Tausche Bildung für Wohnen e.V. ist ein 2012 gegründeter gemeinnütziger Verein mit Sitz in Duisburg, der sich für Bildungsgerechtigkeit in strukturell benachteiligten Stadtteilen einsetzt. Das Konzept verbindet zwei gesellschaftliche Herausforderungen: Kinder, die aufgrund ihrer Herkunft und ihres Wohnorts schlechtere Bildungschancen haben, erhalten individuelle Lernförderung und persönliche Begleitung – durch junge Erwachsene, die dafür mietfrei in Wohngemeinschaften im jeweiligen Stadtteil leben und sich im Rahmen eines Bundesfreiwilligendienstes als Bildungspatinnen und -paten engagieren.

Die zentralen Wirkungsorte des Vereins sind die sogenannten Tauschbars – Lern- und Begegnungsräume mitten im Quartier, in denen Kinder nach der Schule individuelle Förderung, stabile Bezugspersonen und einen geschützten Raum zum Lernen und Spielen finden. Das Modell versteht Bildung als Beziehungsarbeit: Nicht Wissensvermittlung, sondern verlässliche Beziehungen zwischen Kindern und Bildungspatinnen und -paten stehen im Mittelpunkt.

Gegründet wurde der Verein 2012 von Christine Bleks und Mustafa Tazeoğlu. Die erste Tauschbar wurde 2014 in Duisburg-Marxloh eröffnet. Der Dachverein betreibt eigene Standorte im Ruhrgebiet und qualifiziert zudem Gründer, die eigenständige gemeinnützige Trägervereine aufbauen und das Tausche Bildung für Wohnen-Modell als Systempartner in weiteren Städten umsetzen. Der erste Systempartner-Standort, Tausche Bildung für Wohnen Hamburg e.V., wurde 2023 in Hamburg-Steilshoop eröffnet.Hamburg Magazin: Tausche Bildung für Wohnen kommt nach Hamburg. April 2023. online Der Verein wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter 2015 als Bundessieger in der Kategorie Bildung beim Wettbewerb „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“Initiative Deutschland – Land der Ideen: Bundessieger Bildung 2015. presseportal.de. online sowie 2018 als Bundessieger des Deutschen Nachbarschaftspreises, einem Preis für nachbarschaftliches Engagement in Deutschland.Lena Rickenberg: Deutscher Nachbarschaftspreis 2018. nebenan.de Stiftung, 28. August 2018. online

Geschichte Tausche Bildung für Wohnen e.V. wurde 2012 von Christine Bleks und Mustafa Tazeoğlu in Duisburg gegründet. Beide hatten aus ihrer eigenen Biografie erfahren, wie strukturelle Benachteiligung Lebenschancen prägt: Tazeoğlu war in Duisburg-Marxloh aufgewachsen und hatte dort früh erlebt, wie Herkunft und Wohnort häufig Bildungs- und Lebensbiografien bestimmen. Bleks, Absolventin der Universität Witten/Herdecke,Universität Witten/Herdecke: Pressemitteilung zu Christine Bleks als UW/H-Absolventin. idw-online.de, 2019. online hatte als alleinerziehende Mutter – bereits als Teenagerin – eigene Erfahrungen mit struktureller Benachteiligung gemacht.Anja Dilk: Du bist was wert. In: Good Impact, Ausgabe 16, 2025. [Print]; Marc Winkelmann: Das Tauschgeschäft. In: enorm Magazin, 2016. [Print]; GEO: Wer Kindern hilft, wohnt mietfrei. GEO 02/2022. [Print]Laut Statistischem Bundesamt galten zuletzt 28,9 % der Menschen in Alleinerziehenden-Haushalten als armutsgefährdet – mehr als doppelt so viel wie in Paarhaushalten (12,0 %). Statistisches Bundesamt 2025; Bertelsmann Stiftung: Factsheet Alleinerziehende 2024. online Nach einer zweijährigen Konzeptions- und Vorbereitungsphase eröffnete 2014 die erste Tauschbar in Duisburg-Marxloh. Tazeoğlu schied Ende 2014 aus dem Verein aus; seitdem führt Bleks den Verein als geschäftsführende Vorständin.

In den Folgejahren weitete der Verein sein Modell schrittweise auf weitere Stadtteile im Ruhrgebiet aus. 2019 wurde eine zweite Tauschbar in Gelsenkirchen-Ückendorf eröffnet, 2021 folgte Witten-Mitte. Im Jahr 2022 entstanden gleich zwei weitere Standorte: Dortmund-Westerfilde und Essen-Katernberg.

