mini|Überreste der Caracalla-Thermen Als Thermen (Plural, , ) wurden größere öffentliche Badeanstalten im Römischen Reich bezeichnet. Nach einer Zählung um 400 n. Chr.Notitia regionum urbis Romae gab es allein in Rom elf öffentlich zugängliche Thermen. Daneben gab es mindestens 856 private Bäder; diese werden jedoch nur als Bäder und nicht als Thermen bezeichnet.
mini|Mosaike in Thermen (Tunesien) mini|Thermen (Tunesien)
Begriff mini|Innenansicht eines Nachbaus in Archeon Der lateinische Ausdruck – Thermen – für große öffentliche Bäder verbreitete sich zum Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. Der Begriff ist abgeleitet von (zu ) und ersetzte beziehungsweise ergänzte die ältere Bezeichnung (Plural , kontrahiert aus ; dieses entlehnt von ).
Die Römer benannten auch ein einzelnes Badehaus mit dem im Plural stehenden Wort , zu dem es keine Singularform gab (Pluraletantum). Im Unterschied dazu ist heute im Deutschen für moderne Thermalbäder die Singularform Therme üblich.
Überblick mini|Hypokaust des römischen Bades in Rottenburg. Aquarell von General Eduard von Kallee im Herbst 1884.Karin Heiligmann: Sumelocenna – Römisches Stadtmuseum Rottenburg am Neckar. Konrad Theiss, Stuttgart 1992, ISBN 3-8062-1073-X (Führer zu archäologischen Denkmälern in Baden-Württemberg, Band 18). Seit der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. ist der Bau öffentlicher Bäder in Rom bekannt. Die römischen Thermen entwickelten sich aus verschiedenen Vorläufern, wie dem griechischen Bad (balaneion) – siehe Badekultur – und einheimischen Schwitzkuren. Solche waren bereits in der Frühzeit der Römischen Republik auf den Phlegräischen Feldern bei Neapel durch Nutzung vulkanischer Thermalquellen und Fumarolen entstanden. Der Unternehmer und Senator Caius Sergius Orata (140–91 v. Chr.) kam laut Valerius Maximus auf die Idee, die für Heizzwecke bereits existierende Hypokaust-Technik für Dampfbäder zu nutzen und führte die in Rom ein.
Während des 1. Jahrhunderts n. Chr. erlangte das Baden in öffentlichen Bädern eine hohe Bedeutung als sozialer Mittelpunkt des Lebens und fest zum Tagesablauf gehörendes Ritual. Die Thermen waren Orte der Kommunikation und des Zeitvertreibes: Hier traf man sich, entspannte sich von der Hektik der Stadt und vom Stress des Tages. Thermen boten zahlreiche Dienstleistungen, wie etwa Massagen, Gymnastikübungen, Maniküre und Schönheitspflege. Beheizt wurden die Thermen durch das Hypokaustum, ein unter dem Fußboden und in den Wänden befindliches Netz von Leitungen für erhitzte Luft, das von Sklaven befeuert wurde.
Es gab in den römischen Städten zahlreiche kleinere private Thermen, die man gegen geringes Entgelt besuchen konnte, die aber meist nicht den Luxus der öffentlichen Thermen bieten konnten. Öffentliche Thermen wie die Agrippa-Thermen in Rom oder die Stabianer Thermen in Pompeji waren großzügiger ausgestattet. In der Römischen Kaiserzeit wurde der Bau großer öffentlicher Thermenanlagen, der „Kaiserthermen“, zu Prestigeprojekten der Herrscher. Es begann mit den Nerothermen und den Titusthermen. Bald darauf revolutionierte der Architekt Apollodor von Damaskus das Konzept. Mit seinen Trajansthermen entstand das größte jemals gebaute öffentliche Bad, wozu er im Herzen der Hauptstadt mit über einer Million Einwohnern zehn Hektar Baufläche freischlug. Spätere Kaiser suchten dies mit den Diokletiansthermen und den Caracalla-Thermen noch zu übertrumpfen. Sie waren in Dimension und Ausstattung wahre „Paläste fürs Volk“, mit prächtigen Säulen, bunten Marmorböden, stuckverzierten Decken, Statuen, Brunnen und Wandmalereien, ausgestattet mit Schwimmbecken, Sportanlagen im Freien, Wandelgängen, Bibliotheken und Imbissen. In den Thermen Roms trafen sich unterschiedslos alle: Männer und Frauen, Alte und Kinder, Handwerker und Soldaten, reiche Bürger und Sklaven. Wohlhabende Kaufleute pflegten oder knüpften hier Kontakte und brachten Geschäfte zum Abschluss. Selbst die römischen Kaiser besuchten die Thermen, um sich bürgernah zu zeigen. Der Eintritt war günstig, jedoch musste man für bewachte Garderoben, Massagen usw. extra zahlen. Man trug einen Wickel um die Hüfte, das , für die Ballspiele im Freien auch die Tunika, Frauen trugen oft eine Art Bikini. Für Frauen gab es ursprünglich getrennte Bäder, aber schon Cicero beklagte den Verfall der Sitten, weil die Geschlechtertrennung meist missachtet wurde; Hadrian führte getrennte Badezeiten in gemeinschaftlich genutzten Badeanlagen ein, für Frauen vormittags, für Männer nachmittags, was aber in der Praxis oft nicht streng befolgt wurde. Die Gegenwart von Frauen auf Sportplätzen war jahrhundertelang Gegenstand scharfer Polemiken.Alberto Angela: Ein Tag im Alten Rom. Alltägliche, geheimnisvolle und verblüffende Tatsachen. Riemann, München 2009, S. 308.
