mini|hochkant=1.5|Salbungszeremonie Die ägyptische Königsideologie und Herrscherlegitimation beschreiben die Rechtfertigung des jeweiligen Herrschers und die damit verbundenen Wertevorstellungen. Unklar ist, ob und in welchem Maße sich der jeweilige König (Pharao) aktiv selbst als legitimen Amtsinhaber darstellte, oder ob dies nur passiv über die schriftkundige Oberschicht geschah. Einen entsprechenden altägyptischen Ausdruck für die Prinzipien der Herrschaftsideologie und -legitimation gibt es nicht.

Allgemeines „Königsideologie“ (alternativ „Königsdogma“) bezeichnet die Gesamtheit der Aussagen, die in offiziellen Quellen (unter anderem der Königstitulatur, rituellen und mythischen Texten an Tempelwänden sowie Reliefs und Regierungsverlautbarungen) über den König beziehungsweise das Königsamt direkt wie indirekt getroffen werden. Demnach handelt es sich um ein in sich wandelbares und nicht abgeschlossenes System an Vorstellungen, die sich auf den König beziehen. Der Kern dieses Systems unterlag der stetigen Erweiterung und Ergänzung, jedoch lösten die Neuerungen die Grundaussagen nie vollständig ab. Wie die altägyptischen Mythen wurde auch die Königsideologie nie explizit verschriftlicht, sodass sie aus wiederkehrenden Aussagen und Motiven der verschiedenen textlichen und archäologischen Quellen erschlossen werden muss. Negative Ereignisse, wie beispielsweise militärische Niederlagen oder Notzeiten, wurden dabei entweder nicht aufgenommen (zum Beispiel in vielen Fällen konkrete Namen von Feinden/Aufständischen), oder umgedeutet (zum Beispiel wird die Amarna-Zeit durch die unmittelbar nachfolgenden Könige als gottlose „Leidenszeit“, in der sich das Land im Untergang befand, beschrieben. Des Weiteren wird die drohende Niederlage von Kadesch ideologisch umgedeutet und generell wird der König durch seine Frömmigkeit von Amun befähigt die Feinde im Alleingang zu schlagen). Die Königsideologie definierte das Selbstverständnis und die Grundzüge für das Funktionieren des ägyptischen Staates.E. Blumenthal: Königsideologie. Wiesbaden 1980, S. 526–531 / R. Gundlach: Die Legitimation des ägyptischen Königs – Versuch einer Systematisierung. Wiesbaden 1997, S. 16. / E. Otto: Geschichtsbild und Geschichtsschreibung in Ägypten. In: Die Welt des Orients. Band 3, Nr. 3, 1966, S. 162.

Als Legitimation wird „die Rechtmäßigkeit der Königsherrschaft“ oder die Begründung des jeweiligen herrschenden Individuums definiert. Die zugrundeliegende Frage ist, warum der amtierende König ein Anrecht darauf hat, dieses Amt auszuführen. Unterschieden werden muss grundsätzlich zwischen der Legitimation der Institution und des Einzelnen. Die Rechtfertigung der Institution resultiert aus dem Umstand, dass in Quellen wie der Lehre für Merikare und den Königslisten Ägyptische Chronologie von einer urzeitlichen Königsherrschaft der ersten Götterdynastie ausgegangen wird. Das Königsamt wird deshalb als vom Sonnengott (Re) eingerichtete Institution angesehen.W. Barta: Legitimation. Wiesbaden 1980, S. 960–961 / W. Barta: Untersuchungen zur Göttlichkeit des regierenden Königs. Ritus und Sakralkönigtum in Altägypten nach Zeugnissen der Frühzeit und des Alten Reiches. München/Berlin 1975, S. 124–125. Aufgrund seiner göttlichen „Herkunft“ sowie der festen Verankerung des Königsamtes in der ägyptischen Gesellschaft und dem dazugehörigen Weltbild, kann das Amt als unangefochten gelten. Deshalb wird nie die Königsherrschaft als Institution angezweifelt und als zu rechtfertigen dargestellt. Stattdessen muss jeder Amtsinhaber sein Anrecht auf dieses göttliche Amt aufzeigen und verteidigen.

