mini|Bildnis eines Samurai, der Seppuku begeht. Patriotismus (, Yūkoku) ist eine am 15. Dezember 1960 veröffentlichte Kurzgeschichte des japanischen Schriftstellers Yukio Mishima. Sie erschien ursprünglich in der Winterausgabe des Shōsetsu Chūōkōron beim Chūōkōron-Shinsha-Verlag und wurde am 30. Januar 1961 in der Kurzgeschichtensammlung Sutā zusammen mit Stern und Drei Millionen Yen bei Shinchosha wiederveröffentlicht.Takashi Inoue: Auflistung der Werke - Showa 26. Veröffentlicht in: Hideaki Sato, Takashi Inoue, Takeshi Yamanaka: Definitive Edition Yukio Mishima Complete Works Vol. 42, Yearbook / Bibliography. Shinchosha. August 2005. S. 424–427. ISBN 978-4-10-642582-0.Takashi Yamanaka: Katalog der Bücher: Inhaltsverzeichnis. 2005. S. 540–561.
Mishima wurde zu der Erzählung durch die Großdemonstrationen gegen den kontroversen Ampo-Vertrag inspiriert, welche er durch linksradikale Gruppierungen wie die Zengakuren unterlaufen sah. Sie handelt von Shinji Takeyama, einem jungen Leutnant der Kaiserlichen Japanischen Armee, der sich nach dem Putschversuch in Japan vom 26. Februar 1936 dazu genötigt fühlt, mit seiner frischen Ehefrau Reiko ritualisierten Suizid zu begehen. Sein Suizid zeigt seine Aufopferung für sein Land und seine Prinzipien – seinen Patriotismus.Yukio Mishima Nachschrift zu Patriotismus. August 1965. Veröffentlicht in: Definitive Edition Yukio Mishima Complete Works Vol. 33, Review 8. Shinchosha, August 2003. S. 414ff. ISBN 978-4-10-642573-8.
Die selbsttötende Handlung und die ihnen obliegenden Todesschmerzen werden über mehrere Seiten im feinsten Detail beschrieben. Gleichzeitig lenkt Mishima laufend das Augenmerk des Lesers auf die Schönheit des Momentes und umschreibt die brutale Handlung mit poetischer, schöner Prosa.Yukio Mishima: Der Februarputsch und ich. Veröffentlicht in: Die Stimmen der heroischen Toten. (Neuveröffentlichung). 1969. S. 107ff.Toru Matsumoto: Understanding Yukio Mishima. NHK Publishing. Juli 2010. S. 118–131. ISBN 978-4-14-910746-2.
Die Erzählung bezeichnete Mishima als seine eigene „Lieblingsgeschichte.“ Im Jahr 1966 verfilmte er diese unter demselben Namen, die Hauptrolle des Leutnants Shinji spielte er selbst. Patriotismus gewann den 2. Platz auf dem International Short Film Festival in Tours im Januar 1966. Im Jahr 2006 wurde er in die Criterion Collection aufgenommen.
Patriotismus ist Mishimas bekannteste Kurzgeschichte und gilt als Meisterwerk der Nachkriegsliteratur. Insbesondere im Hinblick auf seinen eigenen ritualisierten Suizid im Jahr 1970 ist die Erzählung bis heute regelmäßig Gegenstand von Diskussionen und Analysen.
Handlung Kapitel 1 Der namenlose Erzähler teilt dem Leser mit, dass am 28. Februar 1936, dem dritten Tag des Februarputsches, Leutnant Shinji Takeyama „sein Offiziersschwert nahm und sich zeremoniell ausweidete.“ Shinjis Ehefrau Reiko nahm sich kurz darauf auch ihr Leben. Der Grund für Shinjis Suizid ist seine Verwunderung, dass seine Freunde in der Armee eine Meuterei initiiert hatten und sich gegenseitig bekämpfen.
Shinji hinterlässt eine Notiz mit dem simplen Inhalt „Lang leben die Kaiserlichen Truppen!“ Reikos Suizidnotiz ergänzt: „Der Tag, der für die Frau eines Soldaten kommen musste, ist gekommen.“ Der Erzähler beschreibt die letzten Momente des Paares als solche, „die selbst die Götter weinen ließen“. Shinji war 31, Reiko war 23 und beide hatten vor einem halben Jahr geheiratet.
Kapitel 2 Die Erzählung springt in der Zeit zurück und beschreibt die Geschehnisse vor dem Tod der Protagonisten. Auf der Kommode im Wohnzimmer steht eine Fotografie ihrer Hochzeit: Shinji trägt seine Soldatenuniform und steht beschützend neben seiner wunderschönen Ehefrau. Nach dem Suizid des Paares werden Angehörige das Foto betrachten und sich fragen, ob „ein Fluch auf der augenscheinlich perfekten Verbindung“ lag. Der Erzähler suggeriert, dass das Ehepaar auf dem Foto in Richtung ihres baldigen Todes blickt.
