Comrat (gagausisch Komrat; „Komrat“), auch Komrat, ist die Hauptstadt der autonomen Region Gagausien im Süden der Republik Moldau. Die siebtgrößte Stadt des Landes (ohne Transnistrien) mit etwa 19.000 Einwohnern nach der Volkszählung zum April 2024 wird mehrheitlich von Gagausen bewohnt. Einige Fabrikbetriebe verarbeiten landwirtschaftliche Erzeugnisse.

Name Der Name der Stadt ist tatarischen Ursprungs und stellt ein Ethnonym dar. Die Wörter konrat / konyrat / komürat bezeichneten den Namen einiger tatarisch-nogaischer Stämme, die sich im 17. Jahrhundert im Süden der Moldau niederließen.

Lage Comrat liegt rund 100 Straßenkilometer südlich der Landeshauptstadt Chișinău am rechten Ufer des Jalpuch, der einige Kilometer nördlich der Stadt entspringt und geradeaus nach Süden fließt, bis er auf ukrainischem Staatsgebiet in die Donau mündet. Die von Chișinău kommende Europastraße 584 führt 22 Kilometer südlich von Comrat durch die Kleinstadt Congaz, weiter über Vulcănești und den Grenzort Giurgiulești zur rumänischen Stadt Galați. Nach Cahul, der größten Stadt Südmoldaus, zweigt südlich von Congaz die R38 nach Westen ab. Eine Alternativroute, die Comrat mit Cahul verbindet, führt von Comrat direkt nach Westen bis Cantemir, einer der acht Straßenbrücken über den Grenzfluss Pruth nach Rumänien,Mihaela Narcisa Niemczik-Arambașa: Alltag am östlichen Rand der EU: Raumaneignungen der Bevölkerung im Grenzraum Rumänien / Republik Moldau. (Praxis Kultur- und Sozialgeographie, 54) Universitätsverlag, Potsdam 2012, S. 63 (Volltext) und weiter am Fluss entlang nach Süden. Der nächstgelegene Grenzübergang zur Ukraine befindet sich in Basarabeasca, 29 Kilometer östlich von Comrat. Die zweitgrößte gagausische Stadt Ceadîr-Lunga liegt 35 Kilometer südöstlich von Comrat. Die Stadt hat keinen direkten Eisenbahnanschluss. Die nächste Haltestelle ist Bugeac, 8 Kilometer nördlich, an der 1917 fertiggestellten, west-östlich verlaufenden Strecke von Bârlad in Rumänien über Basarabeasca Richtung Odessa.Peter Jordan: Verkehrswesen. In: Klaus Bochmann u. a. (Hrsg.): Die Republik Moldau, S. 470.

Die Umgebung von Comrat ist eine flachwellige, gleichförmige Landschaft mit einer natürlichen Steppengrasvegetation und Feldern, auf denen hauptsächlich Getreide und Sonnenblumen angebaut werden. Die Stadt liegt auf 64 Metern Höhe, die Hügel in der Region erreichen bis zu 200 Meter Höhe. Die Hügel mit tiefen Schwarzerdeböden, das im Sommer warme und im Winter feuchtkalte Klima sowie die lange frostfreie Zeit von bis zu 200 Tagen sind ideal für Weinbau.Martin Petrick: Landwirtschaft. In: Klaus Bochmann u. a. (Hrsg.): Die Republik Moldau. 2012, S. 488. In den Kellereien von Cahul, Comrat und kleineren Orten im Süden werden hauptsächlich süße Rotweine und Dessertweine für den Export nach Russland hergestellt. Die Jahresniederschläge schwankten im Zeitraum 2009 bis 2012 zwischen 438 und 613 Millimeter.Maria Babaian: Ecopedological Conditions of Pastures in Southern Plain of Moldova and Measures to Improve. In: Lucrări Științifice. Seria Agronomie, Band 57, No. 2. Universität Iași, 2014, S. 79–84, hier S. 80. In gelegentlich vorkommenden Dürrejahren (1895 nur 117 und 1928 nur 222 Millimeter Jahresniederschlag) kommt es zu Ernteausfällen.Anatolie Puţuntică, Valentin Sofroni: Non-Periodical Variations of Precipitation Quantities and their Negative Deviation on the Territory of Moldova. In: Present Environment and Sustainable Development. Band 5, No. 1, 2011, S. 24, 29.