Geschichte Erste, von den Aquädukten versorgte, einfache öffentliche Badehäuser nach hellenistischem Vorbild existierten bereits um 400 v. Chr. Die älteste heute bekannte römische Badeanlage ist ein Sitzwannenbad in den Stabianer Thermen in Pompeji aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Hypokausten und Reihenbäder mit einer festen Raumfolge sind ab dem 2. vorchristlichen Jahrhundert bezeugt.
Diese frühen Bäder konnten für geringes Entgelt (1/4 As)Seneca, Epistulae morales 86,9. genutzt werden und boten keinen großen Luxus. Seneca beschrieb ein solches Bad:
Agrippa-Thermen mini|hochkant|Arco della Ciambella, Überrest der Rotunde der Agrippa-Thermen Marcus Vipsanius Agrippa erbaute in Rom die erste große Thermenanlage, die im Gegensatz zu den bis dahin üblichen Bädern, von denen es zu dieser Zeit bereits 170 allein in Rom gab, mit Räumen zum Ringen und für andere Sportarten (übernommen aus dem griechischen Gymnasion, vgl. z. B. Samos), zur Konversation und sogar zum Unterricht ausgestattet war, die mit den warmen Bädern verbunden waren. Die Bauarbeiten dauerten von 25 v. Chr. bis wahrscheinlich 19 v. Chr. Die Agrippa-Thermen auf dem Marsfeld wurden durch eine eigens errichtete Wasserleitung, der Aqua Virgo, versorgt. Damit war erstmals der verschwenderische Wasserverbrauch der späteren Thermen möglich geworden. Von den Thermen verlief ein Euripus genannter Kanal zum Tiber, der bei der Pons Agrippae (also nahe dem heutigen Ponte Sisto) mündete.Robert B. Lloyd: The Aqua Virgo, Euripus and Pons Agrippae. In: American Journal of Archaeology. Band 83, Nummer 2, 1979, S. 193–204.
Die Thermen besaßen als erste Badanlage in Rom einen überkuppelten Zentralbau; der Kuppeldurchmesser der Rotunde betrug eindrucksvolle 25,00 m.Werner Heinz: Römische Thermen. Badewesen und Badeluxus im römischen Reich. Hirmer, München 1983, ISBN 3-7774-3540-6, S. 60–64. Ihre Ruine, der Arco della Ciambella, liegt in der gleichnamigen Straße 100 Meter südlich des Pantheons. In seinem Testament ermöglichte Agrippa den kostenlosen Besuch seiner Thermen. Der Kardinal Andrea della Valle ließ im frühen 16. Jahrhundert in den Resten der Therme nach Schätzen suchen. Eine dabei gefundene kaiserzeitliche Krone gab den Namen für die nur wenige Meter entfernt liegende Kirche San Benedetto della Ciambella, von der auch der Arco della Ciambella seinen Namen hat.
