Das Kastell Zugmantel ist ein ehemaliger römischer Garnisonsort, der für eine Besatzung in der Größe einer Kohorte ausgelegt war. Die Anlage liegt an der westlichen Taunusstrecke des Obergermanischen Limes, der seit 2005 den Status des UNESCO-Weltkulturerbes besitzt. Das obertägig im Gelände noch sehr gut wahrnehmbare Bodendenkmal befindet sich in einem Waldrandgebiet von Taunusstein-Orlen im hessischen Rheingau-Taunus-Kreis.
Lage mini|links|Lage des Kastells Zugmantel Die Überreste des Kastells und des Vicus sowie ein rekonstruierter Wachturm mit einem ebenfalls rekonstruierten Teilstück des Limes befinden sich etwa einen Kilometer nordöstlich der Ortschaft Taunusstein-Orlen, unmittelbar an der Stelle, an der die Hünerstraße – die heutige Bundesstraße 417 – den Limes zwischen Orlen und Ehrenbach kreuzt.
Die Hünerstraße war schon vor und während der Römerzeit ein wichtiger Verbindungsweg zwischen dem von Germanen dicht besiedelten Limburger Becken und dem Rheingau mit Aquae Mattiacorum, dem heutigen Wiesbaden, als Hauptort der Civitas Mattiacorum und Mogontiacum, dem heutigen Mainz, als Hauptstadt der römischen Provinz Germania superior. Zur Sicherung dieses Bereichs war eine militärische Überwachung notwendig.
Das heutige Bodendenkmal befindet sich auf rund 455 Höhenmetern im Randgebiet eines größeren Waldstückes. Die südlichen und südöstlichen Bereiche der Befunde sind durch die Anlage eines Sportplatzes und eines Gewerbebetriebes gestört. Weitere Störungen des Befundkomplexes entstanden durch den neuzeitlichen Ausbau der Hünerstraße.
Ein rund 2,5 km langer Lehrpfad führt heutzutage durch die Anlage.
Forschungsgeschichte mini|300px|Grundriss des Kastells mit den verschiedenen Bauphasen Über das Kastell Zugmantel liegt eine der frühesten Untersuchungen zu einem Limeskastell aus dem Jahr 1760 vor.Siehe Fritz-Rudolf Herrmann: Die archäologische Erforschung der Römerzeit in Hessen. In: D. Baatz, F.-R. Hermann: Die Römer in Hessen. Theiss, Stuttgart 1989, S. 18. Die Schrift trägt noch den höchst umständlichen Titel Autor war Karl-Phillip de Biebourg, ein Sohn des Fürsten Karl von Nassau-Usingen aus morganatischer Ehe.
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts nahm der historische Verein für Nassau erste kleinere archäologische Ausgrabungen am Kastell Zugmantel vor. Systematische wissenschaftliche Untersuchungen erfolgten dann durch die Reichs-Limeskommission ab 1894 und schließlich im 20. Jahrhundert durch das Saalburgmuseum. Die umfangreichste Erkundung wurde von 1901 bis 1914 durchgeführt. Ab 1905 bis 1914 besuchte Kaiser Wilhelm II. mehrfach die Ausgrabungsstelle, sogar noch während des Ersten Weltkriegs. Die unterbrochenen Grabungen wurden von 1921 bis 1937, zum Teil als Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, fortgesetzt. Weitere Grabungen folgten 1949, 1950 und 1956.
Befunde mini|300px|Rekonstruktion des Kastells, Zustand um 200 n. Chr. In seiner letzten Bauphase hatte das Kastell Zugmantel mit den Abmessungen 124,5 × 171 Meter eine Gesamtfläche von gut 2,1 Hektar. Damit war es das kleinste Kastell einer Cohors equitata am gesamten Limes. Die Wehrmauer war von einem einfachen Graben umgeben, die Kastellecken abgerundet und nicht mit Türmen bewehrt. Dafür waren alle vier Tore des Lagers mit Doppeltürmen ausgestattet. Von der Bebauung des Kastellinneren konnten die Principia (Stabsgebäude) in vollem Umfang nachgewiesen werden, die restlichen Bauten dürften aus Holz oder Fachwerk bestanden haben. Aus dem Kastellareal stammen Gewandfragmente einer Großbronze, die in die erste Hälfte des 3. Jahrhunderts datieren.Martin Kemkes: Das Bild des Kaisers an der Grenze – Ein neues Großbronzenfragment vom Raetischen Limes. In: Andreas Thiel (Hrsg.): Forschungen zur Funktion des Limes, Band 2. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-8062-2117-6, S. 144.
Mit der Porta praetoria (Haupttor) war das Kastell in allen vier Bauphasen nicht nach Norden auf den Limes hin, sondern nach Osten ausgerichtet. Eine schräg vom Kastell abknickende Straße verband das Haupttor mit der südöstlich des Lagers entspringenden Quelle der Aar. Dort wurde das Kastellbad errichtet, und die Straße zwischen Bad und Kastell entwickelte sich zu einem längsdreieckigen Platz, der den Kern des Vicus (Zivilsiedlung) bildete.
