Kloster Marienfließ ist eine ehemalige Zisterzienserinnen-Abtei in der nach dem Kloster benannten, 2001 gebildeten Gemeinde Marienfließ. Es war das älteste Nonnenkloster in der brandenburgischen Region Prignitz.
Die Stifterfamilie, die Edlen Herren Gans zu Putlitz, verfolgte mit der Gründung im Jahr 1231 das strategische Ziel, die Grenze zum nahen Mecklenburg zu sichern. Von der Klosteranlage erhalten blieb die einschiffige backsteinerne Klosterkirche aus dem 13. Jahrhundert, die heute inmitten einer parkartigen Anlage liegt. Die Evangelische Kirche nutzt das nach der Reformation in das evangelische Stift Marienfließ umgewandelte Areal heute als Alten- und Pflegewohnheim in der diakonischen Altenfürsorge. miniatur|480px|Von der ursprünglichen Klosteranlage ist heute nur noch die Klosterkirche vorhanden
Lage und Naturraum Das Kloster liegt im Ortsteil Stepenitz der Gemeinde Marienfließ rund 20 Kilometer nördlich von Pritzwalk und rund 6 Kilometer westlich von Meyenburg, oberhalb der Autobahnausfahrt Meyenburg auf ungefähr halber Strecke der A 24 Berlin – Hamburg. Direkt am Klosterpark fließt die Stepenitz vorbei, die zu den saubersten Flüssen in Deutschland zählt. Im Oberlauf am gleichnamigen Ort Stepenitz ist der Elbezufluss ein weitgehend unverbauter und naturnaher Bach, der sich hinter dem Park durch Wiesen und ausgedehnte Wälder mit kleineren Erlenbrüchen und auenwaldähnlichen Abschnitten windet. Zwei Gebiete der Gemarkung stehen unter besonderem Schutz: die Naturschutzgebiete Marienfließ und Quaßliner Moor (siehe Stepenitz).
Geschichte mini|links|hochkant|Johann Gans zu Putlitz, Büste ehemalige Siegesallee, Denkmalgruppe 3, Berlin – Dargestellt mit Modell der Klosterkirche und Stiftungsurkunde
Stiftung und Stifter Marienfließ war nach den Mönchsklöstern Zinna (1171), Lehnin (1180) und Dobrilugk (1165/1184) die vierte Klostergründung unter dem Namen der Zisterzienser im märkisch-lausitzschen Raum. Die Klosterstiftung erfolgte 1230 durch den Ritter und edlen Herren Johann Gans zu Putlitz als Familienkloster und fand am 12. August 1231 durch Bischof Wilhelm von Havelberg ihre Bestätigung. Johann Gans residierte auf einer Burg im rund 10 Kilometer südwestlich gelegenen Putlitz. Das noch heute bestehende Adelsgeschlecht Gans zu Putlitz gehörte insbesondere in den Jahrhunderten des Spätmittelalters zu den einflussreichsten Familien in der Prignitz.
In der ehemaligen Berliner Siegesallee erhielt Johann Gans von Putlitz eine Büste als Seitendenkmal zum Standbild des askanischen Markgrafen Otto II. (1184–1205). In der rechten Hand hält der Ritter ein Modell des Klosters, in der linken die Stiftungsurkunde. Die gesamte Dreiergruppe, zu der noch die Büste des Chronisten Heinrich von Antwerpen gehörte, war ein Werk des Bildhauers Joseph Uphues. Dabei unterlief Uphues in der Inschrift die falsche Angabe, das Wilsnacker Wunderblut sei im Kloster Marienfließ aufbewahrt worden – tatsächlich hatte diese Reliquie die Wilsnacker Wunderblutkirche nie verlassen. Auf die Marienfließer Reliquie hingegen geht der Legende nach die Klostergründung zurück.
Gründungslegende mini|220px|Urkunde über die Blutreliquie Otto IV.
Nach der Legende erhielt Kaiser Otto IV. auf einer Pilgerreise in Palästina von einem Sultan eine Blutreliquie, die angeblich einige Tropfen des Blutes enthielt, das Christus am Kreuz vergossen hatte. Zurück in Deutschland versteckte Otto IV. die Reliquie zeitlebens. Nach des Kaisers Tod gab sie ein Eingeweihter an Johann Gans weiter, der mit dem Stift einen angemessenen Aufbewahrungsort für das Kleinod schaffen wollte und es den Nonnen anvertraute. 1369 fand die Reliquie eine erste urkundliche Erwähnung. Vor der Nische im Chorraum, in der sie aufbewahrt war, brannte ein ewiges Licht. mini|links|200px|Zisterzienserin Mechthild von Magdeburg (1207–1282) Bergstedt und Geiseler vermuten in ihrer Arbeit zum Kloster Marienfließ, dass die Legende gegen Ende des 13. Jahrhunderts in Umlauf gebracht wurde, um der einsetzenden und konkurrierenden Wallfahrt zum 1287 in der Nähe gegründeten Kloster Stift zum Heiligengrabe (westlich von Wittstock) zu begegnen. Der erhoffte Erfolg blieb jedoch aus, Marienfließ wurde nicht zu einem vielbesuchten Wallfahrtsort wie Heiligengrabe oder auch Wilsnack. Ein neuer Versuch im 15. Jahrhundert, mit einem wundertätigen Marienbild auf sich aufmerksam zu machen, scheiterte ebenso.
