Hans Timm (* 31. August 1893 in Stettin; † 29. August 1974 in Buenos AiresDie biografischen Eckdaten übermittelte Werner Onken, Freiwirtschaftliches Archiv der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.) war ein deutscher Jurist und Anhänger der von Silvio Gesell (1862–1930) begründeten Freiwirtschaftsbewegung. Innerhalb dieser Bewegung gehörte er gemeinsam mit Gesell und Georg Blumenthal (1872–1929) zum linken, individualanarchistischen Flügel.

Timm begründete verschiedene freiwirtschaftliche Organisationen und Einrichtungen, darunter den Stirn-Verlag Hans Timm in Erfurt sowie (gemeinsam mit Helmut Rödiger) die Wära-Tauschgesellschaft. Außerdem betätigte er sich als Verleger und Redakteur verschiedener Zeitungen und Zeitschriften, über die in der Zeit der Weimarer Republik die Ideen der sogenannten „Natürlichen Wirtschaftsordnung“ Silvio Gesells Verbreitung fanden.

Leben mini|Hans Timm (2. von rechts) mit Eltern und Geschwistern an der Ostsee (1911) Hans Timm war das mittlere von drei Kindern des Gymnasiallehrers Bruno Timm (1860–1923) und seiner Ehefrau Gertrud, geborene Petersen (1866–1944), einer Volksschullehrerin.Pomarania.pl: Bruno Timm; eingesehen am 5. November 2021 Timms Bruder Ulrich fiel in den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs, seine Schwester Marianne (1899–1980) wurde später seine engste Mitarbeiterin.Wera Wendnagel: Mariannes Vermächtnis oder wie mir meine Mutter die Freiwirtschaft vererbte. Ulrike Helmer Verlag: Sulzbach/Taunus, 2010. S. 16f

Nach der Reifeprüfung studierte Timm Rechtswissenschaft an der Universität Greifswald. Unter seinen Lehrern war Karl Polenske, bei dem er Vorlesungen über die Rechtsgeschichte der römischen Antike besuchte und dabei auf historische und moderne Bodenreform-Ideen aufmerksam wurde. Polenske hatte Beziehungen zur Bodenreformbewegung um Adolf Damaschke und gehörte zu den Anhängern der Freiwirtschaftslehre Silvo Gesells. Neben seiner beruflichen Tätigkeit verbreitete er dessen Ideen als ehrenamtlicher Vortragsredner.Während der kurzlebigen Münchner Räterepublik gehörte Polenske neben dem Arzt und Mathematiker Theophil Christen zum Mitarbeiterstab Silvio Gesells, der die Funktion des „Volksbeauftragten für Finanzen“ übernommen hatte.

Anfang der 1920er Jahre begegnete Timm, der inzwischen als Assessor beim Amtsgericht Stettin arbeitete, seinem ehemaligen Professor ein weiteres Mal. Der Kapellmeister Rettich, der auch gleichzeitig Vorsänger in der Stettiner Synagoge war, hatte zu einem politischen Vortragsabend in seine Wohnung eingeladen. Als Referent war Karl Polenske angekündigt. Das Thema der Veranstaltung lautete: „Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“ und bezog sich auf das Standardwerk der gesellschen Reformideen, dessen dritte Auflage 1919 erschienen war. Hans Timm und auch sein Vater Bruno, der sich ebenfalls unter den Zuhörern befand, waren beeindruckt; sie begannen mit dem Studium des vorgestellten Buches und schlossen sich kurze Zeit später den Stettiner „Freiwirten“Selbstbezeichnung der Anhänger der Freiwirtschaftslehre Silvio Gesells an. Bald darauf war Hans Timm so tief in die Materie eingedrungen, dass er spontan für einen verhinderten Vortragsredner einspringen konnte. Sowohl sein Wissen als auch seine Redegabe hinterließ bei den Hörern einen nachhaltigen Eindruck. Die Nachricht davon gelangte auch zu Silvio Gesell, der in dieser Zeit wieder bei Berlin wohnte. Es folgte eine umfangreiche Korrespondenz mit dem Ergebnis, dass Timm seine juristische Laufbahn aufgab, nach Berlin zog, um dort für Gesell zu arbeiten.Wera Wendnagel: Mariannes Vermächtnis oder wie mir meine Mutter die Freiwirtschaft vererbte. Ulrike Helmer Verlag: Sulzbach/Taunus, 2010. S. 28–32

