mini|Die Nō-Maske ziert das Titelbild der 2020 erschienenen Neuübersetzung von Liebesdurst. Liebesdurst (, Ai no Kawaki) ist ein am 30. Juni 1950 veröffentlichter Liebesroman des japanischen Schriftstellers Yukio Mishima.

Liebesdurst ist Mishimas dritter langer Roman und direkter Nachfolger seines internationalen Durchbruchs Bekenntnisse einer Maske (1949). Wie auch in seinem Vorgänger behandelt der Autor zentrale, tabuisierte Themen über Obsessionen, Zwänge, Sexualität und innere Tumulte, wechselt die Perspektive aber bewusst von einem männlichen Ich-Erzähler zu einer weiblichen Protagonistin in der 3. Person.Toru Matsumoto: Understanding Yukio Mishima. NHK Publishing Co. Ltd. S. 50–62. Juli 2010. ISBN 978-4-14-910746-2.Yoshida Ken’ichi: Thirst. Bunko. 1952. S. 232–237. ISBN 4041172012.

Der Roman handelt von Etsuko, einer depressiven Frau, die nach dem Tode ihres Ehemannes zu ihrem Schwiegervater aufs Land zieht und auf sein Andrängen mit ihm eine sexuelle Beziehung eingeht. Dort verliebt sie sich in den jungen Hausgärtner Saburo, der ihren Avancen aber ablehnend gegenübersteht. Als herauskommt, dass Saburo nicht bloß eine Affäre mit dem Dienstmädchen Miyo hat, sondern diese sogar von ihm schwanger ist, entwickelt Etsuko eine krankhafte Eifersucht und versucht mit allen Mitteln die Liebenden voneinander zu trennen. Bei der tragischen Klimax der Erzählung nehmen Etsukos Obsessionen derart krankhafte Züge an, dass sie in einem Wahn von Eifersucht Saburo tötet.

Liebesdurst war zu seinem Erscheinen kritisch und kommerziell ein großer Erfolg und festigte Mishimas Ruf als Nachwuchstalent, nachdem lokale Kritiker ihm ein Schicksal als Eintagsfliege prognostizierten.Motohide Osakabe: Liebesdurst. Veröffentlicht in: Izumi Hasegawa, Katsuhiko Takeda (Hrsg.): Yukio Mishima Encyclopedia. Meiji Shoin. Januar 1976. S. 4–5. NCID BN01686605.Hanasaki Ikuyo: Durst nach Liebe. Veröffentlicht in: Takashi Inoue, Hideaki Sato, Toru Matsumoto (Hrsg.): Yukio Mishima Encyclopedia. TsutomuMakoto. 11. Mai 2000. S. 3–4. ISBN 978-4-585-06018-5. Der US-amerikanische Japanologe Donald Keene bezeichnete den Roman in einer Rezension 1971 als „jugendlich-naives Werk Mishimas, aber eines seiner Besten.“

Die deutsche Erstübersetzung erschien 2000 beim Insel Verlag. Eine Neuübersetzung erschien 2020 im Iudicium Verlag.

Handlung mini|Die Stadt Toyonaka, in der der größte Teil des Romans stattfindet. Einleitung Die verwitwete Etsuko, Protagonistin des Buches, besucht ein Kaufhaus in Umeda, Osaka, um eine Pomelo für den buddhistischen Altar ihres verstorbenen Mannes Ryosuke zu besorgen. Als diese nicht vorrätig ist, fühlt sie sich durch ihre Antriebslosigkeit nicht in der Lage, weitere Kaufhäuser aufzusuchen und geht stattdessen nach Hause, um ihr Leben aufzuschreiben.

Unglückliche Ehe und Tod des Ehemannes Etsuko war eine hübsche, aber schwer depressiv erkrankte Hausfrau, die mit dem wohlhabenden Firmenleiter Ryosuke verheiratet war. Die Ehe der beiden bröckelt wegen Etsukos Anhänglichkeit und Ryosukes zunehmenden Desinteresses an seiner Ehefrau. Als Ryosuke eine Affäre mit seiner jungen Sekretärin anfängt, wird Etsuko von ihrer Eifersucht zerfressen und unternimmt einen erfolglosen Suizidversuch.

Ihre Gemütslage scheint sich zu bessern, als Ryosuke an Typhus erkrankt. Seine Geliebte weigert sich, ihn zu besuchen und Etsuko, die seine Pflege übernimmt, hat ihren Ehemann ganz für sich. Der Moment ist aber nicht von Dauer und Ryosuke verstirbt.