Gründe für ein Nonnenkloster rechts|mini|180px|Die Ursulinerin Angela Merici (1474–1540)
Ein Grund dafür, dass Johann Gans zu Putlitz ein Frauenkloster gründete und nicht ein Mönchskloster, liegt in der Ansiedlungspolitik der Zisterzienser. Der Orden errichtete seine Filiationen zu dieser Zeit eher in unbesiedelten und oft auch unzugänglichen Sumpfgebieten, um seiner asketischen Lebensregel Genüge zu tun und den Landesausbau der jungen Mark Brandenburg wirtschaftlich und missionierend zu unterstützen (vgl. Kloster Lehnin). Männerklöster gingen daher überwiegend auf Stiftungen der Landesherren und auf Filiationen zurück, während Nonnenklöster fast ausschließlich von örtlichen Adelsgeschlechtern in bereits besiedelten Gebieten gegründet wurden. Daneben bot ein Nonnenkloster die Möglichkeit, für die adligen, nicht zu verheiratenden Damen der Region eine angemessene Stätte der Ausbildung und Unterbringung bereitzustellen, die hier zudem vor Überfällen aus dem nahen Mecklenburg weitgehend geschützt waren, denn Klostergelände blieben in der Regel von kriegerischen Auseinandersetzungen verschont.
Durch diese Tabuisierung des Klostergeländes konnte ein Nonnenkloster zur Grenzsicherung dienen. Wie die politische Situation in der Prignitz des 13. Jahrhunderts zeigt, bestand in der Festigung der Grenze der eigentliche Anlass für die Klostergründung.
mini|900px|Karte Zisterzienserklöster in Brandenburg
Politischer Hintergrund der Stiftung Situation in der Prignitz im 13. Jahrhundert Johann Gans zu Putlitz hatte sich zum Ende des 12. Jahrhunderts eng dem Enkel von Albrecht dem Bären, dem Markgrafen Otto II., verbunden und damit den Schutz seiner Gebiete gegen den mecklenburgischen Einflussbereich gesichert. Unter Ottos Bruder und Nachfolger Albrecht II. (1205–1220) trat ein radikaler Politikwechsel ein. Der neue Brandenburgische Markgraf verbündete sich mit dem Grafen Heinrich von Schwerin, einem Erzfeind von Johann Gans zu Putlitz, der sich wahrscheinlich aus diesem Grund gezwungen sah, zur territorialen Sicherung Anschluss auf der dänischen Seite zu suchen.
Diese Liaison zahlte sich aus. Beispielsweise antwortete der dänische König auf die Vertreibung von Johann Gans aus der mecklenburgischen Burg Grabow (südöstlich von Ludwigslust) im Jahr 1208 umgehend mit einem Vergeltungsschlag gegen die Mecklenburger. Zwar verlor Gans zu Putlitz das Land Grabow letztlich an die Schweriner Grafen und die Länder Pritzwalk und Lenzen an den Landesherrn Markgraf Albrecht den II., dafür konnte er die Herrschaft im Kerngebiet Putlitz unter der Lehnshoheit des Havelberger Bischofs sichern. Auch der Familienbesitz Perleberg und Wittenberge blieb vorerst bewahrt.
Die Schlacht bei Bornhöved am 27. Juli 1227 beendete die dänische Vorherrschaft in Norddeutschland und Johannes Gans sah die Ländereien in der Prignitz erneut von der Schweriner Seite bedroht. Hinzu kam, dass der Graf von Schwerin im Oktober 1230 einen Bündnisvertrag mit den mecklenburgischen Fürstentümern schloss, die direkt an die Gebiete derer von Gans in der Prignitz grenzten.
