mini|Das Symbol einer blutigen Rose ziert das Cover der englischen Erstübersetzung. Pilgerfahrt zu den drei Schreinen von Kumano (, Mikumano Mōde) ist eine Sammlung von Kurzgeschichten des japanischen Schriftstellers Yukio Mishima, die am 30. Juli 1965 bei Shinchosha veröffentlicht wurde. Sie trägt ihren Namen durch die im selben Jahr veröffentlichte Kurzgeschichte Pilgerfahrt zu den drei Schreinen von Kumano.

Die Erzählungen umspannen zeitlich beinahe die gesamte Karriere des Autors, mit der ältesten Geschichte Die Zigarette vom Juni 1946 und der jüngsten Geschichte Pilgerfahrt zu den drei Schreinen von Kumano vom Januar 1965. Obgleich sie nicht thematisch aufeinander aufbauen, teilen sie sich das zentrale Thema: Keine Kunst aus seinem Leben zu machen, sondern sein Leben selbst zu einem Kunstwerk.

Mishima selbst lebte nach der festen Vorstellung, sein Leben als sein letztes Kunstwerk zu beenden; einer der primären Gründe für seinen ritualisierten Suizid im Jahr 1970.

1. Geschichte: Springbrunnen im Regen mini|Das dominante Symbol der Geschichte sind die Springbrunnen. Springbrunnen im Regen (, Ame no naka no funsui) ist eine im August 1963 originär veröffentlichte Kurzgeschichte.

Sie handelt von einem jungen Liebespaar, Akio und Masako. Akio trennt sich – wie vom Anfang der Beziehung an perfide geplant – von seiner Freundin, doch als diese nicht aufhört zu weinen, scheint sein Plan zu zerfallen. Um sie weiter zu erniedrigen, besucht er mit ihr drei Springbrunnen, um ihr zu zeigen, dass ihre Tränen nicht mithalten können. Zu seiner Überraschung wird aber er selbst vom Anblick der Springbrunnen in den Bann gezogen und erfährt zudem, dass Masako selbst von der Trennung nicht mitgenommen ist.

Springbrunnen im Regen ist innerhalb Japans ein eher unbekannteres Werk Mishimas, erfreut sich aber im Westen – allen voran den USA – großer Beliebtheit. Allgemeinhin wird sie als Allegorie auf Selbstkontrolle und Erwachsenwerden verstanden.

Handlung Die Geschichte beginnt mit einem jungen Mann und einer jungen Frau, die durch den Regen laufen – dies sind die beiden Protagonisten, der Mann Akio und die Frau Masako. In der ersten Szene ist Masako ununterbrochen am Weinen, weil Akio ihre Beziehung beendet hat. Nicht nur das, er ist die Beziehung sogar nur eingegangen, um diese später zu beenden. Weil das Weinen nicht aufhörte und Akio die Blicke der anderen Gäste im Teehaus unangenehm waren, verließ er dieses und Masako lief ihm hinterher, da sie keinen Regenschirm hatte. Nun befinden sich die beide also in den Straßen, bei strömendem Regen. Das Weinen Masakos hört immer noch nicht auf.

Akio beschließt, in einen öffentlichen Garten, in dem drei Springbrunnen stehen, abzubiegen. Er hofft, dass Masako dort sehen kann, dass ihre Tränen nicht mit den Springbrunnen mithalten können und dass dies ihr Weinen stoppen wird. Akio fühlt sich seltsam sicher in seiner Entscheidung.

Die beiden laufen schweigsam durch die Straßen. Akio möchte aus Stolz das Schweigen nicht brechen; er glaubt, Masako warte darauf, dass er etwas zu ihrer Beziehung sage.

Im Garten angekommen, bemerken sie, dass weit und breit niemand außer ihnen da ist. Sie setzen sich hin und Akio wird unerklärlicherweise wütend; er kann sich selbst nicht erklären, weshalb. In Rage rennt er zu den Springbrunnen, Masako folgt ihm und fragt, wo er hingeht. Akio zeigt auf die Springbrunnen und sagt: „Guck, deine Tränen können mit den Springbrunnen nicht mithalten!“

Beide schauen sich die Springbrunnen an, doch es ist Akio, der plötzlich verzaubert von ihnen ist. Fasziniert beobachtet er, wie die Wasserfontänen in die Luft stoßen. Er denkt darüber nach, wie sinnlos es ist, dass das Wasser die ganze Zeit versucht den Himmel zu erreichen, es aber natürlich nicht hinkriegt. Sein Blick richtet sich zum Himmel und er bekommt Regen in die Augen.

