Jetzt. Wie wir unser Land erneuern ist ein Buch der deutschen Politikerin Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen), das im Wahlkampf zur Bundestagswahl 2021, zu der sie als Kanzlerkandidatin antrat, Gegenstand einer Plagiatsaffäre war. Das Buch erschien am 21. Juni 2021 im Ullstein Verlag und wurde Anfang Juli 2021 zum Spiegel-Bestseller. Es verbindet autobiografische Schilderungen mit dem Blick der Autorin auf die Welt sowie mit ihren politischen Positionen. Am Buch wirkte der Schriftsteller Michael Ebmeyer mit.
Ende Juni 2021 warf der österreichische Plagiatsgutachter Stefan Weber Baerbock vor, für das Buch Stellen aus anderen Werken teilweise nahezu wortgleich und ungekennzeichnet übernommen und dabei Plagiate und Urheberrechtsverletzungen auf zehn Seiten begangen zu haben. Baerbock entgegnete, dass es sich nicht um ein Sachbuch handele und Fußnoten deshalb „unnötig“ gewesen seien. Später kündigte der Verlag an, ein Quellenverzeichnis nachzuliefern. Nach weiteren Untersuchungen gab Weber Mitte September 2021 die Zahl der von ihm beanstandeten Fundstellen mit 100 an. Im November 2021 gab Baerbock, die im Dezember zur Bundesaußenministerin im Kabinett Scholz ernannt wurde, bekannt, dass es keine überarbeitete Neuauflage geben werde; dafür fehle ihr die Zeit.
Die Plagiatsvorwürfe gegen das Buch wurden zusammen mit Ungereimtheiten in Baerbocks Lebenslauf und nachgemeldeten Nebeneinkünften als ein Grund dafür bewertet, dass Bündnis 90/Die Grünen bei der Bundestagswahl schlechter abschnitt als erwartet und mit 14,8 % nur drittstärkste Partei wurde.
Entstehung Das Buch ist – so die Angabe auf der Rückseite des Titelblatts – „in Zusammenarbeit mit Michael Ebmeyer“ entstanden. Dieser führte mit Baerbock im Dezember 2020 und Januar 2021 Gespräche, deren Transkriptionen laut Baerbock die Grundlage gewesen seien, auf der sie das Buch verfasst habe. Ebmeyer selbst bezeichnete seine Rolle beim Zustandekommen des Buches als die eines „Geburtshelfers“: „So war es von Beginn an abgesprochen, und dabei ist es geblieben. An der Endfassung war ich nicht beteiligt.“ Ebmeyer verwies in diesem Zusammenhang auf eine Stellungnahme des Verlags, wonach er, Ebmeyer, im Winter 2020/21 lediglich ausführliche Interviews mit Baerbock geführt habe; das Buch habe sie allein geschrieben.
Ralf Heimann diskutierte für mdr.de die in den Medien später erörterte Frage, ob Baerbock das Buch selbst verfasst habe. Ebmeyer sei nur klein auf der Titelblattrückseite genannt, nicht aber etwa auf der Verlagshomepage. Heimann merkt an, dass Baerbock eine „schriftstellerisch unerfahrene Politikerin mit […] volle[m] Terminplan“ sei, und dass es einfacher gewesen wäre, wenn Ebmeyer selbst aus den Gesprächen ein Buch geschrieben hätte. Heimann folgt aber der Aussage des Verlags, dass Baerbock dies selbst getan habe.
Laut Markus Lippold entstand das Buch gleichzeitig mit dem Wahlprogramm:
Ausgaben und Ausstattung Das gebundene Buch, das als klimaneutrales Produkt beworben wurde, umfasst 240 Seiten und war auch als Hörbuch (gesprochen von Nina West) sowie als E-Book erhältlich. Es ist durchgehend in geschlechtergerechter Sprache geschrieben und mit Gendersternchen versehen, die in der Hörbuch-Fassung als Gender-Pause gesprochen werden (mit Glottisschlag). In Beschlüssen von Bündnis 90/Die Grünen ist das Sternchen seit einem Parteitagsbeschluss von 2015 der „Regelfall“, um trans- und intergeschlechtliche Personen einzubeziehen.Bündnis 90/Die Grünen: 39. Ordentliche Bundesdelegiertenkonferenz Halle – Beschluss: Geschlechtergerechte Sprache in Anträgen an die BDK. 20.–22. November 2015 (PDF: 40 kB, 1 Seite auf gruene.de; Leitfaden).Matthias Kohlmaier: Kommentar – Gendern in der Sprache: Ein Sternchen für alle. In: SZ.de. 22. November 2015, abgerufen am 1. Dezember 2021.Gabriele Diewald, Anja Steinhauer: Handbuch geschlechtergerechte Sprache: Wie Sie angemessen und verständlich gendern. Herausgegeben von der Duden-Redaktion. Dudenverlag, Berlin 2020, ISBN 978-3-411-74517-3, S. 126. Das Buch hat keine Abbildungen im Text, kein Glossar, keine Bibliographie oder Anmerkungen.Katja Thorwarth, Tobias Utz, Lukas Rogalla: „Niemand schreibt ein Buch allein“: Baerbock nennt neue Details zu Plagiatsvorwürfen. In: Frankfurter Rundschau. 10. Juli 2021, abgerufen am 3. August 2021. Baerbock erhielt für das Buch nach eigenen Angaben zwei Raten von jeweils etwa 12.300 Euro.
