Der Rotbrustfalke (Falco deiroleucus) ist ein fleischfressender Vogel aus der Familie der Falkenartigen. Die auffällig gefärbte und kräftig gebaute Art ist ein wenig erforschter Bewohner tropischer und subtropischer Wälder in Mittel- und Südamerika. In großen Teilen seines Verbreitungsgebiets gilt der Rotbrustfalke als selten bis sehr selten, sein Fortbestehen wird vor allem durch Zerstörung und Fragmentierung seines Lebensraums bedroht.

Merkmale Der Rotbrustfalke ist ein mittelgroßer, stämmig gebauter Vertreter seiner Familie. Auffällig sind die im Verhältnis zur Körpergröße sehr großen, massiven Füße mit langen Zehen, die in schweren Klauen enden. Diese stellen anscheinend eine Anpassung an die Notwendigkeit dar, wehrhafte Beute im Flug zu greifen und bis zum Erreichen eines geeigneten Futterplatzes sicher festhalten zu können. Der scharfe Schnabel ist stark gebogen und wirkt seitlich zusammengepresst. Die Flügel sind vergleichsweise lang und besonders an der Basis recht breit. Der Schwanz ist hingegen eher kurz und abgerundet, auch seine Basis ist verhältnismäßig breit. Hinsichtlich Größe und Gewicht liegt bei der Art ein besonders starker Sexualdimorphismus vor, wobei die Unterschiede zwischen den Geschlechtern beim Rotbrustfalken größer ausfallen als bei jedem anderen räuberischen Vogel der Neuen Welt, mit Ausnahme des Eckschwanzsperbers (Accipiter striatus).Baker, Whitacre & Aguirre, S. 297 Während ausgewachsene Männchen ein Gewicht zwischen 330 und 360 g erreichen können, liegen die zierlichsten Weibchen bei etwa 550 g. Besonders große weibliche Exemplare können hingegen bis zu 654 g schwer werden. Die Flügelspannweite der Männchen beträgt 231 bis 253 mm, bei Weibchen sind es 265 bis 289 mm. Darüber hinaus können die Geschlechter anhand der Kopfform unterschieden werden: Wirkt diese bei weiblichen Vögeln schmal und langgestreckt, ist sie bei den Männchen eher kantig und klobig. Hinsichtlich der Gefiederfärbung unterscheiden sich die Geschlechter hingegen nicht. Kopf und Wangen sind mattschwarz gefärbt, was sich am Rücken und an der Oberseite der Flügel bis zu den Schwanzfedern fortsetzt. In diesen Bereichen besitzen die schwarzen Federn jedoch schiefergraue bis bläulich-schwarz wirkende Ränder an den Spitzen. An den Schwungfedern sind die Ränder heller und können fast weiß aussehen. An der Kehle findet sich ein perlweißer Fleck, der von orangefarbenen bis rötlich-braunen Konturfedern umgeben ist, was sich bis in den oberen Brustbereich fortsetzt. Hier wirken die Farben zunehmend verwaschener und von weißen Flecken und Tupfern durchzogen. Weiter zum Bauch hin wird diese Färbung durch ein auffälliges Streifenmuster in Schwarz-, Weiß- und Orangetönen ersetzt. Am Unterleib, den befiederten Schenkeln und den Sekundärfedern an der Unterseite des Schwanzes tritt erneut die orange bis rötlich-braune Farbe wie im oberen Brustbereich zu Tage. Die unbefiederten Körperteile sind in einem kräftigen Gelb gefärbt, wobei Wachshaut und Augenringe in seltenen Fällen leicht ins Grünliche übergehen können. Die Augen sind dunkelbraun, der Schnabel und die Klauen sind hingegen gräulich bis schwärzlich gefärbt.

