Das Landwerk Halbe in der Gemeinde Halbe im Landkreis Dahme-Spreewald in Brandenburg war ein 1934/35 gegründetes Hachschara-Zentrum. Es entstand unter der Leitung von Friedrich Perlstein (* 28. März 1904 in Kassel – † 17. März 1979 in den USA) auf dem Gelände eines ehemaligen jüdischen Siedlungsprojekts aus den frühen 1920er Jahren.

Geschichte Die Hinwendung zur Ausbildung in handwerklichen oder landwirtschaftlichen Berufen als Vorbereitung auf ein Leben in Eretz Israel gilt häufig als Wendepunkt, von dem an in Deutschland der Zionismus sich von einer Idee zu einer realen Lebensperspektive wandelte. Als Beispiel hierfür gilt nicht selten der jüdische Wanderbund Blau-Weiß (jüdischer Wanderbund): „Im Blau-Weiß-Bund wurden nach der Balfour Erklärung 1917, die das Recht der Juden auf den Aufbau einer »nationalen Heimstätte« in Palästina verbriefte, Berufsumschichtung, landwirtschaftliche Ausbildung und Einwanderung in Palästina zur bestimmenden Zielsetzung. In Halbe bei Potsdam und auf dem Markenhof bei Freiburg im Breisgau schufen Blau-Weiße Lehrgüter für die Hachschara, so hieß die landwirtschaftliche und handwerkliche Pionierausbildung als Vorbereitung auf die Arbeit in Palästina.“Ulrike Pilarczyk: Gemeinschaft in Bildern. 2009, S. 44. Für den seit 1919 als zionistisches Lehrgut bestehenden Markenhof trifft dieses Framing zweifellos zu; etwas anders aber sieht das für das von Pilarczyk zusammen mit dem Markenhof genannte Projekt in Halbe aus.

Lange vor der zionistisch motivierten Berufsumschichtung existierte bereits eine, die Salomon Weinberg (1889–1955)Zur Biographie von Salomon Weinberg siehe: Gedenkstätte Ahlem – Menschen in Ahlem: Salomon Weinberg (1889–1955) die assimilatorische Berufsumschichtung nannte. Diese habe sich in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts entwickelt, und ihre Initiatoren – hannoversche Männer – hätten sie als Mittel im Kampf gegen den Antisemitismus gesehen.

Für Weinberg war dies das ursprüngliche Modell, das hinter der von Alexander Moritz Simon 1893 gegründeten „Israelitische Erziehungsanstalt zu Ahlem bei Hannover“ stand, die 1919 in Israelitische Gartenbauschule Ahlem umbenannt wurde. Es war aus seiner zionistischen Sicht jedoch „nur Selbstzweck“, weil die im Gärtnerberuf ausgebildeten Leute der Zahl nach zu wenige waren, „als daß diese Tatsache irgendwie einen nennenswerten Einfluß auf das soziale Verhältnis zwischen Juden und Christen haben konnte.“ Zudem sei auch die jüdische Öffentlichkeit zu desinteressiert an dieser Form von Berufsumschichtung gewesen.Salomon Weinberg: Gärtnerische Ausbildung. S. 35–36. Weinberg, der selber eine Gärtnerlehre in Ahlem absolviert hatte und der Einrichtung kritisch, aber nicht ablehnend gegenüberstand, skizzierte anschließend seine Vorstellungen einer zionistischen Ansprüchen genügenden Gärtnerlehre, sieht für deren Verwirklichung aber offenbar keine Chance in Ahlem, sondern meint stattdessen: „In Halbe wäre z. B. die Grundlage vorhanden, auf der ein solcher Plan zur Verwirklichung gebracht werden könnte.“Salomon Weinberg: Gärtnerische Ausbildung. S. 37. Worauf sich diese Hoffnung auf die ein Jahr zuvor gegründete Einrichtung stützt, führte Weinberg nicht aus.

