mini|Benediktinerabtei und Bahnhof Disentis (Oktober 2020) mini|Klosterpforte, vor dem Umbau Das Kloster Disentis ist eine Benediktinerabtei in Disentis im Kanton Graubünden in der Schweiz. Die Abtei wurde um das Jahr 700 gegründet, trägt den Namen des Heiligen Martin und präsentiert sich heute im baulichen Zustand des späten 17. Jahrhunderts. Die zweitürmige Kirche wurde zwischen 1696 und 1712 im Vorarlberger Barock erbaut und entspricht dem Vorarlberger Münsterschema. Kloster Disentis gehört der Schweizerischen Benediktinerkongregation an.

Wie das Kloster sind auch seine Bibliothek und das Museum Kulturgüter von nationaler Bedeutung. Das Museum im Nordflügel des Konventsgebäudes zeigt eine kunst- und kulturhistorische Sammlung aus dem Mittelalter. Dank seines Gymnasiums ist das Kloster noch heute eine wichtige Bildungsstätte der Region. Im Zuge einer umfassenden Modernisierung in den Jahren 2016 bis 2017 wurde neben dem bestehenden Gästehaus ein Teil des Klosters für den Betrieb als Seminarhotel geöffnet.

Geschichte mini|Der Klosterbrand von 1799 Es lässt sich nicht mehr eindeutig datieren, wann sich der fränkische Mönch Sigisbert in der «Desertina» niederliess. Man geht davon aus, dass um das Jahr 700 ein erster kirchlicher Raum, vielleicht eine Klause, bestand, die dem Heiligen Martin gewidmet war. Der Rätier Placidus, ein mächtiger Grundbesitzer der Region, unterstützte Sigisbert.

Da der Landesherr, Präses Victor in Chur, die bisher bewahrte Sonderstellung Churrätiens gefährdet sah, liess er Placidus ermorden. Die Überlieferung stilisierte den Mord zu einer Enthauptung und nannte in der Folge Placidus einen Märtyrer und Sigisbert einen Bekenner (Cephalophoren-Legende).

Nach dem Jahr 750 entstand unter der Leitung des Abts Ursicin um die Gräber von Placidus und Sigisbert ein eigentliches Kloster. Die Mönche übernahmen die Regel des heiligen Benedikt. Eine neue Marienkirche, die in der Mitte des 8. Jahrhunderts erbaut wurde, verfügte auch über ein Baptisterium – das Kloster war also Pfarrkirche. Die etwa gleichzeitig erbaute Martinskirche verfügte über eine Krypta, unterirdische Grabräume. 765 wird das Kloster im Testament des Churer Bischofs Tello zum ersten Mal urkundlich erwähnt: Das Kloster erhält reiche Schenkungen.

940 zerstörten Sarazenen das Kloster. Als Hüterin des Lukmanierpasses wurde Disentis für die kaiserlichen Interessen in Italien bedeutsam. Otto I. und Friedrich I. Barbarossa begingen den Pass auf ihrem Weg in den Süden. In dieser Zeit entstand der Klosterstaat, der eine Grösse von 720 km² erreichte.

1020 übertrug Kaiser Heinrich II. die Abtei der bischöflichen Kirche Brixen. Die Brixner Oberherrschaft blieb jedoch umstritten und endete mit der Wiederherstellung der klösterlichen Immunität im Jahr 1074.Iso Müller: Disentis im 11. Jahrhundert. In: Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige, 50, 1932, S. 194–224, Bezug S. 208f.

1395 war der Fürstabt von Disentis Mitbegründer des Grauen Bundes. In der Reformationszeit geriet das Kloster an den Rand seiner Existenz. Allmählich gelang die religiöse und geistige Erneuerung, die ihren markanten Ausdruck im barocken Klostergebäude fand.

Während des Zweiten Koalitionskrieges im Frühjahr 1799 plünderten französische Truppen das Kloster. Am 1. Mai 1799 kam es zu einem Aufstand der Einheimischen gegen die französische Armee. Als Reaktion wurden am 6. Mai Abtei und Dorf in Brand gesteckt. Nachdem die Abtei bereits ihre Besitzungen im Veltlin verloren hatte, blieben ihr nur «Schutt und Schulden». Der Wiederaufbau ging nur langsam voran und wurde durch einen erneuten Brand 1846 behindert. Der Kanton Graubünden stellte das verarmte Kloster zudem unter Staatskontrolle: Das kantonale Klostergesetz von 1861 verhinderte weitgehend die Novizenaufnahme und das schon vorher stark verarmte Kloster Disentis drohte dadurch vollends unterzugehen.

