Die Sino-Russischen Beziehungen entwickelten sich in den letzten Jahren zu einem wichtigen Faktor für die Politik in der Arktis. Verstärkte ökonomische und geopolitische Interdependenzen in der Arktis haben sich zu einem wichtigen Element der breiteren Annäherung zwischen China und Russland entwickelt, die mit wachsendem Interesse von der internationalen Gemeinschaft beobachtet wird.
Entwicklung der Sino-russischen Beziehungen in der Arktis Russland und China beschreiben ihre Zusammenarbeit auf der internationalen Bühne seit 1996 als eine „strategische Partnerschaft“. Dennoch stand Russland Chinas Ambitionen, in der Arktis aktiv zu werden, lange skeptisch gegenüber. Anträge Chinas auf einen Beobachter-Status im Arktischen Rat (der erste wurde bereits 2007 gestellt) wurden von Russland lange blockiert. Erst 2013 stimmte Russland dem chinesischen Antrag zu.
Die Haltung Russlands zu China in Bezug auf die Arktis änderte sich zwischen 2013 und 2014 signifikant. Russland konzentriert sich zunehmend auf die Entwicklung der russischen Arktis, insbesondere die Nutzbarmachung der Energieressourcen, um seine wirtschaftliche Basis zu stärken. Ab 2014 erschwerten die als Antwort auf die völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Russland und den russischen Krieg in der Ukraine seit 2014 verhängten Sanktionen der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union (EU) gegen Russland, allerdings den Zugang Russlands und russischer Firmen zu Kapital und Technologie. Seitdem versucht Russland daher, seinen „Pivot to Asia“ zu beschleunigen, also in Asien nach potenziellen Investoren und Technologiepartnern einerseits und neuen, nichtwestlichen Absatzmärkten andererseits zu suchen. Die Entwicklung von Energieressourcen und Handelsrouten in der russischen Arktis wurde zur Grundlage für eine chinesisch-russische Zusammenarbeit. Auf der jährlichen Pressekonferenz im Dezember 2017 hob Russlands Präsident Wladimir Putin Chinas Rolle für Infrastruktur, Transport und Energie in der Arktis hervor.Stronski, Paul/Nicole Ng (2018): Cooperation and Competition: Russia and China in Central Asia, the Russian Far East, and the Arctic, Washington, USA: Carnegie Endowment for International Peace. Auch für China spricht einiges für die Kooperation, da es in den letzten Jahren verstärkt versucht, seine Position als arktischer Akteur zu festigen. Das Engagement mit Russland ist bisher Chinas erfolgreichster Weg, um sich den Zugang zu neuen Navigationsrouten und den Ressourcen der Region zu sichern. Nach der Testnavigation der COSCO Shipping auf der Nordseeroute im Jahr 2013, einer ersten gemeinsamen Arktis-Expedition im Jahr 2016 betonten beide Staaten 2017 ihren Willen, die durch das Abschmelzen des arktischen Eises befahrbare Nordostpassage als Eisseidenstraße gemeinsam zu entwickeln und aufzubauen. Im Jahr 2017 integrierte China unter dem Namen „arktische Seidenstraße“ eine arktische Dimension in die Pläne der „One Road, One Belt“- Politik. Angesichts der Umstellung der chinesischen Energieerzeugung von Kohle zu Gas und des gleichzeitig wachsenden Bedarfs an Energieressourcen sieht China in den Gasreserven der russischen Arktis eine Möglichkeit zur Sicherung seiner Energieversorgung.
Trotz des geschlossenen diplomatischen Auftretens und den ökonomischen Vorteilen, die sich für beide Akteure bieten, verbleiben die Beziehungen zwischen Russland und China in der Arktis aber weiterhin zweideutig.
„Despite the shared ambition to build closer ties, the Chinese–Russian relationship is complex. While both countries have, on numerous occasions, declared their friendship and underlined the importance of their strategic partnership, a significant degree of mutual mistrust exists. Developing relations in the Arctic is one of the areas where cooperation could expand, under the right conditions.“
Bereiche der Kooperation Die Kooperation Chinas und Russlands in der Arktis beschränkt sich fast ausschließlich auf wirtschaftliche Bereiche. Hauptsächlich arbeiten die beiden Staaten darin zusammen, Ressourcen, insbesondere bezüglich Energie, zu gewinnen, Infrastrukturen zu errichten und auszubauen sowie Transportwege zu erschließen. So investieren (staatliche) chinesische Unternehmen in russische Projekte wie Erdgasförderung oder Erdgaspipelines.
