Das Gelübde ist eine von E. T. A. Hoffmann verfasste Erzählung (den Begriff Novelle verwendete er nicht). Sie erschien erstmals 1817 und gehört zu den weniger bekannten Werken des spätromantischen Autors.

Inhalt Die Erzählung spielt während des polnischen Unabhängigkeitskampfes, 20 Jahre nach der ersten Teilung Polens, etwa 1792. Dem Bürgermeister des kleinen polnischen Grenzstädtchens L. wird im Auftrag des Fürsten Z. eine verschleierte schwangere Nonne namens Cölestine anvertraut. Nach der Niederkunft fühlt sich die Familie des Bürgermeisters mit ihren beiden Gästen emotional verbunden, der endgültigen Vertrautheit steht aber die geheimnisvolle Dauer-Verhüllung im Wege.

Einige Monate später stürmt ein Offizier der französischen Jägergarde ins Haus, um das Baby zu entführen. Im Ringen um den Knaben wird Cölestines Schleier heruntergerissen. Eine totenblasse enganliegende Maske kommt zum Vorschein. Nach gegenseitigen Verwünschungen stellt sich der Bürgermeister dem Eindringling in den Weg, woraufhin der Offizier sich als der Kindsvater ausgibt und mit dem Säugling im Arm entweicht. Als kurz darauf Fürst Z. und die Äbtissin eintreffen, nehmen sie die Entführung als Faktum hin und holen nur die unter Schock stehende Cölestine ab. Als Nächstes sorgt ein ungewöhnlich feierliches Begräbnis im Zisterzienserkloster für Gesprächsstoff. Es geht das Gerücht um, es habe sich bei der Toten um die Gräfin Hermenegilda von C. gehandelt, von der gesagt wurde, sie weile in Begleitung ihrer Tante, der Fürstin von Z., in Italien. Eine Rückblende erzählt nun die Geschichte von Hermenegilda und Stanislaus und wie es zu einem Gelübde kam: Auf des Grafen Nepumuk von C.s Stammgut fanden vor dem Kościuszko-Aufstand patriotische Treffen statt. Daran beteiligten sich auch die blutjunge Tochter des Gastgebers, Hermenegilda, und der 20-jährige Graf Stanislaus von R. mit politischem Durchblick und strategischer Weitsicht. Aus ihrer Seelenverwandtschaft erwuchs ein Heiratsversprechen. Der nach schwerer Kriegsverwundung und nur durch den Gedanken an die Geliebte den Lebensmut behaltende Stanislaus wurde bei seiner Heimkehr von Hermenegilda geschmäht. Sie wollte ihn erst heiraten, wenn das polnische Vaterland befreit sei. Daraufhin trat der junge Graf in französische Kriegsdienste ein. Heldenberichte von Stanislaus’ ehemaligen Kampfgefährten rührten Hermenegildas Herz von Neuem, sodass sie Schlaflosigkeit und Schuldgefühle plagten. Hermenegilda steigerte sich allmählich in einen Wahn hinein. Als Stanislaus’ etwas jüngerer Vetter und Heeresdienstbegleiter, Xaver, auf Genesungsurlaub das Gut besuchte, glaubte sie Stanislaus vor sich zu haben. Xaver klärte die Verwechslung auf und wurde zum täglichen Berichterstatter von Gefechtssituationen und Überbringer von Liebesbekundungen, die er immer weiter ausschmückte, da er selbst von der Liebe zu Hermenegilda ergriffen worden war. Graf Nepumuk von C. beobachtete wohlwollend die durch die Gesellschaft des Jünglings einhergehende Geistesaufhellung seiner Tochter und zugleich die Aussicht auf einen neuen Schwiegersohn in spe. Doch in einem Anflug von Scham und Reue reiste Xaver überstürzt ab.