Rotbrustfalken im Jugendkleid können vor allem anhand einer bräunlicheren Färbung an der Oberseite von ausgewachsenen Exemplaren unterschieden werden. Brust- und Bauchbereich zeigen eine ausgeprägtere Bänderung als bei den Adulten, die neben Schwarz auch zimtfarbene oder gelbbraune Töne enthalten kann, der Weißanteil fehlt hingegen noch völlig. mini|links|Der nah verwandte Fledermausfalke (F. rufigularis) wird häufig mit dem Rotbrustfalken verwechselt. Verwechslungen mit dem ausgesprochen ähnlich gefärbten und vermutlich eng verwandten Fledermausfalken (F. rufigularis), dessen Verbreitungsgebiet sich mit dem des Rotbrustfalken überschneidet, kommen sehr häufig vor. Deutlichstes Unterscheidungsmerkmal der beiden Arten ist die geringere Körpergröße des Fledermausfalken, wobei die größten Weibchen dieser Art in etwa die Maße kleinerer Männchen des Rotbrustfalken erreichen können. Weitere Anhaltspunkte können die massiveren und proportional größer wirkenden Köpfe und Füße des Rotbrustfalken sein. Die in der Vergangenheit von vielen Autoren als diagnostisches Merkmal genannte rötlich-orangefarbene Brust ist hingegen nicht zur Unterscheidung geeignet. Die eindeutige Zuordnung bleibt in jedem Fall schwierig und kann oft nur von erfahrenen Ornithologen vorgenommen werden.

Verhalten Der Rotbrustfalke besetzt offenbar dieselbe oder eine sehr ähnliche ökologische Nische, wie sie in vielen anderen Regionen der Welt durch den deutlich bekannteren Wanderfalken (F. peregrinus) besetzt wird. Der ansonsten kosmopolitisch vorkommende Wanderfalke fehlt im Verbreitungsgebiet des Rotbrustfalken vollständig. Auf Grund der Seltenheit von Beobachtungen und des erwähnten, hohen Verwechslungspotenzials mit anderen Arten ist das bevorzugte Habitat des Rotbrustfalken bis zu einem gewissen Grad umstritten. Ältere Fachpublikationen nennen üblicherweise offene Wälder und Waldränder als bevorzugten Lebensraum, wohingegen aktuellere Untersuchungen eher darauf hindeuten, dass die Art vergleichsweise komplexe Ökotone mit ungestörtem, dichtem Primärwald unterbrochen von hohen Klippen, Lichtungen oder Flussläufen bewohnt. Dazu gehören sowohl tropisch feuchte, immergrüne Wälder als auch trockenere, teilweise laubwechselnde Waldformen. Die südlichsten Populationen des Rotbrustfalken scheinen dabei offenbar toleranter für offene, eher trockene Landschaftsformen wie Savannen mit Galeriewäldern entlang von Flussufern zu sein.Baker, Whitacre & Aguirre, S. 300–302 Ausgedehnte Gleitflüge zur Abgrenzung des eigenen Territorium unternimmt die Art eher nicht. Stattdessen werden die Vögel meistens gesichtet, wenn sie an besonders exponierten Punkten auf Beute lauern. Wie territorial Rotbrustfalken sich gegenüber Artgenossen verhalten, ist unbekannt. Zumindest gelegentlich werden Eindringlinge jedoch aus dem eigenen Territorium vertrieben.Baker, Whitacre & Aguirre, S. 306 Nach Regenfällen „baden“ Rotbrustfalken in der feuchten Vegetation, indem sie knapp über den Baumwipfeln gleiten und wiederholt absichtlich leichte Kollisionen mit dem Blattwerk besonders hoher Bäume verursachen.