Einzug in die Villa des Schwiegervaters Die tragische Nachricht veranlasst Ryosukes Vater Yakichi Sugimoto, Etsuko ein Schreiben zu schicken, in dem er ihr anbietet, mit ihm in seiner neu gekauften Villa in Toyonaka zu leben. Aus Angst vor Vereinsamung nimmt Etsuko das Angebot an. Auch Yakichis Forderung, mit ihm eine sexuelle Beziehung einzugehen, stimmt Etsuko zu, obwohl sie sich nicht zu ihm hingezogen fühlt. Etsukos Verwandte überlegen zwar, zu intervenieren, entscheiden sich aber dagegen, da diese trotz ihrer fragwürdigen Motive nach außen einen glücklichen Eindruck macht.

Durch ihre morgendlichen Joggingrunden lernt Etsuko den Hausgärtner Saburo besser kennen und verliebt sich in ihn. Obwohl dieser kein Interesse an Etsuko zeigt, wird sie sobald süchtig nach seiner Aufmerksamkeit und kauft ihm in Folge mehrere teure Geschenke, für die er aber keine Verwendung zu haben scheint. Als sie eines ihrer Geschenke, ein Paar gestreifter Herrensocken, im Abfalleimer findet, stellt sie die Hausangestellten zur Rede und erfährt, dass das Hausmädchen Miyo diese aus Eifersucht weggeworfen hat, da sie zu Saburo eine Affäre erhält.

Kumulation der Eifersucht mini|Mit der Gartenhacke Yakichis tötet Etsuko Saburo durch mehrere feste Schläge auf den Kopf. Etsukos Eifersucht scheint überhandzunehmen, als Miyo von Saburo schwanger wird. Als Etsuko ihn konfrontiert und fragt, ob er Miyo liebe, scheint dieser überfordert mit der Frage und antwortet, er möge Miyo zwar gerne, wisse aber nicht, ob er bereits von Liebe sprechen könne. Ihre Chance witternd, das Liebespaar auseinanderzubringen, redet Etsuko Saburo ein, er müsse Miyo heiraten, wenn diese sein Kind austrägt. Zu ihrer Überraschung scheint diese Aufforderung für ihn aber keine große Sache zu sein und er fährt direkt am nächsten Morgen zu seinen Eltern nach Tenri, um ihnen von seiner anstehenden Hochzeit zu erzählen. Etsuko leidet stark unter der anstehenden Hochzeit der beiden, die sie selbst verursacht hat, und entwickelt psychotische Züge.

In der Zwischenzeit entscheidet sich Yakichi, sein Leben im Ruhestand zu beenden und nach Tokio zurückzukehren, um dort sein Seehandelsgewerbe wieder aufzunehmen. Etsuko bittet ihn, nachzukommen, da sie sich um Miyo kümmern wolle, während Saburo in Tenri ist. Yakichi stimmt dem zu und reist ab, aber anstatt sich um Miyo zu sorgen, wirft Etsuko diese aus dem Haus. Als Saburo zurückkommt und von Miyos Abwesenheit erfährt, scheint er unbeeindruckt und arbeitet stumm weiter, ohne sich nach ihr zu erkundigen.

Tötung Saburos Verwirrt über Saburos Gelassenheit, bittet Etsuko Saburo sie am Vorabend der Abreise nach Tokio am Weinberg zu treffen. Sie entschuldigt sich bei ihm dafür, Miyo weggeschickt zu haben, und gesteht ihm seine Liebe. Saburo wirkt sichtlich verängstigt von Etsukos Wahn und gesteht auch ihr halbherzig seine Liebe, was Etsuko aber als Unehrlichkeit auffasst.

Als sie versucht ihn zu küssen, rennt Saburo weg und Etsuko ihm flehend hinterher. Yakichi, der vor seiner endgültigen Abreise noch seine letzten Wertgegenstände abholen will, kommt beiden mit einer Hacke in der Hand entgegen, sichtlich verwundert über die Situation. In einer detailliert beschriebenen Szene nimmt Etsuko plötzlich die Hacke aus seiner Hand und schlägt sie Saburo mehrfach mit voller Kraft auf den Kopf, sodass dieser auf der Stelle stirbt. Auf Yakichis Nachfrage, weshalb sie ihn getötet hat, antwortet Etsuko: „Weil ich gelitten habe.“

