Sexueller Missbrauch im Erzbistum Köln ist ein Bestandteil des Missbrauchsskandals der römisch-katholischen Kirche in Deutschland. Ab Oktober 2020 entwickelte sich im Erzbistum Köln eine schwere Krise im Zusammenhang mit dem Streit über verschiedene Gutachten zum sexuellen Missbrauch im Erzbistum und dem Umgang der Verantwortlichen mit den Missbrauchsfällen. Erzbischof Rainer Maria Woelki geriet unter Druck, die Zahl der Kirchenaustritte stieg sprunghaft an.

Entwicklung in den 2010er-Jahren Im Jahr 2010 wurden im Erzbistum Köln frühere Missbrauchsfälle an verschiedenen von Ordensgemeinschaften geführten Internaten bekannt, zuerst an dem von Jesuiten geleiteten Aloisiuskolleg in Bonn,Bistümer melden Dutzende Verdachtsfälle auf Kindesmissbrauch spiegel.de, 6. Februar 2010. dann an Internaten der Pallottiner, der Minoriten und der Redemptoristen (siehe unten).

Die Staatsanwaltschaft Bonn ermittelte in diesem Jahr gegen den Hausmeister einer Pfarrgemeinde. Der Mann wurde vom Dienst suspendiert und erhielt Hausverbot. Die Staatsanwaltschaft Aachen ermittelte gegen einen verdächtigen Priester, der damals in einem Pflegeheim lebte.Missbrauch in der katholischen Kirche: Liste des Schreckens spiegel.de, 20. März 2010.

Im Jahr 2010 publizierte und verteilte das Erzbistum eine vom damaligen Generalvikar Dominikus Schwaderlapp in Auftrag gegebene Broschüre über sexuellen Missbrauch im Erzbistum Köln. In dem Dokument wurde nur von fünf des sexuellen Missbrauchs beschuldigten Priestern berichtet, obwohl mehr Fälle bekannt waren.Missbrauchs-Broschüre in Köln verteilt Kölner Stadt-Anzeiger, 14. Oktober 2020. Im September 2010 sagte Kardinal Joachim Meisner, im Erzbistum Köln gebe es nach Abarbeitung aller Hinweise vier Fälle, in denen die Opfer noch leben, und es gebe noch einen Täter, einen Priester, der alles zugegeben habe.Bistum Aachen: 24 Priestern wird Kindesmissbrauch vorgeworfen welt.de, 10. September 2010.

Im Februar 2011 suspendierte das Erzbistum Köln einen Gemeindepfarrer im oberbergischen Morsbach. Dieser hatte dem Erzbistum verheimlicht, dass er 2010 eine Bewährungsstrafe wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes vor 20 Jahren erhalten hatte. Das Erzbistum erfuhr von dem Fall durch die Anwältin des Opfers. Die Angelegenheit wurde an die Kurie zur Prüfung weiterer kirchenrechtlicher Konsequenzen überstellt. wdr.de, 12. Februar 2011 (archivierte Webseite).

In der im Jahr 2018 veröffentlichten MHG-Studie der Deutschen Bischofskonferenz wurde von 87 Geistlichen berichtet, die im Erzbistum Köln des Missbrauchs beschuldigt wurden.Dominikus Schwaderlapp und Stefan Heße: Bedingt aufklärungsbereit zeit.de, 14. Oktober 2020. Am 29. Oktober 2018 meldete das Erzbistum vier Verdachtsfälle aus den 1970er und 1980er Jahren auf Basis neuerer Informationen bei der Staatsanwaltschaft. Die vier Priester waren bereits kirchenrechtlich sanktioniert worden und nach kirchlichem Verbot nicht mehr öffentlich im priesterlichen Dienst tätig.Erzbistum Köln meldet vier Missbrauchsfälle an Staatanwaltschaft kath.net, 30. Oktober 2018.

Entwicklung seit 2020 Kritik an Stefan Heße, 2020 Am 14. Oktober 2020 berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung unter Berufung auf die Bild-Zeitung, dass der heutige Hamburger Erzbischof Stefan Heße in seiner damaligen Funktion als Leiter der Personalabteilung in Köln einen Priester (Priester U.), der seine drei Nichten missbraucht haben soll, „der kirchlichen wie auch indirekt der weltlichen Strafverfolgung entzogen“ habe. Trotz eines Geständnisses sei der Geistliche wieder in der Seelsorge eingesetzt worden. Heße bestritt gegenüber der Bild-Zeitung, an der Vertuschung des Falles beteiligt gewesen zu sein, und schloss aus, „einem Vorgehen zugestimmt zu haben, bei dem in Fällen sexuellen Missbrauchs von Gesprächsinhalten keine Protokolle angelegt oder gar Protokolle, Akten oder Gesprächsnotizen im Zweifel vernichtet werden sollen“.Daniel Deckers: Vertuschungsvorwurf gegen Erzbischof Heße faz.net, 14. Oktober 2020. In einer nachfolgenden Stellungnahme teilte das Erzbistum Köln mit, dass sich aus den vorliegenden Gesprächsnotizen einer Anhörung des verdächtigten Pfarrers im Generalvikariat keine Hinweise auf ein Geständnis ergeben. Das gegen den Verdächtigten eröffnete staatliche Ermittlungsverfahren war im März 2011 eingestellt worden, nachdem „die Betroffenen von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht“ hatten.Stellungnahme des Erzbistums Köln zur aktuellen Berichterstattung zu einem möglichen Missbrauchsfall im Erzbistum Köln Pressemitteilung, 22. Oktober 2020.

