hochkant|mini|Hans E. Gerr (2023) hochkant|mini|Hans E. Gerr (1947) Hans Ewald Gerr (* 29. Juli 1937 in Stadt-Olbersdorf, Tschechoslowakei) ist ein deutscher Erziehungswissenschaftler. Seit 1981 lehrte der Pädagoge und Sonderpädagoge als Dozent an der Universität Würzburg. Sein Forschungsschwerpunkt lag auf dem Gebiet der Pfadfinderpädagogik; er erforschte unter anderem die Einflüsse auf Robert Baden-Powells Erziehungskonzept, ordnete es in die Reformpädagogik ein und nahm eine Systematisierung seiner Erziehungselemente vor. Gerrs Bücher zählen zu den Standardwerken der Pfadfinderliteratur im deutschsprachigen Raum. Einen weiteren Schwerpunkt wissenschaftlicher Tätigkeit bildete die Beschäftigung mit der Demokratiepädagogik. Sein Ansatz ist es, durch frühe systematische Förderung der Demokratiefähigkeit den bestehenden Problemen wie der Gewaltbereitschaft durch ein handlungsorientiertes Erfahrungslernen, bei dem demokratische Werte und Normen gelebt werden, entgegenzuwirken. Zur Förderung demokratischer Lernprozesse entwickelte er in den Jahren 2014 bis 2015 die pädagogische Konzeption Demokratie leben.

Leben und Wirken Gerr besuchte in Bad Kissingen das Gymnasium (heute: Jack-Steinberger-Gymnasium) und absolvierte eine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Bayerischen Vereinsbank. Vor Studienbeginn war er bei der Heidelberger Volksbank beschäftigt. hochkant|mini|Hans E. Gerr, Leitung DPSG-Stamm Henneberg, Bad Kissingen (1957)

Hochschulabschlüsse und Lehrertätigkeit mini|hochkant|Hans und Margarete Gerr (20. Januar 2024) Nach Abschluss des Studiums mit Ablegung der Ersten Prüfung für das Lehramt an Volksschulen an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg im Jahre 1963 unterrichtete Gerr an Grund- und Hauptschulen in Baden-Württemberg und Bayern. Zu seinen Wirkungsorten als Lehrer zählten Baden-Baden-Haueneberstein, Oppenau-Lierbach, Schenkenzell, Bad Kissingen-Reiterswiesen sowie Bad Kissingen.

Nach Beendigung des Sonderpädagogikstudiums (Lernbehindertenpädagogik und Geistigbehindertenpädagogik) mit Ablegung der Fachwissenschaftlichen Prüfung an der Ludwig-Maximilians-Universität München im Jahre 1974 war er als Sonderpädagoge sowie von 1974 bis 1977 als Schulleiterstellvertreter in Bad Kissingen tätig.

Neben seiner Tätigkeit als Lehrer studierte er die Fächer Pädagogik, Sonderpädagogik, Psychologie, Soziologie und Philosophie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Im Jahre 1977 wurde ihm der akademische Grad Diplom-Pädagoge (Erziehungswissenschaft II: Studienrichtung Sonderpädagogik) verliehen; 1981 wurde er an der Universität Würzburg im Hauptfach Pädagogik mit der Dissertation Baden-Powells Entwurf einer Erziehung durch Scouting: Einflüsse und Entwicklungstendenzen zum Dr. phil. promoviert.

Wesentliche Impulse erhielt Hans Gerr bereits an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg durch Ernst Meyer (Pädagoge) sowie Ernst M. Wallner; weiterhin hatten Einfluss auf sein pädagogisches Denken und Handeln vor allem die Hochschullehrer Otto Speck (Ludwig-Maximilians-Universität München) sowie Andreas Möckel, Albert Reble, Ernst Hojer und Heinrich Rombach (Julius-Maximilians-Universität Würzburg).

Ehrenamtliches Engagement Hans Gerr war in der Jugendarbeit der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg aktiv, arbeitete bei der Durchführung von Pfadfinderzeltlagern mit, bildete viele Jahre Pfadfinderleiter aus (Mitarbeit bei Woodbadgekursen), wurde in den Wissenschaftlichen Beirat der „Vereinigung Deutsches Pfadfindermuseum – Pfadfinder-Geschichtswerkstatt“ berufen und war als Referent tätig. Bei der Aus- und Fortbildung von Pfadfinderleitern arbeitete er mit bekannten Pfadfinderpersönlichkeiten wie Walter J. Zielniok, Eckart Conze oder Hermann von Schroedel-Siemau zusammen. Zu den weiteren ehrenamtlichen Aktivitäten zählte unter anderem seine Mitarbeit im Naturschutzbeirat beim Landratsamt Bad Kissingen.