Der ägyptische Staat ist zu pharaonischer Zeit eine Monarchie und eine Autokratie. Letztere äußert sich als repräsentative oder identitäre Theokratie (= der König herrscht als Gott und/oder Vertreter der Götter). Das Königtum war mit dem ägyptischen Staat und der Kultur so eng verbunden, dass sie teils identisch und somit untrennbar waren. Es wird angenommen, dass der König als Amtsperson der ‚Sonnengott auf Erden‘ (=Horus) war, wobei zwischen dem diesseitigen und jenseitigen König unterschieden werden muss: Mit dem Gott Horus ist immer der amtierende Herrscher gleichgesetzt und der verstorbene König mit Osiris. Der diesseitige, amtierende König musste den Totenkult für den verstorbenen, nun jenseitigen König vollziehen. Bei der Thronbesteigung und Krönung übernahm der neue König die Rolle des „Sonnengottes auf Erden“ und war nun zur Herrschaft berechtigt.A. I. Blöbaum: Denn ich bin ein König, der die Maat liebt. Aachen 2006, S. 197 / R. Gundlach: König/Königtum (Ägypten). Stuttgart 2006, PDF S. 4–5 / R. Gundlach: Zu Inhalt und Bedeutung der ägyptischen Königsideologie. Wiesbaden 1997, S. 3–5 / E. Otto: Legitimation des Herrschers im pharaonischen Ägypten. Freiburg/München 1969, S. 388. Aufgrund der den Kosmos stützenden Aufgaben des Königsamtes wird es für die Ägypter, beziehungsweise deren Priesterschaft, ein unbedingtes Erfordernis gewesen sein, das Amt zu besetzen, sodass auch – falls erforderlich – ein fremdländischer Pharao vorgeblich akzeptiert werden würde. Zu den Aufgaben des Königs gehörten die Aufrechterhaltung der Maat (Ordnung), die symbolische Wiederholung des Schöpfungsaktes und die Abwehr des drohenden Chaos (‘‘Jsf.t’‘/Isfet).A. I. Blöbaum: Denn ich bin ein König, der die Maat liebt. Aachen 2006, S. 4 / Zur Entstehung des Königtums siehe T.A.H. Wilkinson: What a King is this: Narmer and the Concept of the Ruler. In: The Journal of Egyptian Archaeology. Band 86. 2000, S. 23–32. Zu berücksichtigen ist zudem, dass sich nicht etwa der Thronanwärter legitimierte, sondern der König ‘‘nach’‘ seiner Machtübernahme. Die ideale Vorstellung entspricht dabei nicht immer der realen Umsetzung. Der ägyptische König galt als Vermittler zwischen Menschen und Göttern, Garant für die Aufrechterhaltung der Maat und oberster Priester. Er ist zuständig für das Funktionieren des ägyptischen Staates. Aufgrund seiner zentralen Rolle ist die Legitimation, mit der er seinen Anspruch auf den Thron rechtfertigt, etwas, das besonders aufgezeigt werden musste.

Grundsätzlich gab es drei Bereiche – den König mit seiner eigenen Wirksamkeit, die Amtsvorgänger und die Götterwelt –, auf die sich der amtierende Pharao für seine Legitimation berufen konnte. Auf diese stützen sich die wichtigsten Konzepte: Die Legitimation durch das Erbe, die Anknüpfung an die Vorgänger, die Legitimation durch die eigene Leistungsfähigkeit, die Designation und die Legitimation durch den Mythos.Für eine Besprechung und Abgrenzung der einzelnen Legitimationskonzepte, siehe R. Gundlach: Die Legitimation des ägyptischen Königs – Versuch einer Systematisierung. In: R. Gundlach, C. Raedler (Hrsg.): Selbstverständnis und Realität. Akten des Symposiums zur ägyptischen Königsideologie in Mainz, 15.-17.06.1995. (= Ägypten und Altes Testament. Studien zur Geschichte, Kultur und Religion Ägyptens und des Alten Testaments. Band 36, Nr. 1). Wiesbaden 1997, S. 11–20 / E. Otto: Legitimation des Herrschers im pharaonischen Ägypten. (= Saeculum. Jahrbuch für Universalgeschichte. Band 20). Alber, Freiburg/München 1969, S. 385–411. Andere Bezeichnungen für diese Konzepte lassen sich bei R. Gundlach: Die Legitimation des ägyptischen Königs – Versuch einer Systematisierung. In: R. Gundlach, C. Raedler (Hrsg.): Selbstverständnis und Realität. Akten des Symposiums zur ägyptischen Königsideologie in Mainz, 15.-17.06.1995. (= Ägypten und Altes Testament. Studien zur Geschichte, Kultur und Religion Ägyptens und des Alten Testaments. Band 36, Nr. 1). Wiesbaden 1997, S. 19 finden. Die verschiedenen Legitimationskonzepte schließen sich gegenseitig nicht aus, sondern sind abhängig voneinander und über die gesamte über 3000-jährige Geschichte des Alten Ägypten einem kontinuierlichen Wandel sowie einer schwankenden Gewichtung unterworfen. In ihnen spiegeln sich der historische Kontext, das Selbstverständnis des jeweiligen Herrschers und weitere Auffassungen über die Aufgaben des Amtes sowie die Beziehung zu den Göttern wider.E. Otto: Legitimation des Herrschers im pharaonischen Ägypten. Freiburg/München 1969, S. 410–411. Die Legitimation der einzelnen Herrscher verändert sich durch die verschiedenen Zeiten mit deren jeweiligen Gegebenheiten sowie durch die Art und Weise der Machtübernahme. So können manche Konzepte zeitweise stärker als andere verfolgt oder ganz ausgelassen werden.

