Theory of Mind (ToM, englisch für ‚Theorie des Mentalen‘) ist ein Fachbegriff der Psychologie für das Vermögen, mentale Zustände als mögliche Ursache eines Verhaltens zu verstehen, um eigene oder fremde Handlungen erklären und vorhersagen zu können. Dazu ist es notwendig, Gedanken, Gefühle, Absichten, Meinungen, Erwartungen und Beweggründe eines Anderen sowie die Rahmenbedingungen korrekt zu erkennen und zu verstehen. Hier besteht eine Überschneidung mit dem Begriff der Empathie.Brockhaus Psychologie: Mannheim 2009 sowie L. J. Byom und B. Mutlu: Theory of mind: mechanisms, methods, and new directions. In: Frontiers in Human Neuroscience, 2013
Entwicklungspsychologie der Theory of Mind Im ersten Lebensjahr reagiert das Kind schon auf soziale Signale, also zum Beispiel auf das Lächeln von Bezugspersonen. Damit ist auch das „soziale Referenzieren“ verbunden, also das Orientieren an den Affekten einer Bezugsperson. Auch zeigt sich in dieser Phase bereits eine beginnende Empathiefähigkeit.
Dreijährige können schon recht kompetent auf die subjektive Verfassung („emotional state“) eines anderen Bezug nehmen. Sie können aber ihre eigenen Denkinhalte noch nicht als subjektiv erkennen.
Erst wenn die Meinung eines anderen von der eigenen unterschieden werden kann und wenn Auffassungen von Sachverhalten als falsch erkannt werden können, ist die Theory of Mind entwickelt. Dies ist ab dem vierten bis fünften Lebensjahr der Fall. Kinder können jetzt die Perspektive anderer einnehmen und auf den Wissensstand eines Zuhörers Rücksicht nehmen. Mit Eintritt in die Phase der sozialen Perspektivübernahmen wird eine Unterscheidung von Wirklichkeit und Schein möglich.Franz Resch u. a.: Entwicklungspsychopathologie des Kindes- und Jugendalters. Ein Lehrbuch. 2. Auflage. Belz, Weinheim 1999, ISBN 3-621-27445-6.
Eine Grundlage der Entwicklung einer Theory of Mind ist die Fähigkeit, zwischen Belebtem und Unbelebtem unterscheiden zu können, da nur Belebtem interne Zustände zugeschrieben werden.Maria Legerstee: A review of the animate-inanimate distinction in infancy. Implications for models of social and cognitive knowing. In: Early Development and Parenting. Band 1, 1992, S. 59–67, doi:10.1002/edp.2430010202. Hinzu kommt die Fähigkeit, zwischen mentaler und physikalischer Welt differenzieren zu können. Schon Dreijährige sind in der Lage, zwischen beiden Welten zu unterscheiden. So verstehen sie zum Beispiel, dass man einen realen Hund, nicht aber einen vorgestellten Hund, streicheln kann.Henry M. Wellman, David Estes: Early Understanding of Mental Entities: A Reexamination of Childhood Realism. In: Child Development. Band 57, Nr. 4, 1986, S. 910–923, doi:10.2307/1130367. Des Weiteren verstehen Kinder im Alter von drei Jahren, dass Handlungsentscheidungen von Wünschen und Absichten der handelnden Person abhängen, und sie können Handlungen aus Informationen über die Wünsche und Absichten einer Person vorhersagen.
Ein weiterer Schritt für die Entwicklung einer Theory of Mind ist die Erkenntnis, dass Handlungen anderer Personen nicht nur von ihren Wünschen und Absichten, sondern auch von ihren Überzeugungen geleitet werden können. Diese Unterscheidung wird dann relevant, wenn eine andere Person eine falsche Auffassung von einem Sachverhalt hat. Solange eine Person eine „wahre“ Überzeugung hat, entsteht kein Problem, und man kann gemäß ihren Wünschen vorhersagen, wie sie handeln wird. Geht sie hingegen von einer nicht mit der Realität übereinstimmenden Überzeugung aus, so muss ihre falsche Vorstellung bei der Handlungsvorhersage berücksichtigt werden. Hierzu ein Beispiel von Rolf Oerter und Leo Montada: Wenn Peter Eis essen will und glaubt, dass Eis im Kühlschrank ist[,] und es ist tatsächlich Eis im Kühlschrank, dann können wir vorhersagen, was er tun wird, ohne überhaupt darüber nachzudenken, was er glaubt. Wenn er aber fälschlicherweise glaubt, es sei kein Eis da, obwohl tatsächlich noch Eis im Kühlschrank ist, dann müssen wir seinen falschen Glauben berücksichtigen, um zu richtigen Vorhersagen über sein Handeln zu kommen (z. B. um vorherzusagen, dass er Eis kaufen gehen wird).
