Der Schneebussard (Pseudastur albicollis, Syn.: Leucopternis albicollis) ist ein Greifvogel aus der Familie der Habichtartigen. Die nur wenig erforschte Art ist in den tropischen und subtropischen Wäldern Süd- und Mittelamerikas verbreitet. Besonders auffällig ist das kontrastreiche Gefieder, das in Schwarz- und Weißtönen gefärbt ist. Schneebussarde gelten allgemein als nicht gefährdet, ihr Bestand nimmt jedoch durch das zunehmende Verschwinden der Wälder in der Region kontinuierlich ab.

Merkmale Körperbau und Gefieder Schneebussarde gehören mit einer Größe von 46 bis 58 cm und einer Flügelspannweite zwischen 98 und 117 cm zu den mittelgroßen Vertretern der Habichtartigen. Wie bei vielen Greifvögeln werden auch beim Schneebussard die Weibchen größer und schwerer als ihre männlichen Artgenossen. Ihr Gewicht liegt ausgewachsen bei 780 bis 855 g, während die Männchen nur zwischen 600 und 670 g schwer werden. Da ansonsten hinsichtlich des Aussehens kein erkennbarer Sexualdimorphismus vorliegt und Größenunterschiede oft nicht ausgeprägt genug sind, ist eine eindeutige Identifikation der Geschlechter schwierig. Während der Brutzeit greifen Forscher hierfür zumeist auf das Verhalten der Vögel zurück.Draheim et al., Neotropical Birds of Prey, S. 121 Die Flügel wirken recht groß und breit aber nicht besonders lang, die Handschwingen stehen im Gleitflug weit auseinander. Der Schwanz ist hingegen verhältnismäßig kurz und leicht abgerundet. Der schwarz-graue Schnabel ist kompakt und kräftig, die obere Mandibel ist Greifvogel-typisch stark nach unten gebogen. mini|links|Schneebussard im Flug. Gut zu erkennen sind die besonders kurzen und breiten Flügel, deren Form eine Anpassung an eine waldbewohnende Lebensweise darstellt. Das auffälligste Merkmal der Art ist ihr kontrastreiches, schwarz-weiße gefärbtes Gefieder, dessen Weißanteil dem Schneebussard auch seinen Trivialnamen eingebracht hat. Diese Farbgebung findet sich bei neotropischen Greifvögeln nicht sonderlich häufig. Von Nordwest nach Südost steigt bei der Art der Anteil an Schwarz im Gefieder klinal immer mehr an. Zur Nominatform P. a. albicollis gehörende Exemplare sind an Kopf, Nacken und Haube sowie an der gesamten Unterseite und den Schenkeln perlweiß gefärbt. Die Oberseite der Flügel zeigt eine schwarze Grundfärbung, die Federn in diesem Bereich besitzen jedoch weiße Spitzen, was in sitzender Haltung den Eindruck eines Fleckenmusters erzeugt. Nur bei ausgebreiteten Flügeln wird sichtbar, dass sich die weiße Färbung vom Nacken über den Rücken bis zum Bürzel und den Oberschwanzdecken als schmales Band fortsetzt. An den Schulterfedern finden sich einige schwarze Tupfer in variabler Ausprägung. Die unteren Arm- und Handdecken sind wiederum einheitlich weiß gefärbt. An den Schwungfedern wird diese Färbung zunehmend von einer schwarzen Sperberung unterbrochen, die Spitzen der Federn sind schließlich einheitlich schwarz. An den Armschwingen findet sich allerdings noch ein sehr schmaler, weißer Rand. Die Steuerfedern sind an Ober- wie Unterseite weiß gefärbt, unterbrochen von einem breiten, schwarzen Band, das im Flug besonders gut zu erkennen ist. Zügel und Wachshaut sind bläulich-grau, die Iris des Auges hingegen dunkelbraun bis graubraun gefärbt. Die unbefiederten Beine sind schwach gelblich.

