Sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche in Österreich wurde bis in die 2000er Jahre hauptsächlich aufgrund einzelner Skandale in Österreich bekannt. Der Priester Joseph Seidnitzer wurde ab 1954 dreimal wegen sexueller Übergriffe rechtskräftig verurteilt. 1995 führten Missbrauchsvorwürfe gegen den Wiener Erzbischof Hans Hermann Groër zu seinem Rücktritt. 2004 trat der St. Pöltener Bischof Kurt Krenn aufgrund eines Skandals am Priesterseminar seines Bistums zurück.

Wie in Deutschland begann im Jahr 2010 eine neue Phase. Plötzlich wurden viel mehr Fälle von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche bekannt, unter anderem Missbrauchsfälle im Stift Kremsmünster. Die kirchlichen Anlaufstellen schätzten im November 2010 etwa 500 neu gemeldete Fälle von Missbrauch oder Gewalt als glaubwürdig ein, wobei die meisten der berichteten Missbrauchserfahrungen weit in der Vergangenheit lagen. Im Jahr 2010 begannen auch systematische Aufarbeitungsmaßnahmen der katholischen Kirche in Österreich und Entschädigungszahlungen an die Betroffenen.

Rechtliche Lage Das österreichische Strafgesetzbuch behandelt sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in den Paragraphen 206–208a. Die genauen rechtlichen Bestimmungen sind in den Artikeln Sexueller Missbrauch von Unmündigen und Sexueller Missbrauch von Jugendlichen zu finden.

Die Verjährungsfrist für die meisten betroffenen Straftaten beginnt in Österreich erst mit Vollendung des 28. Lebensjahres des Opfers zu laufen. Diese Regelung gilt seit Juni 2009, bereits zuvor verjährte Straftaten sind davon also nicht betroffen.Klaus Schwaighofer: Kindesmissbrauch: Abschaffung der Verjährung nicht sinnvoll diepresse.com, 23. Oktober 2011.

Bei einem schweren Missbrauch an einem Unmündigen mit Geschlechtsverkehr mit körperlichen oder seelischen Verletzungsfolgen ist Haft von fünf bis 15 Jahren möglich, was eine Verjährungsfrist von 20 Jahren nach sich zieht. Der Täter könnte also in diesem Falle strafrechtlich verfolgt werden, bis das Opfer 48 Jahre alt ist. Bei sexuellem Missbrauch mit Geschlechtsverkehr (aber ohne Verletzungen) startet die Verjährung aufgrund der Strafdrohung von ein bis zehn Jahren nach zehn, bei sexuellem Missbrauch ohne Geschlechtsverkehr aufgrund der Strafdrohung von sechs Monaten bis fünf Jahren nach fünf Jahren.Verjährungsfristen: Politische Debatte über Verlängerung nachrichten.at, 12. März 2010.

Entwicklung Joseph Seidnitzer Der österreichische Priester Joseph Seidnitzer (1920–1993) wurde in seinem Heimatland insgesamt dreimal rechtskräftig wegen verschiedener Sexualdelikte verurteilt: 1954 zu acht Monaten schweren Kerkers in der Steiermark, 1958 in Innsbruck zu einem Jahr verschärften schweren Kerkers und 1960, wegen sexueller Übergriffe im Schweizer Interlaken, wiederum in Innsbruck zu 14 Monaten Haft, nachdem er sich durch Flucht der Vollstreckung des zweiten Urteils zeitweilig entzogen hatte. 1979 wurde er vom Priesteramt suspendiert, 1991 wurde er auf Betreiben des Bischofs Paul Hnilica innerkirchlich rehabilitiert.Weihbischof Elegantis Mentor war ein Unzuchts-Priester Basler Zeitung, 19. Juli 2010.Bischof Eleganti war dabei tagblatt.ch, 28. April 2012. Die von Seidnitzer zusammen mit Gebhard Paul Maria Sigl gegründete Gemeinschaft „Werk des Heiligen Geistes“ ging in der Vereinigung Pro Deo et fratribus – Familie Mariens auf, die 1995 kirchlich anerkannt wurde.