Kinder lernen im Alter zwischen drei und fünf Jahren, die Überzeugungen einer Person mit einzubeziehen. Davor verstehen sie nicht, dass subjektive Überzeugungen von der Realität abweichen können, und berücksichtigen sie somit auch nicht bei ihrer Handlungsvorhersage.Rolf Oerter, Leo Montada: Entwicklungspsychologie. Ein Lehrbuch. BeltzPVU, Weinheim 2001, ISBN 3-621-27244-5. Einer 2010 veröffentlichten Studie zufolge sollen auch wesentlich jüngere Kleinkinder bereits über eine Theory of Mind verfügen.Ágnes Melinda Kovács u. a.: The Social Sense: Susceptibility to Others’ Beliefs in Human Infants and Adults. In: Science. Band 330, Nr. 6012, 2010, S. 1830–1834, doi:10.1126/science.1190792 Untersuchungen in China, den USA, Kanada, Peru, Indien, Samoa, Thailand und beim Volk der Baka suggerieren, dass sich die Fähigkeit zum Bestehen der expliziten Version des False-Belief-Tests in allen Gesellschaften herausbildet, wenngleich das Alter zwischen vier und neun Jahren variiert (und Industrieländer sich am extremen unteren Ende befinden).Joseph Henrich, Steven J. Heine, Ara Norenzayan: The Weirdest People in the World? In: Behavioral and Brain Sciences. Band 33, 2010, S. 61–135, doi:10.1017/S0140525X0999152X, Volltext (PDF; 1,2 MB)Jutta Kienbaum, Bettina Schuhrke: Entwicklungspsychologie des Kindes. Von der Geburt bis zum 12. Lebensjahr. (= Grundriss der Psychologie. Band 13). Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-17-018181-6, S. 183–184.
Die Theory of Mind gilt außerdem als eine entscheidende Voraussetzung dafür, Metakognitionen entwickeln zu können, also die Fähigkeit, kognitive Abläufe selbst zum Gegenstand des Nachdenkens zu machen.Martin Dornes: Die Seele des Kindes. Entstehung und Entwicklung. Fischer, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-596-17051-6.
Untersuchung Theory of Mind wird an verschiedenen Paradigmen und Aufgabentypen untersucht, meist handelt es sich hierbei jedoch um die sogenannten „False-Belief“-Aufgaben. Die erste und klassische „False-Belief“-Aufgabe ‚Maxi und die Schokolade’ stammt von Heinz Wimmer und Josef Perner (1983). In dieser Ortswechselaufgabe wird Kindern mit Spielfiguren eine kleine Geschichte vorgespielt: Maxi besitzt eine Schokolade, welche er beim Verlassen der Szene in Box 1 legt. In Maxis Abwesenheit nimmt seine Mutter die Schokolade aus Box 1 heraus und legt sie in Box 2. Anschließend kommt Maxi wieder und möchte gerne seine Schokolade haben. Es folgt die relevante Testfrage („Wo wird Maxi nach der Schokolade suchen?“). Wenn die Kinder angeben, dass Maxi in Box 1 suchen werde, obwohl sie selber wissen, dass die Schokolade sich in Box 2 befindet, sind sie dazu fähig, eine falsche Überzeugung zuzuschreiben. Mit diesem Paradigma lässt sich also testen, ob die Individuen eine explizite und deutliche Repräsentation der falschen Überzeugung anderer haben.
