit Beatrice Simon (Die Mitte, damals BDP), Christoph Neuhaus (SVP), Philippe Müller (FDP) und Pierre Alain Schnegg (SVP) vier bürgerliche Kandidaten gewählt, wodurch die seit der Regierungsratsersatzwahl 2016 bestehende bürgerliche Mehrheit bestätigt wurde. Auf links-grüner Seite wurden Christoph Ammann (SP), Evi Allemann (SP) und Christine Häsler (Grüne) in den Regierungsrat gewählt.
Kandidaturen Grosser Rat Wahllisten für den Grossen Rat konnten bis am 10. Januar 2022 eingereicht werden. Die bisher im Grossen Rat vertretenen Parteien treten in allen Wahlkreisen an, mit Ausnahme von PSA/Ensemble socialiste (nur im Wahlkreis Berner Jura) und der AL (nur im Wahlkreis Bern). In allen Wahlkreisen treten einige Parteien mit mehreren Listen an, die jeweils mit (Unter-)Listenverbindungen verknüpft sind, so dass eine Stimmenzersplitterung keinerlei Nachteile verursacht. In der Regel handelt es sich bei einer Liste jeweils um die Hauptliste der Partei, während zusätzliche Listen (regionale Listen, Jungparteien, Seniorenlisten etc.) der Hauptliste über die Listenverbindung weitere Stimmen verschaffen sollen. Die SP tritt in den meisten Wahlkreisen mit zwei geschlechtergetrennten Hauptlisten an.
In folgender Tabelle sind für alle Wahlkreise jeweils die kandidierenden Parteien und die jeweilige Anzahl der Listen, mit denen sie antreten, aufgeführt. Jungparteien und ähnliche Listen werden jeweils der Mutterpartei zugeordnet. Listenverbindungen zwischen verschiedenen Parteien sind jeweils mit einem gemeinsamen hochgestellten Buchstaben gekennzeichnet.
Wahlkreis Anzahl ListenSVPSPFDPGrüneMitteglpEVPEDUWeitere Berner Jura 17 1a 2b 2a 2b 2 1d 2d 1d PSA/Ensemble socialiste (2)b, Aufrecht, GaPb Biel–Seeland 22 2a 4b 3c 2b 1c 3d 2d 1d SDa, PdAb, Aufrecht (2) Oberaargau 17 1a 3 2a 2d 1a 2d 3d 3a Emmental 18 2a 3b 3a 2b 2a 2d 2d 1d Aufrecht Mittelland-Nord 17 1a 2b 2a 2b 1d 3d 2d 1d SD, PPSd, Aufrecht Mittelland-Süd 14 1a 3b 1a 2b 1d 2d 2d 1d Aufrecht Bern 19 1a 3b 3d 3b 1d 2d 2d 1d ALb, Aufrecht, Dem. Bewegunga Thun 19 3 3b 2a 2b 1d 2d 3d 1d Aufrecht, Bürgerl. Stadt- und Landlistea Oberland 15 3 1b 2 1b 1d 2d 2d 2d «Parteilose»d
Regierungsrat Für den Regierungsrat konnten bis zum 24. Januar 2022 Wahlvorschläge eingereicht werden. Bis auf Beatrice Simon (Die Mitte) traten alle amtierenden Regierungsräte erneut an.
Christoph Neuhaus (SVP), Philippe Müller (FDP) und Pierre-Alain Schnegg (SVP) bildeten mit der neuen Kandidatin Astrid Bärtschi (Die Mitte) ein bürgerliches Viererticket. SP und Grüne nominierten neben den Bisherigen Christoph Ammann (SP), Evi Allemann (SP) und Christine Häsler (Grüne) den Bieler Stadtpräsidenten Erich Fehr (SP) mit dem erklärten Ziel, den freigewordenen Sitz von Beatrice Simon (Die Mitte) anzugreifen und die Regierungsmehrheit zu gewinnen. Mit der Kandidatur von Fehr als vierten Kandidaten verzichtete die SP darauf, mit einem Kandidaten aus dem Berner Jura den von Pierre Alain Schnegg gehaltenen reservierten Sitz anzugreifen. Die linke Regionalpartei ES stellte daraufhin jedoch den Grossrat Peter Gasser als Gegenkandidaten auf. Die weiteren im Grossen Rat vertretenen Parteien nominierten Casimir von Arx (GLP) und Christine Grogg (EVP) für den Regierungsrat.
