Corporate Finance ist im Finanzwesen und Bankwesen der Anglizismus für alle Bankgeschäfte der Kreditinstitute, die das Kapitalmarktgeschäft auf dem Primärmarkt mit Nichtbanken betreffen.

Allgemeines Corporate Finance ist ein unscharfer Begriff, der in Theorie und Praxis in unterschiedlichen Nuancen verwendet wird.Corporate Finance, in: Andreas Horsch/Peter Gluchowski/Gerd Waschbusch/Ludwig Gramlich/Klaus Schäfer (Hrsg.), Gabler Banklexikon: Bank – Börse – Finanzierung, Band 1, 2020, S. 456 Er ist ein Kerngeschäft von Investmentbanken und umfasst alle auf Kapitalmärkten gehandelten Finanzprodukte für Nichtbanken.Corporate Finance, in: Andreas Horsch/Peter Gluchowski/Gerd Waschbusch/Ludwig Gramlich/Klaus Schäfer (Hrsg.), Gabler Banklexikon: Bank – Börse – Finanzierung, Band 1, 2020, S. 456 Corporate Finance stellt eine wesentliche Erweiterung zum traditionellen, stark kreditgeschäft-orientierten Firmenkundengeschäft dar.Henner Schierenbeck (Hrsg.), Bank- und Versicherungslexikon, 1994, S. 183

Im angelsächsischen Sprachgebrauch umfasst Corporate Finance die gesamte Unternehmensfinanzierung ().Aswath Damodaran, Corporate Finance: Theory and Practice, 2001, S. VII In Europa wird Corporate Finance definiert als Planung, Bewertung und Finanzierung von Unternehmen, die über das klassische Kreditgeschäft hinausgehen.Willis E Eayrs/Dietmar Ernst/Sebastian Prexl, Corporate Finance Training, 2011, S. VII.; ISBN 978-3791030975 In den USA gehören Kapitalbedarfsrechnung (), Kapitalstrukturierung () und Working Capital-Management von Unternehmen zur Corporate Finance.David Hillier/Iain Clacher/Stephen A Ross/Randolph Westerfield/Bradford Jordan, Fundamentals of Corporate Finance, 2017, S. 1 ff.; ISBN 978-0077178239

Im deutschsprachigen Raum herrscht dagegen ein engerer Begriffsinhalt vor, denn hiermit werden seit etwa 1985 die Bankprodukte im Rahmen der Kapitalmarktfinanzierung auf dem Primärmarkt bezeichnet. Danach ist Corporate Finance ein Teil des Investment-Banking (wie auch das Emissionsgeschäft und Mergers & Acquisitions). Corporate Finance ist demnach die Analyse, Bewertung, Kapitalstrukturierung und Finanzierung von Unternehmen.Friedrich Thießen/Heinz J. Hockmann, Grundlagen des Investmentbanking, 2020, S. 157

Teilbereiche Corporate Finance befasst sich mit folgenden Teilbereichen und grenzt sich deshalb von der klassischen Unternehmensfinanzierung ab:

Corporate Finance Unternehmensfinanzierung Bankprodukte Kapitalmarktgeschäft Eigenkapital: Aktienemissionen, Aktienrückkäufe, Börsengang, Kapitalerhöhungen Eigenkapitalkomponenten: Optionsanleihen, Wandelanleihen Fremdkapital: Asset-Backed-Finanzierungen, Commercial Papers, Unternehmensanleihen Kapitalunabhängig: Futures, Optionen, Swaps Sonstiges: Management-Buy-out, Management-Buy-in, Mezzanine-Finanzierungen, Mitarbeiter-Kapitalbeteiligungen Mergers & Acquisitions: Buy-out, Reverse Merger, Spin-off, Squeeze-out Verbriefungen Firmenkreditgeschäft Bilanzstrukturmanagement Geldleihe: Investitionskredite Kontokorrentkredite Factoring Forfaitierung Immobilienfinanzierungen Leasing Konsortialkredite Objektfinanzierungen Projektfinanzierungen Spezialfinanzierungen strukturierte Finanzierungen Außenhandelsfinanzierungen Kreditleihe: Akkreditive, Avalkredite, Rembourskredite

Corporate Finance hängt eng zusammen mit Financial advisory und Financial Engineering. Letzteres ist eine am Kundennutzen orientierte, individuelle Kombination von Finanzierungsinstrumenten zur Schaffung einer Problemlösung.Henner Schierenbeck (Hrsg.), Bank- und Versicherungslexikon, 1994, S. 256 Auch die Untersuchung der optimalen Kapitalstruktur, Dividendenpolitik eines Unternehmens sowie der Bewertung von Investitionsentscheidungen und der Ermittlung des Unternehmenswertes gehören zu den Aufgaben.

