mini|Dem aus drei Wagen bestehenden automobilen Löschzug der „Berufs-Feuerwehr Hannover“, zugleich der erste auf der Welt, fuhr ab dem 19. Februar 1902 ein Fahrrad voran; Foto aus dem Feuerwehrmuseum Hannover
mini|In der Remise der Feuerwache II Am Kleinenfelde 11, heute Am Kleinen Felde 28, wurde ab 1902 der automobile Feuerlöschzug an Stelle von Pferdefuhrwerken untergestellt.
Der Hannoversche Feuerlöschzug von 1902Helmut Plath (Bearb.): Der erste automobile Feuerlöschzug, in ders.: Hannover im Wandel der Zeiten ( = Führer des Niedersächsischen Heimatmuseums der Hauptstadt Hannover, Bd. 6), Katalog zur stadtgeschichtlichen Ausstellung, 2. Auflage, Hannover: Niedersächsisches Heimatmuseum, 1958, S. 70 wurde in der Nordstadt von Hannover in Betrieb genommenFeuerwache II, Am Kleinenfelde 11, in: Verwaltungsbericht des Magistrats der Königlichen Haupt- und Residenzstadt Hannover, Hannover: Druck von August Eberlein & Co., 1908, S. 305f. und bildete 1902 mit seinen drei Fahrzeugen den ersten Automobil-Löschzug der Welt. Das 1904 gefertigte Originalmodell dieser drei Fahrzeuge im Maßstab 1 : 10 findet sich heute als Leihgabe im Historischen Museum Hannover.
Geschichte und Beschreibung
mini|links|Die mit einer Dampfmaschine betriebene „Automobil-Dampfspritze“; Ausschnitt Titelseite Über Land und Meer, Heft 46 von 1902
mini|„Automobil-Gasspritze“; Ausschnitt Titelseite Über Land und Meer, Heft 46 von 1902
Vorläufer automobiler Löschzüge waren Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich erste, damals jedoch noch einzeln eingesetzte Kraftfahrzeuge der Feuerwehr von Paris.
Dem Bau des ersten vollständigen automobilen Löschzuges in Hannover ging der Bau der hannoverschen Feuerwache II voran. Sie wurde in den Jahren 1897 bis 1900 nach Plänen des Stadt-Bauinspektors Otto Ruprecht auf dem städtischen Grundstück Am Kleinenfelde 11 errichtet, heute das denkmalgeschützte Gebäude Am Kleinen Felde 28.Gerd Weiß: Der Bereich um die Lutherkirche, in: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Baudenkmale in Niedersachsen, Stadt Hannover, Teil 1, Bd. 10.1, hrsg. von Hans-Herbert Möller, Niedersächsisches Landesverwaltungsamt - Veröffentlichungen des Instituts für Denkmalpflege, Friedr. Vieweg & Sohn, Braunschweig/Wiesbaden 1983, ISBN 3-528-06203-7, S. 106–108; sowie Nordstadt im Addendum zu Band 10.2, Verzeichnis der Baudenkmale gem. § 4 (NDSchG) (ausgenommen Baudenkmale der archäologischen Denkmalpflege) / Stand: 1. Juli 1985 / Stadt Hannover, S. 6f.
Im Jahr der Fertigstellung des Bauwerks wurde der vorher in Altona tätige Branddirektor Maximilian Reichel in gleicher Position in den Dienst der Stadt Hannover berufen.Rita Seidel (Schriftleitung), Horst Gehrken u. a. (Red.): Reichel, Carl Gustav Maximilian, in dies.: Festschrift zum 150jährigen Bestehen der Universität Hannover, Bd. 2: Catalogus Professorum. 1831–1981, hrsg. im Auftrag des Präsidenten, Stuttgart; Berlin; Köln; Mainz: Verlag W. Kohlhammer, 1981, ISBN 978-3-17-007321-0 und ISBN 3-17-007321-4, S. 246 Reichel regte an Stelle der bisher von Pferden gezogenen Feuerwehr-Fahrzeuge den Bau eines automobilen Feuerlöschzuges an. Hierfür musste er jedoch zunächst nachweisen, dass der Betrieb von automobilen Fahrzeugen „wesentlich billiger“ sein werde als der Einsatz der Fuhrwerke, bei denen vor allem die Unterhaltskosten für die Zugpferde zu Buche schlugen. Daraufhin angestellte Berechnungen ergaben bei jährlich zu veranschlagenden Summen von rund 1.200 Mark (entspricht heute ungefähr EURDiese Zahl wurde mit der Vorlage:Inflation ermittelt, ist auf volle 100 EUR gerundet und vergleicht das Jahr 1902 mit Januar .) für die Automobile gegenüber etwa 2.000 Mark (heute ungefähr EUR) für die Pferdehaltung einen Kostenvorteil von 40 Prozent. Außerdem musste Reichel beweisen, dass ein automobiler Löschzug mindestens ebenso sicher zu möglichen Brandherden gelangt wie ein mit Pferden bespannter.
Nach den Anleitungen von Maximilian Reichel und dem Brandoberingenieur Alfred Malsky wurde der dreiteilige Feuerlöschzug schließlich gebaut und nach einer Probezeitath: Im 16-Kilometer-Tempo losgerast, in: Hannoversche Allgemeine Zeitung von Sonnabend/Sonntag 31. März/1. April 1962, Zeitungsausschnitt [ohne Seitennummer] am 19. Februar 1902 in den Dienst gestellt. Gleichzeitig mit dem Bau der Automobile war der Umbau der Feuerwache umgesetzt worden. Dabei wurde beispielsweise der Pferdestall zum Schlafraum für die Mannschaft umfunktioniert.Brandschutz. Deutsche Feuerwehr-Zeitung, Nummer 5/2000, S. 433
Die in der Praxis erreichten Einsparungen an Betriebs- und Unterhaltungskosten betrugen jeweils rund 10.000 Mark in beiden ersten Betriebsjahren (1902/03 sowie 1903/04), in den beiden Folgejahren rund 8.600 Mark bzw. 7.400 Mark.