Jungvögel Das Jugendkleid ähnelt in seiner Farbgebung schon weitestgehend dem der Adulten, die bei ausgewachsenen Vögeln perlweißen Teile des Gefieders zeigen bei den Jungvögeln allerdings noch mehr oder weniger deutlich sichtbare, cremefarbene Anteile. An Hinterkopf, Haube und Nacken zeigt sich eine feine, schwarze Strichelung, die ausgeprägter ist als bei den Adulten. Bei der Färbung der unbefiederten Körperteile findet sich kein Unterschied zu älteren Exemplaren.

Verwechslungskandidaten Die besonders hellen Schneebussarde im Nordwesten des Verbreitungsgebiets sind im Grunde nicht mit anderen Arten zu verwechseln, dunklere Exemplare aus Südamerika ähneln jedoch bei oberflächlicher Betrachtung einer Reihe ähnlicher Arten. Zu nennen ist hier vor allem der Zügelbussard (Leucopternis melanops), dessen Verbreitungsgebiet sich mit dem des Schneebussards überschneidet. Zügelbussarde sind jedoch deutlich kleiner und können, sollte die Körpergröße nicht ausreichen, anhand der Schwanzfedern unterschieden werden, die bei dieser Art eine schwarze Grundfarbe mit einer weißen Bänderung aufweisen. Weitere, sehr ähnliche und nah verwandte Arten wie der Graurücken- (P. occidentalis) und der Mantelbussard (P. polionotus) kommen nicht sympatrisch mit dem Schneebussard vor, ihre Verbreitungsgebiete beginnen jeweils mindestens 750 km entfernt. Der Elsteradler (Spizaetus melanoleucus) kann relativ leicht durch unterschiedliche Proportionen des Körperbaus (vor allem längere, schmalere Flügel und ein schmalerer Schwanz) identifiziert werden.

Verhalten und Lebensraum Das Verhalten des Schneebussards und sein bevorzugtes Habitat sind vergleichsweise wenig erforscht. Während ältere Quellen die Art in der Regel als einen typischen Bewohner feuchter, immergrüner Wälder sehen, trifft dies scheinbar nur auf die in Mittelamerika beheimateten Populationen zu. Hier ist die Art offenbar stark mit primärem Regenwald assoziiert. In Südamerika lebende Vögel scheinen hingegen bis zu einem gewissen Grad auch mit offenerem oder durch den Menschen verändertem Terrain, wie etwa Sekundärwald, zurechtzukommen. Auf Grund der waldbewohnenden Lebensweise werden die Vögel wenn dann zumeist während ausgedehnter Gleitflüge über dem Blätterdach gesichtet. Diese dienen sehr wahrscheinlich der Abgrenzung des eigenen Territoriums gegenüber ArtgenossenDraheim et al., Neotropical Birds of Prey, S. 124–125 und werden vor allem in den späten Morgenstunden unternommen. An regnerischen oder wolkigen Tagen scheinen diese Flüge nicht oder nur selten unternommen zu werden. Schneebussarde bilden Paare, die ihr Territorium gemeinschaftlich gegen Eindringlinge verteidigen. Die unerwünschten Artgenossen werden hierbei aus dem Sturzflug heraus angegriffen. Wenn diese nicht die Flucht ergreifen, kommt es regelmäßig zu Kämpfen in der Luft, bei denen die Vögel ihre Klauen ineinander verhaken und regelrecht miteinander ringen. Während der Brutzeit zeigen sich Schneebussarde darüber hinaus besonders aggressiv gegenüber anderen Raubvögeln und verschiedenen Affenarten, wie Guatemala-Brüllaffen (Alouatta pigra) und Geoffroy-Klammeraffen (Ateles geoffroyi). Diese werden unter lautem Rufen aus der Umgebung des Nests vertrieben.Draheim et al., Neotropical Birds of Prey, S. 130 Wegen ihrer Tendenz, über längere Zeiträume an derselben Sitzwarte zu verharren, wurden Schneebussarde in der Vergangenheit als „lethargisch“ und „träge“ angesehen. Tatsächlich scheinen sie jedoch eher besonders geduldige Jäger zu sein, die sich von der Präsenz von Menschen nur in geringem Maße gestört zu fühlen scheinen. Im Gegenteil berichten Forscher eher davon, dass Schneebussarde ihre Aktivitäten mit einer gewissen Neugier zu verfolgen scheinen. Über ein etwaiges Zugverhalten der Art ist nichts bekannt, vermutlich handelt es sich eher um Standvögel.