Das frischverheiratete Paar findet ihr Zuhause in einem neuen Haus in Yotsuya, einem Vorort Tokios. Sie verzichteten auf ihre Flitterwochen, da sie in „Zeiten nationaler Not“ leben. In der Hochzeitsnacht sitzen Shinji und Reiko in ihrem Schlafzimmer. Shinji legt sein Schwert in den Schoß seiner Frau und gibt ihr eine „Soldatenlektion.“ Er erzählt ihr, dass die Ehefrau akzeptieren muss, dass sein Tod jederzeit eintreten kann. Er fragt sie, ob sie sich bereit fühle, dies zu akzeptieren. Reiko geht zu ihrem Schrank und zeigt ihm „das wertvollste ihrer neuesten Besitztümer“, einen Dolch, den ihre Mutter ihr schenkte. Ohne etwas zu sagen, legt sie den Dolch zu dem Schwert ihres Ehemannes. Shinji versteht und beschließt, ihre Hingabe nie mehr in Frage zu stellen.
Das Paar führt ein leidenschaftliches Sexualleben, aber selbst in ihrer Leidenschaft verfügen die Eheleute über „nüchterne und ernste“ Herzen. Wenn sie getrennt sind, denken sie aneinander. Reiko ist nicht einmal darüber verwundert, dass ein vor wenigen Monaten noch völlig fremder Mann, zur „Sonne, um die sich ihre gesamte Welt dreht“, geworden ist.
Das Ehepaar folgt den Vorschlägen der Regierung für ein harmonisches Eheleben. Reiko widerspricht ihrem Ehemann nie und dieser gibt ihr keine Vorgaben. Das Paar platziert Bilder des Kaisers und seiner Familie auf ein besonderes Regal und betet jeden Tag zu diesen. Durch die Rituale lebt das Ehepaar „unter dem festlichen Schutz der Götter“, was sie mit Freude erfüllt.
Kapitel 3 mini|Jungoffizier Yasuhide Kurihara führt die Rebellen an. Am Morgen des 26. Februar hört das Paar keine Pistolenschüsse, obwohl sie in der Nachbarschaft des Saitō Makoto leben – eines Admirals, der infolge des Februarputsches in seinem Zuhause getötet wurde. Stattdessen erwacht Shinji durch eine Signaltrompete. Er springt aus seinem Bett, legt sich Uniform und Schwert an und verlässt das Haus. Er wird erst am Nachmittag des 28. Februars zurückkehren.
Reiko erfährt von den Vorfällen im Radio. Während der zwei Tage ohne Shinji lebt sie alleine in dem Haus. Reiko vernahm Shinjis Überzeugung zu sterben, als er das Haus verließ, und beschließt, im Fall seiner Nichtrückkehr ihr eigenes Leben zu nehmen. Sie nimmt vorbereitende Handlungen vor, indem sie ihre liebsten Kleider für ihre Schulfreunde aussortiert. Beim Aussortieren kleiner chinesischer Holzfiguren schaut sie mit voller Konzentration auf ein Eichhörnchen und ihre Gedanken schweifen zu die „großartigen, sonnenartigen Prinzipien, die ihr Ehemann verkörpert.“ Sie fühlt, dass sie bereit und glücklich ist, ihre Selbstzerstörung im „schimmernden Sonnenwagen“ zu vollführen. Bis dahin schwelgt sie aber noch in Erinnerungen an ihre Kindheit, als sie mit den Holzfiguren spielte.
Reiko hört die Namen der Freunde ihres Ehemannes im Radio. Sie hört gespannt zu, als der Radiosprecher eine Bewegung „zur Wiederherstellung der Ehre der Nation“ als Meuterei bezeichnet. Am Nachmittag des 28. Februar hört Reiko ein lautes Klopfen an ihrer Tür. Als sie die Tür entriegelt, steht ihr Shinji gegenüber. Sie möchte ihn küssen, aber Shinji läuft blass und ziellos an ihr vorbei.
Nach einiger Zeit fängt Shinji an zu sprechen. Er erzählt Reiko, dass er von dem Putsch seiner Freunde nichts gewusst hatte und diese ihn nicht vorgewarnt hatten, weil er frisch verheiratet ist. Shinji sagt, dass er am nächsten Morgen vermutlich den Befehl erhalten wird, die Soldaten gegen die putschenden Rebellen anzuführen. „Ich kann es nicht machen. Es ist unmöglich das zu machen.“, fügt er hinzu. Ihm wurde eine letzte Nacht Zuhause vor der Attacke gestattet, deswegen ist er wieder da.
Reiko versteht, dass ihr Ehemann „von seinem Tod gesprochen hatte.“ Sie weiß, dass er entschlossen ist, zu sterben. Obwohl er von einem Dilemma spricht, weiß Reiko, dass er sich schon festgesetzt hat. Nach einer längeren Pause kündigt Shinji an, dass er sich am Abend den Bauch aufschneiden wird. Reiko zuckt nicht und bittet ihn, ihm beiwohnen zu können. Shinji ist wie hypnotisiert von der Stärke in Reikos Augen. Er stimmt zu, dass beide gemeinsam Suizid begehen werden. Er muss aber als erstes sterben, damit Reiko Zeugin des Suizids wird.
