mini|Das Büro und Labor der Kunst- und Theoriegruppe Monochrom im Quartier 21 des Museumsquartier (Dezember 2018) Monochrom (Eigenschreibweise monochrom) ist ein internationales Kunst-Technologie-Philosophie-Kollektiv mit Büro im Wiener MuseumsQuartier (im Q21). Gegründet wurde Monochrom 1993 von Johannes Grenzfurthner und Franz Ablinger. Seit 2018 ist Monochrom auch eine eingetragene Filmproduktionsfirma.
Die Gruppe arbeitet mit unterschiedlichen Medien und Formaten. Viele Projekte weisen performativen Charakter auf und bevorzugen kritische und diskursive Narrative. Nach eigenen Angaben wird die Stärkung des zivilgesellschaftlichen öffentlichen Diskurses angestrebt. Die Gruppe entwarf das Konzept des Context Hacking.Monochrom: Context Hacking. Essay, 12. August 2016.
Geschichte und philosophischer Standpunkt In den frühen 1990er-Jahren war Johannes Grenzfurthner aktives Mitglied zahlreicher BBS-Foren.Interview with Johannes Grenzfurthner about Traceroute, Boing Boing magazine; 14. April 2016 Er nutzte seine Online-Kontakte, um ein Fanzine, ein alternatives Magazin, ins Leben zu rufen, das sich mit Kunst, Technologie und Subkultur befassen sollte. Er ließ sich dabei von US-amerikanischen Magazinen wie beispielsweise Mondo 2000 inspirieren.Futurezone: Das Hacken treibt uns an. Futurezone, 20. Februar 2013 Grenzfurthner stieß sich an der sich entwickelnden Californian Ideology der Cyberkulturen der 1990er-Jahre.CRE062 by Tim Pritlove: Monochrom: Das etwas andere Künstlerkollektiv aus Wien. 2. Januar 2008 Er kombinierte seinen politischen Hintergrund in der österreichischen Punk- und Antifa-Szene und wandte ihn auf die neu entstehenden Technologien und Kulturen an.Interview über Traceroute. Daumenkino, 11. Februar 2016.Marc Da Costa, , Furtherfield. Franz Ablinger schloss sich Grenzfurthner an, gemeinsam bildeten sie das Kernteam der Publikation.Siehe Uwe Husslein, Ralf Bornowski: Fandom Research (Reader und Index zu deutschsprachigen Fanzines), Ventil-Verlag, 1995, abgerufen am 3. April 2021Bernd Beier interviewt Johannes Grenzfurthner in Jungle World: "Das Schockmoment ist nur noch Selbstmarketing", 18. September 2014Die erste Ausgabe der Zeitschrift Monochrom erschien 1993. In den unregelmäßig erschienenen Ausgaben finden sich Interviews und Essays, etwa zu Bruce Sterling, HR Giger, Richard Kadrey, Arthur Kroker, Negativland, Kathy Acker, Michael Marrak, DJ Spooky, Geert Lovink, Lars Gustafsson, Tony Serra, Friedrich Kittler, Jörg Buttgereit, Eric Drexler, Terry Pratchett, Jack Sargeant und Bob Black.monochrom print, 11. Juni 2016 Visuelles Kennzeichen ist das experimentelle Layout.
Im Jahr 1995 entschied sich die personell expandierende Gruppe, weitere künstlerische Felder zu erschließen.How to be buried alive. Erin Kobayashi, Toronto Star, 6. Februar 2007. Marie Lechner, Liberation, 4. März 2008. Die Mitglieder begannen, mit darstellender Kunst, Computerspielen, Roboterbau, Puppentheater, Musical, Kurzfilmen und Comedy zu experimentieren, ihre Erkenntnisse in Konferenzen theoretisch zu untermauern und als Online-Aktivisten zu verbreiten.
mini|Johannes Grenzfurthner und Franz Ablinger, monochrom, Ausstellung Pension Midi, Klangturm St. Pölten (2001) Im Jahr 1995 entschieden wir uns, die engen Fesseln des Medienformats „fanzine“ zu sprengen. Wir erkannten das Ziel, unsere Statements viral verbreiten zu wollen. Die Fragestellung nach dem schlagkräftigsten Massenmedium wurde erkannt als Suche nach der besten Art, die Politik philosophischer Ideen zu transportieren. Das war die Kambrische Explosion von monochrom. Wir wollten ins Experimentelle, ins Praktische; wollten neue Formen entwickeln, unsere Erzählungen umzusetzen. Das sollte aber niemals als Mittel gesehen werden, um die Schlagzahl zu halten, up-to-date zu bleiben oder – oh schlimmes Wort! - „frisch“ zu bleiben. Natürlich ist der Aufstieg Neuer Medien (und der damit einhergehenden künstlerischen Formate) interessant. Aber Information in Kupferplatten zu stechen ist nicht minder spannend. Wir denken, die stete Wiederkehr des „Neuen“, um Walter Benjamin zu zitieren, ist nichts, wovon zu berichten wäre – vielleicht mit Ausnahme der Sklaventreiber in der Fashionindustrie. Das Neue war für uns nicht an sich von Interesse, sondern ausschließlich in seinem zufälligen und plötzlichen Erscheinen. In dem Moment, in dem die Dinge nicht mehr passen, in dem produktive Verwirrung entsteht.
