mini|Die Venus aus Pompeji trägt Gürtel, Riemen, Bänder. Der Gürtel der Venus oder Venusgürtel, durch die Gleichsetzung der römischen Venus mit der griechischen Aphrodite auch Gürtel der Aphrodite, ist eines ihrer modisch-erotischen Accessoires, in dem all ihr Liebeszauber eingeschlossen und wirksam ist, ein Zaubergürtel der Liebe, der sie durch Liebreiz bezaubernd und damit unwiderstehlich macht.

Friedrich Schiller interpretierte den Mythos in seiner Abhandlung Über Anmut und Würde. Er sah im abnehmbaren Gürtel des Reizes das Symbol der beweglichen Schönheit, die über die natürliche Schönheit des Körpers hinaus als Anmut in der Schönheit willkürlicher Bewegung durch das Subjekt hervorgebracht wird. Anmut kommt demnach einer Person als Ausdruck der Seele zu, der Gürtel verleiht diese Eigenschaft kraft magischer Wirkung.

Ursprung und Begrifflichkeit in der Antike Die früheste Erwähnung des Gürtels findet sich im 14. Buch der Ilias (Vers 214). Seine Benutzung wird eingeleitet durch Hera (römisch: Juno), die ihren Gatten Zeus (römisch: Jupiter) zum Beischlaf verführen will und von Aphrodite Liebe und Liebreiz () erbittet (Vers 198). Hera hat sich schon vorbereitet und herausgeputzt, aber ihre Schönheit reicht nicht aus, die Liebe zu ihrem Mann ist erkaltet: „“ – (Vers 158). Sie benötigt zusätzlich Liebe und Liebreiz – ein Hendiadyoin, das betont, was für eine unwiderstehliche Charmeoffensive sie benötigt, nämlich eine verführerische Ausstrahlung, die beim Partner sexuelle Lust hervorruft.

Aphrodite versteht sofort, was sie will, und gibt ihr den Zaubergürtel, den , „den bestickten (und) bunten Gürtel“. Das Adjektiv („bestickt“ oder „gestickt“) ist abgeleitet vom Verb „stechen, sticken“ und wurde später, als das eigentliche Wort für Gürtel () wegfiel, durch Substantivierung selbst zum „Gürtel“ (siehe Kestos); lateinisch dann und , fälschlicherweise auch , nicht zu verwechseln mit dem Homograph „Schlagring“; schließlich wurde er zum besonderen „Gürtel der Venus“. Die Römer verwendeten das Wort aber auch für ein gewöhnliches Befestigungsband, denn Marcus Terentius Varro schreibt: „“ Varro, De re rustica, Buch 1, Kapitel 8, Abschnitt 6.

Mythologischer Hintergrund Literarische Grundlage des Gürtelmythos ist das 14. Buch der Ilias. Thema des Buches wie des gesamten Werkes ist der Trojanische Krieg, in dem die Olympischen Götter und Achilleus eine zentrale Rolle spielen. Zeus unterstützt zeitweise Troja, da sein Urenkel Achilleus von den Griechen beleidigt wurde. Hera unterstützt die Griechen, da sie durch das Urteil des Paris, eines Trojaners, nicht zur schönsten Frau gekürt wurde. Der Kampf geht unentschieden hin und her, doch die Griechen sind, obwohl sie von Poseidon unterstützt werden, entmutigt und tendieren zur Heimfahrt. Hera will deshalb Zeus ablenken, damit Poseidon die Griechen besser unterstützen kann.

Für das Ablenkungsmanöver plant sie, Zeus zu verführen, und trifft dafür in ihrem Gemach umfangreiche kosmetische und modische Vorbereitungen. Dazu gehört auch das Anlegen eines Hüftgürtels, der Zone: „“, Vers 181, Ebener. Doch sie weiß, dass sie dazu noch einen anderen Gürtel, den Gürtel der Liebesgöttin, benötigt. Sie erbittet ihn von Aphrodite unter der Vorspiegelung, mit ihm das Ehezerwürfnis ihrer ehemaligen Zieheltern Okeanos und Thetys zu kitten. Aphrodite erfüllt ihren Wunsch: „.“ Verse 214–217, Ebener.

Aphrodite empfiehlt Hera: „“, Vers 219, Voß. Und Hera – (Vers 180, Ebener) – folgt ihrem Rat: „“, Vers 223, Voß. Sie muss ihn verbergen, sonst durchschaut Zeus ihre List. Sie eilt nun zu ihm: „“, Vers 294, Voß. Und er antwortet: „“. Vers 314, Voß. Heras Plan geht auf, Zeus ist außer Gefecht gesetzt, er schläft durch die Mithilfe Hypnos’ nach dem Liebesakt ein, Poseidon greift in die Schlacht ein und die Griechen gewinnen wieder die Oberhand.

