mini|Nadine Gordimer (2010) Anlaß zu lieben (OT: Occasion for Loving) ist der Titel eines 1963 publizierten Romans der südafrikanischen Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer. Erzählt wird die Liebesgeschichte einer weißen Frau und eines schwarzen Mannes in den 1960er Jahren zur Zeit der Apartheid in Südafrika. Die deutsche Übersetzung von Margaret Carroux erschien 1983.im S. Fischer Verlag Frankfurt am Main.

Überblick Die Romanhandlung entwickelt sich während eines einjährigen Aufenthalts des seit 10 Jahren in England lebenden Musikwissenschaftlers Boaz Davis und seiner jungen Frau Ann im Haus des südafrikanischen Historikers Tom Stilwell und seiner Frau Jessie in Johannesburg. Jessie, aus deren Perspektive die meisten Ereignisse beschrieben werden, beobachtet, wie zwischen Ann und dem schwarzen Maler Gideon eine Romanze entsteht, sie fühlt sich in die abenteuerliche Situation hinein und reflektiert, im Zusammenhang mit einer eigenen Ortsbestimmung, die Schwierigkeiten und die Perspektivlosigkeit einer solchen Liebesbeziehung in einem feindlichen politischen Umfeld.

Teil 1 (Kap. 1–6) stellt die Familie Stilwell mit ihren vier Kindern vor und handelt von der Ankunft der Davis im September und den ersten gemeinsamen Ausflügen in die Townships. Teil 2 (Kap. 7–13) zeigt aus den Perspektiven Anns und Gideons die Entwicklung ihrer gesetzlich verbotenen Beziehung. Teil 3 (Kap. 14–19) erzählt von dem Aufenthalt der beiden bei Jessie und den Kindern an der Küste Natals und ihrem zunehmenden Problembewusstsein für ihre Verbindung. In Teil 4 (Kap. 20–22) wird die Liebesbeziehung beendet, und die Protagonisten kehren in ihr altes Leben zurück.

Der Romantitel ist einem der drei Zitate entnommen, die dem Roman vorangestellt sind: „Wir sind alle in dem Maße Menschen geworden, in dem wir Menschen geliebt haben und Anlass zu lieben hatten“ (Boris Pasternak). Die beiden anderen Mottos thematisieren das Politische (Thomas Mann) und die drei Übel „Knechtschaft, Falschheit und Terror“ (Albert Camus).

Inhalt Jessie Stilwell Tom Stilwell, Dozent für Geschichte an der Universität Johannesburg, hat seinem ca. 30-jährigen Freund, dem Musikwissenschaftler Boaz Davis angeboten, während seines Forschungsauftrags in Südafrika in seinem Haus zu wohnen. Zehn Jahre lang lebte er in England, ist seit drei Jahren verheiratet und kehrt nun mit seiner acht Jahre jüngeren Frau Ann in seine Heimat zurück. Sie wurde in Rhodesien geboren und ist in England aufgewachsen.

Jessie Stilwell stimmt anfangs nur widerwillig dem Vorschlag ihres Mannes zu. Sie steht mit ihren 39 Jahren in der Mitte ihres Lebens und hat gelegentlich das Gefühl der Erstarrung in der Alltagsroutine und das Bedürfnis nach mehr persönlicher Freiheit. Einerseits ist die jetzige Phase in ihrem Leben ihre bisher wichtigste: die achtjährige Ehe mit dem etwas jüngeren Tom und ihren drei Töchtern Clemence (Clem), Madge und Elisabeth. Andererseits tauchen gelegentlich alte „Ruinenreste“ aus ihrem Vorleben auf, die sie nicht verarbeitet hat und die sie für ihre Unzufriedenheit mitverantwortlich macht: Ihr Vater Charles Tibbett starb, als sie noch ein kleines Kind war, ihre Mutter heiratete nach drei Jahren den Kollegen und Freund ihres Mannes Bruno Fuecht. Offenbar war diese Beziehung belastet und die Mutter suchte in der Tochter einen Liebesersatz und band sie eng an sich. Sie nahm eine scheinbare Herzkrankheit ihrer Tochter zum Anlass, um sie nicht zur Schule schicken zu müssen, und hielt sie vom Sport und anderen Veranstaltungen mit Gleichaltrigen fern (Kap. 5). Jessie passte sich dem konservativen Lebensstil ihrer Eltern an (Kap. 3) und verließ deren Haus erst, als sie heiratete. Im Rückblick fühlt sie sich um die Erfahrungen der Jugendzeit zwischen 15 und 20 betrogen. Auf ihre kurze Kriegsehe folgte das Leben als alleinerziehende Mutter mit ihrem Sohn Morgan, bis sie Tom kennenlernte. Zurzeit ist der 15-jährige Sohn in einem Internat untergebracht, zieht sich während seiner Besuche in den Ferien von der Familie zurück und beschäftigt sich mit seinen Hobbys. Jessie findet keinen Zugang zu ihm und hat deshalb Schuldgefühle, während Tom viel gelassener und verständnisvoll reagiert und ihre Sorgen um den pubertierenden Sohn als übertrieben bewertet, z. B. als dieser mit einem Freund eine zwielichtige Tanzbar besucht (Kap. 4). Bei seinem letzten Gespräch mit seinem Schwiegervater (Kap. 6), kurz bevor dieser allein nach Europa reist und in Rom stirbt, ist Tom über dessen Andeutungen über Charles Tibbett verwundert und er spekuliert darüber, ob Fuecht der Vater Jessies ist.

