Pauli Murray (geboren als Anna Pauline Murray; * 20. November 1910; † 1. Juli 1985) war eine US-amerikanische Bürger- und Frauenrechtsaktivistin, Anwältin, Autorin und die erste afroamerikanische episkopale Priesterin.
Leben Kindheit alternativtext=Ein hellblaues Holzhaus, vor dem Haus eine Wiese|mini|Das Haus in Durham, in dem Pauli Murray aufwuchs Murray wurde 1910 in ihrem Elternhaus in Baltimore als viertes Kind von Agnes Murray (geborene Fitzgerald) und William Murray geboren. Ihre Mutter Agnes starb im März 1914 an einem Schlaganfall während ihrer siebten Schwangerschaft. Will, der nach einer Krankheit an einer schlechten psychischen Gesundheit litt und zu Wutausbrüchen neigte, wurde von Verwandten nicht als geeigneter Erzieher der sechs Kinder angesehen. Pauli wuchs in der Folge bei der Schwester ihrer Mutter, Pauline Fitzgerald, und ihren Großeltern in Durham, North Carolina auf. Sie besuchte die Hillside High School und verdiente ab dem Alter von acht Jahren Geld durch Putzen, Zeitungsaustragen und verschiedene Aushilfstätigkeiten in Büros, z. B. bei der Carolina Times, wo sie auch eine erste Geschichte veröffentlichen konnte. Unter ihren Vorfahren waren auch Weiße. Ihre Familie versuchte, Pauli von den schlimmsten Auswirkungen des weit verbreiteten Rassismus zu schützen. Sie selbst lief lieber, als in segregierten Bahnen zu sitzen und vermied den Besuch in Kinos. Trotzdem spürte sie den Effekt, den Rassismus auf sie und ihr Umfeld hatte:
Studium und Zeit in New York Murray absolvierte die Hillside High School mit Auszeichnung und wollte für das Studium nach New York ziehen. Weil sie ihre Ausbildung im Jim-Crow-Schulsystem der Südstaaten gemacht hatte und ihre Tante die Studiengebühren für das Barnard College nicht zahlen konnte, entschied sich Murray, am Hunter College zu studieren, das keine Studiengebühren erhob. Murray musste allerdings für die Aufnahme einen in New York erworbenen Highschool-Abschluss nachweisen, den sie an der Richmond Hill High School nachholte, während sie bei Verwandten lebte. Als sie bereit für die Einschreibung war, erfuhr sie, dass ihre Tante sie nicht mehr finanziell unterstützen konnte. Sie kehrte zurück nach Durham und arbeitete dort als Hausmeisterin, Schreibkraft und Reporterin bei der Carolina Times, um genug Geld für das Studium zu sparen. Im Sommersemester ihres ersten Studienjahres zog Murray 1929 von ihren Verwandten in ein Zimmer der YWCA in Harlem, das sie durch ihre Arbeit dort und als Kellnerin finanzierte. Nachdem durch die Wirtschaftskrise ihr Verdienst dort wegbrach, nahm sie einen Job bei einer Agentur an, die Reisen in die Sowjetunion organisierte.
Im November 1930 heiratete sie William („Billy“) Roy Wynn, erkannte aber schon während des Flitterwochenendes in einem „billigen West Side Hotel“, dass das ein Fehler war. Sie selbst sah ihre Jugend und Armut als Hauptgründe für das schnelle Scheitern der Ehe, beschrieb aber auch, dass sie der Gedanke an Sex mit Männern abstieß: „Wie kommt es, dass irgendetwas in mir anfängt zu kämpfen, wenn Männer mit mir Liebe machen wollen?“.zitiert nach Rosenberg, S. 28 Das Ehepaar trennte sich nach wenigen Wochen, die Ehe wurde 1949 auf Murrays Antrag annulliert. 1931 begann sie mit einer Reihe von Road Trips. Auf diesen Kurzreisen, meistens gemeinsam mit anderen Frauen, zog sie sich oft wie ein Pfadfinder an, und zog Freude daraus, von Fremden für einen gehalten zu werden. Nach einer Fahrt nach Kalifornien, die sie durch die Nachricht über die Krankheit ihrer Tante überstürzt abbrechen musste, entwarf sie eine neue androgyne Persona für sich und veröffentlichte einen fiktionalisierten Bericht ihrer Reise in der Anthologie Negro. Die Geschichte wurde mit uneindeutigen Angaben über das Geschlecht der Verfasserin abgedruckt, die den geschlechtsneutralen Vornamen Pauli trug. Diesen Namen verwendete sie von da an bis zum Ende ihres Lebens.