Umfragen Gemäss einer Umfrage von LeeWas im Auftrag von Der Bund und der Berner Zeitung einen Monat vor der Wahl liegen die sechs bisherigen Regierungsräte vor den neu antretenden Kandidaten. Im Kampf um den siebten Platz läge demnach Astrid Bärtschi drei Prozentpunkte vor Erich Fehr bei einem Fehlerbereich von 2,6 Prozentpunkten. Bei den Grossratswahlen seien nur Verluste bei der SVP und Gewinne bei GLP und Mitte statistisch signifikant.
+ Umfragen zur Regierungsratswahl InstitutDatum Ammann Allemann Schnegg Müller Häsler Neuhaus Bärtschi Fehr von Arx Grogg Gasser SonstigeLeeWas 21.–28. Feb. 2022 50 45 44 44 42 40 37 34 24 14 5 11
Ergebnisse der Grossratswahlen
Partei Wähler Prozent (+/−) Sitze (+/−) Schweizerische Volkspartei 25,8 % −0,9 % 44 −2 Sozialdemokratische Partei 18,9 % −3,3 % 32 −6 Grüne Kanton Bern 12,7 % +2,7 % 19 +5 FDP.Die Liberalen 11,3 % −0,4 % 18 −2 Grünliberale Partei 9,8 % +2,9 % 16 +5 Die Mitte 7,4 % −2,0 % 12 −1 Evangelische Volkspartei 5,6 % −0,6 % 9 −1 Eidgenössisch-Demokratische Union 4,2 % +0,4 % 6 +1 Aufrecht 1,9 % neu 0 neu Parti socialiste autonome/Ensemble socialiste 0,6 % −0,1 % 2 ±0 Alternative Linke 0,6 % +0,1 % 1 ±0 Bürgerliche Stadt- und Landliste 0,6 % neu 1 neu Partei der Arbeit 0,2 % ±0,0 % 0 ±0 «Parteilose» 0,2 % neu 0 neu Schweizer Demokraten 0,1 % −0,1 % 0 ±0 Piratenpartei 0,1 % −0,1 % 0 ±0 Demokratische Bewegung 0,1 % neu 0 neu Parti Vert Alternatif (Grün alternative Partei) 0,0 % −0,3 % 0 ±0
Ergebnisse nach Wahlkreisen WahlkreisSVPSPGrüneFDPglpMitteEVPEDUPSA/ESALBSLAufrechtPdASonstige Berner Jura12 Sitze 30,8 %4 +1,7 %±0 14,3 %2 −5,4 %±0 12,1 %1 +3,8 %±0 13,0 %2 −1,2 %±0 1,6 %0 +0,9 %±0 5,2 %0 −1,2 %±0 4,7 %1 +0,2 %±0 3,0 %0 −0,3 %±0 13,7 %2 −0,2 %±0 – – 1,2 %0 – 0,5 %0 +0,5 %±0 Biel–Seeland27 Sitze 23,8 %7 −0,9 %±0 21,4 %6 −1,9 %−1 10,2 %3 +0,8 %+1 14,6 %4 +0,5 %±0 10,6 %3 +4,8 %+1 8,0 %2 −4,3 %−1 4,9 %2 −0,4 %+1 2,0 %0 +0,3 %±0 – –– 2,8 %0 1,2 %0 −0,1 %±0 0,5 %0 −1,6 %±0 Oberaargau12 Sitze 33,8 %5 +2,7 %+1 16,3 %2 −4,2 %−1 7,4 %1 +1,0 %+1 12,5 %1 −1,4 %−1 8,1 %1 +3,6 %+1 6,8 %1 −2,9 %±0 7,3 %0 +0,9 %−1 8,0 %1 +2,2 %±0 – – – – – – −2,1 %±0 Emmental15 Sitze 34,5 %6 −1,0 %±0 16,2 %2 +0,3 %±0 7,8 %1 −0,2 %±0 10,0 %1 +1,9 %±0 7,1 %1 +1,2 %±0 10,2 %2 −3,7 %±0 5,9 %1 −0,3 %±0 6,0 %1 −0,8 %±0 – – – 2,3 %0 – – Mittelland-Nord22 Sitze 20,6 %5 −2,3 %−1 19,0 %4 −4,2 %−2 13,8 %3 +3,9 %+1 13,1 %3 −1,5 %±0 12,5 %3 +4,2 %+1 10,2 %2 −1,3 %±0 5,3 %2 −1,4 %+1 1,8 %0 +0,3 %±0 – – – 2,5 %0 – 1,5 %0 ±0,0 %±0 Bern20 Sitze 8,3 %1 −1,0 %−1 30,1 %7 −3,3 %±0 25,5 %5 +6,8 %+1 8,9 %2 −1,6 %±0 12,1 %2 +1,9 %±0 5,1 %2 −0,9 %+1 3,0 %0 −0,2 %−1 0,7 %0 ±0,0 %±0 – 4,5 %1 +1,0 %±0 – 1,1 %0 – −1,4 %±0 0,8 %0 −2,1 %±0 Mittelland-Süd20 Sitze 26,8 %6 +0,1 %+1 17,7 %4 −6,2 %−1 12,7 %2 +3,0 %±0 9,9 %2 −1,0 %±0 11,4 %3 +2,6 %+1 7,6 %1 −1,2 %−1 6,3 %1 −1,1 %±0 4,6 %1 +0,4 %±0 – – – 3,0 %0 – – Thun16 Sitze 27,7 %4 −4,7 %−1 15,6 %3 −4,4 %−1 12,4 %2 +2,9 %+1 7,6 %1 −0,9 %−1 8,6 %2 +2,5 %+1 5,4 %1 −3,3 %±0 8,2 %1 −1,1 %−1 6,6 %1 +1,0 %±0 – – 5,1 %1 2,9 %0 – – Oberland16 Sitze 39,6 %6 +0,2 %−1 12,3 %2 −2,8 %±0 6,2 %1 +1,0 %±0 12,4 %2 +1,2 %±0 8,6 %1 +2,4 %±0 5,8 %1 −3,5 %±0 5,7 %1 −0,9 %±0 8,1 %2 +1,0 %+1 – – – – – 1,4 %0 +1,4 %±0
Ergebnis der Regierungsratswahlen Im ersten Wahlgang am 27. März 2022 konnten alle sieben Sitze besetzt werden.
+KandidatParteiStimmen%Christoph AmmannSP122'35653,0 %Gewählt Philippe MüllerFDP121'08552,5 %Gewählt Christine HäslerGrüne120'98152,4 %GewähltPierre Alain SchneggSVP117'14350,8 %GewähltEvi AllemannSP115'75750,2 %Gewählt Astrid Bärtschi-MosimannDie Mitte109'73347,6 %GewähltChristoph NeuhausSVP103'97945,1 %GewähltErich FehrSP87'76538,0 %Absolutes Mehr77'67433,7 %Christine GroggEVP47'28320,5 %Casimir von Arxglp41'36917,9 %Joshua BaumannAufrecht17'6077,6 %Peter GasserES15'9926,9 %Pascal FouquetPiraten14'7826,4 %Mark SteinerAufrecht13'8876,0 %Jorgo AnaniadisPiraten11'2404,9 %Verena Lobsiger-Schmidparteilos10'2024,4 %Dalyan Paolo Tramacereparteilos8'8663,8 %Bruno Mosermenschen:partei7'4073,2 % Gültige Wahlzettel: 230'669
Stimmbeteiligung: 31,2 %
Siehe auch Wahlen im Kanton Bern 2026
Weblinks Grossrats- und Regierungsratswahlen 2022 auf der Website des Kantons Bern Darstellung der Ergebnisse der Grossrats- und Regierungsratswahlen 2022 von watson.ch
Einzelnachweise
Kategorie:Wahl im Kanton Bern Bern 2022 Kategorie:Wahl in der Schweiz