In den ersten beiden Kapiteln wird Jessies anfangs ablehnende Haltung, Gäste aufzunehmen, im Zusammenhang mit ihrer persönlichen Situation erklärt. Sie hat sich in der Familie und in Halbtagsjobs, z. Zt. als Sekretärin eines Verbands afrikanischer Musiker, eingerichtet und ihr wird die Routine der Abläufe bewusst. Sie möchte gern neue Dinge finden, die sie noch nicht kennt. Ihren Job verlängert sie deshalb nicht, eine Beschäftigung als Sekretärin eines Kollegen Toms lehnt sie ab, schließlich nimmt sie die Stelle als Halbsekretärin in einem Privatsanatorium an, kündigt diese aber bald wieder. Die 39-Jährige spürt Defizite in ihrem bisherigen Freiheitsbereich und will eigentlich keine neuen „Beobachter“ im Haus haben. Sie möchte lieber „im Geheimen leben“ und die Option der Entwicklung und Veränderung haben. Doch gerade die Begegnung mit Ann Davis zwingt sie zu Reflexionen über ihr Leben und die Situation der schwarzen Menschen im Staat.

Die liberale kulturelle Szene in Johannesburg Die Stilwells gehören zur intellektuell-kulturellen liberalen Szene, die sich im Privaten nicht an die Vorschriften der Apartheid hält und versucht, ihre schwarzen Freunde in die für sie verbotenen weißen Nachtclubs einzuschleusen (Kap. 10). Tom schreibt an der Geschichte Schwarz-Afrikas, Jessie organisiert Veranstaltungen für afrikanische Musiker. Beide haben schwarze Künstler und Intellektuelle als Freunde und laden sie in ihr Haus ein oder treffen sie im Lunchlokal „Lucky Star“. Zu Weihnachten gehen sie mit den Davis in eine Kirche in einer der Townships und nicht in die Kirche in ihrem Vorort und sehen verwundert, dass sich ihre bewusst einfach gekleideten Mädchen von den herausgeputzten schwarzen Kindern unterscheiden (Kap. 3). Da Boaz Davis einen Forschungsauftrag hat, alte afrikanische Musik zu dokumentieren, führen die Stilwells ihn und seine Frau zu einer Vorführung traditioneller afrikanischer Tänze durch Grubenarbeiter (Kap. 2). Aber diese Tänze sind für Boaz nicht mehr ursprünglich, sondern bereits folkloristisch-touristisch überprägt. Er unternimmt Exkursionen nach Ost- und Nord-Transvaal und plant eine Moçambique-Reise, um Tonbandaufzeichnungen von alter afrikanischer Musik zu machen und originale Musikinstrumente zu sammeln, bevor sie in Vergessenheit geraten (Kap. 11).

Ann Davis Ann hat in ihrer spontanen Neugier zuerst Interesse an der Feldforschung ihres Mannes. Dann ermüdet sie die Detailarbeit des Protokollierens. Deshalb bleibt sie lieber in Johannesburg, begleitet Jessie bei ihrer Arbeit, hilft ihr bei der Organisation eines Musikerwettbewerbs und verkauft Programme. Durch Jessies Mitarbeiter Len Mafolo wird sie in die schwarz-weiße Künstlerszene eingeführt und findet dort als attraktive mädchenhafte Frau ohne Vorurteile im persönlichen Bereich schnell Kontakte. Mafolo ist Sekretär im Institut für Rassenbeziehungen, und Ann regt ihn zu einer Wanderausstellung afrikanischer Gemälde und Skulpturen an. In einem Caravan reisen sie durchs Land und zeigen die Kunstwerke in afrikanischen, indischen und Mischlingsschulen. Hier trifft sie den schwarzen Lehrer Gideon Shibalo, der selbst in ihrer Ausstellung mit zwei Bildern vertreten ist, aber seine Malerei aufgegeben hat und sich von seinen Werken distanziert (Kap. 7).