Dieser Mythos wurde von späteren Autoren ergänzt und ausgeschmückt, denn viele Fragen bleiben bei Homer offen: Woher hat sie den Gürtel, von ihrem Mann Hephaistos, der ihr den Gürtel aus Gold und Edelsteinen zusammenschmiedete, oder war er ein Geschenk der Horen, die sie erzogen, oder wurde sie schon mit dem Gürtel geboren? Möglicherweise hat sie ihn auch anderen ausgeliehen, zum Beispiel dem Paris, um Helena zu gewinnen? Außerdem wird ihm manchmal eine wichtige Rolle im Aphrodite-Adonis-Mythos zugesprochen, dass sie ihn mit dem Gürtel gewann.

Aussehen und Trageweise Informationen zur Machart antiker Gürtel sind insgesamt selten; beim Gürtel der Aphrodite liefert immerhin die Bezeichnung als einen Hinweis (siehe oben im Kapitel „Ursprung und Begrifflichkeit in der Antike“).Claudia Schopphoff: Der Gürtel. Funktion und Symbolik eines Kleidungsstücks in Antike und Mittelalter. Böhlau, Köln/Weimar 2009, ISBN 978-3-412-20226-2, S. 39. Ausgehend von den Bedeutungs- und Übersetzungsmöglichkeiten dieses Begriffs wird der magische Gegenstand als „gestickter Riemen“, also als Textilgegenstand,So oder aber als mit buntem Textilmaterial bestickter Lederriemen gedeutet.Doris Stupka: Der Gürtel in der griechischen Kunst. Dissertation, Universität Wien 1972, S. 168, zitiert nach Claudia Schopphoff: Der Gürtel. Funktion und Symbolik eines Kleidungsstücks in Antike und Mittelalter. Böhlau, Köln/Weimar 2009, ISBN 978-3-412-20226-2, S. 143.

Aus Homers Text geht klar hervor, dass Aphrodites „Gürtel“ im Brustbereich der Frau getragen wurde; sein genaues Aussehen ist aber unklar. Einige Forscher nahmen an, es habe sich einfach um ein Stück Stoff gehandelt, das in einer Gewandfalte aufbewahrt wurde. Eine andere Rekonstruktion geht von zahlreichen bildlichen Darstellungen der Aphrodite/Venus oder mit ihr gleichgesetzter orientalischer Göttinnen (Ištar, Astarte, Atargatis) aus, bei denen zwei Bänder in Form eines Andreaskreuzes um den nackten Körper gelegt sind, und vermutet, dass diese spezielle Gürtung dem homerischen Gürtel der Aphrodite entspricht.Die Andreaskreuz-These wurde vorgeschlagen von Campbell Bonner: Κεστὸς ἱμάς and the saltire of Aphrodite. In: American Journal of Philology. Band 70, 1949, S. 1–6; dort auch zu den älteren Spekulationen zur Gestalt des Gürtels der Aphrodite. Häufiger wird er aufgrund anderer antiker Darstellungen als um die Brust gebundenes Stoffstück oder Riemen gedeutet (ähnlich einem ); wieder andere griechisch-römische Kunstwerke zeigen eine Art Halsband, das auf die Brust herabfällt.Claudia Schopphoff: Der Gürtel. Funktion und Symbolik eines Kleidungsstücks in Antike und Mittelalter. Böhlau, Köln/Weimar 2009, ISBN 978-3-412-20226-2, S. 143–144; Ob der Kestos/Cestus als allgemeine Bezeichnung für ein Kleidungsstück sterblicher Frauen auf eine spezifische Trageweise festgelegt war, ist fraglich.Edmond Saglio: Cingulum. In: Dictionnaire des Antiquités Grecques et Romaines. Band 1,2, Hachette, Paris 1887, S. 1174–1182, hier S. 1176 (online).

Antike Rezeption Der Gürtel der Aphrodite wurde in der Antike zu einem sprichwörtlichen Inbegriff weiblicher Reize und findet sich als solcher beispielsweise in der Liebesdichtung und der Romanliteratur der Antike.Wolfgang Speyer: Gürtel. In: Reallexikon für Antike und Christentum. Band 12, Anton Hiersemann, Stuttgart 1981, ISBN 3-7772-8145-X, Spalte 1232–1266, hier Spalte 1237–1238 und 1241–1242; Claudia Schopphoff: Der Gürtel. Funktion und Symbolik eines Kleidungsstücks in Antike und Mittelalter. Böhlau, Köln/Weimar 2009, ISBN 978-3-412-20226-2, S. 142–143. Im weiteren Verlauf der antiken Literatur wurden ihm über die konkreten erotischen Effekte hinaus zunehmend auch weiterreichende, kosmische Wirkungen zugeschrieben; so heißt es in den Dionysiaka des Nonnos von Panopolis zu Aphrodites Gürtel:Nonnos, Dionysiaka 32,6–8. Übersetzung nach Die Dionysiaka des Nonnos. Verdeutscht von Thassilo von Scheffer. Band 2, Bruckmann, München 1933, S. 99. Allgemein siehe Wolfgang Speyer: Gürtel. In: Reallexikon für Antike und Christentum. Band 12, Anton Hiersemann, Stuttgart 1981, ISBN 3-7772-8145-X, Spalte 1232–1266, hier Spalte 1242 (mit weiteren Quellenverweisen). Alles in Einem bezaubert die sehnsuchtweckende Binde, Helios, Zeus und den Äther und alle kreisenden Sterne, Auch die unstete Flut des weiten Okeanosstromes.