Affäre Groër Hans Hermann Groër (1919–2003) trat als Erzbischof von Wien im September 1995 zurück, nachdem mehrere Betroffene Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen gegen ihn erhoben hatten. Die Vorwürfe wurden erst im Februar 1998 kirchlich als zutreffend bestätigt.Österreichs Bischöfe halten Vorwürfe für zutreffend: Der Vatikan untersucht die Affäre Groer berliner-zeitung.de, 3. März 1998. Nach Aussagen von Kardinal Christoph Schönborn im Jahr 2010 wollte Josef Ratzinger 1995 eine kirchliche Untersuchungskommission zur Aufklärung der Vorwürfe einsetzen, konnte sich damit aber innerhalb der Kurie nicht durchsetzen. Vor allem Kardinal Angelo Sodano soll damals ein entschiedener Gegner dieses Vorhabens gewesen sein und die Aufklärung behindert haben."Krieg im Vatikan wegen Pädophilie": Interner Streit eskaliert n-tv.de, 9. Mai 2010.

Kurz nach dem Beginn der Affäre Groër begannen im April 1995 die Vorbereitungen zu einem Kirchenvolks-Begehren, bei dem im Juni mehr als 500.000 Unterschriften für eine „grundlegende Erneuerung der Kirche Jesu“ und eine Reihe von Reformmaßnahmen gesammelt wurden. In der Folge wurde die Initiative Wir sind Kirche gegründet.Eine Chronologie der Ereignisse wir-sind-kirche.at

Affäre St. Pölten Im Jahr 2004 wurden auf dem Computer eines 27-jährigen Priesterschülers im Seminar des Bistums St. Pölten zahlreiche kinderpornografische Dateien entdeckt. Der Besitzer des Computers wurde später zu einer halbjährigen Freiheitsstrafe mit Bewährung verurteilt. Der für das Priesterseminar verantwortliche Bischof Kurt Krenn lehnte trotz öffentlichen Drucks einen Rücktritt zunächst ab.Kirchenskandal: Götterdämmerung. Die Sexaffäre in St. Pölten weitet sich aus profil.at, 27. Juli 2004.Andreas Englisch: Benedikt XVI.: Der deutsche Papst. Bertelsmann Verlag 2011, ISBN 3-570-10019-7, Auszug. Am 29. September 2004 trat er zurück.St. Pölten: Erleichterung nach Rücktritt von Bischof Krenn faz.net, 29. September 2004.

Kurz vor dem Skandal in St. Pölten hatte das dramatische Hör- und Kammerspiel Die Beichte (2003) von Felix Mitterer Diskussionen über den sexuellen Missbrauch von Kindern in Obhut der Kirche ausgelöst. Das Stück wurde mit dem ORF-Hörspielpreis und dem Prix Italia ausgezeichnet.

Entwicklungen seit 2010 Als der Missbrauchsskandal in Deutschland Ende Januar 2010 begann (Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg Berlin), blieb es in Österreich einige Wochen lang noch ruhig. Am 15. Februar wurde berichtet, dass den kirchlichen Ombudsstellen in Österreich jährlich rund 15 Fälle von sexuellem Missbrauch gemeldet werden. Ende Februar ging ein Mann aus der Steiermark an die Öffentlichkeit und beklagte schweren sexuellen Missbrauch in seiner Kindheit durch einen Benediktiner-Pater.2010 als schwarzes Jahr für katholische Kirche ORF, 8. April 2017.

Am 8. März 2010 bot Bruno Becker, Erzabt des Klosters St. Peter in Salzburg, dem Vorsitzenden der Benediktinerklöster in Österreich, Abtpräses Christian Haidinger vom Kloster Altenburg, seinen Rücktritt an. Beckers Rücktritt wurde am nächsten Tag angenommen. Becker hatte eingestanden, dass er 1969 bei einem Radausflug zum Untersberg einen damals 13-jährigen Buben missbraucht hatte. Im November 2009 hatte Becker dem Opfer 5.000 Euro angeboten; laut dem Erzbischof von Salzburg, Alois Kothgasser, war dies ein Angebot von Schmerzensgeld.Missbrauch in der Kirche: Mauer des Schweigens fällt nachrichten.at, 10. März 2010. Dasselbe Opfer behauptete in einem Interview, Ende der 1960er Jahre auch von zwei weiteren Patres des Stifts missbraucht worden zu sein. Die beiden Patres schieden 1974 und 1975 aus dem Kloster aus. Im Jahr 2005 wurden beide als Sextouristen in Marokko festgenommen, einer von ihnen wurde wegen schweren Missbrauchs an minderjährigen Marokkanern rechtskräftig verurteilt.St. Peter: Erzabt wurde vom Opfer zum Täter diepresse.com, 9. März 2010.