Corporate Finance wird unterteilt in einen langfristigen und kurzfristigen Planungshorizont und in Techniken mit dem primären Ziel, den Unternehmenswert zu erhöhen, indem die Kapitalrendite erhöht oder die Kapitalkosten gesenkt werden, ohne Finanzrisiken einzugehen, welche die eigene Risikotragfähigkeit der Bank übersteigen. Kapitalanlageentscheidungen umfassen die langfristige Auswahl der Investitionsprojekte, in die investiert werden soll, mit der Frage, ob diese Projekte mit Eigenkapital und/oder mit Fremdkapital finanziert werden und ob und wann Dividenden an die Anteilseigner gezahlt werden sollen. Die kurzfristigen Entscheidungen der Corporate Finance werden als Working Capital Management bezeichnet und beschäftigen sich mit dem Management des Umlaufvermögens () und der kurzfristigen Verbindlichkeiten (), wobei dem Liquiditäts­management, der Optimierung der Kapitalbindung im Lager und den kurzfristigen Schulden und Geldanlagen besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Kapitalanlageentscheidungen Die langfristigen Finanzierungsentscheidungen beziehen sich auf das Anlagevermögen und die Kapitalstruktur und werden als Kapitalanlageentscheidungen bezeichnet. Diese Entscheidungen basieren auf verschiedenen interdependenten Kriterien. Im Allgemeinen muss das Management den Unternehmenswert maximieren, indem in Projekte mit einem positiven Barwert investiert wird. Wenn die erwarteten Kapitalrückflüsse aus diesen Projekten mit einem angemessenen Diskontsatz bewertet werden, müssen diese Projekte auch mit dem gleichen Zinssatz finanziert werden.

Wenn es keine solchen Möglichkeiten gibt, sollte das Management die überschüssige Liquidität an die Anteilseigner ausschütten. Die Kapitalanlageentscheide umfassen somit Investitionsentscheide, Finanzierungsentscheide und die Dividendenpolitik.

Investitionsentscheidungen Der Entscheidungsprozess, in dem das Management die begrenzten Ressourcen zwischen konkurrierenden Geschäftsfeldern verteilt, wird als Kapitalbedarfsrechnung () bezeichnet. Um diese Entscheidungen zur Kapitalallokation fällen zu können, muss der Wert jeder Anlagemöglichkeit oder jedes Projekts in Abhängigkeit von Kapitalvolumen, zeitlicher Verteilung und der Voraussagbarkeit bzw. Unsicherheit der künftigen Zahlungsströme geschätzt werden.

Projektbewertung Der aktuelle Wert eines Projektes wird in aller Regel dadurch bestimmt, dass alle projektrelevanten Zahlungsflüsse auf den heutigen Zeitpunkt diskontiert werden. Das Projekt mit dem höchsten Barwert (, NPV) wird als erstes realisiert. Hierzu müssen Betrag und Zeitpunkt aller künftiger Zahlungsströme geschätzt werden. Diese werden dann mit dem Kreditzinssatz diskontiert und zum Barwert addiert. Das Barwertkonzept ist heute die am weitesten verbreitete Methode zur Bestimmung des Kapitalwerts einer Investition.

Der Barwert wird durch die Wahl des Kreditzinssatzes maßgeblich beeinflusst. Die Wahl des korrekten Zinssatzes bestimmt maßgeblich die Richtigkeit der zu treffenden Entscheidung. Der Kreditzinssatz stellt eine Untergrenze für die Projektrendite dar. Er entspricht dem risikofreien Zinssatz zuzüglich einer projektspezifischen Risikoprämie. Die Projektrisiken werden typischerweise über die erwartete Volatilität der Zahlungsströme bestimmt. Um einen Zinssatz für ein spezifisches Projekt abzuschätzen, verwenden Manager Modelle wie etwa CAPM oder APT. Zur Bewertung des gewählten Finanzierungsmodus werden die gewichteten durchschnittlichen Kapitalkosten (, WACC) verwendet.

Es gibt in der Corporate Finance verschiedene andere betriebswirtschaftliche Kennzahlen, die in Verbindung mit dem Barwert als sekundäre Auswahlkriterien verwendet werden. Diese sind mit der Barwertmethode verwandt und umfassen die Break-even-Analyse, den internen Zinsfuß (, IRR), das Equivalent-Annual-Cost-Verfahren (EAC) und die Kapitalrendite (ROI).