Zwischen 1995 und 2006 schlossen sich alle anderen Mitglieder des Kernteams an: Evelyn Fürlinger, Harald List, Anika Kronberger, Frank Apunkt Schneider, Daniel Fabry, Günther Friesinger und Roland Gratzer.
Anlässlich des 20-Jahr-Jubiläums der Gruppe im Jahr 2013 wurde ihre Pionierrolle innerhalb der zeitgenössischen Kunst und ihrer Diskurse von zahlreichen österreichischen Leitmedien hervorgehoben.orf.at: "Context-Hacking mit Eigenblunzn", 28. Januar 2013fm4.at: Sei ein Scientist. 28. Januar 2013Profil: 20 Jahre monochrom: Zurück an den Nerd. 28. Januar 2013Falter: Pubertät auf höchstem Niveau. Ausgabe 6/13Der Standard: Blunzen gegen den Boulevard. 28. Januar 2013Oe1 Leporello: 20 Jahre Künstlergruppe monochrom. 25. Januar 2013
Grenzfurthner ist künstlerischer Leiter der Gruppe und nennt deren Arbeit „das Suchen nach dem besten Medium für die Message“.https://medium.com/narrativedesign-podcast/finding-your-weapons-of-mass-distribution-8a5241c3dc34#.osmbv9fe6 "Finding Your Weapons of Mass Distribution: A Conversation with Context Hacker Johannes Grenzfurthner", publiziert in 'Narrative Design', 19. September 2015 Er definiert Monochroms künstlerischen und aktivistischen Ansatz als Context Hacking oder Urban Hacking.Urban Hacking: Culture Jamming in the Risky Spaces of Modernity, book review by Molly Hankwitz in OtherCinema, 24. September 2011
Die Gruppe Monochrom bezeichnet ihre primäre Arbeitsmethode als Context Hacking. Sie verweist damit auf die Hackerkultur, die ein kreativ-emanzipatorisches Herangehen an die Technologien des digitalen Zeitalters propagiert. Mit ihr wenden sie sich gegen die Fortsetzung der über Jahrhunderte angestrengten Versklavung durch Wissensverknappung und Expertentum. […] Durch Context Hacking werden die Ziele und Methoden der Hacker in jene sozialen Zusammenhänge transferiert, in denen künstlerische Produktion geschieht und von denen es abhängt. […] Eine der zentralen Bestrebungen von Context Hackern ist es, die in unterschiedlichste Richtungen zersplitterten Fraktionen der Gegenkulturen wieder zusammenzuführen.
Monochrom sieht sich der politischen Linken zugehörig.
Standorte
Seit 2002 hat monochrom sein Büro und Hauptquartier im Q21 des Wiener MuseumsQuartiers. Der dortige Arbeitsraum fungiert nicht nur als Büro, sondern auch als Studio, Archiv- und Bastelraum; Medienberichte beschrieben ihn als dicht gefüllte „Büro und Bastelstube“, in der Objekte, Projektüberreste und Materialien der Gruppe zu einer eigenen Arbeits- und Erinnerungsumgebung zusammenkommen.
Eine zweite physische Spielstätte ist monochroms UZ Lab im ehemaligen Feuerwehrhaus von Unterzögersdorf bei Stockerau. Es wurde 2023 nach einer Sanierung wiedereröffnet und von profil als von monochrom errichtetes „erstes energieautarke Kulturzentrum Österreichs“ beschrieben.
In Bamberg betreibt Frank Apunkt Schneider mit Monochrom Records außerdem einen mit monochrom verbundenen Plattenladen, der auf Tonträger, Musikbücher und Popkultur spezialisiert ist.
Community und Netzwerk mini|Werbeflyer für Monochrom als Publikation und Event, 1996. Zeichnung von Gerhard Junker, Flyer design von Michael Marrak Seit ihrer Gründung bezeichnet sich die Gruppe als Bewegung, als Culture (als Verweis auf Iain M. Banks gleichnamige Science-Fiction-Buchserie) und als „offenes Experimentierfeld“.Monochrom Selbstbeschreibung monochrom bot und bietet zahlreichen Künstlern, Aktivisten, Forschern and Gruppierungen Möglichkeiten der Veröffentlichung in Form eines Webauftritts oder der Printpublikation (edition mono)Edition mono, der Verlag von Monochrom, Projektseite und organisiert Meetings, Screenings, Radiosendungen, Debattierkreise, Konferenzen oder Online-Plattformen.Erschöpfende Liste von Monochroms Performanz seit 1993 Alle Gruppenmitglieder nutzen diese künstlerischen und didaktischen Auftritte für Arbeit mit und an der Community.Besser als besser werden. Thomas Edlinger auf FM4, 27. Januar 2014 (Vgl. Kulturarbeit).