Im November 2021 gab Baerbock bekannt, dass es keine weitere, ergänzte Druckauflage des Buches geben werde. Bereits gedruckte Exemplare würden noch verkauft. Das E-Book sei ab sofort nicht mehr lieferbar. Baerbock erklärte über den Verlag, der Wahlkampf und die nachfolgenden Sondierungs- und Koalitionsverhandlungen hätten nicht den Raum für die notwendigen Ergänzungsarbeiten gelassen. Es sei absehbar, dass sich das in den kommenden Monaten nicht ändern werde.Buch wird nicht mehr gedruckt. In: Die Welt. 19. November 2021.
Inhalt Jetzt. Wie wir unser Land erneuern ist in vier Kapitel gegliedert, deren Überschriften lauten „Der Mensch im Mittelpunkt“, „Verändern, um es besser zu machen“, „Erneuerung braucht Halt“ und „Europäisch handeln“. Ein Vorwort, ein Nachwort (das unter dem Titel „Kein Schlußwort“ dazu aufruft, den Deutschen Bundestag nicht länger „zum verlängerten Arm der Exekutive“ zu „degradieren“ und Deutschland, die zentralen Themen wie Klimaschutz, Digitalisierung, Bildung und sozialen Zusammenhalt betreffend, zu erneuern) sowie Danksagungen für Personen, die mithalfen, dass das Projekt verwirklicht werden konnte, kommen hinzu.
Die gedruckte Widmung des Buches lautet:
Baerbocks Großmutter, die 1958 als Aussiedlerin aus Oberschlesien in die Bundesrepublik Deutschland einreiste, ist eine zentrale Figur im autobiografischen Teil des Buchs. Die Autorin führt mittels Anekdoten und Erlebnissen aus ihrem Alltag als Politikerin sowie aus ihrer Jugend und Familiengeschichte durch den Text und verbindet damit die Politikfelder, zu denen sie ihr Programm darlegt. Männliche Familienmitglieder werden kaum erwähnt. Ihre Kindheit in Schulenburg beschreibt Baerbock als „ein bisschen Bullerbü auf Norddeutsch“. miniatur|Fassadengestaltung durch von Matt von 2009 in der Berliner Brunnenstraße, unter dem Titel: Menschlicher Wille kann alles versetzen Ausgehend von einem Kunstwerk von Jean-Remy von Matt, das sich auf die deutsche Wiedervereinigung bezieht, fasst Baerbock im Vorwort zusammen, die Politik der letzten Jahre sei von Mutlosigkeit geprägt worden und „[betreibe] immer größeren Aufwand, um die Versäumnisse der Vergangenheit auszugleichen“.
Die Regierung müsse Neues wagen und lernfähig sein, das Vertrauen in die Institutionen des Staates wiederherstellen und Veränderungsbereitschaft zeigen, um beispielsweise die Industriegesellschaft klimaneutral umzubauen. Es gebe keine endgültigen Antworten, sondern es gehe um das Betreten neuer Wege. Eine gewisse EU-Skepsis in ihrer Partei sei ein historischer Fehler gewesen. Somit präsentiert Baerbock ihre Vorstellungen einer gestalterischen Politik in einer Zeit des Umbruchs. Sie möchte den Menschen Mut machen, die Veränderungen für eine klimagerechte und soziale Lebensweise anzugehen, und versucht dabei die Stärken der Gesellschaft herauszustellen, diesen Weg erfolgreich mitzugehen; sie betont, wie wichtig der Mensch als der zentrale Anknüpfungspunkt der Politik ist.
Politik und Menschenrechte Im ersten Kapitel beschreibt Baerbock, wie schnell Politikern der Blick für den Alltag abhandenkommen könne, wenn an langen Arbeitstagen der Bezug zur Normalität anderer Bürger fehle. Sie beschreibt, wie sie selbst auch dank der Unterstützung ihrer Familie versuche, gegen diesen Realitätsverlust anzukämpfen und in Orten des täglichen Lebens wie Fabriken, Krankenhäusern etc. mit Bürgern ins Gespräch zu kommen. Mit dem Blick auf ihre eigenen Töchter und die Situation von Kindern auch der Unterschicht in der COVID-19-Pandemie leitet sie über zum Themenkreis Schule und Bildung. Sie kritisiert das Hartz-IV-System, das zwar für Erwachsene in der Situation von Arbeitslosigkeit entwickelt wurde, aber dazu geführt habe, dass jeder dritte ALG-II-Empfänger in Deutschland ein Kind sei. Minijobs von Jugendlichen würden den Leistungsanspruch mindern, die Konsequenz sei das Signal: „Wehe du arbeitest und versuchst, aus dem System rauszukommen“.