Publizistische Tätigkeit Gerr ist auch Herausgeber und Autor von lebensphilosophischen Schriften. Die erste Anthologie Ein Lächeln ist wie ein Geschenk, die er im Jahre 2012 im Coppenrath Verlag herausgab, verkaufte sich bis März 2023 über 120.000 Mal."Kissinger Autor: Vom Glück und von der Freude" Saale-Zeitung vom 15. März 2023. F-Signet von Sigismund von Dobschütz, abgerufen am 9. Mai 2023

Ebenfalls im Coppenrath Verlag erschien im Januar 2025 seine Monografie Kompass für ein glückliches Leben – Gedanken; das kleinformatige Buch mit Aphorismen wurde gestaltet mit farbigen Illustrationen von der Grafikdesignerin Nora Paehl.„Kissinger Autor gibt Tipps für ein glückliches Leben“ Main-Post vom 25.01.2025. Lesetipp von Sigismund von Dobschütz, abgerufen am 28. Januar 2025

Privates Hans Gerr ist seit 1965 mit Margarete Gerr, geb. Ebert, verheiratet. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor.

Forschung und Lehre Forschungsbereiche Gerrs Forschungsschwerpunkt lag auf dem Gebiet der Pfadfindererziehung. Seit 1977 erforschte er die Einflüsse auf Robert Baden-Powells pädagogischen Entwurf, nahm seine Einordnung in die Reformpädagogik sowie eine Systematisierung der Erziehungselemente vor und analysierte das gegenwärtige Modell pfadfinderischer Selbsterziehung hinsichtlich seiner aktuellen Bedeutung. Unter anderem plädoyierte er in seinem Buch Die Pfadfindermethode (2000) dafür, dass in einer Zeit starken Medienkonsums, fortschreitender Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen oder steigender Gewaltbereitschaft und Intoleranz pfadfinderische Grundsätze der Selbsterziehung wie das „Lernen durch Handeln und Erfahrung“ in „kleinen Gruppen“, die „einfache und natürliche Lebensweise“, die „Orientierung an Werten und Normen“ beim Handeln oder das „interkulturelle Lernen“ geeignet sind, einen Beitrag zur Lösung zeitbedingter Erziehungsprobleme zu leisten.

Hans E. Gerr publizierte mehrere Bücher (Monografien), die zu den Standardwerken der Pfadfinderpädagogik im deutschsprachigen Raum zählen. Neben seinen Schriften zur bildungsgeschichtlichen Forschung und zur pädagogischen Konzeption der Pfadfindererziehung gehört auch sein Handbuch für Pfadfinderleiter Pfadfinden – Weg einer Selbsterziehung zum wertorientierten Handeln: Eine Einführung in die Pfadfinderpädagogik (2014) dazu. Thematisiert werden unter anderem Erziehungsziele, Inhalte in Form attraktiver Programme und Erziehungsgrundsätze sowie pädagogische Aufgaben des Leitungsteams. Als Hilfe zur Klärung der pädagogischen Zusammenhänge dienen dabei 46 Schemata, die Gerr während seiner mehr als zwanzigjährigen Ausbildungspraxis von Pfadfinderleitern entwickelt und erprobt hatte.

In der Zeit von 1984 bis 2000 veröffentlichte er regelmäßig Aufsätze zur Pfadfinderpädagogik in der vierteljährig erscheinenden Pfadfinderzeitschrift scouting.

Einen weiteren Schwerpunkt wissenschaftlicher Tätigkeit bildete die Beschäftigung mit der Demokratiepädagogik in der Zeit seines Ruhestandes. Durch frühe systematische Förderung der Demokratiefähigkeit soll bestehenden Problemen wie der zunehmenden Gewaltbereitschaft oder der Radikalisierung von weltanschaulich oder religiös beeinflussten Gruppierungen durch ein handlungsorientiertes Erfahrungslernen, bei dem demokratische Werte und Normen gelebt werden, entgegengewirkt werden. Zur Förderung demokratischer Lernprozesse entwickelte er in den Jahren 2014 bis 2015 die pädagogische Konzeption Demokratie leben. Das wissenschaftlich begleitete Projekt eines wöchentlich stattfindenden Inklusionstages, an dem alle Schüler der örtlichen Schulen beteiligt sind, ermöglicht für ihn nicht nur eine „Teilinklusion für alle“, sondern auch eine optimierte Umsetzung inklusiven Lernens an den Schulen durch die gewonnenen Erfahrungen. Bei den Inklusionstagen mit hoch motivierenden Aktivitäten ist die enge Verbindung von Wert-, Handlungs- und Reflexionsorientierung das zentrale didaktische Prinzip.