Außerdem betreibt die Volksrepublik Ressourcenextraktion und Bergbau in der russischen Arktis.
Schmelzendes Eis aufgrund der Klimaerwärmung legt zudem neue Seerouten in Teilen der Arktis frei, die Russlands Souveränität und Territorialrechten unterliegen. Als Handelsnation ist China daran interessiert, diese neuen Transportrouten in der Arktis für sich zu nutzen und den Zugang dazu für sich zu beanspruchen.
Allerdings zeigt sich auch immer wieder, dass viele Projekte zwar auf höchster Ebene besprochen und auch beschlossen, aber dann nicht umgesetzt werden. Häufig bleibt es bei Plänen, die in der praktischen Realität unkonkret bleiben.Lasserre, Frédéric/Olga V. Alexeeva (2019): An analysis on Sino-Russian cooperation in the Arctic in the BRI era, in: Advances in Polar Science, doi:10.13679/j.advps.2018.4.000xx.
Interessen an einer Kooperation Nach dem Bruch mit dem Westen über die Situation in der Ukraine und wirtschaftlicher Rezession ist Russland darauf angewiesen, Investitionen von China zu erhalten sowie in Zusammenarbeit mit China seine Infrastruktur auszubauen und Ressourcen zu gewinnen. Außerdem ist China ein wichtiger Markt für Russland. Die Volksrepublik selbst wiederum möchte am ökonomischen Potenzial der Arktis teilhaben und seinen wachsenden Einfluss in der Welt auch im hohen Norden geltend machen.
Zudem werden in Sibirien Öl-, Gas- und Kohlevorkommen sowie weitere Rohstoffe vermutet. Für seine Wirtschaft und Industrie benötigt China diese (Energie-)Ressourcen und erhält sie von Russland. So wird das ostasiatische Land in Zukunft wahrscheinlich der Hauptabnehmer russischer Energie-Ressourcen im Osten sein.Bertelsen, Rasmus Gjedssø/Vincent Gallucci (2016): The return of China, post-Cold War Russia, and the Arctic: Changes on land and at sea, in: Marine Policy, Bd. 72, S. 240–245, doi:10.1016/j.marpol.2016.04.034.
Insofern besteht ein gegenseitiges Interesse beider Länder an einer Kooperation und Abhängigkeitsverhältnis voneinander – chinesische Investitionen und Zugang zum chinesischen Markt gegen russisches Know-how und russische Ressourcen.
Andererseits wird die sino-russische Zusammenarbeit von beiden Seiten her auch nicht gänzlich unkritisch gesehen. Denn Russland ist daran interessiert, seine Souveränität und Territorialrechte in der Region, die bezüglich des arktischen Meeres im United Nations Convention on the Law of the Sea (UNCLOS) definiert sind, zu wahren. Der wachsende Einfluss der Volksrepublik in der Arktis und eine damit einhergehende Geltendmachung etwaiger Rechte kann diese Souveränität Russlands gefährden.
Derweil ist China der Kooperation gegenüber in gewisser Hinsicht skeptisch, da Russland die Zusammenarbeit lange verweigert hat, insbesondere hinsichtlich eines Observer-Status für China im Arctic Council. So stellt sich China die Frage, inwiefern jetzigen Bemühungen von russischer Seite aus ein ehrliches Interesse an einer langfristigen sino-russischen Partnerschaft zugrunde liegt oder ob es sich dabei vorwiegend um Eigeninteressen Russlands handelt.
Sino-russische Projekte in der Arktis Gas und Öl Den größten Erfolg für chinesisches Investment in der russischen Arktis-Region stellt das Yamal Liquefied Natural Gas Projekt (YLNG) dar. Der Seidenstraßen-Fonds, ein Investmentfonds des chinesischen Staates zur „One Belt, One Road“-Seidenstraße (OBOR), hält 9,5 Prozent der Anteile daran. Und auch eines der drei größten Mineralölunternehmen Chinas, die China National Petroleum Corporation (CNPC), verfügt über 20 Prozent der Anteile am YLNG-Projekt.ØSthagen, Andreas (2019): The New Geopolitics of the Arctic: Russia, China and the EU, in: Wilfried Martens Centre for European Studies, S. 1.