Themen Der Roman befasst sich mit vielen Mishima-nahen Themen, wie unerwiderter Zuneigung und dem Wunsch, dem Objekt, nach dem man sich sehnt, Schmerz zuzufügen bzw. wie in Der Tempelbrand Schönheit zu zerstören, bevor sie das Selbst korrumpiert.Ara Masahito: Not Abnormal Psychology. Ronshu II. 1949. S. 211. ISBN 978-4-585-04042-2. Andere Kritiker verwiesen auf ein Muster von narzisstisch geprägten Rachefeldzügen aufgrund pre-ödipaler Komplexe. Besondere Beachtung und Hingabe bekam das Buch für seine komplexe Darstellung psychischer Erkrankungen und deren tabuisierten Umganges im Japan der Nachkriegszeit.Honda Shūgo, Nakamura Mitsuo: Yukio Mishima: Rezension 1950. Veröffentlicht in: Izumi Hasegawa, Katsuhiko Takeda (Hrsg.): Yukio Mishima Encyclopedia. Meiji Shoin. Januar 1976. S. 5. NCID BN01686605. und in Takashi Inoue, Hideaki Sato, Toru Matsumoto (Hrsg.): Yukio Mishima Encyclopedia. TsutomuMakoto. 11. Mai 2000. S. 3–4. ISBN 978-4-585-06018-5. Als solches war es auch vermehrt Objekt psychologischer Analysen und Aufsätze.

Andere Literaten sahen vor allem den Klassenkonflikt zwischen dem wohlhabenden Patriarchen Yakichi und seinen Bediensteten als Anknüpfungspunkt sorgfältiger Analysen. Vor allem Etsuko, die als Frau hohen Standes Liebe für den einfachen Gärtner Saburo entwickelt, wurde öfter inspiziert.Honda Shūgo: Literaturgeschichte der Nachkriegszeit. Iwanami Hyundai Bunko. September 2005. S. 97–141. ISBN 978-4-00-602092-7.

Auch die morbide Faszination mit dem Tod spielt in Liebesdurst wieder eine zentrale Rolle. Ersichtlich wird dies unter anderem in der Krankenhausszene:

Figuren Hauptfiguren Etsuko – Etsuko ist eine verwitwete Frau mittleren Alters und Protagonistin des Buches. Sie ist psychisch erkrankt (unter anderem leidet sie an Depressionen, Bindungsstörungen und Psychosen), macht nach außen hin aber zunächst einen gefestigten und friedfertigen Eindruck. Sie wird beschrieben als hübsche Frau mit dünnen Lippen und klarer Haut, die gelegentlich aber durch ihre abrupten Augenbewegungen wie eine Irre wirkt.Ihre Eltern starben beide früh, sodass sie ihren Ausweg in ihrer ersten großen Liebe, Ryusuke Sugimoto, suchte und ihn auch heiratete. Bedingt durch ihre Erkrankung und steigernde Anhänglichkeit, wird er ihr gegenüber aber zunehmend desinteressierter und beginnt später eine Affäre mit seiner Sekretärin, wodurch Etsuko in eine tiefe Depression stürzt und einen Suizidversuch unternimmt. Als er an Typhus stirbt, zieht Etsuko zu seinem Vater Yakichi und beginnt mit diesem eine sexuelle Beziehung. Zeitgleich verliebt sie sich in den Gärtner Saburo. Nachdem dieser ihre Zuneigung nicht teilt und sogar das Hausmädchen Miyo gedenkt zu heiraten, kumuliert Etsukos Verzweiflung in der Tötung Saburos.Mishima macht dem Leser früh deutlich, dass Etsuko schon von früh an von ihrem jungschen Schatten geplagt ist, diesen aber vorläufig verdrängen kann. Erst als ihre Erfahrungen mit ihrem Ehemann, Yakichi und Saburo ihren Höhepunkt erreichen, wird sie von ihren inneren Zwängen korrumpiert und legt ihre versteckten Obsessionen offen. Yakichi Sugimoto – Yakichi ist ein 60-jähriger Mann und Vater Etsukos verstorbenen Ehemannes Ryosuke. Er wurde als Sohn eines Bauern in einem Vorort von Tokio geboren, erlangte dort aber einen Universitätsabschluss und wurde Geschäftsführer eines Schiffshandelsunternehmens in Osaka. Mit seiner an einer Lungenentzündung verstorbenen Frau zeugte er drei Söhne und kaufte ihr ein großes Anwesen, in welchem sie jedoch nur kurzzeitig noch leben konnte. Nachdem er 1938 in den Ruhestand ging und kurz darauf von dem Tod seines zweiten Sohnes erfuhr, fasste er den Entschluss, Etsuko auf sein Anwesen einzuladen. Zwar verliebte er sich eigenen Aussagen nicht in sie, fand sie jedoch attraktiv und überredete sie deshalb zu einem sexuellen Verhältnis, auf das sie sich ohne große Widerworte einließ.Auch wenn Yakichi keine romantischen Gefühle für Etsuko hegt, wird seine Wertschätzung ihr gegenüber doch früh klar. So behandelt er sie besser als alle anderen Anwohner der Villa und sucht auch aus dem Obst- und Gemüsekorb die beste Ware gezielt für sie aus, bevor er den Rest austeilt. Der Koch des Hauses beschreibt Miyo gegenüber die Dynamik zwischen Yakichi und Etsuko als „wie bei einem alten Ehepaar“.