Sofort verschwindet das Bild der Springbrunnen aus seinem Kopf. Sie repräsentieren für ihn plötzlich nur noch endlose, sinnlose Wiederholung. Er vergisst seine vorherige Überzeugung und Wut und geht los.

Masako rennt ihm hinterher und fragt, wohin er gehe. Er entgegnet, es gehe sie nichts an und „Ich habe es dir deutlich gesagt!“; verwundert verdreht sie den Kopf und fragt „Was glaubst du denn, was du mir gesagt hast?“ Akio schaut sie entgeistert an und wiederholt seine Worte, die Beziehung beenden zu wollen. In einer normalen, unbeeindruckten Stimme sagt sie ihm, dass sie das im Teehaus gar nicht gehört habe. Schockiert und verwundert fragt Akio, wieso sie dann zu weinen begonnen hatte, und sie meint, es habe keinen Grund gegeben, die Tränen kamen einfach.

Akio gerät in Rage und möchte sie zusammenbrüllen. Er öffnet seinen Mund weit, doch stattdessen niest er. Er schaut nach oben und nimmt sich vor, vorsichtiger zu sein, damit er sich nicht erkältet.

Formalia mini|Die Erzählung spielt im Tokio der 1960er Jahre. Erzählperspektive Die Geschichte wird durch einen personalen Erzähler in Form der 3. Person geschildert. Das gesamte Geschehen wird durch Akio wahrgenommen und dementsprechend verfremdet. Da Akio unaufmerksam und uninteressiert an Masako ist, erfährt der Leser kaum etwas über sie. Die einzigen Hinweise auf ihre Gedanken und Gefühle kommen durch ihre kurzen Sprecheinlagen und selten, wenn Akio beschreibt, was sie gerade tut. Beispielsweise antwortet Masako im Moment, als Akio ihr noch einmal von der Trennung erzählt: „Wirklich? Hast du das gesagt? Ich hab dich nicht gehört.“, in einer "normalen" Stimme. Dieser Moment untergräbt alle Gefühle, die Akio durchlebt hat und dreht das Geschehen auf den Kopf.

Symbole Die Springbrunnen sind das primäre Symbol der Erzählung. Sie werden äußerst sexuell umschrieben. Die Strahlen, die „aus dem Becken Richtung Himmel“ spritzen, sind phallische Symbole und repräsentieren das männliche Genital. Die Becken, die die Springbrunnen umgeben, repräsentieren durch ihre „strahlenden Kurven“ das weibliche Genital. Akios Faszination für die Springbrunnen liegt in seiner Gleichgültigkeit gegenüber Sex. Seine Ambivalenz bezieht sich auch auf seine sexuelle Orientierung. Er beschreibt zuerst die Becken voller Wasser, aber gesteht sich ein, von ihnen „weniger mitgenommen“ zu sein als von den Strahlen. Während er die Strahlen beobachtet, gerät Akio in eine sexuelle Tagträumerei. Diese verstärkt sich weiter, als sich sein Augenmerk auf das große Becken richtet. Im Gegensatz zum Penis zeigt diese phallische Erfahrung aber einen „ewigen Nachschub.“ Das Becken hat etwas, das Akio möchte: „immerwährende Macht.“

Schauplatz Obwohl der Ort nicht genannt wird, wird anhand der Beschreibung klar, dass es sich um Tokio handelt. Indem Mishima den Stadtnamen nicht offenlegt, etabliert er, dass die Geschichte überall und in jeder Kultur passieren könnte.

Der anonyme Ort ist des Weiteren wichtig, da er Akios Isolation zu sich selbst und Anderen repräsentiert. Das Teehaus ist durch das Klirren der Teetassen, die Gäste und die Kasse laut, unangenehm und überwältigend – diese Geräusche spiegeln Akios Gefühl in dem Moment wieder. Er ist überreizt und aufgeregt, seine Beziehung zu beenden, dennoch ist er nicht so sehr mit sich im Reinen, wie er es sich einredet. Der Ort ist außerdem wichtig, da die Lautstärke der Grund ist, weshalb Masako ihn nicht hören kann.

Als die beiden das Teehaus verlassen, wechselt die Szenerie. Draußen folgt Masako Akio „leise“; er selbst läuft „schweigsam.“ Die Seitenstraßen sind leer; ergo befinden sich Akio und Masako in kompletter Isolation. Als sie den Garten erreichen, ist „keine Seele weit und breit“ zu sehen, aber „hinter dem Garten war ein großer Umzug von nassen LKW-Hauben und Busdächern in rot, weiß oder gelb.“ Akio ist sich bewusst, dass die Welt weiterläuft, aber in diesem Moment ist er kein Teil von ihr.