1933 schloss Murray ihr Studium am Hunter College ab und bekam eine Stelle als Verkäuferin von Abonnements für das Magazin Opportunity, die sie aber nach einem Jahr wegen der durch ihre vorangegangene Mangelernährung mitverursachten gesundheitlichen Probleme wieder aufgeben musste. Ihr Arzt verschrieb ihr Ruhe und sicherte ihr einen Platz im Camp Tera in Upstate New York, wo sie sich wie in New York mit vielen jungen Frauen vernetzen konnte. Nachdem Murray aber eine Freundschaft mit einer weißen Camp-Angestellten, Peggie Holmes, begonnen hatte, bei einem Besuch der First Lady Eleanor Roosevelt nicht aufgestanden war und die Camp-Leiterin eine Ausgabe von Das Kapital bei ihr gefunden hatte (das Murray im Jahr zuvor für einen Philosophiekurs gekauft hatte), musste sie das Camp verlassen. Nach einer Reise mit Peggie Holmes 1935 kehrte sie zurück nach New York, wo sie auf die Unterstützung der Works Progress Administration angewiesen war. In den Arbeitskämpfen von Zeitungsarbeitern radikalisierte sich Murray, die in der zweiten Hälfte der 30er-Jahre vor allem Bildungsarbeit in der Arbeiterbewegung leistete. Durch die Lektüre der zeitgenössischen Literatur über Geschlecht und Sexualität, etwa von Magnus Hirschfeld und Havelock Ellis, lernte Murray mehr über Geschlecht und setzte sich verstärkt mit ihrer eigenen Geschlechtsidentität auseinander. Murray beschrieb ihren inneren Konflikt als „invertierten geschlechtlichen Instinkt - Hosen zu tragen, einer der Männer sein zu wollen, Dinge zu tun, die die Kerle tun, es hassen, von Frauen unterworfen zu werden, außer ich liebe sie“. Sie hielt den sich gerade durchsetzenden Begriff „homosexuell“ für unpassend, um sich zu beschreiben, weil sie entgegen der Theorie, ihre Neigung sei psychologisch bedingt, davon ausging, es gebe Gründe wie möglicherweise vorhandene versteckte männliche Geschlechtsorgane. Sie fühlte sich vor allem wie ein Mann und fühlte sich nicht von homosexuellen, sondern heterosexuellen Frauen angezogen. 1937 hatte Pauli einen schweren emotionalen Zusammenbruch, in dessen Folge sie in Behandlung ging.
Bewerbung an der UNC Im Herbst 1938 bat ihre Tante Pauline sie, zurück nach Durham zu kommen, um sie zu unterstützen. Murray entschloss sich, an der bis dahin nur von Weißen besuchten University of North Carolina zu bewerben, wo einer ihrer weißen Vorfahren Kuratoriumsmitglied war. In ihrem Versuch, die Segregation der Universität aufzuheben, fühlte sie sich durch einen Beschluss des Supreme Court bekräftigt, der kurz zuvor Lloyd L. Gaines das Recht zugesprochen hatte, an der University of Missouri zu studieren. Sie erhielt kurze Zeit nach der Bewerbung eine Ablehnung mit der Begründung, dass die Universität „keine Angehörigen Ihrer Rasse“ aufnehme. Sie ging aber davon aus, dass der Brief vor dem Bekanntwerden der Supreme-Court-Entscheidung verfasst worden war, und startete eine größere, öffentlichkeitswirksame Kampagne, auf die Mitglieder der Universität mit rassistischen Drohungen antworteten. Die Debatte um die mögliche Aufnahme Murrays und die damit einhergehende Integration der Universität wurde von einer breiten Öffentlichkeit verfolgt. Die NAACP entschied sich, ihren Fall nicht vor Gericht zu bringen, weil die Erfolgschancen als gering angesehen wurde, da Murray zuvor längere Zeit nicht in North Carolina gelebt hatte und sie zudem als zu unkonventionell und potentiell als zu radikal galt.