Einem größeren freiwirtschaftlich orientiertem Publikum machte sich Hans Timm bei der ersten Tagung des Freiland-Freigeld-Bundes bekannt. Sie fand 1920 in Erfurt statt. Zwei Jahre später war er bereits Geschäftsführer des Freiwirtschaftsbundes (FWB), einem 1921 erfolgten Zusammenschluss mehrerer Organisationen deutscher Gesell-Anhänger,Günther Bartsch: Hans Timm und der Fisiokratische Kampfbund (FKB). In: Stirners Anti-Philosophie / Die revolutionären Fisiokraten. Zwei Essays. Berlin 1992. S. 35f unter ihnen auch die von Georg Blumenthal begründeten Physiokraten. Sie bildeten innerhalb der Freiwirtschaftsbewegung den links-revolutionären Flügel. Mit ihrem Namen knüpften sie an die von François Quesnay und Vincent de Gournay initiierte „physiokratische Schule“ an, übernahmen allerdings nur einige derer Auffassungen, die sie mit anarchistischem und freiwirtschaftlichem Gedankengut verknüpften.Siehe dazu Günter Bartsch: Die NWO-Bewegung Silvio Gesells. Geschichtlicher Grundriß. 1891–1992/93. Lütjenburg 1994. S. 22–24; 50–57. Hans Timm verstand es, mit Hilfe der Physiokraten den FWB umzuformen. So heißt es unter anderem im Programm des FWB, das nach starken Auseinandersetzungen mehrheitlich beschlossen und für den Wahlkampf im Zusammenhang der Reichstagswahl Mai 1924 veröffentlicht hatte: „Die kapitalistische Wirtschaft schafft Herrschende und Beherrschte. [...] Der Kampf gegen den Kapitalismus muß darum von Anfang an auch gegen diese BeherrschungsmittelGemeint sind hier Militär, Polizei, Gerichte, Gefängnisse etc. sowie die Einflussnahme des Staates auf Kultur und Volkswohlfahrt. gerichtet sein, weil es sonst mit ihrer Hilfe immer wieder gelingt, die arbeitende Masse zu entzweien und von ihrem Ziele abzubringen.“Zitiert nach Hans-Joachim Werner: Geschichte der Freiwirtschaftsbewegung. 100 Jahre Kampf für eine Marktwirtschaft ohne Kapitalismus. Waxmann Münster/New York, 1989. ISBN 3-89325-022-0. S. 59 Stirn-Verlag mini|Letzte Ausgabe der Zeitschrift Letzte Politik (März 1934) Mit Unterstützung durch Silvio Gesell gründete Hans Timm den Stirnverlag. In der Abendausgabe der Berliner Börsen-Zeitung vom 21. Juni 1926 heißt es: „In das Handelsregister, Abteilung A, ist am 17. Juni 1926 eingetragen worden: [...] Nr. 70247. Stirn-Verlag, Hans Timm, Berlin. Inhaber: Hans Timm, Kaufmann, Berlin.“Berliner Börsen-Zeitung vom 21. Juni 1926, S. 8: Anzeiger, Sp I Noch im selben Jahr zog der Verlag nach Erfurt um. Neben Flugschriften, Broschüren und Büchern verlegte Hans Timm unter diesem Dach die monatlich erscheinende Theoriezeitschrift Die FreiwirtschaftHerausgeber der Zeitschrift war der Fysiokratische Kampfbund; Werner Oncken: Freiwirtschaftliche Bibliothek. Wissenschaftliches Archiv. Varel 1986, S. 221 sowie das Wochenblatt Neue Zeitung der Arbeit (kurz: NZ der Arbeit)Bibliographische Angaben bei Werner Oncken: Freiwirtschaftliche Bibliothek. Wissenschaftliches Archiv. Varel 1986, S. 233, die Timm in Letzte Politik umbenannte und die zum offiziellen Organ des Fysiokratischen Kampfbundes (FKB) avancierte.Bibliographische Angaben zur Letzten Politik finden sich bei Werner Oncken: Freiwirtschaftliche Bibliothek. Wissenschaftliches Archiv. Varel 1986, S. 228Zur Zeitschrift Letzte Politik siehe ausführlich Wera Wendnagel: Mariannes Vermächtnis oder wie mir meine Mutter die Freiwirtschaft vererbte. Ulrike Helmer Verlag: Sulzbach/Taunus, 2010. S. 32–59 Nach dem großen Erfolg, den die Nationalsozialisten bei der Reichstagswahl 1930 errungen hatten, griff die FKB-Publikation die NSDAP heftig an. Auf Gottfried Feders antisemitischen Kampfruf von der Brechung der Zinsknechtschaft entgegnete man zum Beispiel: „Der Zins hat mit dem Judentum gar nichts zu tun“. In einer Artikelserie unter der Überschrift „Kampf gegen die Nazis“ ermahnten Hans Timm und Florian Geyer 1932 die Leser der Letzten Politik: „Denkt daran, daß unter der Knute der Nazis Freiland-Freigeld einen langen Winterschlaf wird halten müssen. Deshalb müssen wir mit allen Kräften dazu beitragen, sie an der Übernahme der Staatsgewalt zu hindern.“Zitate nach Werner Onken, Günter Bartsch: Natürlich Wirtschaftsordnung unter dem Hakenkreuz. Anpassung und Widerstand. Gauke Verlag GmbH – Fachverlag für Sozialökonomie: Lütjenburg, 1997. ISBN 3-87998-441-7. S. 10; die Zitate sind entnommen der Zeitschrift Neue Politik. Ausgabe 35/1930. S. 1 (Artikel Zinsversklavung durch Nazipolitik) sowie Ausgabe 23/1932. S. 4 Zur Redaktion der Letzten Politik gehörten Timms Schwester Marianne und ihr Ehemann Rudi Hoell (1905–1938), der ab 1933 als Mitglied des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes sich im Widerstand gegen das Nazi-Regime engagierte, 1938 von der Geheimen Staatspolizei verhaftet und anschließend in seiner Gefängniszelle tot aufgefunden wurde.Zu Rudi Hoell siehe Wera Wendnagel: Mariannes Vermächtnis oder wie mir meine Mutter die Freiwirtschaft vererbte. Ulrike Helmer Verlag: Sulzbach/Taunus, 2010. S. 59–74 Die Letzte Politik erschien bis zum 10. März 1934. Auf der ersten Seite der letzten Ausgabe hieß es: „Die ‚Letzte Politik‘ ist bis zur endgültigen Entscheidung durch polizeiliches Eingreifen am Erscheinen verhindert. Stirn=Verlag Hans Timm“.Siehe Abbildung bei Werner Onken: Freiwirtschaftliche Bibliothek. Wissenschaftliches Archiv. Varel 1986, S. 228

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