Eines Tages schilderte Hermenegilda wie sie mitten auf dem Schlachtfeld Stanislaus geehelicht und dieser unmittelbar danach gefallen sei, weshalb sie fortan als trauernde Witwe leben wolle. Tatsächlich hatte sie sich im entlegenen Gartenpavillon aufgehalten. Der Bericht wurde als Vision und damit als Verschlimmerung ihres Geisteszustandes angesehen. Die Vertraute Fürstin Z. erkannte bald, dass Hermenegilda in anderen Umständen war. Sie schlug den Herren vor, der zu erwartenden Nachreden wegen, mit ihr zu verreisen. Kaum war das weitere Vorgehen beschlossen, platzte Graf Xaver mit der Todesnachricht von Stanislaus herein. Die Fürstin Z. errechnete, dass der Todeszeitpunkt mit den Angaben Hermenegildas übereinstimmte. Xaver warb vergeblich um Hermenegildas Hand und offenbarte dabei, dass er die an jenem Tage eine Heiratszeremonie Halluzinierende geschwängert habe. Die Getäuschte durchlebte nach dem Bekenntnis ein Befindlichkeitschaos zwischen „dumpfem Wahnsinn“, „wilder Raserei“ und lichten Momenten. Der gemeinsam verfasste Plan lautete, dass Hermenegilda ins Kloster überstellt werden sollte, während Fürstin Z. den Anschein geben sollte, sich mit ihr in Italien aufzuhalten. Tatsächlich sollte Hermenegilda ihr Kind im Haus des befreundeten Bürgermeisters gebären. Das Gelübde Hermenegildas, die beabsichtigte lebenslange Trauer und Buße, wurde äußerlich durch die düstere Verschleierung und die bleiche Maske demonstriert. An dieser Stelle wird die eingangs begonnene Handlung fortgesetzt. Der Kindsentführer ist als Graf Xaver von R. identifiziert. Das geraubte Kind stirbt auf dem Weg zu einer Pflegemutter, woraufhin Xaver spurlos verschwindet. Man nimmt an, er habe Selbstmord begangen, tatsächlich aber wird er einige Jahre später zufällig in einem Klostergarten bei Neapel angetroffen und angesprochen. Erschrocken sein Gesicht verhüllend stürzt der Mönch davon.

Entstehung Für die Entstehung der Erzählung gibt die Forschung einen Zeitrahmen von „Ende 1816 bis Sommer 1817“ an.Steinecke, S. 1022. Hoffmann soll laut Julius Eduard Hitzig, der direkt nach Hoffmanns Tod dessen Biografie schrieb, von seiner Frau Michalina inspiriert worden sein, die eine ähnliche Begebenheit aus ihrer Vaterstadt Posen berichtet hatte. Hoffmann verwob die äußere Handlung mit dem damals aktuellen „romantischen Medizindiskurs“. Er hatte nachweislich die Veröffentlichungen von Johann Christian Reil, Gotthilf Heinrich Schubert und Carl Alexander Ferdinand Kluge gelesen und Kontakte zu praktizierenden Anhängern dieser Richtung, die unter den Begriffen „Animalischer Magnetismus“ oder „Mesmerismus“ geläufig war, gepflegt.Ferro Milone, S. 63.Popp, S. 24 ff. Er vollzog dergestalt mit dieser und ähnlichen Geschichten eine „Poetisierung der Medizin“.Ferro Milone, S. 68.Popp, S. 8. Die Erzählung wurde als vorletzte innerhalb des 1817 erschienenen zweiten Teilbands des Erzählzykluses Nachtstücke von der Realschulbuchhandlung/Reimersche Buchhandlung in Berlin erstgedruckt.

Struktur Es gibt darin drei Zeitebenen, was „anachronisches Erzählen“ genannt wird. Diese Erzählform benutzt Hoffmann des Öfteren.Steinecke, S. 1023. In einem ersten Abschnitt wird der Leser mit geheimnisvollen Ereignissen und schauerlichen Details konfrontiert. Ein etwas längerer Folgeabschnitt klärt über die Vorgeschichte auf, ehe eine kurze „Jahre-später“-Episode die Erzählung abschließt. Die zentrale Pavillon-Szene wird aus drei Perspektiven geschildert. Zuerst aus Sicht der Kranken, die das pure subjektive Erleben ist. Dann aus Sicht der Tante, die einen verzweifelten Klärungsversuch darstellt. Und schließlich aus Sicht des Täters, die rational und objektiv ausfällt.Popp, S. 16. Es besteht eine Ähnlichkeit mit medizinischen Fallgeschichten. Die Beschreibungen wirken streckenweise wie ein mit Befunden und Hypothesen angereichertes Protokoll.

