Das Kloster Lützel (französisch Abbaye de Lucelle) war eine Abtei der Zisterzienser. Es wurde 1123 oder 1124 gestiftet und 1792 aufgehoben. Das ehemalige Klostergelände liegt heute in Frankreich, in der Gemeinde Lucelle im äussersten Süden des Elsass, direkt an der Grenze zur Schweiz; ein kleinerer Teil des Geländes mit Nebengebäuden gehörte bis 1757 zum Fürstbistum Basel. Der Standort der Abtei liegt im Norden des Juragebirges, im Tal der Lützel, hart an der Wasserscheide zwischen Rhein und Rhône. Es ist nicht zu verwechseln mit dem nahe gelegenen Kloster der Zisterzienserinnen in Kleinlützel (Klösterli).
Name Der Name geht auf das althochdeutsche Adjektiv luz(z)il – „klein“ zurück, mittelhochdeutsch lützel (vgl. niederdt. lütt und englisch little).Elmar Seebold, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin u. a. 1999, S. 529. Der Abt Bernardin Buchinger führte den Namen auf die lateinischen Wörter lucis und cella zurück, mit der Bedeutung Kloster des Lichts, diese Interpretation hat sich nicht durchgesetzt.
Der Klostername stammt vom Namen des vergleichsweise kleinen Flusses, an dem Lützel gestiftet wurde. Folgende Namensversionen werden bezüglich der Abtei unter anderem genannt:Chèvre 1982, S. 290. Le Haut-Rhin 1981, S. 822. Bei Widersprüchen wurde Chèvre der Vorzug gegeben. Lucela (1136), Lucelan (1194), Lucelach (1236), Lutzela (1258), Lùtzel (1316), Lucellain (1670), Lucelant (17. Jh.), Luciscella (17. Jh., frei erfunden, bedeutet «Zelle des Lichts»). Zur Unterscheidung vom nahegelegenen Kleinlützel findet sich in manchen Quellen der Ausdruck Grosslützel.
Nachbargemeinden Heute grenzen die Gemarkungen folgender Gemeinden an das ehemalige Klosterterritorium: in der Schweiz: La Baroche (Altgemeinden Charmoille JU und Pleujouse), Bourrignon, Pleigne, Movelier (Pleigne und Movelier bildeten zu Klosterzeiten eine Gemeinde), Ederswiler und Roggenburg BL in Frankreich: Kiffis, Ligsdorf, Winkel und Oberlarg.
Geographie miniatur|Der durch Hecken angezeigte frühere Standort von Gebäuden des Klosters Lützel
Lützel befindet sich im Faltenjura, einer gebirgigen Abfolge von Mulden (Synklinalen) und Satteln bzw. Ketten (Antiklinalen). Lützel liegt auf dem Talboden eines schwach erodierten Synklinale-Tals auf etwa 600 Höhenmeter. Die Lützeler Synklinale wird von der Lützel durchflossen. Direkt nördlich dieser Synklinale verläuft die Antiklinale der Glaserberg-Kette, der nördlich des Lützeltals liegende Glaserberg selbst erreicht bis zu 816 m. Die nächste Hauptantiklinale im Süden liegt mit der Les Rangiers-Kette (bis zu 995 m) etwas entfernter und begrenzt die Synklinale des Beckens von Delémont.Vgl. Le Haut-Rhin 1981, S. 821.
Von Westen her rücken die jüngeren Täler der Ajoie, des Rhône-Systems, ganz nah an Lützel und das ältere Lützeltal heran. Direkt bei Lützel, noch vor Scholis, liegt an der Strasse nach Charmoille und Winkel die etwa 50 Meter höher gelegene Passhöhe (648 m), über die die Wasserscheide zwischen Rhein und Rhône zieht, etwa 2,5 Kilometer weiter nördlich liegt die Pass nach Winkel (707 m), über den die Wasserscheide zur Ill verläuft. Direkt nördlich des Glaserbergs liegen die Quellen von Ill und Larg, die Quellen der Lützel liegen südlich, um Bourrignon.Landeskarte der Schweiz, Blätter 1065, 1066, 1085 und 1086.
Das Abteigelände befindet sich in einer kleinen Talweitung, die sich zwischen einer Klus im Süden und dem wieder enger werdenden Tal im Osten erstreckt. Hier schwenkt die Lützel von Nord nach Ost. Zu allen Seiten hin erstrecken sich Hänge, die zum Zeitpunkt der Klostergründung bis weit auf die nord- und südöstlichen Hochflächen hinauf bewaldet waren.