Der dreiteilige automobilie Löschzug bestand aus einer Gasspritze und einem Hydrantenwagen sowie einer Dampfspritze: Die ersten beiden Wagen wurden elektrisch durch Batterien angetrieben und erreichten eine Spitzengeschwindigkeit von 16 km/h. Eine voll aufgeladene Batterie reichte jeweils für eine Fahrstrecke von bis zu 25 km. Zur Erhöhung der Ausfallsicherheit trieben zwei Elektromotoren die Hinterräder an. Die Kraftübertragung erfolgte durch Zahnräder. Nachdem Reichel die „Spiritusheizung“ für die automobile Dampfspritze konstruiert hatte, erreichte diese Dampfmaschine eine Geschwindigkeit von 20 km/h. Hierfür musste der Dampfkessel zunächst mit einem Gemisch von Kohlensäure und Spiritus vorgeheizt und anschließend das Feuer mit Briketts und Torfkoks unterhalten werden.
Laut Dienstvorschrift hatte zur Sicherung des Straßenverkehrs zudem ein Radfahrer dem Löschzug vorauszufahren.
Der hannoversche Feuerlöschzug wurde rasch internationaler Anziehungspunkt für „Fachleute aus allen Erdteilen“: In den erhaltenen Besucherlisten finden sich beispielsweise Namenszüge aus New York, Tokio, Lodz und Christiania. Mehr als ein Dutzend Mal finden sich Unterschriften von Gästen aus dem russischen Zarenreich wie etwa „Graf Zupoff oder Litwinnoff“; eine unleserliche Unterschrift ist mit dem Zusatz „vom Sultan“ versehen.
Die positiven Erfahrungen aus Hannover waren ein wesentlicher Grund für den Beschluss des Wiener Stadtrates im Januar 1905 zur Abschaffung der Pferdebespannung und Einführung von Automobilen bei der Feuerwehr. Aufgrund des im Vergleich zu Hannover weniger ebenen Terrains waren vorher eingehende Studien erforderlich. Die Inbetriebnahme des ersten kompletten motorisierten Löschzuges konnte noch im Sommer 1905 erfolgen.
Schließlich wurde der Löschzug genauestens im Maßstab 1 : 10 modelliertDazu hieß es: „Modell angefertigt von Heinrich Henke. 1904 (Leihgabe der Feuerwehr) Maßstab 1 : 10“, in Helmut Plath (Bearb.): Der erste automobile Feuerlöschzug, in ders.: Hannover im Wandel der Zeiten ( = Führer des Niedersächsischen Heimatmuseums der Hauptstadt Hannover, Bd. 6), Katalog zur stadtgeschichtlichen Ausstellung, 2. Auflage, Hannover: Niedersächsisches Heimatmuseum, 1958, S. 70 und 1904 auf der Weltausstellung 1904 in St. Louis gezeigt. Die Exponate wurden dort mit der Goldenen Medaille ausgezeichnet.Helmut Plath: Verkehr. Technik. Industrie, in ders.: Vom Biedermeier zum Jugendstil. Kultur, Technik, Hausrat, Mode. Ausstellungsführer ( = Führer des Niedersächsischen Heimatmuseums der Hauptstadt Hannover, Bd. 4), Hannover: Niedersächsisches Heimatmuseum, 1956, S. 7ff.; hier: S. 8. Tatsächlich war Hauptbrandmeister Otto Henke laut einem Zeitungsartikel von 1962 jedoch erst 38 Jahre im Dienst, 1962 aber Verantwortlicher der Feuerwache II.; vergleiche ath: Im 16-Kilometer-Tempo losgerast, in: Hannoversche Allgemeine Zeitung von Sonnabend/Sonntag 31. März/1. April 1962, Zeitungsausschnitt [ohne Seitennummer] Sowohl die Modelle als auch die Goldmedaille blieben erhalten und wurden vielfach auf anderen Ausstellungen präsentiert.
Literatur Heinz Krieger: Der erste komplette Automobillöschzug mit Spiritusheizung der Dampfspritze. In: Über Land und Meer, 88. Jahrgang 1902, Heft 46, Titelseite. (Digitalisat der University of Michigan) Maximilian Reichel: Der Automobil-Löschzug der Berufsfeuerwehr Hannover. Verlag von Julius Springer, Berlin 1903. Maximilian Reichel: Dampffeuerspritze. Bericht über das Ergebnis des zweiten Betriebsjahres des Automobil-Löschzuges der Berufs-Feuerwehr Hannover. In: Der Motorwagen, Zeitschrift für Automobilen-Industrie und Motorenbau, Organ der Automobiltechnischen Gesellschaft, , 6. Jahrgang 1904, Heft 8, S. 100–101.
Weblinks
Anmerkungen
Einzelnachweise
Kategorie:Feuerwehr Hannover Kategorie:Feuerwehrgeschichte (Deutschland) Kategorie:Automobilgeschichte Kategorie:1900er Kategorie:Nordstadt (Hannover) Kategorie:Feuerwehrfahrzeug in Deutschland Kategorie:Hannover im 20. Jahrhundert