Die Siedlungsgenossenschaft Als Folge des Ersten Weltkriegs sei die Gefahr der Proletarisierung großer Teile des Mittelstands und der freien Berufe gewachsen und so auch der Ruf nach einer Berufsumschichtung der Juden immer lauter geworden. Vor diesem Hintergrund hätte sich in Berlin Salli Kirschstein (1869–1935) „energisch für die Gründung einer jüdischen Siedlungsgenossenschaft“ eingesetzt.Prospekt des Landjugendheims der Jüdischen SiedlungsgenossenschaftDas Prospekt erwähnt ebenso wie Knut Bergbauer: „Auf eigener Scholle“, S. 30, lediglich einen „S. Kirschstein-Berlin“, bei dem es sich aber vermutlich um Salli Kirschstein einen, deutschen Schriftsteller und bedeutenden Sammler jüdischer Kunst- und Kultgegenstände handelte. Mehr zu ihm: Salli Kirschstein auf encyclopedia.com Kirschstein konnte eine Anzahl Männer für seine Idee begeistern, die mit einer Einlage von jeweils 12.000 Mark das Eigenkapital für die Einrichtung aufbrachten. So ausgestattet, konnte am 19. März 1919 in Halbe ein 90 Morgen großes Terrain erworben werden,Über die Größe des Geländes gibt es verschiedene Angaben, die zwischen 70 und 90 Morgen schwanken. . Auf der Webseite des Amts Schenkenländchen ist dazu nachzulesen, dass der damalige Erwerb „aus der Konkursmasse der Halber Dampfziegel AG“ erfolgt sei und „das Ziegeleigelände nebst einem Verwaltungsgebäude und einem alten Schmiedehof“Hachschara-Stätte Halbe auf der Website „Teupitz am See / Stadtgeschichte / Amt Schenkenländchen“ umfasst habe. Integraler Bestandteil der Siedlungsgenossenschaft sollte von Beginn an ein Landjugendheim sein.Knut Bergbauer: „Auf eigener Scholle“, S. 30–31.

Träger der neuen Einrichtung war ein Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands,Zur Geschichte dieses Vereins sind umfangreiche Dokumente über die Homepages des Leo Baeck Instituts einsehbar. und das Projekt sollte „speziell der Aufsicht des zweiten Vorsitzenden des Bodenkulturvereins, dem Herrn Rittergutsbesitzer J. Brandt […] unterstellt werden“.Israelitisches Familienblatt (siehe Quellen) Bei diesem „Rittergutsbesitzer J. Brandt“ handelte es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Isaak (Jitzak) Brandt (1857–1930), den Bergbauer zu den „Unternehmern, Gutsbesitzern oder Philantropen“ zählte, denen die Gründung von Hachschara-Zentren häufig zu verdanken gewesen sei.Knut Bergbauer: „Auf eigener Scholle“, S. 42. Brandts Sohn Magnus Wolfgang (* 1893 – deportiert am 28. März 1942) war ein Schulkamerad von Walter Benjamin (Leseprobe aus Momme Brodersen: Klassenbild mit Walter Benjamin. Eine Spurensuche, Siedler, ISBN 978-3-88680-943-1), Tochter Margarete Miriam (1892–977) wurde Ärztin und Psychoanalytikerin (Ärztinnen im Kaiserreich: Margarete Miriam Brandt & Psychoanalytikerinnen. Biografisches Lexikon: Margarete Miriam Brandt (1892–1977)), die jüngere Elfriede Hanna (1900–1970) Kinderbuchautorin.

Inwieweit Brandt Halbe mit initiiert hat oder dort nur als eine Art Supervisor fungierte, ist nicht bekannt. Bei der erwähnten innerjüdischen Aufsichtsbehörde, der er vorstand, handelte es sich um den Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands, dessen Zielsetzungen Lieven Wölk wie folgt beschreibt:

Dieser Kontext weist darauf hin, dass das Projekt Halbe zum damaligen Zeitpunkt eher dem Konzept der oben erwähnten assimilatorischen Berufsumschichtung entsprach, als einer zionistischen Berufsumschichtung mit dem Ziel einer Pionierausbildung für die Landarbeit im Völkerbundsmandat für Palästina. Und auch die Grundidee des assimilatorischen Projekts, die Abwehr des Antisemitismus, musste sich in Halbe erst noch bewähren, wie Hans-Dieter Schmid unter Berufung auf das Teltower Kreisblatt vom 23. Juli 1920 berichtet:

In dem Schreiben wurden nach Schmid als Hauptziel der Genossenschaft die Berufsumschichtung der jüdischen Jugend zu Hand- und Landarbeit herausgestellt und die Einrichtung eines Landerziehungsheimes für jüdische (Waisen-)Kinder. Das alles spiele sich im Rahmen einer jüdischen Mustersiedlung – der ersten ihrer Art in Deutschland – ab, innerhalb der „junge Juden und Jüdinnen sich in ‚Form einer Arbeits- und Lebensgemeinschaft‘ im Gartenbau und in der Landwirtschaft betätigen“ würden.Hans-Dieter Schmid: Jüdische Mustersiedlung und Landerziehungsheim Halbe