Andere antike Autoren deuteten den Gürtel der Aphrodite allegorisch; so verglich zum Beispiel Philodemos von Gadara seine Fähigkeit, Einfluss auf Menschen zu nehmen und Sympathie in ihnen zu erwecken, mit dem Charme und der Wortgewandtheit eines Rhetors.Philodemos von Gadara, Rhetorik 2,289 (Zählung nach Sudhaus). Allgemein siehe Wolfgang Speyer: Gürtel. In: Reallexikon für Antike und Christentum. Band 12, Anton Hiersemann, Stuttgart 1981, ISBN 3-7772-8145-X, Spalte 1232–1266, hier Spalte 1242 (mit weiteren Quellenverweisen). Den Autoren des antiken Christentums diente der Mythos dagegen als Anlass zu Spott und Verachtung den griechisch-römischen Göttern gegenüber, deren Oberhaupt sich von einem derartigen Gürtel täuschen und kontrollieren ließ:

Im Gegensatz zu diversen anderen magischen Praktiken, die sich sowohl in der Literatur dieser Zeit als auch in Relikten tatsächlich durchgeführter Rituale nachweisen lassen, scheint die Vorstellung vom magischen Liebesgürtel in der Antike rein literarisch rezipiert worden zu sein. Antike Amulette oder Zauberpapyri erwähnen keine damit verwandten Vorstellungen – obwohl die bei Homer geschilderten Einzelheiten durchaus Parallelen zu antiken Gebetspraktiken zeigen und möglicherweise auf historische Brautrituale zurückgehen.Christopher A. Faraone: Aphrodite’s κεστὸς and Apples for Atalanta: Aphrodisiacs in Early Greek Myth and Ritual. In: Phoenix. Band 44, Nummer 3, 1990, S. 219–243, besonders S. 229 und 242.

Nachantike Rezeption mini|Annibale Carracci: Jupiter erliegt dem Brustband der Juno. mini|Rippenqualle Cestum veneris Der Gürtel der Venus und der zugehörige Mythos wurden in der bildenden Kunst Europas oft aufgegriffen – bereits in der Antike, später verstärkt in der Zeit des Barocks, im 17. bis 19. Jahrhundert; für Beispiele siehe Commons. Cestum Veneris habere, „den Gürtel der Venus besitzen“; nach Lukian und Erasmus von Rotterdam sprichwörtlich für „unwiderstehlich sein“. Gürtel des Liebreizes, so heißt er bei Friedrich Schiller in Über Anmut und Würde,Friedrich Schiller: Über Anmut und Würde, Abhandlung in der Zeitschrift Thalia, Mannheim 1793, Text auf Wikisource einer ausführlichen Interpretation des Mythos unter Betonung des Unterschieds von Schönheit und Anmut: In Johann Wolfgang von Goethes Faust. Der Tragödie zweiter Teil erscheint der Gürtel als das charakteristische Attribut der Aphrodite, die dort Cypria genannt wird (Akt 3, Verse 9677–9678). Cestum veneris, deutsch Venusgürtel, eine Rippenqualle aus der Familie der Cestidae, gürtelförmiger Körperbau, 1813 benannt von Lesueur. Venusgürtel, bandförmige rötliche Färbung des Himmels, Begriff im 19. Jahrhundert eingeführt. Venusgürtel, Linie auf der Hand, benutzt in der Wahrsagerei des Handlesens, siehe Abbildung mit dem . KESTOS, britische Dessousmarke, 1925–1967, bekannter Büstenhalter: .

Literatur Werkausgaben Johann Heinrich Voß (Übersetzer): Homers Ilias, Wien 1814. Dietrich Ebener (Übersetzer): Homer, Werke in zwei Bänden, 4. Auflage, Aufbau-Verlag, Berlin 1992.

Sekundärliteratur Christopher A. Faraone: Aphrodite’s κεστὸς and Apples for Atalanta: Aphrodisiacs in Early Greek Myth and Ritual. In: Phoenix. Band 44, Nummer 3, 1990, S. 219–243. Claudia Schopphoff: Der Gürtel. Funktion und Symbolik eines Kleidungsstücks in Antike und Mittelalter (= Pictura et poesis. Band 27). Böhlau, Köln/Weimar 2009, ISBN 978-3-412-20226-2. Wolfgang Speyer: Gürtel. In: Reallexikon für Antike und Christentum. Band 12, Anton Hiersemann, Stuttgart 1981, ISBN 3-7772-8145-X, Spalte 1232–1266, hier Spalte 1237–1238, 1241–1242 und 1254.

Weblinks

Anmerkungen

Kategorie:Venus (Mythologie) Kategorie:Gegenstand der griechischen Mythologie Kategorie:Kostümkunde der griechischen Antike Kategorie:Kostümkunde der römischen Antike Kategorie:Ilias