Gideon Shibalo Gideon ist ein Wanderer zwischen der weißen (Kap. 11, 12, Teil 3) und der schwarzen Welt (Kap. 9, 13) und, wie Ann, unangepasst und spontan auf der Suche nach seinem Weg. Zurzeit arbeitet er als Lehrer, um sein Leben zu finanzieren. Als er noch malte, wurde ihm ein Stipendium in Italien angeboten. Weil er jedoch für die politische Arbeit im African National Congress (ANC) engagiert war, verweigerten ihm die Behörden einen Pass, und er konnte das Stipendium nicht annehmen. Da Gideon von seiner mit ihrem Sohn in Bloemfontein lebenden Frau getrennt lebt (Kap 13), ist er offen für wechselnde Beziehungen mit schwarzen und weißen Frauen. Ebenso wechselt er ständig zwischen den Townships und der Wohnung eines Freundes in einem Weißenviertel, in dem er Unterschlupf gefunden hat, obwohl dies verboten ist. Mit den Stilwells diskutiert er über afrikanische und europäische Musik und die Folgen des Kolonialismus für die Schwarzen. Er ist Mitglied des ANC und tritt seinen radikalen (PAC) Freunden gegenüber für gewaltlose Kampfmethoden ein, z. B. Streiks (Kap. 9, 13) oder die Kampagne rhodesischer Schwarzer, als Akt der Verweigerung keine Schuhe zu tragen, weil dies der Sitte der Weißen widerspricht (Kap. 12).

Liebesbeziehung Anns und Gideons Während Boaz’ Forschungsreise in Transvaal entwickelt sich zwischen Ann und Gideon eine sexuelle Beziehung. Nach der Rückkehr ihres Mannes in den Osterferien erwähnt Anne ihre Situation und erklärt: „So etwas passiert eben. Ehe man es richtig merkt…“ (Kap. 10). Boaz reagiert tolerant gelassen, wie einem Kind gegenüber, dem ein Missgeschick unterlaufen ist, und versucht den Grund und die Dimension der Affäre herauszufinden, worauf sie nicht eingeht. Offenbar ist er derselben Meinung wie Jessie, dass man einen Menschen nicht als seinen Besitz ansehen kann. Später, als Boaz seine Reise nach Moçambique plant, bittet er Jessie, Ann weiterhin bei sich wohnen zu lassen, denn er will sie nicht zwingen, „über irgendetwas“ zu entscheiden (Kap. 12). Doch nach einem Gespräch über die Barfußaktion der Rhodesier (Kap. 12) verliert der angetrunkene Boaz seine Gelassenheit und beschimpft Gideon als „schwarze[n] Scheißer“.

Die Stilwells rechnen, nach Boaz’ äußerlich ruhiger Reaktion, mit einem „zivilisierten Verlauf“ der Affäre: Katharsis und Versöhnung oder Arrangement mit Dreiecksgesprächen. Ann strebt die zweite Lösung an. Sie setzt die Beziehung zu Gideon fort und bringt zugleich die beiden Männer im Stilwellhaus zu einem Gespräch über Boaz’ Tonbandaufnahmen von Zulu-Musikanten zusammen. Daraus entwickelt sich eine Diskussion über Gideons These vom Bruch eines Schwarzen mit der afrikanischen Tradition, wenn er sich mit weißer Musik beschäftige. Tom und Jessie entgegnen, die Völker überlebten Brüche in der Tradition, die zudem meist nicht von außen, sondern von innen kämen, und geben damit den Schwarzen indirekt die Schuld an der Aufgabe ihres Brauchtums. Ann sieht den Geliebten in diesem Gespräch zum ersten Mal als schwarzen Mann in der Defensive und fühlt eine Sehnsucht nach unbedingter Liebe und gesellschaftlicher Ungebundenheit mit ihm (Kap. 11).

Ann entscheidet sich gegen die Begleitung ihres Mannes nach Moçambique und verschwindet mit Gideon, ohne Tom und Boaz zu informieren. Es ist eine Flucht ins Ungewisse. Sie wollen alles hinter sich lassen, auch Boaz’ Geduld und Stilwells Toleranz. Ohne Verpflichtungen nur auf sich konzentriert, fahren sie mit Anns Wagen nach Nord-Transvaal. Aber ihre ungelösten Probleme begleiten sie: Flucht nach Rhodesien oder Europa, Perspektiven und Finanzierung eines Zusammenlebens im Ausland, Gideons Arbeit für den ANC. Auf der Reise (Kap. 17) erlebt Ann, dass ihre Beziehung auf dem Land noch stärker eingeschränkt ist als in der Anonymität der Stadt. An Tankstellen und in einer Reparaturwerkstatt wird Gideon als ihr Boy und Fahrer betrachtet und entsprechend behandelt. Im Hotel darf er nicht übernachten.