Der weitläufige Vicus erstreckte sich um den gesamten Kastellbereich. In ihm konnten zahlreiche Wohnhäuser, teilweise mit Fußbodenheizung, sowie insgesamt drei Sakralbauten, darunter ein Heiligtum des Jupiter Dolichenus, nachgewiesen werden. Der Vicus gehört zu den am besten erforschten Kastellvici am Obergermanischen Limes.Siehe ausführlich C. Sebastian Sommer: Kastellvicus und Kastell. In: Fundberichte aus Baden-Württemberg 13, 1988, S. 457–707. Keramikfunde legen nahe, dass im 3. Jahrhundert ein Teil der Siedlung von Germanen bewohnt wurde.Margot Klee: Die Kastelle Saalburg und Zugmantel im 3. Jahrhundert. In: Egon Schallmayer (Hrsg.): Der Augsburger Siegesaltar – Zeugnis einer unruhigen Zeit. Saalburgmuseum Bad Homburg v. d. H. 1995, S. 45. Auch das Gräberfeld wurde lokalisiert, es liegt südlich des heutigen Sportplatzes.
Auf dem gesamten Gelände des Kastells befindet sich heute ein ausgewachsener Mischwald, wodurch die Innenbebauung nicht mehr zu erkennen ist. Vom eigentlichen Kastell ist die Umwehrung noch als Erdwall oder Böschung zu sehen. Der Pfahlgraben des Limes ist gut erhalten und in unmittelbarer Nähe des rekonstruierten Wachturms (Wp. 3/15) wiederhergestellt. Zwischen Limes und Kastell findet man die Überreste zweier kleiner zum Vicus gehörender Amphitheater, die in früherer Zeit irrtümlich für Schanzen gehalten worden waren. Sehr ähnliche Anlagen wurden am Kastell Dambach, in Wales bei Kastell Tomen y MurAnne Johnson (dt. Bearbeitung von Dietwulf Baatz): Römische Kastelle. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1987, ISBN 3-8053-0868-X, S. 240. sowie am nahe gelegenen Kastell Arnsburg entdeckt.
Datierung, Belegung und Geschichte Bedingt durch seine strategisch bedeutsame Lage (siehe oben) gehört das Kastell Zugmantel zu den ältesten römischen Wehrbauten im Taunus. Bereits in domitianischer Zeit, um das Jahr 90, entstand hier das erste Numeruskastell von etwa 0,7 Hektar Größe in Holz-Erde-Bauweise. Unter Hadrian wurde es um das Jahr 120 auf ungefähr 1,1 Hektar erweitert. Besatzung war eine treverische Hilfstruppe. Diese wird anfangs eine Stärke von etwa 160 Mann (Numerus) gehabt haben und ist später verstärkt worden (Cohors), wie die wiederholten Kastellerweiterungen und Inschriften belegen.
In antoninischer Zeit, um die Mitte des 2. Jahrhunderts, wurde das Holzkastell durch ein rund 1,7 Hektar großes Steinkastell abgelöst. Während der Umbauphase diente wahrscheinlich das Kleinkastell Heidekringen als provisorisches Ersatzlager. Unter Caracalla vergrößerte man den Numerus zu einer Cohors Treverorum equitata („Teilberittene Kohorte der Treverer“) mit einer Stärke von knapp 500 Mann.Die Ordnungsziffer der Cohorte ist in keiner der inschriftlichen Belege erhalten, da diese sämtlich nur fragmentarisch erhalten sind: Aus geht lediglich hervor, dass es sich um eine cohors equitata der Treverer gehandelt hat. erwähnt wahrscheinlich (nicht zwingend) dieselbe Einheit der Treverer, die hier nicht als equitata bezeichnet wird und deren Ordnungszahl wiederum verloren ist. Eine cohors I oder II nennt die Inschrift Finke 240 (), doch sind die weiteren Namen der Einheit nicht erhalten. Hierzu: Marcus Reuter: Cohortes Treverorum am Taunuslimes? Zur Besatzung der Kastell Zugmantel und Holzhausen. In: Andreas Thiel (Hrsg.): Neue Forschungen am Limes. 4. Fachkolloquium der Deutschen Limeskommission 27./28. Februar 2007 in Osterburken. Theiss, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8062-2251-7, (= Beiträge zum Welterbe Limes, 3), S. 83–91. Das Kastell wurde um 223 (oder etwas früher, da eine Inschrift Caracalla nennt) nochmals auf rund 2,1 Hektar Fläche erweitert. Einer der spätesten Inschriftenfunde vom Limes liegt in Form einer Statuenbasis für ein Standbild des Kaisers Maximinus Thrax vor.. Die Trevererkohorte trägt hier den Beinamen Maximiniana, um die Verbundenheit mit dem Herrscher zum Ausdruck zu bringen. Die Inschrift wurde nach 238 zerschlagen und in einem Pfeilerfundament verbaut, das damit frühestens zu diesem Zeitpunkt erbaut worden sein kann.