Ab 2022 begann Tausche Bildung für Wohnen e.V. parallel zum Standortausbau, ein Modell zur bundesweiten Übertragung des Konzepts zu entwickeln. 2023 eröffnete in Hamburg-Steilshoop der erste Standort eines eigenständigen Trägervereins: Tausche Bildung für Wohnen Hamburg e.V. wurde als eigenständiger gemeinnütziger Verein gegründet und wird seither von Anna-Sophie Hippke als 1. Vorständin geleitet – einer ehemaligen Standortleiterin des Dachvereins in Duisburg-Marxloh.Neue Dortmunder Zeitung: Tausche Bildung für Wohnen Hamburg e.V. – erster Standort außerhalb NRWs. August 2023. online Es handelt sich dabei um eine Systempartnerschaft (in früheren Veröffentlichungen auch als Social Franchise bezeichnet): Der Dachverein stellt das pädagogische Modell, die Qualitätsstandards und das Systemwissen bereit; der Partnerverein setzt das Konzept eigenverantwortlich vor Ort um.

Im Jahr 2024 feierte der Verein sein zehnjähriges Jubiläum seit der Eröffnung der ersten Tauschbar. Im Sommer 2026 wurde der Standort Essen-Katernberg nach dem Wegfall der Finanzierung geschlossen. Als nächster Systempartner-Standort ist Köln mit geplanter Eröffnung im Jahr 2027 in Vorbereitung.

Konzept Das Grundprinzip von Tausche Bildung für Wohnen basiert auf einem Tauschgeschäft: Junge Erwachsene engagieren sich als Bildungspatinnen und -paten für Kinder in strukturell benachteiligten Stadtteilen und erhalten dafür mietfreien Wohnraum in einer Wohngemeinschaft im jeweiligen Quartier sowie ein monatliches Taschengeld. Das Modell schafft damit gleichzeitig einen Mehrwert für drei Gruppen: Kinder erhalten individuelle Förderung und stabile Bezugspersonen, junge Erwachsene durchlaufen eine intensive Phase der Persönlichkeitsentwicklung, und die Stadtteile profitieren von einer dauerhaften sozialen Infrastruktur.

Tauschbars Die zentralen Wirkungsorte sind die sogenannten Tauschbars – Lern- und Begegnungsräume zwischen 90 und 140 Quadratmetern, die sich fußläufig im jeweiligen Quartier befinden. Sie sind werktags geöffnet und strukturieren den Nachmittag der Kinder in zwei Lernslots. Der Betreuungsschlüssel liegt bei maximal 1:4 – eine oder einen Bildungspatinnen oder -paten oder Standortleitung betreut höchstens vier Kinder gleichzeitig.

Bildungspaten Die Bildungspatinnen und -paten sind zwischen 18 und 27 Jahre alt und kommen aus einem bundesweiten, zum Teil weltweiten Einzugsgebiet. Ihr Engagement erfolgt im Rahmen eines einjährigen Bundesfreiwilligendienstes. Sie leben gemeinsam in Wohngemeinschaften, die von Wohnungsbaugesellschaften mietfrei zur Verfügung gestellt werden und sich in unmittelbarer Nähe zur Tauschbar befinden. Für viele ist es die erste Erfahrung des eigenständigen Lebens außerhalb des Elternhauses. Neben dem Vollzeitengagement im Bundesfreiwilligendienst gibt es auch Teilzeitpatinnen und -paten, die sich parallel zu Studium oder Ausbildung ehrenamtlich engagieren.

Pädagogischer Ansatz Tausche Bildung für Wohnen e.V. versteht Bildung als Beziehungsarbeit. Verlässliche Beziehungen zwischen Kindern und Bildungspatinnen und -paten werden als Voraussetzung für Lernen und persönliche Entwicklung verstanden – nicht als Ergänzung zum eigentlichen Programm. Der Ansatz knüpft an bildungswissenschaftliche Befunde an, wonach stabile Bezugspersonen und ein sicheres Lernumfeld zentrale Faktoren für schulischen Erfolg und sozial-emotionale Entwicklung sind.

Programme und Angebote

Angebote für Kinder Die Tauschbars bieten Kindern der ersten bis siebten Klasse ein ganzheitliches Nachmittagsprogramm. Kern ist die individuelle Lernförderung in Kleingruppen mit einem Betreuungsschlüssel von maximal 1:4, die Hausaufgabenbetreuung und schulbezogene Förderung in Lesen, Schreiben, Sprache und Mathematik umfasst. Ergänzt wird das Angebot durch Freiraum für gemeinsames Spielen, projektbasiertes Lernen sowie abwechslungsreiche Ferienfreizeiten und Ausflüge, um den Kindern einen Zugang zu kultureller Teilhabe zu ermöglichen. Bei Bedarf vermittelt Tausche Bildung für Wohnen e.V. an spezialisierte Fachstellen wie Lerntherapie oder Ergotherapie.