Einige der Kollaborationen waren projektbezogen, wie beispielsweise die Publikation eines grenzwissenschaftlichen PapersSegal: "Der Ursprung des AIDS", Edition Mono online, 1993 von Jakob Segal 1993 oder die Administration von Dorkbot Vienna; andere Kooperationen bestehen seit vielen Jahren und Jahrzehnten, etwa mit Michael Marrak, Cory Doctorow, Jon Lebkowsky, Fritz Ostermayer, V. Vale, eSeL, Emmanuel Goldstein, Jason Scott, Michael Zeltner, Anouk Wipprecht, Ben Dagan, Kero Fichter oder dem VSL Lindabrunn.
Monochrom betreibt in Kooperation mit David „Daddy D“ Dempsey (Moderator des gemischtsprachigen ORF-Radiosenders FM4) das do-it-yourself-Projekt „Hackbus“. Die Gruppe unterstützt Initiativen wie das Radius Festival, Play:Vienna,Play:Vienna, project page das Buckminster Fuller Institute Austria,edition mono and Buckminster Fuller Institute Austria: "How To Make The World Work", 2012 RE/Search, die Semantic Web Company, den Wiener Hackerspace Metalab und das Porn Film Festival Vienna.
links|mini|Dies ist der erste 3D-Drucker, den Bre Pettis gebaut hat, als er Artist-in-Residence bei Monochrom in Wien im Herbst 2007 war. Grenzfurthner sieht Monochrom als „Community- und Sozialinkubator kritischer und subversiver Denker“. Als Beispiel ist Bre Pettis (der Gründer von MakerBot Industries) anzuführen, der an einem Artist-in-Residence Aufenthalt bei Monochrom im Jahr 2007 inspiriert wurde, sich mit 3D-Druckern zu beschäftigen. Pettis wollte einen Roboter bauen, der Schnapsgläser (in Österreich: Stamperl) für die von Monochrom mitveranstaltete Cocktail-Robotik-Ausstellung Roboexotica drucken sollte. Dazu vertiefte er sich im Metalab in das RepRap-Projekt. Schnapsgläser sollten auch in der weiteren Geschichte der MakerBots eine Rolle spielen.
Am Standort Wien bietet Monochrom künstlerische Kollaboration an. Die Gruppe arbeitet in Projekten mit Künstlern, Wissenschaftlern und Aktivisten wie beispielsweise Suhrkamp-Lektor Johannes Ullmaier, Poptheoretiker Stefan Tiron, Performance-Künstlerin Angela Dorrer, Filmtheoretiker Drehli Robnik, Entrepreneur Bre Pettis, Fotografin und Aktivistin Audrey Penven, dem Medienkünstler Eddie Codel, der Sex-Work-Aktivistin Maggie Mayhem, dem Glitch-Art-Künstler Phil Stearns, Illustrator Josh Ellingson, dem Bildhauer und Designer Ryan Finnigan, Medienkünstlerin Jane Tingley, dem Digital-Rights Aktivsten Jacob Appelbaum, dem Sextechnologie-Experten Kyle Machulis, Hacker Nick Farr sowie vielen weiteren.Alle Projektpartner werden von Monochrom mit dem Ehrentitel Monochrom-Botschafter geehrt.
Seit 2007 ist Monochrom europäischer Korrespondent für Boing Boing TV.
Projektbeispiele
Der Exot
1997/1998 entwickelte Monochrom mit Der Exot ein frühes, pionierhaftes Telerobotik-Projekt: einen kleinen Roboter mit Webcam, der über ein Webinterface und ein Chatsystem ferngesteuert werden konnte.
Wir kaufen Seelen
Am 1. November 1998 eröffnete Monochrom ein „spirituo-kapitalistisches Standl“ in Wien, wo Projektmitglieder versuchten, die Seelen von Passanten zu kaufen.
Sowjet-Unterzögersdorf
Sowjet-Unterzögersdorf ist eine fiktive sowjetische Enklave im österreichischen Weinviertel, die von Monochrom Ende der 1990er-Jahre entwickelt wurde und als Background für unterschiedliche künstlerische Projekte (z. B. Theaterstücke, Computerspiele, Interventionen, Filme) verwendet wird.
Eignblunzn
Eignblunzn ist eine Performance aus dem Jahre 2003. In einem rustikalen Heurigen-Setting verspeisten Mitglieder der Gruppe Blutwurst, die aus ihrem eigenen Blut hergestellt wurde.
Georg Paul Thomann