Klostergründung als Grenzsicherung Der bedrohlichen Lage begegnete Johannes Gans mit einer erneuten Anlehnung an die Brandenburger Markgrafen und den Bischof von Havelberg. Die neuen Verbündeten verfügten mit der Burg Meyenburg über einen Vorposten im Nordosten der Prignitz, der die Nordgrenze decken konnte. Durch das weitgespannte gegnerische Bündnis erschien diese Burg alleine allerdings zu schwach, um die gesamte Nordflanke gegen die norddeutsche Übermacht wirksam zu schützen.
mini|180px|Zisterzienserin Gertrud von Helfta (1256–1302)
Mit der Gründung des Nonnenklosters einige Kilometer westlich der Burg Meyenburg gelang Johann Gans ein geschickter politischer Schachzug zur Grenzsicherung, denn kriegerische Auseinandersetzungen in Klostergebieten waren in dieser Zeit weitgehend tabuisiert. Deshalb war ein Frauenkloster geeignet, die Grenzsicherung der Meyenburg zu ergänzen. Nach der Darstellung von Clemens Bergstedt und Udo Geiseler kann die Klostergründung Marienfließ damit als unmittelbare Reaktion auf den Vertrag vom Oktober 1230 verstanden werden.
Verhältnis zum Zisterzienserorden Die religiöse Frauenbewegung des 13. Jahrhunderts fand in der strengen Abgeschiedenheit der Zisterzienserinnenklöster einen idealen Raum. Die stark affektiv geprägte Frömmigkeit der Zeit ermutigte die Frauen, sich in Leben und Leiden Christi einzufühlen. Die Zisterzienserinnen Mechthild von Magdeburg und Gertrud von Helfta aus dem Kloster Helfta zählen zu den berühmtesten Mystikerinnen ihrer Zeit. Die kulturell und wirtschaftlich erfolgreiche sowie aus religiöser Sicht vorbildliche Lebensweise der Mönche führte zu verschiedenen Gründungen von Frauenklöstern, die allerdings in der Regel keine Aufnahme in den Orden fanden. Marienfließ blieb vom Orden weitgehend isoliert, auch wenn der Orden seit 1228 die Aufnahme von Frauenklöstern prinzipiell ermöglichte.
Die geschichtliche Forschung bietet für die Gründe kein einheitliches Bild. Nach Bergstedt und Geiseler wurde den Frauenkonventen in der Mehrzahl eine Aufnahme in den Orden verweigert. Dies widerspricht der Öffnung des Ordens für Frauenklöster im Jahr 1228. Wahrscheinlicher ist daher, dass die Gründerfamilie Gans zu Putlitz die Unabhängigkeit ihres Familienklosters bewahren und es nicht der starken Kontrolle des Ordens überstellen wollte.
Klosterleben und Wirtschaft Ora et labora Über die innere Verfassung des Klosters und das Klosterleben sind sehr wenig Quellen überliefert, so dass sich nur ein bruchstückhaftes Bild ergibt. Die weltliche Verwaltung der Klosterangelegenheiten lag in den Händen eines Propstes, während dem Konvent die Äbtissin vorstand, die zur Unterstützung die Priorin an ihrer Seite hatte. Im Jahr 1256 erwähnt ein Dokument eine scholastica, eine Schule also. Gesichert ist auch, dass es für Kassenangelegenheiten eine Kämmerin gab.
Abgesehen von Tätigkeiten wie der Missionierung und dem Kirchenbau in zu erschließenden Gebieten richteten die Nonnen ihren Tagesablauf ansonsten eng nach dem Vorbild der Mönche aus. Mit einer strengen, asketischen Lebensweise folgten auch die Nonnen der Charta Caritatis, mit der die Zisterzienser die ursprüngliche Strenge und die Regel „ora et labora“ des Benediktinerordens, von dem sie sich 1098 getrennt hatten, wiederherstellen wollten. Unter dem Einfluss von Bernhard von Clairvaux prägten einfache Kleidung, bescheidene Ernährung mit Gemüse ohne jedes Fleisch und strohgedeckte Betten ohne Polster die Lebensweise in den Zisterzienserklöstern.
mini|hochkant|Fenster der Klosterkirche
Der Tagesablauf in Marienfließ war von der Arbeit bestimmt, unterbrochen durch sieben Gebetszeiten und zwei Messen. Messen und Gebete galten oft der Gründerfamilie und weiteren adligen Gönnern des Klosters, was im Selbstverständnis des Adels zu dieser Zeit eine große Bedeutung hatte.
In der ersten Klosterzeit enthalten die Klosterurkunden Namen der Töchter aus den bedeutendsten Prignitzer Adelshäusern. Nach einer politischen Entspannung in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts fanden zunehmend auch Töchter des Mecklenburger Territorialadels Aufnahme in den Konvent. Bürgerliche Namen finden sich in der gesamten Klosterzeit kaum.
Grundbesitz