Quellen für die Königsideologie und Herrscherlegitimation Es gibt keine ägyptischen Primärquellen, die sich auf theoretischer Basis mit dem ägyptischen Königtum auseinandersetzen. Trotzdem kommen einige Texte diesen recht nahe und schildern zumindest implizit Anforderungen und Voraussetzungen.E. Otto: Legitimation des Herrschers im pharaonischen Ägypten. Freiburg/München 1969, S. 385. So wird etwa in einem Text des Neuen Reiches, der den König als Sonnenpriester darstellt, dessen Position im Kosmos geschildert. In dieser Rolle trägt der König die Verantwortung für die richtige Ausführung des Götter- und Totenkults sowie die Aufrechterhaltung der Maat und die Beseitigung aller entgegenstehenden Einflüsse. Letztlich wird so die gesamte Existenz des Königs(amtes) auf die Sicherung der Fortbestandes der Weltordnung hin ausgedeutet. Vor allem in bzw. nach Umbruchszeiten werden die ideale und die aktuelle Ordnung und Beschaffenheit dieser Welt literarisch thematisiert. Die Rechtfertigung als legitimer Herrscher lässt sich in der Herrscherrepräsentation und den öffentlichen Verlautbarungen nachweisen, die alle post eventum niedergeschrieben wurden, das heißt nach der Thronbesteigung. Von gescheiterten Amtsanwärtern ist kaum etwas überliefert.R. Gundlach: Die Legitimation des ägyptischen Königs – Versuch einer Systematisierung. Wiesbaden 1997, S. 16. Diese Quellen sind vor allem die ägyptische Königstitulatur und die Darstellungen (mit Königsinsignien) in den monumentalen Tempeln Ägyptens. Auch Hymnen auf Könige, Eulogien und überlieferte Rituale zur Thronbesteigung können Aufschluss über das Königtum geben. Das Quellenmaterial deckt nahezu die gesamte Geschichte des Alten Ägyptens ab.

Häufig betonen „offizielle“ ägyptische Quellen die idealen Verhältnisse und blenden die historische Realität aus: Misserfolge werden nicht oder nur unter besonderen Bedingungen erwähnt. Die Ägypter erscheinen demnach einseitig als Sieger der Schlachten und anderer Ereignisse. Zudem entsprechen die meisten Quellen einem bestimmten Dekorum und haben eine ausgewählte Phraseologie. Durch die Verschriftlichung selbst wird die Wirkmächtigkeit der Inschriften ausgelöst; diese ist damit sowohl unabhängig von einer öffentlichen Rezeption als auch von der politischen Realität.A. I. Blöbaum: Denn ich bin ein König, der die Maat liebt. Aachen 2006, S. 22 / K. Myśliwiec: Herr Beider Länder. Ägypten im 1. Jahrtausend v.Chr. Mainz 1998, S. 8 / W. Helck: Maat. Wiesbaden 1980, S. 1117. Das Konzept der ägyptischen Geschichtsschreibung lasst sich auch bei J. von Beckerath: Geschichtsschreibung. In: Lexikon der Ägyptologie. Band II. Harrassowitz, Wiesbaden 1977, ISBN 3-447-01876-3, S. 566–568 nachlesen. Die Adressaten werden nicht in der breiten Bevölkerung zu suchen sein, sondern in der ägyptischen Elite, also dem Tempelpersonal und der militärischen Führungsschicht.A. I. Blöbaum: Denn ich bin ein König, der die Maat liebt. Aachen 2006, S. 21–23.