Matthias Katsch von der Betroffeneninitiative „Eckiger Tisch“ legte Heße den Rücktritt nahe. „Für mich kann Erzbischof Stefan Heße sein Amt nicht mehr glaubwürdig ausfüllen – weder im Umgang mit den Betroffenen noch mit Blick auf die Aufarbeitung. Ich denke, dass er über kurz oder lang zurücktreten wird müssen.“Daniel Wirsching: Missbrauchsbeauftragter fordert mehr als 50.000 Euro für Opfer Allgäuer Zeitung, 15. Oktober 2020. Dieser Einschätzung schloss sich der Münsteraner Theologe und Kirchenrechtler Thomas Schüller an: „Heße wäre 2010 kirchenrechtlich dazu verpflichtet gewesen, eine Voruntersuchung einzuleiten und den Vatikan zu informieren. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, ist Heße als Hamburger Erzbischof nicht mehr haltbar.“Hamburger Erzbischof Heße gerät unter Druck spiegel.de, 21. Oktober 2020. Im November 2020 wurde bekannt, dass Heße aufgrund der Vorwürfe sein Amt als Geistlicher Assistent des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) vorläufig nicht mehr ausüben will.Daniel Deckers: Hamburger Erzbischof lässt Amt als Geistlicher Assistent ruhen faz.net, 19. November 2020.

Fall Hans-Bernhard Uedelhoven Die Staatsanwaltschaft hatte 2011 ihre Ermittlungen im Fall des früheren Gummersbacher Jugendseelsorgers, Krankenhausseelsorgers in Wuppertal und Seelsorgers in Zülpich, Hans-Bernhard Uedelhoven, eingestellt, nachdem eine Nichte offenbar auf Druck der Familie ihre Anzeige zurückgezogen hatte. Uedelhoven wurde im Erzbistum Köln nun weiterhin als Krankenhausseelsorger eingesetzt; die örtlichen Dienstvorgesetzten bekamen vom Erzbistum keine Informationen zur Vorgeschichte, so dass Uedelhoven bis 2019 als Seelsorger Kontakt mit Kindern und Jugendlichen hatte.

Die Interventionsstelle des Erzbistums rollte den Fall 2018, nach Erscheinen der MHG-Studie der Deutschen Bischofskonferenz, wieder auf und meldete ihn an die Staatsanwaltschaft, 2019 untersagte Erzbischof Woelki Uedelhoven die Ausübung priesterlicher Dienste. 2020 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage; ihm wurde jetzt vorgeworfen, sich zwischen 1993 und 1999 in 31 Fällen an seinen drei minderjährigen Nichten vergangen zu haben. Der Prozess ergab, dass Uedelhoven zwischen 1993 und Januar 2018 in 110 Fällen sexueller Missbrauch an neun Mädchen nachgewiesen wurde, davon in 23 Fällen schwerer sexueller Missbrauch. In acht weiteren Fällen wurde er freigesprochen, andere Fälle wurden wegen Verjährung vom Gericht nicht weiter verfolgt.

Das Landgericht Köln verurteilte ihn Ende Februar 2022 zu 12 Jahren Haft sowie zur Zahlung eines Schmerzensgeldes von zusammengerechnet 50.000 Euro zuzüglich Schadensersatz an drei Betroffene, die dies beantragt hatten. Der Richter bezeichnete den Angeklagten als pädophilen Serientäter mit narzisstischen Persönlichkeitszügen, der sein Umfeld getäuscht und manipuliert habe. Die Mädchen, die zum Teil aus zerrütteten Familien stammten, hätten ihn als Vertrauensperson und Ersatzvater gesehen. Nachdem Uedelhovens Verteidiger die Revision zurückgezogen hatte, wurde das Urteil im Mai 2022 rechtskräftig.; Daniel Deckers: Kirche im Staat. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. Oktober 2022. Abruf am 4. September 2023Malwine Raeder, Interventionsbeauftragte des Erzbistums Köln: Aufruf Hans-Bernhard Uedelhoven. Stabsstelle Intervention des Erzbistums Köln, 4. Juni 2022. Abruf am 4. September 2023