In der Zeit der innen- und außenpolitischen sowie wirtschaftlichen Krise des Imperiums um die Mitte des 3. Jahrhunderts ist der Limes und damit auch das Kastell um das Jahr 260 herum aufgegeben worden (Limesfall). Im 18. Jahrhundert wurden die Reste des Lagers beim Ausbau der Hühnerstraße als Steinbruch genutzt. Ferner sind Teile des Vicus durch den Bau dieser Straße, einer Fabrik und eines Sportplatzes endgültig zerstört worden.
Eine kleine Auswahl an Funden findet sich im Limesinformationszentrum des Rheingau-Taunus-Kreises am Hofgut Georgenthal.
Limesverlauf vom Kastell Zugmantel bis zum Kastell Alteburg Beim Wp 3/18Wp = Wachposten, Wachturm. Die Ziffer vor dem Schrägstrich bezeichnet den Limesabschnitt, die Ziffer hinter dem Schrägstrich in fortlaufender Nummerierung den jeweiligen Wachturm. Ein zusätzliches Sternchen (*) bezieht sich auf einen Wachposten der älteren Limeslinie. teilt sich der Verlauf des Limes erneut in eine ältere, etwas rückwärtig gelegene Linie, die in ihrem Verlauf die topographischen Gegebenheiten stärker berücksichtigt und dadurch unregelmäßig ist, und eine jüngere, die einen eher geradlinigen Verlauf anstrebt.Die Differenzierung in der Literatur erfolgt durch Zusatz eines * (Sternchens) hinter der Wachturmnummer, die mit einem solchen Sternchen gekennzeichneten Wachtürme gehören der älteren Linie an. Wp 3/4* bezeichnet also eine Holzturmstelle der älteren Linie, während Wp 3/4 einen Steinturm der jüngeren Linie in demselben Limesabschnitt bezeichnet. Vgl. auch Anmerkung zur Bezifferung der Limeswachtürme. Die ältere Linie ist wahrscheinlich domitianischen Ursprungs und wurde möglicherweise schon zum Ende der Chattenkriege, um das Jahr 85 n. Chr., errichtet. Sie durchlief nur die ersten beiden Ausbauphasen des Limes (Waldschneise mit Postenweg, Holztürme und Palisade) und wurde wahrscheinlich gegen die Mitte des 2. Jahrhunderts durch die um bis zu 800 m weiter nach Norden vorgeschobene, jüngere Linie ersetzt, die sofort in Gestalt der dritten Ausbauphase (mit Steintürmen statt Holztürmen) ausgeführt wurde.
Vom Kastell Alteburg bis zum Kastell Zugmantel zieht der Limes in östliche Richtung mit schwacher Abweichung nach Norden hin. Dabei passiert er im Wesentlichen dicht bewaldete Gebiete, in denen er sehr gut erhalten ist, sowie landwirtschaftlich genutzte Flächen, auf und unter denen es um seinen Erhaltungszustand nicht so gut bestellt ist. Insgesamt fällt er auf diesem Weg um mehr als 100 Höhenmeter ab.
+Spuren der Limesbauwerke zwischen dem Kastellen Zugmantel und Alteburg. ORLORL = Nummerierung der Limesbauwerke gemäß der Publikation der Reichs-Limeskommission zum Obergermanisch-Rätischen-Limes Name/Ort Beschreibung/Zustand ORL 8ORL XY = fortlaufende Nummerierung der Kastelle des ORL Kastell Zugmantel siehe oben Wp 3/15 Abgegangene TurmstelleWp 3/15 ungefähr bei eines Steinturms. Seine Reste sind 1966 Baumaßnahmen an der Bundesstraße 417, der alten Hühnerstraße, zum Opfer gefallen.
Unweit östlich des eigentlichen Fundplatzes wurde 1971/72 die RekonstruktionWp 3/15 Rekonstruktion bei eines Steinturms nebst einem Stück Limes mit Palisade errichtet. An dieser Stelle beginnt heute ein archäologischer Wanderweg, der zum Kastell Zugmantel führt. Führungen am Turm werden derzeit angeboten. (vom 10. April 2010) Wp 3/16 bis Wp 3/17a Insgesamt drei, aufgrund der durchschnittlichen Entfernungen zwischen Limeswachtürmen vermutete, jedoch nicht archäologisch nachgewiesene TurmstellenWp 3/16 ungefähr bei , Wp 3/17 etwa bei und Wp 3/17a ungefähr bei . Wp 3/18 „Alte Schanz“ mini|Wp 3/18 TurmstelleWp 3/18 bei mit zwei Holztürmen und einem Steinturm.