Mit diesem staatlichen chinesischen Konzern hatte das staatliche russische Erdgasförderunternehmen Gazprom 2014 zudem einen Vertrag zur Lieferung von russischem Gas nach China abgeschlossen. Seit 2018 bis voraussichtlich 2048 sollten jedes Jahr mindestens 38 Milliarden Kubikmeter Gas geliefert werden.
Zu diesem Zweck war ebenfalls 2014 mit dem Bau der „Power of Siberia“ begonnen worden. In der Erdgaspipeline soll vor allem russisches Erdöl bzw. Gas über Sibirien nach China transportiert werden. Während einige Teile der Pipeline bereits fertig gestellt und 2019 in Betrieb genommen wurden, wird an anderen noch gebaut.
Jamal LNG Die Jamal LNG gilt als Vorzeigekooperation und als größter gemeinsamer Erfolg Russlands und Chinas und wurde das erste Energieprojekt der BRI in der Arktis. Die Sanktionen der USA und der EU nach dem Ukraine-Konflikt trafen auch Jamal LNG Projekt, Investoren wie ExxonMobil und Eni stiegen aus dem Projekt aus. Ende 2013 erwarb die staatseigene Chinese National Petroleum Corporation 20 Prozent der Anteile an der Jamal LNG. China wurde zugesichert mindestens 3 Millionen Tonnen LNG pro Jahr aus dem Werk in Jamal zu erhalten, das über die NSR zu den chinesischen Märkten transportiert würde.
Erst als Chinas staatseigener Seidenstraßenfond 9,9 Prozent der Anteile erwarb und die China Development Bank und die Export-Import Bank of China Kredite in Höhe von über 9,3 Milliarden Euro garantierten, konnte die Realisierung finanziell sichergestellt werden. Peking hält damit 29,9 Prozent der Anteile, das russische Unternehmen Novatek 50,1 Prozent und der französische Energieriese Total 20 Prozent.
Die sino-russische Kooperation findet nicht nur auf finanzieller Ebene statt. Fast 80 Prozent der benötigten Technologien, Maschinen und Ausrüstung von chinesischen Firmen hergestellt werden.
Die Zusammenarbeit erstreckt sich zudem auch auf die Schifffahrt. Zusammen mit Novatek und der staatlichen russischen Reederei Sovcomflot ist die chinesische COSCO Shipping in die Verwaltung der Jamal-LNG-Eisbrecherflotte, die das gewonnene Gas transportiert, involviert.
Zu dem Abkommen zwischen Russland und China über die Zusammenarbeit bei der Umsetzung des Jamal-LNG-Projekts wurde 2016 ein Bundesgesetz verabschiedet. Der Ausschuss für Internationale Angelegenheiten des russischen Föderationsrates betonte, dass das Gesetz zur „Stärkung und Entwicklung gutnachbarlicher Beziehungen“ beiträgt. Die Behörden rückten damit die Bedeutung des Projekts für die politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit der beiden Länder nochmals in den Fokus.
Dennoch ist unsicher, was der Erfolg der Yamal LNG für weitere sino-russische Kooperationsprojekte in der Arktis bedeuten kann. Russland war zwar bei der Yamal LNG auf chinesische Investitionen angewiesen, versucht allerdings seither seine Investitionsquellen zu diversifizieren, um seine Abhängigkeit von China zu verringern. Saudi-Arabien, Japan, Indien und Südkorea sind mittlerweile auch in Energieprojekte in der Arktis involviert. Am Nachfolgeprojekt Arctic-2 LNG-Projekt beispielsweise hält Peking zwar auch 20 Prozent der Anteile, aber Novatek hält 60 Prozent, Total 10 Prozent und die restlichen 10 Prozent kaufte ein japanisches Konsortium. China ist zwar einer der finanziellen und technischen Hauptakteure des Projekts aber vor allem im Rahmen seiner Belt and Road Initiative daran interessiert. Das Gas der Jamal LNG wird kurz- bis mittelfristig keine bedeutende Rolle bei den LNG-Importen Chinas spielen. Auch China strebt eine Diversifizierung seiner Lieferanten an und wird sich nicht nur auf russisches LNG aus der Arktis konzentrieren.
Transport und Infrastruktur