Geschichte mini|Rudimente alter dörflicher Bauweise im Zentrum. Abgang zum Vorratskeller vor den Hauseingängen. Archäologischen Untersuchungen zufolge war die Gegend bereits in der Antike besiedelt. Die erste Quelle, in der ein Dorf Comrat erwähnt wird, stammt nach Angaben des Historikers Vladimir Nicu aus dem Jahr 1443. Wenige Jahre zuvor, 1436, wurde erstmals ein Dorf namens Chișinău erwähnt. Das Gebiet gehörte zu dieser Zeit zum Fürstentum Moldau, dessen Ostgrenze am Nistru gegen einfallende Tataren verteidigt wurde, während im Süden die Osmanen das Schwarze Meer kontrollierten. Um 1512 wurde Moldau gegenüber dem Osmanischen Reich tributpflichtig und ab 1538 übten die Osmanen die direkte Kontrolle über das südliche Bessarabien aus. Die Gründung einer Stadt fällt nach gängiger Ansicht in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, als Jahreszahl wird meist 1789 angegeben. Damals führten die Osmanen einen der vielen Kriege mit dem Russischen Kaiserreich. Ab den 1780er Jahren wanderten bis zum Ende des 19. Jahrhunderts orthodoxe Gagausen und Bulgaren aus dem zum Osmanischen Reich gehörenden Bulgarien auf der Flucht vor religiöser Unterdrückung ins südliche Bessarabien ein. Zeitgenössische Beobachter machten häufig keinen Unterschied zwischen den beiden Volksgruppen.Charles King: The Moldovans, 2000, S. 211. Mit dem Friedensschluss von Bukarest 1812 erhielt Russland das Gebiet Bessarabien bis zur Westgrenze am Prut übertragen. Es folgte eine Politik der Russifizierung, die sich vor allem gegen die im Land lebenden Rumänen richtete. Als Ergebnis des Dritten Pariser Friedens 1856 wurden die drei südlichen bessarabischen Bezirke Cahul, Bolgrad und Ismail, an deren Ostgrenze Comrat lag, wieder dem Fürstentum Moldau zugeteilt. Beim Berliner Kongress 1878 wurde zwar Rumäniens Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich anerkannt, das Land musste aber die südbessarabischen Bezirke an Russland zurückgeben. Während des Russisch-Osmanischen Krieges 1877–1878 war Bulgarien drei Jahre lang von russischen Truppen besetzt, was es den Gagausen erleichterte, nach Bessarabien auszuwandern.Gagauz. In: Andrei Brezianu, Vlad Spânu: The A to Z of Moldova. 2000, S. 159.

Bis 1917 blieb das russische Gouvernement Bessarabien bestehen. Zwischen den Weltkriegen gehörte Bessarabien bis zum Einmarsch der Sowjetarmee im Juni 1940 zu Großrumänien. Im Zuge einer Rumänisierung der Region wurden in dieser Zeit gezielt rumänische Kolonisten angesiedelt. Beim Zensus 1930 wurden 12.331 Einwohner ermittelt. Davon waren 7.689 Gagausen (62,4 Prozent), 1.827 Rumänen (14,8 Prozent), 1.759 Bulgaren (14,3 Prozent), 454 Russen (3,7 Prozent) und 390 Juden (3,2 Prozent).dediserver.eu: . Rumänische Volkszählungsdaten von 1930. Im Zweiten Weltkrieg stand Bessarabien ab Juni 1941 unter rumänischer Besatzung. Rund 5000 Juden aus dem südlichen Bessarabien wurden bis zum September in kleinen Lagern (in Cahul, Ismajil, Kilija und Bolhrad) festgehalten. Bei den anschließenden Deportationen im Oktober 1941 nach Transnistrien kam der Großteil der Juden Bessarabiens – darunter auch die Juden Comrats – ums Leben.Jean Ancel: The History of the Holocaust in Romania. (The Comprehensive History of the Holocaust) University of Nebraska Press, Lincoln, und Yad Vashem, Jerusalem 2011, S. 239. Die Deportationen der Juden aus Südbessarabien und Chișinău erfolgten aufgrund der Anordnung Nr. 2830 von Oberst Meculescu vom 1. Oktober, in der auch die Einrichtung eines weiteren Zwischenlagers in Tarutyne gefordert wurde. Der Flüchtlingszug aus Südbessarabien musste sich in einer Gruppe zu Fuß und mit Karren nach Bender bewegen.Radu Ioanid: The deportation of the jews to Transnistria. In: Mariana Hausleitner, Brigitte Mihok, Juliane Wetzel (Hrsg.): Rumänien und der Holocaust. Zu den Massenverbrechen in Transnistrien 1941–1944. (Nationalsozialistische Besatzungspolitik in Europa 1939–1945, Band 10) Metropol, Berlin 2001, S. 80f.

Nach der sowjetischen Rückeroberung 1944 gehörte Bessarabien zur Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik, bis aus ihr 1991 das unabhängige Moldau entstand. Im Jahr 1957 erhielt Comrat offiziell Stadtrechte. Zu sowjetischen Zeiten existierten in Comrat Milchverarbeitungsbetriebe, Weinkellereien und eine Teppichfabrik, die Teppiche mit dem moldauischen Nationalornament herstellte.

Die Einwohnerzahl stieg von 14.142 im Jahr 1959 auf 21.093 im Jahr 1970. Im Jahr 1989 betrug die Einwohnerzahl 25.800. Durch den wirtschaftlichen Zusammenbruch des Landes nach der Unabhängigkeit emigrierten viele Einwohner ins Ausland. Im Jahr 2004 betrug deren Zahl noch 23.327. Davon bezeichneten sich 16.993 als Gagausen (rund 73 Prozent), 2.067 als Moldauer (8,9 Prozent), 1.711 als Russen (7,3 Prozent), 1.121 als Ukrainer (4,8 Prozent), 1.065 als Bulgaren (4,6 Prozent), 108 als Roma, 16 als Polen, 13 als Rumänen und 7 als Juden.Demographic, national, language and cultural characteristics. (Excel-Tabelle in Abschnitt 7) National Bureau of Statistics of the Republic of Moldova

mini|Regierungssitz der autonomen Region Gagausien in der Lenin-Straße