Zu einem Umdenken kam es 1880 nach einem Stimmungsumschwung im Volk und in der Regierung. Treibende Kräfte dahinter waren der Disentiser Redaktor Placi Condrau, der junge Trunser Politiker Caspar Decurtins und der Maienfelder Theophil von Sprecher. Mit Hilfe der Schweizer Benediktinerkongregation, vor allem durch die Abtei Muri-Gries, wurde das Kloster vor dem Aussterben bewahrt und erfuhr im 20. Jahrhundert eine neue Blüte. Wie 1814 und 1914 beging das Kloster Disentis auch 2014 ein Jubiläumsfest unter dem Titel Stabilitas in progressu («Stabilität im Fortschritt»).

Das Fest der Disentiser Gründungsheiligen Placidus und Sigisbert ist der 11. Juli. Es wird jährlich am vorausgehenden Sonntag als St. Placi (Hochfest Sogn Placi) gefeiert. Dazu findet ein Pontifikalamt mit anschliessender Prozession unter Beteiligung vieler Traditionsgruppen und Vereinen statt.

Klostergebäude mini|Die «Weisse Arche» über dem Dorf Disentis Der barocke Klosterbau thront auf einem Hang oberhalb des Dorfkerns (auf ). Er wird gerne als «Weisse Arche» bezeichnet.

Das rund 120 Meter lange und mindestens 50 Meter tiefe Konventgebäude besteht aus zwei Längsbauten, die durch drei Querbauten verbunden sind. So entstehen zwei Innenhöfe. Unter dem Dach des Klostergebäudes finden sich die Klosterkirche am östlichen Ende, die Marienkirche, die Andachtskapelle, die Placidus-Krypta, die Klausur, das Museum, die Klosterbibliothek, die Klosterpforte, die Pilgerstube, Schul- und Seminarräume, Gäste- und Mönchszellen sowie viele andere Räume.

Zum Klosterkomplex gehören zudem zahlreiche Nebengebäude aus verschiedenen Epochen, die unter anderem dem Internat, der Schule, dem Hotel und als Wirtschaftsgebäude dienen. Der Klosterhof als landwirtschaftlicher Betrieb liegt etwas ausserhalb des Dorfes.

Baugeschichte Das Kloster wandelte sich im Verlauf der Zeit stark. Neben Ausbauten, die von Wachstum zeugen, gab es auch Veränderungen am Bau, die Folge der wiederholten Zerstörungen und Brände waren. Bis zum grossen Neubau des 17. Jahrhunderts bestand das Kloster aus einer Ansammlung mittelalterlicher Gebäude. mini|Die Marienkirche um 1895 vor dem Abriss Kern des frühen Klosters waren drei Kirchen: die Marienkirche, die Martinskirche und dazwischen eingeklemmt eine kleine Petruskapelle. Diese nebeneinander stehenden Gotteshäuser befanden sich im Bereich des östlichen Innenhofs und waren – im Gegensatz zu den heutigen Kirchen – nach Osten gerichtet. Ausgegraben wurden die Grundmauern der ersten kleinen, vorkarolingischen Marienkirche (um 700 datiert). Ihr Nachfolgebau und die erste Martinskirche wurde in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts erbaut. Gegen Ende des 8. Jahrhunderts wurden die Bauten als Dreiapsidenkirchen neu errichtet. In den folgenden Jahrhunderten gab es immer wieder Umbauten und Wiederaufbauten nach Bränden. Bedeutsam sind die Fragmente der bemalten Stuck-Ausstattung. In der heutigen Marienkirche sind die Apsiden aus dem Ende des 10. Jahrhunderts in die Krypta integriert.mini|Idealplan für das Kloster von Heinrich Ludwig Muoss, 1698 Die barocke Klosteranlage wurde zwischen 1683 und 1704 errichtet. Als Architekt gilt Bruder Caspar Moosbrugger (1656–1721) aus Einsiedeln. 1712 wurde die Kirche geweiht. Nach den verheerenden Bränden von 1799 und 1846 wurde das Konventgebäude verändert und um ein Stockwerk erhöht. In den Jahren 1895 bis 1899 wurde nach Plänen von August Hardegger die Marienkirche erbaut, die in der ersten Hälfte der 1980er Jahre wieder verkleinert wurde. Mit dem 1937 bis 1940 errichteten Internatsbau von Walther Sulser («Sulserbau») im Nordwesten wurde das schon im barocken Bauplan vorgesehene Rechteck vollendet. mini|Flugaufnahme aus dem Jahr 1990 mit den Schulgebäuden hinter dem Klosterbau Die Bautätigkeiten der folgenden Jahrzehnte betraf vor allem Aussengebäude: Von 1969 bis 1973 erbauten Hermann und Hans Peter Baur das nahe Schulgebäude. Werner Schmidt machte im Bereich der Studiensäle des Gymnasiums 1994 wesentliche Eingriffe und gestaltete 1999 das sogenannte «Oberhaus» (Knabeninternat). 2005 wurde das sogenannte «Unterhaus» (Mädcheninternat) von Gion A. Caminada in Betrieb genommen. Der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein (SIA) zeichnete den Neubau des abgebrannten Klosterhofs Salaplauna von Caminada mit dem Preis umsicht regards sguardi 11 aus: Die zum Kloster gehörende Caplutta Sogn Benedetg in Sumvitg wurde 1989 von Peter Zumthor nach einer Lawinenkatastrophe errichtet. Sie ist ein Ersatzbau für die aus dem 13. Jahrhundert stammende Kapelle St. Benedikt. Ihre Fresken aus dem 15. Jahrhundert sind heute im Klostermuseum ausgestellt.