Nahrung und Jagdverhalten In der Fachliteratur werden als bevorzugte Beute des Schneebussards vor allem Schlangen und andere Reptilien genannt, die die Vögel im ganzen verschlingen sollen. Die erste quantitativ aussagekräftige Studie über das Beuteschema der Art unternahmen der Ornithologe Gregory S. Draheim und dessen Kollegen Anfang der 1990er-Jahre im guatemaltekischen Nationalpark Tikal. Die Forscher identifizierten insgesamt 210 Beutetiere und stellten fest, dass Reptilien in etwa zwei Drittel der Ernährung der Bussarde ausmachen. Unter den Reptilien waren Schlangen verschiedenster Gattungen – darunter etwa Korallenottern (Micrurus), Königs- (Lampropeltis) oder Hakennasennattern (Ficimia) – zu wiederum zwei Dritteln vertreten. Hierbei werden sowohl baum- als auch bodenbewohnende Arten gleichermaßen geschlagen. Mit etwas unter 20 % machen kleine Säugetiere wie Deppes Hörnchen (Sciurus deppei) und nicht näher zu bestimmende Vertreter der Eigentlichen Fruchtvampire (Artibeus) einen weiteren wichtigen Anteil der Beute aus.Draheim et al., Neotropical Birds of Prey, S. 122–123 Zumindest gelegentlich werden auch größere Tiere zum Ziel der Jagdversuche, wie ein in Mexiko dokumentierter Angriff auf einen Nördlichen Tamandua (Tamandua mexicana) zeigt. Deutlich seltener werden darüber hinaus Vögel, Frösche und größere Insekten gefressen.

Schneebussarde sind in erster Linie typische Lauerjäger, die geduldig an einer Sitzwarte auf vorbeikommende Beute warten. Hierbei sind die Vögel fast bewegungslos und trotz ihrer auffälligen Färbung oft nur schwer auszumachen. Zeigt sich auch nach längerer Zeit kein geeignetes Ziel, ziehen die Bussarde im Tiefflug innerhalb des Waldes zu einem anderen Ansitz weiter. Die – unvollständigen und nicht sehr zahlreichen – Beschreibungen des Jagdverhaltens deuten darauf hin, dass Schneebussarde gezielt nach Lücken in der Vegetation suchen, die durch kürzlich gefallene Bäume geschlagen wurden und an deren Rändern sie dann ihre Jagdversuche starten. Ob diese Beobachtungen tatsächlich auf die Gesamtheit der Population anwendbar sind, ist nach derzeitigem Forschungsstand allerdings ungewiss. Wagt sich ein mögliches Beutetier zu weit aus seiner Deckung, stoßen die Vögel in einer direkten Bewegung auf das Opfer herab und schlagen die Beute mit den Klauen. Der Fang wird anschließend vor dem Verzehr an einen sicheren Ort geschleppt. Beute bis zu einer gewissen Größe wird dann offenbar im Ganzen verschlungen. Darüber hinaus existieren Berichte über Schneebussarde, die Gruppen von Säugetieren wie Weißrüssel-Nasenbären (Nasua narica), Haubenkapuzinern (Sapajus apella) und Mittelamerikanischen Totenkopfaffen (Saimiri oerstedii) in einiger Entfernung folgen, um von diesen aufgescheuchte Schlangen und andere Tiere erbeuten zu können.Draheim et al., Neotropical Birds of Prey, S. 123–125 Obwohl sie teilweise selbst ins Beuteschema der Vögel passen würden, werden die Tiere, denen sie folgen, offenbar nicht attackiert, sondern nur als Nahrungsindikatoren genutzt.

Fortpflanzung