Laut dem bereits erwähnten Artikel im Israelitischen Familienblatt sollten in die Kolonie vorrangig Siedler mit Vorkenntnissen im Gemüseanbau aufgenommen werden, „wobei zwischen ledigen und verheirateten Siedlern kein Unterschied gemacht werden soll“. Die Nähe zu Berlin galt als Garant für den Absatz der Produkte, eine Geflügelzucht war ebenso geplant wie die Bienenhaltung. „Auch für jüdisches Leben ist insofern schon Vorsorge getroffen, als eine dicht an der Siedlung belegene jüdische Wohlfahrtsanstalt eine kleine Synagoge besitzt und diese Anstalt selbst ebenfalls noch einer Anzahl geeigneter Siedler erschlossen werden wird.“ Doch die Anforderungen an diese Siedler waren hoch: „Nur intelligente, fleißige, bereits mit genügenden Vorkenntnissen ausgestattete Personen, deren moralische Qualitäten einwandfrei sind, werden als Pioniere […] in Betracht kommen. Hierüber wird billigerweise jeder Ansiedlungslustige den Nachweis zu erbringen haben.“

Ob die zuvor erwähnte „jüdische Wohlfahrtsanstalt“ der Nukleus für das Waisenhaus-Projekt war, ist nicht bekannt. Über dieses Projekt berichtet Schmid unter Berufung auf den Geschäftsbericht 1919/20 der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, dass in dem „Heim 25-30 ‚Knaben‘ zwischen 10 und 16 Jahren unter der Leitung eines ‚erfahrenen, landwirtschaftlich geschulten Lehrers gärtnerisch und landwirtschaftlich ausgebildet‘“ worden seien. Gerade diese Verbindung des Heims mit der jüdischen Mustersiedlung ist für Schmid dann das zentrale Argument dafür, dass es in Halbe nicht um die Auswanderung nach Palästina gegangen sei, sondern um ein „gezieltes Gegenprogramm gegen den Zionismus“.

Pioniere für Palästina Auch wenn Schmids These vom Gegenprogramm zum Zionismus für das Siedlungsprojekt zutreffen sollte, war Halbe dennoch Anfang der 1920er Jahre auch ein Ort der Vorbereitung auf die Auswanderung nach Palästina. Pilarczyks Behauptung, Halbe sei ein von Blau-Weiß-Mitgliedern geschaffenes Lehrgut für die Hachschara gewesen, dürfte allerdings in der Form auch unzutreffend sein, beziehungsweise nur für einen Nebenstrang des Siedlungs-Projekts gegolten haben.

Spätestens Anfang 1921 fand sich in Halbe eine Gruppe junger Menschen zusammen, die sich dort auf die Auswanderung nach Palästina vorbereiteten und sich mehr oder weniger erfolgreich an der Gründung mehrerer Kibuzzim in Palästina beteiligten. Dass für diesen Zweck Halbe in den Fokus von Blau-Weiß-Strategen wie Salomon Weinberg, Max Hirsch oder Ludwig Pinner geriet, dürfte einem Notstand geschuldet gewesen sein: Zu Beginn der 1920er Jahre gab es in Deutschland schlicht zu wenige Möglichkeiten für zionistische Jugendliche, sich landwirtschaftlich auszubilden. Halbe als jüdisches Siedlungsprojekt bot sich da als Möglichkeit geradezu an, wenngleich Max Hirsch die damit verbundenen Schwierigkeiten klar vor Augen standen.

Ob es diese Lernsiedlung Ende 1920, zur Zeit der Abfassung von Hirschs Bericht, überhaupt schon gab und sich in Halbe bereits Blau-Weiß-Praktikanten aufgehalten haben, ist ungewiss. Nach Bergbauer lebten und arbeiteten in Halbe „lediglich acht männliche und vier weibliche Praktikant*innen“. Das aber dürfte eine Fehlinterpretation der von Hirsch genannten Zahlen sein. Bei dem hieß es nämlich: „Die jüdische Siedlung Halbe ist im Februar 1920 gegründet worden; sie besteht aus 8 männlichen und 4 weiblichen Mitgliedern.“Max Hirsch: Die jüdische Siedlung Halbe. In: Bundesleitung der jüdischen Wanderbünde Blau-Weiss (Hrsg.): Blau-Weiss-Blätter. Führerzeitung. S. 49. Hirschs Aussage bezog sich auf die Siedlergruppe, und nicht auf eventuell vorhandene Praktikanten. Gleichwohl steht fest, dass sich 1921 Praktikanten in Halbe aufhielten, die aus dem Umfeld des Blau-Weiß und dem Kartell Jüdischer Verbindungen (K.J.V.) stammten. Einige von ihnen hatte bereits zusammen in Berlin Landwirtschaft studiert, andere wechselten von anderen Praktikantenstellen nach Halbe. Ihre Motivation, ihr Studium zu unterbrechen oder gar abzubrechen, beschrieb Siegfried Hirsch so:

Zu diesen ehemaligen Berliner Studenten gehörten:Siegfried Hirsch: Alija eines Agronomen