In der Folge stand wieder der Klosterbau im Fokus. Nach Vorstudien zu einer Sanierung im Jahr 2007 wurden von 2016 bis 2020 die Klosterkirche und Innenräume des Klosters umfassend saniert, dazu gehörte die Restaurierung von Fassade, Fresken und der Orgel. Die Sanierungskosten beliefen sich auf rund 16,1 Millionen Schweizer Franken, die zum Teil aus Spenden und mit Unterstützung der Denkmalpflege Graubünden aufgebracht wurden. Zuletzt hatte eine Renovierung der Südfassade der Kirche 1954 stattgefunden.

Klosterkirche mini|Innenansicht der Klosterkirche Die im Osten des Klostergrundstücks liegende barocke Klosterkirche St. Martin entstand in ihrer heutigen Form nach 1695/1696. Baumeister war ebenfalls Caspar Moosbrugger.

Die Ausrichtung nach Norden verleiht dem Raum eine «Theaterbeleuchtung» von Sonnenaufgang bis zum Abend. Dabei bleiben die Fenster für den in die Kirche tretenden und nach vorn blickenden Besucher durch die Pfeiler verdeckt, die sich wie Kulissen seitlich hereinschieben. Die Seitenkapellen sind durch Gänge verbunden, was wie bei der 90 km entfernten Kirche Madonna der geschlossenen Brücke und anderen Bauten der Region als ein Beispiel des sogenannten Wandpfeilerschemas gilt – eine bauliche Besonderheit, die in dieser Gegend von Vorarlberger Baumeistern zusammen mit Misoxern entwickelt wurde.Gabriel Peterli und Gerhard Schlichenmaier: Barocke Kirchen in Graubünden, Verlag Bündner Monatsblatt, Chur 2003, ISBN 3-90534-218-9, S. 113

Die Gemälde am Kirchengewölbe sind ein Werk von Fritz Kunz (1868–1947). Er gehörte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den geachteten Vertretern einer neueren religiösen Malerei.

Der Hochaltar stammt aus Deggendorf und wurde von Melchior Stadler geschaffen. Der Altar gelangte 1885 nach Disentis als Ersatz für den 1799 zerstörten alten Hauptaltar von Johann Ritz von Selingen (1666–1729). Von ihm erhalten geblieben ist der Placidusaltar, rechts vom Choreingang, und der Benediktsaltar, links des Choreingangs. In der Kirche stehen weitere sechs Altäre. Das Chorgitter ist ein Werk von Bruder Joseph Bäz († 1737). Die Kanzel wurde von Bruder Petrus Soler von Schluein 1717 geschaffen.

Im Refektorium 6 Kabinettscheiben und zahlreiche Profanscheiben (1946–1952) von Giuseppe Scartezzini.

Orgel mini|Blick auf die Orgel Die Orgel wurde 1933/1934 von der Orgelbaufirma Gattringer (Rorschach) erbaut. 1955 wurde die Disposition um 9 Register der Firma Goll ergänzt, 1960 baute Orgelbau Mathis (Näfels) das Rückpositiv. 2020 wurde die Orgel durch Orgelbau Kuhn restauriert; sie hat nun 65 klingende Register mit 4173 Pfeifen.Ausführliche Informationen zur Orgel und Disposition auf der Website der Orgelbaufirma