Ihr Gespräch sorgt für ein plötzliches Aufkommen von Freude in den Augen des Paares. Der Erzähler erklärt, dass Shinji „keine Unregelmäßigkeiten in seinem Tod“ wollte und Reiko diesen deshalb beobachten muss. Dies zeigt Shinjis Vertrauen in Reiko, denn in einem normalen gemeinsamen Suizid würde der Ehemann seine Frau zuerst töten. Shinji aber vertraut seiner Frau, dass sie nach seinem Tod ihren eigenen durchführen wird. Beide lachen einander an und Reiko fühlt sich wie in der Nacht ihrer Hochzeit.
Reiko und Shinji reden über sein Bad und letztes Mahl. Er stimmt dem Bad zu, lehnt Essen aber ab, stattdessen bittet er um warmen Sake oder Reiswein. Während Reiko die Vorbereitungen trifft, sieht Shinji ihre aussortierten Kleider. Er ist in Ekstase über die Hingabe seiner Ehefrau und küsst ihren Nacken. Nachdem der Sake gewärmt ist, bittet Shinji Reiko im Schlafzimmer die Bettwäsche bereitzulegen.
Shinji rasiert sich, während Reiko sein Bad vorbereitet. Shinji fühlt sich wie verjüngt durch die Wärme des Badezimmers nach der „verzweifelten Ermüdung der letzten Tage.“ Shinji fühlt, dass die Lösung von ihm und Reiko diese hinter einer „undurchdringbaren Rüstung von Schönheit und Wahrheit“ schützen wird. Er bemerkt, dass sein Verlangen nach Reiko und sein Patriotismus nicht gegensätzlich, sondern zwei Teile eines großen Ganzen sind.
Shinji ist fertig mit der Rasur und trinkt den warmen Sake. Reiko, die nie zuvor Alkohol getrunken hat, nimmt einen Schluck. Shinji zieht Reiko näher an sich heran und blickt ihr tief ins Gesicht, das „letzte Gesicht, das er in dieser Welt sehen wird.“ Während Reiko selbst ihr letztes Bad nimmt, liegt Shinji auf der frischen Bettwäsche. Er fragt sich, ob ihn der Tod erwartet oder eine „wilde Ekstase der Sinne.“ Als er draußen ein Auto hört, fragt er sich, ob seine Form des Protestes – sein Suizid – überhaupt wahrgenommen werden wird. Am Ende seines Gedanken beschließt er aber, sich darum keine Sorgen zu machen. Er kämpft schließlich einen „Krieg seines Geistes“, in der es „keine Hoffnung auf Ruhm“ gibt.
Reiko betritt das Schlafzimmer und die beiden haben ein letztes Mal leidenschaftlichen Sex. Shinji legt Reiko vor sich und betrachtet ihren nackten Körper ein letztes Mal. Während er sie genau inspiziert, denkt er sich, ihr Gesicht wird ein „wirklich strahlendes Todesgesicht.“ Auch Reiko betrachtet Shinjis nackten Körper ein letztes Mal und ihr entrinnt eine Träne, die auf Shinjis Bauch fällt; der Bauch, den er später aufschneiden wird.
Kapitel 4 mini|Ein für das Seppuku-Ritual vorbereitetes Tantō. Shinji und Reiko liegen nebeneinander und lauschen der stillen Nacht. Als letzte Vorkehrungen legen sie die Bettwäsche beiseite und Shinji legt sich seine Uniform an. Beide schreiben ihre Suizidnotiz. Shinji denkt über seine länger nach und entscheidet sich für ein simples „Lang leben die kaiserlichen Truppen!“ Das Paar betet ein letztes Mal zu den Bildern der kaiserlichen Familie.
Shinji setzt sich im Schneidersitz hin und legt sein Schwert vor sich ab. Er warnt Reiko, nicht in Panik zu verfallen, wenn er den tiefen Schnitt setzen wird. Während sie ihm zustimmend zunickt, betrachtet er sie mit einer „bizarren Aufregung“, denn zuvor hatte er seiner Frau noch nie seine Taten als Soldaten gezeigt. Einen Tod vor den Augen seiner Ehefrau betrachtet Shinji als „Höhepunkt des Glücks“, da er in ihr alles symbolisiert sieht, was er liebt: „das Kaiserhaus, das Land und die Armee.“ Während Reiko Shinji tief in die Augen sieht, denkt sie sich, noch nie etwas so schönes gesehen zu haben.
Shinji sagt: „Es ist so weit“ und Reiko verbeugt sich. Shinji zieht sein Schwert aus seiner Scheide und hebt sein Hemd hoch. Er testet die Schärfe der Klinge an seinem Schenkel und sieht sein warmes Blut heruntertropfen. Dies ist das erste Mal, dass Reiko das Blut ihres Ehemannes gesehen hat.