Angebote für Bildungspatinnen und -paten Alle Bildungspatinnen und -paten erhalten mietfreien Wohnraum in einer Wohngemeinschaft im Stadtteil sowie ein monatliches Taschengeld. Tausche Bildung für Wohnen e.V. begleitet sie durch das einjährige Lern- und Entwicklungsprogramm „Die Spielzeit“, das pädagogische Qualifizierung mit Persönlichkeitsentwicklung verbindet und die gesetzlichen Seminaranforderungen des Bundesfreiwilligendienstes erfüllt. Ergänzt wird das Programm durch individuelle Begleitung in Form von Einzelgesprächen und Mentorings sowie praktische Einführung in berufliche Strukturen als Berufsorientierung.

Organisationsmodell Tausche Bildung für Wohnen e.V. ist ein eingetragener gemeinnütziger Verein und als Einsatzstelle im Bundesfreiwilligendienst anerkannt. Er fungiert als Dachverein und Systemträger und verantwortet die Weiterentwicklung des pädagogischen Modells, die Qualitätssicherung und das Wissensmanagement für das gesamte Tausche Bildung für Wohnen-System. Der Verein wird von Christine Bleks als geschäftsführender Vorständin sowie Marie Angerer als 2. Vorständin geleitet; Angerer war zuvor Standortleiterin des Vereins in Gelsenkirchen-Ückendorf.Julia Klingen: Marie Angerer – 2. Vorständin von Tausche Bildung für Wohnen e. V. Einstieg Concept, April 2026. online Der Verein beschäftigt an seinen Standorten hauptamtliche Standortleitungen sowie jeweils drei bis fünf Bildungspatinnen und -paten im Bundesfreiwilligendienst; hinzu kommen Teilzeitpatinnen und -paten, die sich ehrenamtlich oder als Übungsleitende engagieren.

Wissenschaftliche Begleitung Seit Oktober 2025 wird das Modell extern wissenschaftlich begleitet. Michael Boecker von der Fachhochschule Dortmund untersucht im Rahmen einer qualitativen Studie die Gelingensbedingungen in den Beziehungen zwischen Kindern und Bildungspatinnen und -paten. Ergebnisse wurden noch nicht veröffentlicht.

Systempartnerschaft Seit 2022 verfolgt Tausche Bildung für Wohnen e.V. eine Strategie zur bundesweiten Übertragung des Modells über Systempartnerschaften (in früheren Veröffentlichungen auch als Social Franchise bezeichnet). Dabei qualifiziert der Dachverein Gründerinnen und Gründer, die eigenständige gemeinnützige Trägervereine aufbauen und das Modell eigenverantwortlich an einem neuen Standort umsetzen. Der Dachverein stellt das pädagogische Modell, die Qualitätsstandards und das Systemwissen bereit; die Systempartner setzen das Konzept lokal um. Die Zusammenarbeit wird in einem Kooperationsvertrag geregelt.

Der erste Systempartner-Standort, Tausche Bildung für Wohnen Hamburg e. V., wurde 2023 in Hamburg-Steilshoop eröffnet. Als nächster Systempartner-Standort befindet sich ein Verein in Köln mit geplanter Eröffnung 2027 im Aufbau.

Standorte Tausche Bildung für Wohnen ist an Standorten in strukturell benachteiligten Stadtteilen aktiv. Pro Standort werden zwischen 60 und 130 Kinder begleitet. Die vom Dachverein betriebenen Standorte befinden sich im Ruhrgebiet:

Duisburg-Marxloh (seit 2014) Gelsenkirchen-Ückendorf (seit 2019) Witten-Mitte (seit 2021) Dortmund-Westerfilde (seit 2022) Essen-Katernberg (2022–2026; Schließung im Sommer 2026 nach Wegfall der Finanzierung)

Der Systempartner-Standort Tausche Bildung für Wohnen Hamburg e.V. wird seit 2023 in Hamburg-Steilshoop betrieben.NDR Hamburg Journal: Tausche Bildung für Wohnen – Sozialprojekt in Steilshoop. 17. September 2023. online Ein weiterer Systempartner-Standort befindet sich in Köln mit geplanter Eröffnung 2027 im Aufbau.

Auszeichnungen

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