Karl Freytag (* 1. Juni 1866 in Marktsteft; † 21. April 1945 in Landshut) war ein Lehrer, Schulleiter, Kunsterzieher, Künstler und Organisator kultur- und volkswirtschaftlicher Verbände. Er war ehrenamtlich unter anderem im sozialen und kulturellen Bereich sowie für den Kleingartenanlagenbau in München und Süddeutschland tätig.100 Jahre Kleingartenverband München e.V. 1917–2017, S. 12 f. (Online) mini|Karl Freytag, 1915 Da Freytag außerdem seit 1933 ein überzeugter Nationalsozialist und NS-Funktionär war, bleibt von ihm ein zwiespältiges Bild zurück. Die Schule, die er als Lehrer und Schulleiter stark geprägt hatte, sollte nach seinem Tod 1945 nach ihm benannt werden. Diese Entscheidung wurde aber wegen seiner NS-Vergangenheit widerrufen. Eine 1932 nach Karl Freytag umbenannte Straße im Münchner Stadtbezirk Schwabing-Freimann wurde 1947 erneut umbenannt.
Biografie Jugend und Ausbildung Karl Freytag wuchs als Sohn eines unterfränkischen Weinhändlers und Schaumweinfabrikanten auf, Konrad Friedrich Freytag, Gesellschafter der Firma Fr. Freytag & Co. in Marktsteft. Mütterlicherseits war er ein Urururgroßneffe von Johann Sebastian Bach. Von seinem 13. bis 16. Lebensjahr besuchte er eine Präparandenschule. Er war sowohl in der Schule als auch im anschließenden Lehrerseminar in Würzburg der jeweils Klassenbeste.
Lehrer und Schulleiter 1884 wurde Freytag mit 18 Jahren Schulverweser in Kitzingen. Nachdem er die Anstellungsprüfung als Lehrer erneut als Bester von 82 Prüflingen mit der Note 1 abgeschlossen hatte, stellte er einen Antrag auf eine Verwendung in München. So kam er 1889 als Hilfslehrer, später als Lehrer, an die III. protestantische Münchner Schule an der Luisenstraße. Sein ganzes weiteres Berufsleben wirkte er in München.
Nach der Luisenschule unterrichtete Freytag an der Bäckerfachschule.Ein wahrer Lehrer. In: Münchener Zeitung. 1. April 1932 1902 richtete er im Auftrag Georg Kerschensteiners die Berufsfortbildungsschule für Stuckateure und Bildhauer ein, die er bis 1907 leitete. Ab 1907 war er Oberlehrer (Rektor, Schulleiter) der evangelischen Abteilung in der Hirschbergschule in Neuhausen, einer Knabenschule.
mini|Die Winthirschule, Ansicht von Norden Ab 1912 war er Oberlehrer an der neu erbauten Neuhausener Winthirschule, einer Volksschule, an deren Erbauung er auch mitgewirkt hatte. Unter seiner Leitung wurde die Winthirschule in den folgenden 20 Jahren zu einer in ganz Deutschland bekannten Vorzeigeschule.
An der Städtischen Gewerbeschule erteilte Freytag in den Wintermonaten Unterricht in Wechsellehre, Buchführung, Kalkulation und kaufmännischer Gesetzeskunde. Im Münchener Lehrerverein ordnete er das Archiv und schuf damit die Grundlage der Süddeutschen Lehrerbibliothek. Außerdem arbeitete er in der amtlichen Lehrbuchkommission mit. Im Münchner Schulleiterverein sowie im Zweckverband bayerischer Schulleiter war Freytag lange Jahre Vorsitzender.
Im April 1932 wurde Freytag nach insgesamt 48 Berufsjahren pensioniert.
Gesellschaftliches Engagement Karl Freytag war weit über sein Berufsleben hinaus sozial und kulturell engagiert und wurde als „beispielgebender tätiger Idealist“ charakterisiert. Er war Gründer mehrerer Vereine, erster Vorsitzender in zehn Vereinen und Vorstandsmitglied in acht weiteren.Franz Schröther: Karl Freytag und die „Pinakothek von Neuhausen“. In: Neuhauser Werkstatt-Nachrichten: Historische Zeitschrift für Neuhausen, Nymphenburg und Gern. Geschichtswerkstatt Neuhausen e. V., Nr. 12, 2004, S. 48 ff.