Seit dem Jahresanfang wurden bis zum 9. März 2010 noch drei weitere neue Fälle berichtet, also insgesamt fünf. Die Vorwürfe betrafen unter anderem das Internat eines Privatgymnasiums des Bregenzer Zisterzienser-Klosters Mehrerau in den 1980er Jahren.Katholische Kirche Österreich: Heuer bereits fünf Missbrauchsfälle bekannt nachrichten.at, 9. März 2010. Der Pater, der damals wegen Missbrauchs suspendiert und von der Schule entfernt worden war, sei für weitere Missbrauchsfälle verantwortlich. Ein 2004 gegen ihn angestrengtes Verfahren wurde wegen Verjährung eingestellt.Mehrerau: Abt um Aufarbeitung aller Missbrauchsfälle bemüht ots.at, 9. März 2010.

Am 11. März 2010 folgte ein Zeitungsbericht über Missbrauchsfälle im Stift Kremsmünster.Missbrauchs-Vorwurf gegen Patres in Kremsmünster nachrichten.at, 11. März 2010. Innerhalb eines Jahres meldeten daraufhin 45 Opfer bei der zuständigen Kommission der Diözese Linz Missbrauch am Stiftsgymnasium Kremsmünster in den 1970er bis 1990er Jahren. Sie warfen drei Patres des Stifts Kremsmünster sexuellen Missbrauch vor; weitere acht Personen, darunter drei weltliche Lehrer, wurden der körperlichen und seelischen Misshandlung bezichtigt. Von elf Verfahren stellte die Staatsanwaltschaft bis März 2011 zehn als strafrechtlich nicht relevant oder wegen Verjährung ein.Schwere Vorwürfe in ganz Österreich orf.at, 8. März 2011. Der frühere Konviktsdirektor Alfons Mandorfer wurde im April 2012 in den Laienstand zurückversetzt und im Juli 2013 vom Landesgericht Steyr unter anderem wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Unmündigen zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Er hatte die Taten in den Jahren 1973 bis 1993 an insgesamt 24 Zöglingen begangen.Zwölf Jahre Haft für ehemaligen Kremsmünster-Pater diepresse.com, 3. Juli 2013. 2013 wurden kirchenrechtliche Verfahren gegen die beiden anderen beschuldigten Patres mit disziplinarischen Maßnahmen abgeschlossen, einer von ihnen durfte sein Diakonat fünf Jahre lang nicht ausüben.Kremsmünsterer Pater darf fünf Jahre Diakonat nicht ausüben derstandard.at, 18. Dezember 2013. Das Stift zahlte 700.000 Euro an die Opfer, davon 200.000 Euro für Therapien (Stand Februar 2013).Stift Kremsmünster zahlte 700.000 Euro an Opfer derstandard.at, 11. Februar 2013. Im März 2013 wurde das Institut für Praxisforschung und Projektberatung München (IPP München) beauftragt, die Hintergründe der Missbrauchsfälle zu untersuchen.Sexualisierte, psychische und physische Gewalt im Benediktinerstift Kremsmünster ipp-muenchen.de (Projekt 2013–2015).

Laut einem Zeitungsbericht vom 16. März 2010 wurde der Diözese Graz-Seckau und dem Vatikan vorgeworfen, vielfachen Missbrauch durch einen Pfarrer vertuscht zu haben. Bereits in den 1980er Jahren soll er mehr als ein Dutzend Kinder und Jugendliche missbraucht haben. Nach ersten konkreten Vorwürfen Ende der 1990er Jahre und einer einjährigen Beurlaubung wurde der Pfarrer von Bischof Johann Weber lediglich versetzt, nachdem die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen in zwei Fällen wegen Beweismangels und Verjährung eingestellt hatte. Drei Jahre nach den ersten Ermittlungen wurde der Pfarrer erneut verdächtigt. Er soll mindestens 13 Jungen im Alter von 5 bis 18 Jahren wiederholt und teils schwer sexuell missbraucht haben. Das Verfahren wurde abermals wegen Verjährung eingestellt. Nach weiteren Interventionen von Opfern stellte der neue Bischof Egon Kapellari den Pfarrer vom Dienst frei und leitete mit Zustimmung der römischen Glaubenskongregation das erste Kirchengerichtsverfahren wegen Missbrauchs in Österreich ein. Der Pfarrer wurde schuldig gesprochen. Obwohl sich der Verfahrensleiter des Erzbischöflichen Metropolitan- und Diözesangerichts in Salzburg hinsichtlich der Verjährung im Vorhinein abgesichert hatte, hob die Glaubenskongregation 2006 das Urteil wegen Verjährung der Tatbestände wieder auf."Falter": Vatikan soll Missbrauchsfälle vertuscht haben derstandard.at, 16. März 2010.

Ende März 2010 richtete die neu gegründete kirchenkritische „Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt“ eine Telefonhotline ein. Am ersten Tag meldeten sich 50 Betroffene.