Das ALG-II-System müsse „vom Kopf auf die Füße [gestellt werden]“. Mittels der Forderung nach einer Kindergrundsicherung, in der andere Sozialleistungen aufgehen würden, plädiert sie dafür, Kinder vor Armut zu schützen. Kinder bräuchten, unabhängig von der Herkunft, gleiche Chancen in der Schule, die letzte PISA-Studie habe gezeigt, dass gute Leistungen in der Schule immer noch mit der sozialen Herkunft verknüpft seien. Anhand von Modellschulen als Beispielen plädiert Baerbock für einen „Bildungsschutzschirm, […] um benachteiligte Kinder und Kinder mit den größten Lernrückständen […] zu fördern“.
Trotz des föderalen Systems sei es Aufgabe auf Bundesebene, die Bildungspolitik mitzugestalten. Sie ende nicht mit der Schule. Beim Bologna-Prozess in Deutschland sei zu wenig darauf geachtet worden, „Zugänge zum Studium jenseits der klassischen Hochschulreife zu ermöglichen“. Die Relevanz des Zweiten Bildungswegs zeigt die Autorin am Beispiel ihrer eigenen Mutter auf, die als Kind nach dem plötzlichen Tod ihrer Schwester den Anschluss in der Schule nicht bekommen habe, aber mit 37 Jahren ein Diplomstudium habe abschließen können. Angesichts der Veränderungen im Arbeitsleben sei „ein individueller Rechtsanspruch auf Weiterbildung sinnvoll“.
Im Folgenden schreibt Baerbock unter anderem über eine Reise 2019 in den Irak, wo sie in einem Flüchtlingslager Opfer des IS besucht habe und später nach Lalisch, dem zentralen Heiligtum der Jesiden weitergereist war. Sie berichtet auch über das dortige Zusammentreffen mit dem Baba Scheich und über den Besuch in einer Erdölraffinerie (2018), wo sie mit Angestellten über deren Ängste und Nöte diskutiert habe. Sie verbindet ihre politischen Ansätze mit diesen Erfahrungen: partei- und institutionsübergreifend gefördert sei ein Schutzhaus für vergewaltigte Jesidinnen und ihre Kinder entstanden.
Zum Ende des Kapitels geht Baerbock auf die Gleichberechtigung der Geschlechter ein, die sie unter Bezug auf Art. 3 GG als Menschenrecht bezeichnet, nicht als „Gefälligkeit“ und leitet über zur Identitätspolitik. Die Gender-Pay-Gap liege immer noch bei sechs Prozent, unbereinigt bei 18 Prozent. Deutschland sei hier in Europa an einer der letzten Stellen angesiedelt. Care-Arbeit, überwiegend von Frauen verrichtet, ginge nicht in die Berechnung des Bruttoinlandprodukts ein. Der Mangel an Kitaplätzen, der 342.000 Kinder beträfe und das Steuersystem seien Faktoren, die hier zu beeinflussen seien. Die Benachteiligung von Frauen habe sich auf die strukturellen Ebenen verlagert, während Menschen mit „nicht weißer Hautfarbe, diverser sexueller Identität oder […] mit Beeinträchtigung“ immer noch direkte Diskriminierung erlebten. Es solle der Anspruch der Politik sein, ein Bundeskabinett zu bilden, das die Vielfalt der Deutschen widerspiegele. Ein moderner Feminismus sehe den Kampf für die Rechte der Frauen immer auch im Zusammenhang mit dem Kampf gegen die Diskriminierung anderer Gruppen.
Umwelt und Klima Der Bereich Umwelt- und Klimapolitik nimmt das zweite Kapitel des Buches ein. Die Autorin blickt auf die UN-Klimakonferenz in Paris 2015 zurück, an der sie, mit ihrer Tochter, die versorgt werden musste, teilnahm. Die Generation ihrer Kinder sei jene, die später als Erwachsene heutige Politiker in die Verantwortung nehmen würde: „wie wir die Kehrtwende beim Klima hinbekommen haben“ oder alternativ: „Wie konntet ihr das nur so vermasseln?“. Die Deutsche Meteorologische Gesellschaft habe, so Baerbock, bereits 1987 „vor weltweiten Klimaänderungen durch den Menschen [ge]warnt“. Es gehe darum, „Wissenschaftlern zuzuhören, um politische Schlussfolgerungen daraus abzuleiten“.