Kunst und Kultur mini|Wiechs mit den Heubergen bei Aibling, Ölgemälde von Karl Freytag, 1903 Freytag hatte eine „starke Neigung für die Kunst und die Musik“, wobei er seine malerische Ausdrucksfähigkeit auf sein väterliches Erbe und seine musikalische Begabung auf seine mütterlichen Vorfahren zurückführte.Blätter des Bayerischen Landesvereins für Familienkunde, 9. Jahrgang 1931, Nr. 4. Max Kellerers Verlag, München 1931, S. 51 (Digitalisat)
Auf eine Anregung von Franz von Lenbach, der Freytags künstlerische Begabung entdeckte, ließ er sich bei verschiedenen Münchener Künstlern im Zeichnen und Malen ausbilden. Freytag war Schüler von Josef Haunstetter, Georg Mühlberg, Hugo Kotschenreiter, Julius Widnmann und Eugen Schoch. Er malte zeitlebens, oft auf Reisen durch Bayern und außerhalb, auch im Ausland. Insgesamt hinterließ Freytag mehr als 2.800 Ölgemälde, vorwiegend Landschaftsbilder und Stadtansichten. Seine Werke wurden von einem Zeitungsredakteur der „gediegenen alten Münchner Landschaftsmalerei“ zugerechnet und als „meist recht farbenfroh“ und auf „intime Stimmungen ausgehend“ charakterisiert.
Freytag wählte als Maler mit dem Blick des Lehrers die Motive und die fast fotografisch genaue Art seiner Ausführung so, dass sich seine Bilder auch für Lehrzwecke gut eigneten. Mehr als 200, später 300Oberlehrer Karl Freytag. In: Münchener Zeitung. 14. Januar 1936. seiner Gemälde wurden „im Sinne der Jugend- und Volkserziehung“, da „ein edler Mensch nur in schönen Räumen heranwachsen kann“ (wie Freytag Comenius zitierte), in der Winthirschule aufgehängt. Wegen dieses ungewöhnlichen Bilderreichtums bekam die Schule bei den Münchnern den Spitznamen „Neuhauser Pinakothek“Franz Rogler: Die ‚Neuhauser Pinakothek‘ und Oberlehrer Freytag, der sie schuf. In: Welt am Sonntag. 25. Mai 1930. bzw. „Pinakothek von Neuhausen“.Kopf der Woche: Oberlehrer Karl Freytag. In: Allgemeine Zeitung. 12. Juli 1929. Sie diente auch anderen Münchner Schulen als Vorbild: 1930 waren bereits zwei weitere Schulen, die Pestalozzi-Schule und die neue Schule in Berg am Laim, auf die gleiche Weise „belehrend ausgeschmückt“ worden.
Freytag veranstaltete Kurse im Zeichnen und Malen, wurde zu einem Pionier auf dem Gebiet des Zeichenunterrichts in der Volksschule und deshalb 1908 als Vertreter zum Internationalen Zeichenkongress nach London entsandt.Ein Lehrer und Künstler. Karl Freytag 70 Jahre alt. In: Münchener Zeitung. 28. Mai 1936
In dem 1906 von Georg Kerschensteiner gegründeten Bayerischen Volksbildungsverband war Freytag Leiter der Abteilung für Bildende Künste. Er gründete auch den „Lehrerbund für Kunsterziehung“ und war dessen erster Vorstand. Ab dem Jahr 1910 führte Freytag in dieser Funktion öffentliche Führungen in Münchens Galerien, Sammlungen, Museen, Ateliers und Werkstätten sowie auch in anderen Städten durch. Er führte darüber eine genaue Statistik. Bis zum Ende seines Lebens waren es 2.244 Führungen mit 80.625 Teilnehmern.
1922 rief Freytag den Verein „Deutsche Kultur München-Nordwest“ ins Leben. In dessen Rahmen organisierte er ehrenamtlich für die Bevölkerung der nordwestlichen Münchner Stadtteile (Neuhausen, Nymphenburg und Gern) 374 Veranstaltungen wie Konzerte, Vortragsabende mit Lichtbildern, literarische Abende, Theateraufführungen und Sammelausstellungen von Gemälden Münchner Maler. Die Kulturveranstaltungen fanden unter anderem in der Winthirschule und im Dom-Pedro-Saal statt„Ein Nachkomme Joh. Seb. Bachs lebt in München: Vom Wirken eines deutschen Idealisten“, in: Telegramm-Zeitung vom 9. April 1931 und ermöglichten insbesondere auch noch wenig bekannten Künstlern, sich vor dem Münchner Publikum zu präsentieren.
Kriegshilfe, Kleingarten- und Heimstättenbewegung Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 gründete Freytag den Verein „Private Kriegshilfe München-Nordwest e. V.“, der in der Zeit der Nahrungsknappheit täglich 500 Kinder verköstigte und insgesamt mehr als 4.000 Familien unterstützte. Zur Finanzierung dieses Wohlfahrtsvereins rief er einen Kriegskartenverlag ins Leben, der 18 Millionen Kriegspostkarten verkaufte und dabei 720.000 Mark Gewinn erwirtschaftete. Einige dieser Kriegspostkarten haben als Bildmotive Zeichnungen seines Sohnes, des Kriegsfreiwilligen Karl Freytag junior.