Unveröffentlichtes Gutachten der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl, 2020 Im Jahr 2018 hatte Kardinal Rainer Maria Woelki, seit 2014 Erzbischof von Köln, bei der Münchener Rechtsanwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl ein Gutachten zu sexuellem Missbrauch im Erzbistum Köln in Auftrag gegeben. In dem Gutachten sollte es insbesondere auch um den Umgang einzelner Verantwortlicher im Erzbistum mit der Aufarbeitung der Taten gehen.Heftiger Streit um von Woelki zurückgehaltenes Gutachten aachener-zeitung.de, 2. November 2020. Woelki sagte wiederholt, zur Aufklärung gehöre auch die Nennung von Namen früherer Verantwortungsträger, die gegebenenfalls Fehler gemacht hätten.Die Verstrickung des Kölner Erzbistums, tagesspiegel.de, 21. November 2020.

Das Gutachten wurde entgegen vorherigen Ankündigungen des Kölner Erzbistums im Oktober 2020 zunächst nicht veröffentlicht. Stattdessen erschien am 16. Oktober ein vom Generalvikariat beauftragtes anderes Gutachten, in dem die Professoren Matthias Jahn und Franz Streng dem Gutachten der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl erhebliche methodische Fehler attestieren und zu dem Schluss kommen, es sei deshalb „als Grundlage für die Benennung von Verantwortung durch Tun oder pflichtwidriges Unterlassen nach kirchlichem oder staatlichem Strafrecht auf Ebene der Entscheidungsträger des Erzbistums Köln keine taugliche Grundlage“.Matthias Jahn, Franz Streng: Gutachten zu Fragen der Einhaltung methodischer Standards in Teil IX („Persönliche Verantwortlichkeiten“) sowie den Teilen III („Vorgehensweise bei der Untersuchung“), IV („Die tatsächlichen Hintergründe“) und VII. („Bewertung der untersuchten Fälle“) des Gutachtens der Rechtsanwaltssozietät Westpfahl Spilker Wastl, München, über den Umgang mit Verdachtsfällen des sexuellen Missbrauchs im Erzbistum Köln. 16. Oktober 2020 ().Thomas Fischer: Absolute Absolution spiegel.de, 5. Februar 2021.

Am 30. Oktober 2020 teilte Erzbischof Woelki der Presse mit, dass er das Münchener Gutachten nicht veröffentlichen werde, weil es erhebliche methodische Mängel aufweise.Gutachten zu Missbrauchsvorwürfen bleibt unter Verschluss sueddeutsche.de, 30. Oktober 2020. Die Münchner Kanzlei wies Woelkis Vorwürfe zurück."Super-Gau für Erzbistum Köln": Woelki hält Missbrauchsgutachten geheim n-tv.de, 30. Oktober 2020. Woelki kündigte an, bis zum 18. März 2021 eine von anderen Gutachtern beauftragte Untersuchung veröffentlichen zu wollen.„Erhebliche Mängel“. Kardinal Woelki will Missbrauchsgutachten nicht veröffentlichen Kölnische Rundschau, 30. Oktober 2020.

Im Dezember 2021 wurde vom Erzbistum bekanntgegeben, dass es an die Kanzlei für das Gutachten 757.500 Euro gezahlt habe.

Zuspitzung im November 2020 Der Betroffenenbeirat des Erzbistums Köln stimmte der Nichtveröffentlichung des Münchener Gutachtens zunächst zu. Einige Mitglieder gaben später an, auf sie sei Druck ausgeübt worden und sie seien instrumentalisiert worden: „Wir sollten das Zertifikat liefern: vom Beirat abgesegnet.“ Mehrere Mitglieder zogen sich aus Protest aus dem Gremium zurück; ein Mitglied sprach von „gezielter Irreführung“ durch das Erzbistum, da wesentliche Informationen vor Versammlungen nicht zur Verfügung gestellt wurden.Missbrauch im Erzbistum Köln: Instrumentalisierte Opfer? Beitrag in der ARD-Sendung Monitor, 12. November 2020 (Video).Die Erkenntnisse müssen toxisch sein sueddeutsche.de, 18. November 2020.Missbrauchsgutachten belastet Kardinäle Meisner und Höffner. katholisch.de, 18. November 2020. Der Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Köln äußerte aufgrund der Ereignisse Zweifel, „ob aus dem System der herrschenden Bistumsleitung aus eigener Kraft heraus eine solche metanoia, Umkehr, und ein solcher Neuanfang zugunsten von Aufklärung, Recht und Gerechtigkeit möglich ist“.Die Wahrheit muss jetzt auf den Tisch dioezesanrat.de, 13. November 2020.