Themen Liebe Obwohl Akio Masako nicht liebt, ist es dennoch ein Thema, aufgrund der Liebe, die Akio ihr versprochen hat. Das Versprechen hat er nur abgegeben, um eine Beziehung mit ihr eingehen und sich dann von ihr trennen zu können. Akio hat keinen emotionalen Bezug zu Masako, doch er glaubt, sie habe einen zu ihm und dass ihre Liebe der Grund für die Tränen sei. Am Ende der Geschichte stellt sich heraus, dass auch Masako ihn nicht liebt. Mit ruhigen, unbeeindruckten Worten nimmt sie die Trennung ohne Gefühlsregung hin.

Sexualität Das Thema Sexualität zieht sich durch die Geschichte. Akio glaubt, dass mit Masako zu schlafen der Schlüssel wäre, damit sie ihn liebt und auch glaubt, dass er sie liebe. Akio verbindet also Sex und Liebe fest miteinander, obwohl er selbst nicht glaubt, in Masako verliebt zu sein. Akio ist stolz auf seine Fähigkeit, seine Sexualität zu kontrollieren und sieht sich fälschlicherweise als „frei von der Dominanz der Lust.“ Als er mit den Springbrunnen konfrontiert wird, wird die Wahrheit enthüllt: Akio ist fasziniert von dem ausgestoßenen Wasser, welches unter seiner Betrachtung eine vieldeutige sexuelle Symbolik annimmt.

Täuschung Die Kunst der Täuschung ist essentiell für Akios Plan, auch wenn er nicht gut darin ist. Er täuscht vor, in Masako verliebt zu sein, obwohl er es nicht ist; und er glaubt, Masako habe sich in ihn verliebt, doch auch das war falsch. Nicht nur täuscht er sich selbst, indem er seine sexuelle Lust unterdrückt, er täuscht sich auch, indem er sich einredet, nur von Frauen angezogen zu sein, obwohl er in Form der Springbrunnen auch fasziniert von Bildern ist, die männliche Ejakulation simulieren. Durch den größten Teil der Geschichte befindet sich Akio in einem Zustand der Selbsttäuschung. Am Ende hingegen denkt er einen natürlichen, aber banalen Gedanken: „Wenn ich nicht aufpasse, erkälte ich mich.“ Das Ende demonstriert, wie sehr Akio durch seine Selbsttäuschung bereits verdorben wurde.

Emotionale Transformation Akio durchlebt verschiedene Emotionen über den Verlauf der kurzen Erzählung:

Als er sich mit Masako im Teehaus hinsetzt, ist er aufgeregt und erfreut, die Beziehung beenden zu können. Er glaubt, dies werde ihm zu mehr Selbstbewusstsein verhelfen. Als Masako auf einmal zu weinen beginnt, schämt er sich. Er möchte von ihr weg, aber kann es nicht, da sie keinen Regenschirm hat. Als er den Plan mit den Springbrunnen entwickelt, ist er freudig erregt. Er glaubt, es sei ein schlechter Scherz auf Kosten Masakos, mit dem er sie erniedrigen kann. Als sie an den Springbrunnen ankommen, ist er plötzlich unerklärlich wütend. Er empfindet keine Freude mehr durch seinen ursprünglichen Plan. Er rennt vor Masako weg, zu den Springbrunnen, aber sie folgt ihm. Als nächstes ist Akio fasziniert und gebannt von der Bewegung des Wassers. Als dies vorbeigeht, wird er ausdruckslos. Er wandert ohne Gedanken zu Masako. Dann erfährt er, dass die Trennung gar nicht der Grund für ihre Tränen war, und ist geschockt.

Kontrolle und Selbstkontrolle Das Allerwichtigste für Akio ist Selbstkontrolle. Er sieht sich als jungen Mann mit außerordentlicher Selbstkontrolle, aber seine Handlungen zeigen das Gegenteil. Um sich zu überzeugen, dass er über Selbstkontrolle verfügt, versucht er Kontrolle über Andere zu erlangen; deshalb möchte er auch mit Masako ausgehen, um sich direkt von ihr zu trennen. Die Elemente der Erzählung – das heißt zuerst Akios Beharrlichkeit, wie knallhart er sei, selbst gegen die Hürden sexueller Lust und danach seine Faszination mit den Springbrunnen – zeigen, dass er tatsächlich kaum über Selbstkontrolle verfügt. Masakos nüchterne Reaktion zu der Trennung zeigen zusätzlich, wie wenig Kontrolle er auch über Andere hat.

Figuren Akio