Wiederkehrende Motive Im Gesamtwerk Hoffmanns treten verschiedene Motive immer wieder auf. In der vorliegenden Erzählung sind dies die Motive „Puppenmensch“, „Doppelgänger“, „Wahnsinn“, „Ferngefühl“ und „Machtmissbrauch“.

Puppenmensch Künstliche, oft mechanische, Menschen oder lebendig werdende Figuren gehören bei Hoffmann gleichsam zum Repertoire. Bekanntestes Beispiel ist Olimpia im Sandmann. Aber es gibt auch Personen aus Fleisch und Blut, die in eine puppenartige Haltung verfallen. Prinzessin Hedwiga in den Lebensansichten des Katers Murr widerfährt solches.Popp, S. 12 f. Das selbstbestimmte Auftreten ist plötzlich einer Fremdführung gewichen. „Prinz Ignatius kann mit ihr spielen wie mit einer Puppe“, fasst es Klaus Deterding zusammen. Im Gelübde ist Hermenegilda, nachdem ihr das Kind entrissen wurde, wie paralysiert, denn „gleich einer Statue mit herabhängenden Armen lautlos stehend“ (293), lässt sie sich willenlos aus dem Haus führen. Hoffmann verwendet für Objekte, denen man nicht genau anmerkt, ob sie natürliche Lebewesen sind oder konstruierte Maschinen auch manchmal den Begriff „Automat“. Auf Hermenegilda, die inzwischen einen Ordensnamen trägt, bezogen schreibt er: „Cölestine war in einem automatähnlichen Zustand gesunken […].“ (293) Sowohl Hedwiga als auch Hermenegilda/Cölestine hatten ein traumatisches Erlebnis, das sie in diesen Zustand versetzte.Popp, S. 13. Während Hedwiga daraus wieder erwacht, verläuft die psychische Erkrankung bei Hermenegilda schon bald tödlich.

Doppelgänger Stanislaus und Xaver sind keine echten Doppelgänger wie zum Beispiel Giglio Fava und Prinz Cornelio Chiapperi in Prinzessin Brambilla, aber sich aufgrund ihres Verwandtschaftsgrades sehr ähnlich,Popp, S. 13 f. also eher mit Medardus und seinen verborgenen Blutsverwandten aus den Elixieren des Teufels vergleichbar. Was Xaver zum Doppelgänger von Stanislaus macht, ist – im Zusammenwirken mit der Ähnlichkeit – das überbordende Wunschdenken der von Gewissensbissen geplagten Hermenegilda. Im Gegensatz zu den genannten Beispielen aus Brambilla und den Elixieren, treffen die beiden Gleichausschauenden nicht innerhalb der Handlung aufeinander. Somit besteht wiederum eine Übereinstimmung mit Professor X aus Die Automate, der an zwei Orten zur selben Zeit gesehen wurde, wofür Hoffmann keine Erklärung gibt. Hermenegilda, lässt Hoffmann den Leser wissen, verschmilzt dagegen in ihrer Halluzination einfach zwei Geschehen, das auf dem Schlachtfeld mit Stanislaus und das im Gartenpavillon mit dem eingetretenen Xaver, miteinander.

Wahnsinn Hoffmann verwendet in seinen Geschichten kein Krankheitsbild häufiger und facettenreicher als den Wahnsinn.Popp, S. 53. Im gesamten Erzählzyklus Die Serapions-Brüder ist der Wahnsinn das beherrschende Thema. Unter den von der seelischen Erkrankung Betroffenen ist Nathanael, Protagonist eines anderen Nachtstückes (aus dem ersten Teil), das den Titel Der Sandmann trägt, der vielleicht bekannteste. Im Öden Haus basiert die Geisteskrankheit der Gräfin Angelika auf der Vorenthaltung ihres unter mysteriösen Umständen gezeugten Kindes. Die Ursache ist bei Hermenegilda zwar eine andere, eine Parallele ergibt sich dennoch, denn auch bei der Zeugung ihres Kindes waren fremde Kräfte und Mächte im Spiel. Der Kindsraub setzt ihr dann nochmals zu und führt zu einer Verschlimmerung ihres Zustandes, dessen Endstadium den Tod bedeutet.

Ferngefühl