Eine weitere Art von Aufgabe, die häufig genutzt wird, um die Theory of Mind zu untersuchen, ist das „unerwarteter Inhalt“-Paradigma. Entworfen wurde es von Josef Perner, Susan Leekam und Heinz Wimmer (1987). Dem Kind wird bei dieser Aufgabe eine Smartiesrolle gezeigt und es wird gefragt, was sich wohl in der Schachtel befinde. Anschließend wird der Deckel aufgemacht und verraten, dass in der Schachtel Stifte sind. Nachdem die Stifte zurück in die Smartiesrolle gelegt und die Packung wieder verschlossen wurde, wird eine Kontrollfrage zum wirklichen Inhalt der Packung gestellt. Im Anschluss folgen zwei Testfragen. Zunächst wird erfragt, was das Kind am Anfang dachte, was sich in der Schachtel befinde. Anschließend soll das Kind sagen, was eine Person, die nicht in dem Raum ist und somit den wahren Inhalt der Schachtel nicht gesehen hat, dächte, was sich in der Schachtel befinde, wenn diese nur die geschlossene Schachtel sähe. Geben die Kinder bei beiden Testfragen „Smarties“ als Antwort, so haben sie laut Perner und Kollegen ein Verständnis für falsche Überzeugungen.Josef Perner, Susan R. Leekam, Heinz Wimmer: Three-year-old’s difficulty with false belief: The case for a conceptual deficit. In: British Journal of Developmental Psychology. Band 5, Nr. 2, 1987, S. 125–137, doi:10.1111/j.2044-835X.1987.tb01048.x
Um die Theory of Mind bei Erwachsenen zu untersuchen, wird der ‘‘Reading the Mind in the Eyes’’-Test verwendet. Dieser stammt ursprünglich von dem Psychologen Simon Baron-Cohen (1995). Hierbei werden den Probanden 25 Bilder von Augenpartien gezeigt, die verschiedene Emotionen ausdrücken. Die Probanden sollen aus verschiedenen Begriffen den passendsten auswählen. Das Ergebnis zeigt ihre Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen (affektive ToM), allerdings nicht ihre Kompetenz, auf die Intentionen anderer zu schlussfolgern (kognitive ToM).
Forschung Der Fokus der ToM-Forschung liegt bislang auf epistemologischen Überzeugungen, weniger auf Repräsentationen motivationaler oder emotionaler Zustände. Neuerdings wird er mit der Bindungstheorie verknüpft und der repräsentationale Gesichtspunkt fließt in die Forschung ein. Die ToM wird insbesondere im Rahmen der kognitiven Entwicklungspsychologie erforscht.
Ab den 1980er Jahren wurde die ToM autistischer Kinder untersucht. Simon Baron-Cohen postulierte, dass autistische Kinder keine bzw. nur verzögert eine ToM ausbilden und prägte hierfür 1990 den Begriff der Mind Blindness. Schon 1985 hatte er zusammen mit Alan Leslie und Uta Frith gezeigt, dass autistische Kinder im Vergleich zu nicht-autistischen Kindern bei einem False-Belief-Test nicht verstehen, dass eine Person eine falsche Überzeugung haben kann. Derartige Befunde führten zu der Theorie, dass die Störung der sozialen Interaktion und Kommunikation autistischer Menschen durch die Unfähigkeit bedingt sei, sich in die Gedanken und Emotionen anderer Personen hineinzuversetzen. Die Theorie der Mind Blindness wurde schon früh hinterfragt und gilt wissenschaftlich als überholt, da zugrundeliegende experimentelle Ergebnisse uneindeutig waren oder nicht repliziert werden konnten. Baron-Cohen vertritt heute die von ihm begründete Empathising-Systemising-Theorie, die Autismus auf neurologische Unterschiede im Gehirn zurückführt. Eine alternative Theorie zur Erklärung der Schwierigkeiten bei sozialer Interaktion und Kommunikation autistischer Personen mit nicht-autistischen Personen stellte 2012 Damian Milton unter dem Schlagwort des doppelten Empathie-Problems (Double Empathy Problems) vor, die in der Folge fortentwickelt und empirisch untermauert werden konnte und auch von Baron-Cohen aufgegriffen wurde.
Eine Studie ergab beispielsweise, dass erwachsene Menschen mit dem Asperger-Syndrom zwar bei False-Belief-Tests nicht fähig waren, eine falsche Überzeugung zuzuschreiben, aber durchaus in der Lage waren, False-Belief-Tests zu bestehen, wenn sie explizit dazu gefördert werden.Atsushi Senju, Victoria Southgate, Sarah White, Uta Frith: Mindblind Eyes: An Absence of Spontaneous Theory of Mind in Asperger Syndrome. In: Science. Band 325, 2009, S. 883–885. Ebenso scheinen Personen mit Temporallappenepilepsien Defizite aufzuweisen, unabhängig davon, ob eine Epilepsiechirurgie ausgeführt wurde oder nicht.Bernadett Mikula, Anita Lencsés, Csaba Borbély, und Gyula Demetera: Emotion recognition and theory of mind after temporal lobe epilepsy surgery: A systematic review. In: Seizure. Band 93, 2021, S. 63–74, doi:10.1016/j.seizure.2021.10.005.