Man kann in der Lützeler Region also vier Landschaften voneinander abgrenzen: das Lützeltal zwischen Bourrignon über Lützel nach Laufen im Süden und Südosten das Bergland zwischen Lützeltal und Les-Rangiers-Kette, mit Nachbargemeinden wie Bourrignon, Pleigne und Ederswiler im Norden und Nordwesten die Glaserberg-Kette mit ihrem Umland, mit Nachbargemeinden wie Winkel, Oberlarg und Kiffis im Westen die östliche Ajoie mit den Altgemeinden Charmoille und Pleujouse
Das Klima Lützels ist sehr rau. Es ist gekennzeichnet durch hohen Niederschlag, überdurchschnittlich viele Schneetage, häufige Gewitter und Herbstfröste. Die umgebenden Ebenen sind trocken (Kalkstein) und windreich.Vgl. Le Haut-Rhin 1981, S. 822.
Geschichte Hauptartikel: Geschichte des Klosters Lützel, dort auch die Belege zu den hier aufgeführten Angaben
miniatur|links|Erhaltenes Klostergebäude auf französischer Seite (eventuell das ehemalige Fremdenhaus), heute «Centre Europeen de Rencontres Lucelle» (CERL) Im 12. Jahrhundert erhielten die aus der Freigrafschaft Burgund stammenden Grafen von Montfaucon (Falkenberg) Land in der Gegend des späteren Lützel und nahmen es vom Bistum Basel zu Lehen. 1124 stifteten die Grafenbrüder Hugues, Amadée und Richard von Montfaucon das Kloster Lützel. Richard von Montfaucon hatte 1119 durch Stiftungen bereits an der Gründung des Zisterzienserklosters Bellevaux in der Franche-Comté mitgewirkt. Von dort kamen der erste Abt und die ersten Mönche, so dass Lützel zum ersten Tochterkloster von Bellevaux wurde, das wiederum von Morimond abstammte, einer der vier Primarabteien des Ordens. Lützel befand sich zur Zeit der Gründung im Einflussbereich der Grafschaft Pfirt, in der es eine relative Selbstständigkeit genoss.
Lützel gründete sieben weitere Zisterzienserklöster. Die Filiationen erfolgten alle im 12. Jahrhundert und liegen meist im westoberdeutschen Raum. Die ersten sechs Filiationen erfolgten innerhalb kurzer Zeit zwischen 1128 und 1138, die siebte und letzte 1195 (siehe Kapitel Filiationen).
Sowohl im 12. als auch den nachfolgenden Jahrhunderten erfolgte der Ausbau und die Sicherung von zahlreichen Rechten und Besitzungen (Herrschaftsrechte, Güter, Nutzungsrechte, Pfarreien, Nonnenkonvente) sowohl im unmittelbar umgebenden Territorium als auch in anderen Orten (vgl. Kapitel Rechte und Besitzungen). Dieser Prozess war begleitet von Konflikten mit konkurrierenden Gemeinden und Adelsherrschaften. Der Besitz wurde in Grangien gegliedert und unter anderem von Prioraten aus verwaltet. In der Umgebung von Lützel erfolgte der Aufbau eines eigenen Territoriums, in dem einige Höfe gegründet wurden (Scholis, Oberlümschwiler, Courtine de Lucelle / Pleenhof u. a.).
Zwischen 1270 und 1278 fielen die Ajoie (Vogtei Porrentruy) und der bis dahin pfirtische Sornegau (Herrschaft Delémont) an das Fürstbistum Basel, dabei erfolgte vielleicht 1271 die Festlegung der Lützel als Grenzfluss zwischen dem Fürstbistum Basel (Herrschaft Delémont) im Süden und der Grafschaft Pfirt im Norden. Damit erfolgte die Zerschneidung nicht nur des umgebenden Klosterterritoriums, sondern sogar des befestigten Klosterbezirks selbst in zwei Teile. Die klösterlichen Hauptgebäude kamen jedoch geschlossen im Pfirtischen zu liegen. 1324 fiel Pfirt an Habsburg und Lützel wurde damit landsässiges Kloster Vorderösterreichs.
miniatur|Ehemaliges Klostergebäude auf französischer Seite (eventuell die ehemalige Kellerei) 1526 erwarb das Kloster das benachbarte Territorium Löwenburg und verdoppelte damit sein unmittelbares Herrschaftsgebiet. Im Streit mit dem Fürstbistum um landesherrliche Rechte im Territorium Löwenburg konnte sich der Bischof durchsetzen. Die beginnende Frühindustrialisierung brachte Eisenverhüttung und Köhlerei in das kleine Klosterterritorium.
1624 erfolgte der Beitritt Lützels zur mitbegründeten Oberdeutschen Zisterzienserkongregation. Als Folge des Dreissigjährigen Krieges war Lützel 1632–1657 verlassen. Löwenburg lag im Gegensatz zum Abteigelände im eidgenössischen Hilfskreis (das Fürstbistum war Zugewandter Ort der Eidgenossenschaft) und bildete daher einen wichtigen Zufluchtsort.