Hinsichtlich einer demokratischen Organisationsstruktur beim Projekthandeln an den Inklusionstagen empfiehlt Gerr in Anlehnung an das Kleingruppensystem der internationalen World Organization of the Scout Movement (WOSM) die Bildung von festen Kleingruppen mit gewählten Gruppensprechern; diese vertreten die Interessen und Bedürfnisse der sechs bis acht Kleingruppenmitglieder im Projektrat, dem neben den Gruppensprechern auch die erwachsenen pädagogischen Begleiter angehören. Über die im Projektrat erarbeiteten Planungen und vorgesehenen Handlungsschritte sowie eingebrachten Änderungsvorschläge wird dann in der Projektversammlung von allen auf demokratischem Wege durch Mehrheitsbeschluss entschieden.

In der 4., erweiterten Auflage seiner Schrift Demokratie leben lernen und Projekthandeln (2024) kennzeichnet der Autor unter anderem den pädagogischen Begriff „Demokratie“ in Anlehnung an John Dewey und thematisiert das Projekthandeln im Hinblick auf das Leben von demokratischen Werten sowie Möglichkeiten einer praktischen Umsetzung einer Demokratiepädagogik an den öffentlichen Schulen.

Auch zur Lösung von Problemen schulischer Inklusion zeigt der Verfasser einen möglichen Weg auf; er entwirft Grundlinien für ein Inklusionskonzept. Für ihn gehören zu den wichtigen Elementen einer inklusiven Lerngemeinschaft die Bildung von festen kleinen Lerngruppen unter entwicklungspsychologischen Aspekten und deren Zusammenspiel bei der Durchführung von Projekten, die Sicherstellung der Qualität des Lernens auf der Grundlage neurowissenschaftlicher Erkenntnisse durch ein handlungsorientiertes Erfahrungslernen sowie ein reflektiertes Handeln, das sich an demokratischen Werten und Regeln orientiert.

Gerr favorisiert die offene Lernform des „Projekthandelns“ mit einer demokratischen Organisationsstruktur, da es nach neurowissenschaftlichen Erkenntnissen dem gehirngerechten Lernen entspricht und eine hohe Qualität der Bildung bewirkt. In seinen Schriften zur Demokratiepädagogik kritisiert er die Tendenzen verstärkter Digitalisierung des Lernens im Kita- und Grundschulalter und vertritt die Position, dass damit unter anderem die motorische sowie soziale Entwicklung und auch die kindliche Intelligenzentwicklung behindert würden.

Tätigkeiten als Hochschuldozent Seit 1981 war Gerr als Wissenschaftlicher Mitarbeiter, seit 1989 als hauptamtlicher Dozent am Institut für Pädagogik II/Lehrstuhl für Grundschuldidaktik der Julius-Maximilians-Universität Würzburg tätig.

Bei der selbständigen Durchführung von Lehrveranstaltungen maß Gerr dem Theorie-Praxis-Bezug eine zentrale Bedeutung zu. Neben der regelmäßigen Durchführung der Veranstaltung über psychologische und didaktische „Grundlagen des Erstleseunterrichts“ sowie der Übungen zur „Planung, Vorbereitung und Gestaltung des Unterrichts an Grundschulen“ fanden unter anderem Seminare zu folgenden Themen statt (Auswahl): „Theorie und Praxis des Spiels in der Grundschule“, „Der geschichtliche Aspekt im Sachunterricht der Grundschule“, „Soziales Lernen in der Grundschule“, „Zum Umgang mit Aggressionen in der Grundschule“, „Der Beitrag des Spiels zur Förderung von Lernvoraussetzungen (Sprache, Sozialkompetenz, Wahrnehmung, Psychomotorik, sensorische Integration)“, „Lern- und Verhaltensstörungen im Unterricht der Grundschule“, Sonderveranstaltung „Schulwandern“ (mit Praxistagen in der Rhön) und „Projekthandeln im Sachunterricht der Grundschule“. Im Rahmen der Projektseminare wurden auch die unterschiedlichen Auffassungen der „Projektmethode“ bei John Dewey und William Heard Kilpatrick thematisiert.

Über die Einflüsse der reformpädagogischen Konzeptionen von Maria Montessori, Peter Petersen (Pädagoge) sowie Célestin Freinet auf die Grundschuldidaktik und -pädagogik fanden ebenfalls Seminare statt.