Ernährung mini|Rotbrustfalke auf seiner Sitzwarte Rotbrustfalken ernähren sich ausschließlich karnivor, ihre bevorzugte Beute sind kleinere bis mittelgroße Vögel und Fledermäuse. Vögel machen allein einen Anteil von etwa 85 % der gesamten Nahrung aus. Zu den verfolgten Arten gehören vor allem solche, die einen Großteil ihrer Zeit in den Baumwipfeln oder auf ausgedehnten Gleitflügen oberhalb des Blätterdachs verbringen. Zu ersteren zählen unter anderem Tauben und kleinere Papageien, während letztere vor allem durch Vertreter der Segler repräsentiert werden. Ergänzt wird der Speiseplan durch größere Insekten, die vor allem von jüngeren Rotbrustfalken erbeutet werden, die noch nicht lange eigene Jagdversuche unternehmen. Bevorzugte Jagdmethode ist die Lauerjagd von einer Sitzwarte, die häufig von besonders exponierten Punkten wie den Rändern hoher Klippen begonnen wird. Wurde ein potenzielles Beutetier ausgemacht, tauchen die Rotbrustfalken mit einer flüssigen, schnellen Bewegung herab und versuchen, die Beute aus dem Flug heraus zu schlagen. Die Jagd auf höher fliegende Beute ist hingegen durch schnelle Steigflüge, mit schnellen, kraftvollen Flügelschlägen geprägt. Seltener kommen auch Jagdversuche aus dem eigenen Gleitflug vor, hier sind dann zumeist selbst im Flug befindliche Vögel das Ziel. Während der Brutzeit werden gelegentlich kooperative Jagden von Rotbrustfalkenpaaren beobachtet. Im Rahmen einer Studie an brütenden Rotbrustfalken in Guatemala aus dem Jahr 1996 beobachteten Forscher insgesamt 208 Jagdversuche, von denen lediglich neun zum Erfolg führten.Baker, Whitacre & Aguirre, S. 299 Dies entspricht einem Anteil erfolgreicher Jagden von nur 4,3 %, was den niedrigsten festgestellten Wert bei einem Raubvogel überhaupt darstellt.Baker, Whitacre & Aguirre, S. 310

Fortpflanzung Das Fortpflanzungsverhalten der Art wurde bislang selten beobachtet, in den am besten dokumentierten Fällen aus Guatemala, am nördlichen Rand des Verbreitungsgebiets, begannen die Vögel jedoch bereits während der Trockenzeit im Januar und Februar damit, eindeutiges Balzverhalten zu zeigen. Die Ablage der Eier findet in dieser Region Ende März und Anfang April statt, was dazu führt, dass die Nachkommen in etwa mit dem Einsetzen der Regenzeit im Juni oder Juli flügge werden können.Baker, Whitacre & Aguirre, S. 302 Die Balz findet oft an Felsvorsprüngen oder ähnlich exponierten Orten statt. Zu den gezeigten Verhaltensweisen gehören gemeinsames Singen über längere Zeiträume, Scharren mit den Füßen und gegenseitige Verbeugungen aus einer horizontalen Körperhaltung heraus. Des Weiteren werden dem Partner die eigenen Flugkünste durch das Fliegen besonders enger Kurven und plötzliche Sturzflüge demonstriert.Baker, Whitacre & Aguirre, S. 304 Die Begattung findet anschließend zwei- bis dreimal täglich statt und wird häufig durch die Übergabe von Nahrung vom Männchen an das Weibchen eingeleitet.

Sofern entsprechende Orte in einer Region verfügbar sind, zeigen Rotbrustfalken eine starke Präferenz für die Auswahl von Felsenklippen, umgeben von dichtem Primärwald, als Nistplatz. Ein Nest im eigentlichen Sinne errichten die Falken nicht, stattdessen werden die Eier an unzugänglichen Stellen wie Löchern oder Vorsprüngen mitten in der Felswand abgelegt. Bietet ein Gebiet keine solchen Klippenformationen, dienen die Kronen besonders hoher Bäume als alternativer Brutplatz. Entscheidend ist offenbar ein guter Ausblick über das umliegende Terrain, des Weiteren suchen die Vögel anscheinend in allen Fällen die Nähe zu Wasserquellen wie etwa Flussläufen. Wurde ein passender Ort ausgewählt, legt das Weibchen zwei bis drei, gelegentlich auch vier Eier. Die erste echte Beschreibung der Eier stammt aus dem Jahr 1988, ältere Beschreibungen aus den 1960er-Jahren stellten sich hingegen als fehlerhaft heraus. Ihre Schale zeigt eine weiße Grundfärbung mit einem hell- bis dunkelbraunen Fleckenmuster in unterschiedlicher Ausprägung. Die Form ist elliptisch und an der Oberseite leicht spitz zulaufend, die durchschnittliche Größe liegt bei etwa 49 × 39 mm. Das durchschnittliche Gewicht ist bislang nicht dokumentiert, anhand der Größe ergibt sich jedoch ein geschätztes Gewicht von etwas mehr als 40 g.