Vorfall im Bus alternativtext=Porträtfoto von Pauli Murray. Zu sehen ist eine Schwarze Frau mit sehr kurzen Haaren, Ohrringen und einer Brille mit schwarzem Rahmen.|mini|Undatiertes Porträt von Pauli Murray Murray blieb also vorerst in New York und bot ihrer Tante an, sich in New York um zwei ihrer jungen Neffen zu kümmern. Dort versuchte sie auch weiter Ärzte zu überzeugen, ihr Testosteron zu verschreiben. Nach einem weiteren Zusammenbruch mit anschließender Hospitalisierung geriet Murray aber erneut in den Fokus der NAACP, nachdem sie auf der Busfahrt nach Durham gemeinsam mit einer Freundin, Adelene McBean, die für Schwarze vorgesehenen kaputten Sitze verlassen und sich auf für Weiße vorgesehene Sitzplätze gesetzt hatte. Nachdem sie die Anweisung des Busfahrers, sich wieder auf ihre ursprünglichen Sitzplätze zu setzen, ignorierten, rief dieser zwei Polizisten. McBean und Murray hatten sich in der Zwischenzeit entschieden, eine gewaltlose Strategie nach Vorbild Gandhis zu erproben. Nachdem die Situation eskalierte, wurden beide verhaftet und in das Gefängnis von Petersburg (Virginia) gebracht, von wo aus sie sich um rechtlichen Beistand bemühten. Die sich ergebende Möglichkeit, mit Unterstützung der NAACP das System der Rassentrennung im Staat zu bekämpfen, energetisierte Murray. Weil der Richter aber entschied, den Fall als einen Fall von „disorderly conduct“ und nicht unter den Rassentrennungsgesetzen zu behandeln, sah die NAACP keine guten Aussicht darin, den Fall durch höhere Instanzen zu bringen. Deutlich bekannter wurde ein ähnlicher Vorfall unter Beteiligung Rosa Parks', der 15 Jahre später stattfand.
Howard Law School Im Herbst 1941 begann Murray ein rechtswissenschaftliches Studium an der Howard University. Dort entwickelte Murray ein Verständnis dessen, was sie in Anlehnung an die rassistische Jim-Crow-Gesetzgebung „Jane Crow“ nannte: die Ähnlichkeit von sexistischer und rassistischer Diskriminierung und das Weiterbestehen von sexistischer Diskriminierung auch in vermeintlich antirassistischen Settings. Das Konzept gilt als eine der frühsten Formulierungen intersektionalen Denkens. In Howard nahm sie als einzige Frau in ihrem Jahrgang eine Machismo-Kultur wahr, in der sie durch ihre ausgezeichneten Leistungen als Bedrohung wahrgenommen und diskriminiert wurde. Murray versuchte auch während ihres Studiums weiter, mit Hilfe von Ärzten eine medizinische Ursache für ihre Geschlechtsdysphorie zu finden, konnte aber keine von ihr vermuteten männlichen Hormone oder Geschlechtsmerkmale finden. Ihren politischen Aktivismus setzte Murray durch Sit-Ins in Restaurants während des Studiums fort. Für ihre Strategie gewaltfreier direkter Aktion gab es zu diesem Zeitpunkt wenige Vorbilder. Die Gruppe um Murray gehörte zu den ersten, die erfolgreich die Desegregation von Restaurants durchsetzen konnten. Weil an solchen Aktionen eine größere Zahl von Menschen teilhaben konnte als an gerichtlichen Auseinandersetzungen hielt Murray sie für demokratischer als Strategien des juristischen Kampfs gegen Jim-Crow-Gesetze. Durch die unmittelbare öffentliche Wahrnehmung erfüllten die Aktionen außerdem auch eine pädagogische Funktion.
Als eine der besten Angehörigen ihres Jahrgangs, die als Auszeichnung ein Stipendium erhielt, versuchte sie 1944, ihre Studien in Harvard fortzusetzen, wo allerdings immer noch keine Frauen zum Studium zugelassen wurden. Durch den Zweiten Weltkrieg boten allerdings wenige Universitäten noch eine mit Harvard vergleichbare Jura-Ausbildung, weshalb sie sich trotzdem an der Universität bewarb. Unterstützt wurde ihre Bewerbung auch durch einen Brief von Franklin D. Roosevelt, der auf Anregung seiner Frau, die mit Murray in Korrespondenz stand, James B. Conant um ihre Aufnahme bat. Murray schrieb der Universität, sie würde für die Aufnahme gerne auch ihr Geschlecht ändern, ihr sei nur kein entsprechender Weg dazu bekannt.
Kalifornien