Flexible Bewertungsmodelle In vielen Szenarien, z. B. Forschungs- und Entwicklungsprojekten kann ein Projekt für ein Unternehmen völlig neue Handlungswege öffnen, diese Möglichkeiten werden aber in einer Barwertbetrachtung nicht mit berücksichtigt. Deshalb werden hier zuweilen Instrumente eingesetzt, welche diesen Optionen einen expliziten Wert zuweisen. Während in der Barwertmethode die wahrscheinlichsten, durchschnittlichen oder szenariospezifischen Zahlungsströme abgezinst werden, werden in der flexiblen Bewertung verschiedene statusabhängige Szenarioentwicklungen mit ihren potenziellen, unterschiedlichen Kapitalrückflüssen mit ihrer Wahrscheinlichkeit gewichtet und berechnet. Der Unterschied zur einfachen Barwertmethode liegt in der Modellierung und Bewertung von unterschiedlichen, möglichen Entwicklungspfaden. In diesen können unterschiedliche Optionswerte enthalten sein, die bewertet werden sollen.

Die beiden am häufigsten angewendeten Instrumente sind hier der Entscheidungsbaum und die Realoptionen. Die Entscheidungsbaumanalyse erreicht die Bewertung von verschiedenen Entwicklungsszenarien, indem exogene Ereignisse mit Wahrscheinlichkeiten und darauf aufbauende Managemententscheide abgeschätzt werden. Jeder Managemententscheid als Antwort auf ein Ereignis erzeugt eine Kante bzw. einen Ast im Entscheidungsbaum, dem eine Unternehmung folgen kann. (Bsp.: Das Management wird nur in die Phase 2 von einem Projekt gehen, wenn die Phase 1 erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Phase 3 hingegen hängt von Phase 2 ab. Die Folge von Ereignissen und darauf folgenden Entscheiden führen zu unterschiedlichen Endergebnissen und bilden jeweils einen Entwicklungspfad im Entscheidungsbaum. In der Barwertmethode gibt es keine bedingten Verzweigungen – jede Phase muss als allein stehendes Szenario modelliert werden). Der Pfad mit dem höchsten wahrscheinlichkeitsgewichteten Barwert ergibt den repräsentativen Projektwert. Der Ansatz der Realoptionen wird dann verwendet, wenn der Wert eines Projekts abhängig ist von einer anderen Wertvariablen. (Beispiel: Die Durchführbarkeit eines Bergbauprojektes zur Goldförderung ist abhängig vom Goldpreis am Markt. Nur wenn der Goldpreis genügend hoch ist, wird das Bergbauprojekt realisiert werden). Hierbei wird die Optionspreistheorie als Rahmenwerk verwendet; die zu treffende Entscheidung entspricht entweder einer Kaufoption oder einer Verkaufsoption. Die Bewertung erfolgt dann mit dem Binomialmodell oder – weniger häufig für diesen Zweck – via Black-Scholes, siehe Optionspreisbewertung. Der hiermit ermittelte Wert des Projektes entspricht dann dem Barwert des wahrscheinlichsten Szenarios plus dessen Optionswert.

Finanzierungsentscheidungen Jede unternehmerische Investition muss angemessen finanziert werden. Wie oben erwähnt werden durch die Wahl der Finanzierung sowohl der Diskontsatz wie auch die künftigen Zahlungsströme beeinflusst. Die Zusammensetzung der Finanzierung aus Eigenkapital und Fremdkapital beeinflusst somit den Wert einer Investition. Das Management muss deshalb den optimalen Finanzierungsmix ermitteln, d. h., es ist die Kapitalstruktur zu finden, welche zum maximalen Wert führt (siehe hierzu: Bilanzstrukturmanagement, Fisher-Separationstheorem, aber auch Modigliani-Miller-Theorem).

Bei der Wahl der Unternehmensfinanzierung spielen viele Faktoren in die Entscheidung mit ein. In der Kapitalstrukturpolitik wird das Verhältnis von Eigenkapital zu Fremdkapital bzw. dessen Veränderungsziele festgelegt. Je nachdem werden zusätzliche Finanzierungsbedarfe über Fremd- oder Eigenfinanzierung erschlossen, d. h., das zusätzlich notwendige Kapital wird als Fremdkapital mit längerer oder kürzerer Laufzeit oder als Eigenkapital aufgenommen. Als Maßnahmen seien beispielsweise die Börseneinführung, die Kapitalerhöhung oder die Umschichtung von Fremdkapital genannt.