Als weitere Maßnahme gegen die Nahrungsknappheit unterstützte der Kriegshilfeverein die Anlage von Kleingärten, sogenannten „Kriegsgärten“.100 Jahre Kleingartenverband München e. V. 1917–2017. S. 14 ff. (Online) Für diese wurde Anbauland unentgeltlich oder günstig organisiert und in Parzellen unterteilt, die verpachtet wurden. Wasserleitungen wurden gelegt, Zäune errichtet und Saatgut besorgt. Es gab dort außerdem Zuchtanlagen für kleinere Nutztiere wie Kaninchen, Hühner, Gänse, Enten und Ziegen.
Freytag trieb den Kleingartenbau mit Energie und Organisationstalent voran und stand für fast zwei Jahrzehnte an der Spitze der Münchner Kleingartenbewegung. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es in München lediglich drei Kleingartenanlagen mit rund 500 Kleingärten. Diese Zahl wuchs auf 120 Anlagen mit rund 10.000 Gärten an.Der Betreuer der Kleingärten. In: Völkischer Beobachter. 25. Mai 1936. Auch nach dem Ende des Kriegs betonte Freytag die Bedeutung von privaten Kleingärten insbesondere für Arbeitslose und Geringverdienende, die dadurch die Ernährung ihrer Familien verbessern konnten.
Zur besseren Organisation der Vielzahl neuer Kleingärten in den Münchner Stadtteilen gründete sich 1917 der Familien-Kriegsgärten-Verband München e. V. (heute Kleingartenverband München e. V.), in dem Freytag zum Vorsitzenden gewählt wurde und dieses Amt bis 1934 innehatte. Außerdem wurde er Vorsitzender des Landesverbands bayerischer Kleingärtner, des Deutschen Kleingärtnerverbands mit über 400.000 Mitgliedern sowie des Heimstättenvereins „Eigenhaus und Garten“, eine Genossenschaft. In einem Jahresbericht des Kleingartenverbandes bezeichnete sich Freytag einmal als „Kleingartenvater von München“. 1938 wurde er in einem Zeitungsartikel der „Kleingärtnervater“ von Bayern und vom ganzen Reich genannt.Maler aus Liebhaberei: Der bayerische Volksbildungsverband besucht Karl Freytag. In: Münchner Neueste Nachrichten. 3. Juni 1938. Seinen eigenen Kleingarten hatte Freytag in der 1915 als ersten entstandenen Kleingartenanlage NW 1.
mini|Luftbild einer Kleingartenanlage in München, 2014 Die Münchner Kleingärten wandelten allmählich ihren Charakter. Von Nutzflächen zur Verbesserung der Ernährung, vor allem in den „Hungerjahren“ 1915–1918, wurden sie immer mehr zu Orten der Erholung für die Großstadtbewohner. Um die Kleingärtnerei auch in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen, organisierte Freytag im Herbst 1928 und 1929 einen „Blumentag“. Bei diesem fanden Festumzüge mit Musik, reichlichem Blumenschmuck, Kostümen, Wagen und Tanzdarbietungen statt. Münchner Krankenhäuser, Altersheime, Kliniken, Pflegeanstalten, Blinden- und Taubstummeninstitute sowie Waisenanstalten wurden besucht, um mit Blumensträußen ihren Insassen eine Freude zu bereiten.Blumentag der Kleingärtner. In: Münchener Zeitung. 2. September 1929.
Sonstiges Freytag verbrachte in London, Paris und Venedig kurze Studienaufenthalte und beherrschte die Fremdsprachen Englisch, Französisch und Italienisch. Er galt auch als „tüchtiger Turner“.Karl Freytag 70 Jahre. In: Münchner Neueste Nachrichten. 28. Mai 1936. Er errang 1895 bei den Oktoberfestwettkämpfen im Wettlauf den ersten Preis unter 80 Rennläufern. Jedes Jahr hielt er sich von April bis Oktober täglich auf der öffentlichen Turnanstalt an der Maßmannstraße auf und war dort als Turnlehrer und Jungturn-Spielleiter tätig.
Briefentwürfe des Johann Elias Bach Aus dem Nachlass seiner fränkischen Bach-Vorfahren besaß Freytag ein Konvolut von Briefentwürfen aus dem Zeitraum 1738–1743, das heute in der Bach-Forschung unter dem Namen „Briefentwürfe des Johann Elias Bach“ bekannt ist. Er übergab sie zur Auswertung an den damals in München lebenden Komponisten und Musikschriftsteller Karl Pottgießer. Die Briefe von Johann Sebastian Bachs Cousin sind wichtige Quellen zu J. S. Bachs Leben. Erste Auszüge aus den Briefentwürfen wurden 1913 veröffentlicht.
Familie und Privatleben