1648 fielen die habsburgischen Gebiete des Elsass an Frankreich, Lützel wurde damit königlich-französische Abtei. 1681 wurde festgestellt, dass die Lützel auch im Löwenburger Teilterritorium Grenze zwischen dem Fürstbistum und Frankreich sein solle. Nach dem Grossbrand von 1699 wurde von 1703 bis 1730 eine neue Abtei gebaut und die stehengebliebene gotische Abteikirche barockisiert.
Im 17. und 18. Jahrhundert wurden wieder Rodungen durchgeführt und mehrere neue Höfe und Mühlen gegründet: die Mühle Baderschwiler (Bavelier), der Hof Hinterschloss (Derrie-le-Tchété), die Mühle St. Peter (Moulin Neuf, Neumühle), der Hof Breitkopf (Gross-Kohlberg) sowie die drei heute verschwundenen Höfe Scharzhof, Neuneich und Junker-Hanskopf (Graben). Ausserdem folgten neue Manufakturen, nämlich Glashütten, Eisenhütten, eine Giesserei, eine Ziegelei und eine Gerberei.
Nach der Annäherung zwischen dem Fürstbistum und Frankreich wurde die Grenze zwischen beiden Staaten 1757 im Bereich des befestigten Klosterbezirks vom Lützelfluss auf die Klostermauern verlegt. Der Klosterbezirk lag nun ganz in Frankreich.
Nach Beginn der Französischen Revolution wurden die Besitztümer der Abtei Lützel 1789 beschlagnahmt und zu nationalem Eigentum erklärt, 1791 verkauft. Die Klostergemeinschaft und das Klosterleben bestanden fort, jedoch stark beeinträchtigt. Im Herbst 1792 wurde das Kloster geschlossen, und am 2. Oktober 1792 wurden der Abt und die letzten Mönche aus Lützel verwiesen.Chèvre 1982, S. 292. Le Haut-Rhin 1981, S. 824 (dort steht 1793, vielleicht ein Druck- oder Übertragungsfehler). Stintzi 1961, S. 28.
Noch im selben Monat begann die Versteigerung der beweglichen Gegenstände. 1801 wurden die Klostergebäude verkauft. Die Kirche und andere Gebäude wurden abgetragen, aus ihren Steinen wurden vor Ort Fabriken errichtet. Der französische Nordteil des Klosterterritoriums wurde Gebiet der neuen Gemeinde Lucelle, der 1815 zur Schweiz gekommene Südteil wurde auf die Gemeinden Pleigne, Bourrignon und Charmoille JU verteilt.
Die Gemeinde Lucelle war bis etwa 1860 ein wichtiger Lieferant von Eisen für die französische Waffenproduktion. 1883 wurden die letzten verbliebenen Produktionsstätten geschlossen, später abgetragen. Holzhandel, und Beherbergungswesen begannen zu dominieren. 1896 erfolgte auf Schweizer Seite ein Hotelbau. Die verbliebenen Klostergebäude zerfielen.
1936 liessen sich im Hotel der Schweizer Seite Nonnen aus St. Katharina in Basel nieder, die das Gebäude als Schule nutzten und 1955 in eine Familienpension umwandelten. Auf französischer Seite begann die Mülhauser Gesellschaft «Jeunesse et Famille» 1960 mit Restaurierungsarbeiten, in deren Rahmen auch archäologische Massnahmen erfolgten. 1961 eröffnete sie ein Familienheim und ein Ferienzentrum (heute, auch dank des Einsatzes des Politikers André-Paul Weber, «Centre Europeen de Rencontres Lucelle», kurz «CERL»).
Filiationen Von Lützel gingen die Gründungen (Filiation) von sieben Zisterzienserklöstern aus. Sie erfolgten alle im 12. Jahrhundert, die ersten sechs Filiationen erfolgten zwischen 1128 und 1138, die siebte und letzte 1194 (St. Urban). Ausser zwei Ausnahmen liegen alle Filiationen im westoberdeutschen (alemannisch-schwäbischen) Raum. Diese beiden Ausnahmen liegen im nahen französischsprachigen Raum: Pairis befindet sich in einem bereits traditionell romanischen Gebiet des Elsass in den Vogesen, Lieu-Croissant liegt in der Franche-Comté. Jeweils zwei Tochterabteien befinden sich heute im Elsass und in der Schweiz, jeweils eine in Bayern, in der Franche-Comté und in Baden.
Gründungsdatum Tochterkloster Lage Bemerkungen 1131 Kloster Neubourg Elsass 1131/1138 Kloster Frienisberg Schweiz 1133 Kloster Kaisheim Bayerisch Schwaben 1134 Kloster Lieu-Croissant Franche-Comté 1134/1137 oder 1138 Kloster Salem Baden-Württemberg 1138 Kloster Pairis Elsass Wurde Anfang des 17. Jahrhunderts von Lützel übernommen.Chèvre 1982, S. 292, Anm. 7. 1194 Kloster St. Urban Schweiz
Mönche und Äbte miniatur|Erhaltener Torbogen auf dem Klostergelände