Die literarischen und epigraphischen Quellen zeigen, dass die Beliebtheit des Badens bei den Römern in der Zeit zwischen Cicero (106–43 v. Chr.) und Martial (ca. 40–104 n. Chr.) stark anwuchs. Die Frage nach den Gründen dieser wachsenden Beliebtheit ist schwer zu beantworten, da viele Faktoren dabei eine Rolle gespielt haben dürften: Einerseits führte das Anwachsen der Bevölkerung im Rom des 1. nachchristlichen Jahrhunderts zu einem verstärkten Bedürfnis nach Sauberkeit und nach Möglichkeiten zur Flucht aus armseligen Wohnumständen. Andererseits propagierten medizinische Theorien das Baden als gesundheitsfördernd. Bestätigt wird die Wichtigkeit dieser Einrichtung durch die große Zahl und prächtige Ausstattung der römischen Badegebäude – sei es privater oder öffentlicher Art.
Kaiserthermen mini|Modell der Trajansthermen (Rom) mini|Kaiserthermen (Trier) In der Kaiserzeit perfektionierte man den Thermenbau. Die einzelnen Räume wurden nun symmetrisch angeordnet und prachtvoll ausgestattet. Auch verschob sich spätestens jetzt die Bedeutung des Badens von der notwendigen Körperreinigung nach Arbeit und Sport zu einem Zeremoniell der Erholung, dem sogenannten , bei dem die sportliche Betätigung nur ein Aspekt neben gepflegtem Umgang oder reinem Müßiggang war. Die nun errichteten großen Kaiserthermen besaßen neben Sportplätzen auch lateinische und griechische Bibliotheken und säulengesäumte Wandelgänge mit Läden. Über die beim Großen Brand zerstörten Thermen Neros schrieb Martial:
Trajan ließ 104–109 an der Stelle von Neros Domus Aurea direkt neben der Subura von seinem Architekten Apollodor von Damaskus monumentale Thermen mit einer Grundfläche von etwa 340 m × 300 m errichten. Erstmals enthielten die Trajansthermen neben offenen Sportplätzen () überdachte Sporthallen, sogenannte Basiliken, die symmetrisch rechts und links der in einer Achse ausgerichteten eigentlichen Baderäume angeordnet waren und vermutlich mit der Abwärme geheizt wurden.
In den folgenden Jahrhunderten wurden die Thermen immer weiter ausgebaut und verbessert. Die 212–216 erbauten Caracalla-Thermen und die Diokletiansthermen (erbaut 298–306) zeigen noch heute, zu welcher Monumentalität die römischen Badetempel anwuchsen.
Privatbäder Neben den , öffentlichen Bädern, deren enorme Betriebskosten für Wasser, Brennholz und Unterhalt allein durch Steuern oder Spenden der Reichen finanziert wurden und die in der Tradition des Agrippa keinen Eintritt kosteten, gab es die privaten , deren Pächter ein geringes Eintrittsgeld verlangen durften.
In den kaiserlichen Villen hatten die Thermen ihren festen Platz, wie beispielsweise in der Villa Jovis des Tiberius. Auch reiche Privatleute leisteten sich Badehäuser mit verschieden temperierten Becken. Von einem solchen Bade mit verschiedenen temperierten Räumen und Becken sowie einem Ballspielsaal () bietet Plinius der Jüngere in seinen Briefen lebendige Schilderungen.Plinius der Jüngere, Epistulae 5,6,23 ff.
In den Provinzen mini|Badehaus der Römervilla in Fischbach mini|Quellnymphe im Bad des Limeskastells Schirenhof (Ostalbkreis), das vom Militär genutzt wurde mini|Das Militärbad des Kastells Pfünz in Bayern mini|Kastells Százhalombatta-Dunafüred, Ungarn: Rast- und Umspannstationen (Mansiones) besaßen zumeist ein heizbares Bad für Gäste. Die Bedeutung des Badens als Bestandteil des Lebens eines Römers wird auch anhand der vielen Bäder, die in neuen Provinzen entstanden, deutlich. Nimmt man die Nordwestprovinzen als Beispiel, so zeigt sich, dass bald nach der Eroberung durch die Römer nahezu überall Thermen entstanden. Eingeführt wurden diese Badesitte und die dazugehörigen Bauten von den Römern, die auf diese Annehmlichkeit nicht lange verzichten wollten und auch in ihren Militärlagern Thermen oder zumindest kleine anlegten. Ihre schnelle Verbreitung in der Provinz, auch an Orten, die nicht ausschließlich von Römern bewohnt waren, zeigt jedoch die baldige Übernahme der Sitte durch die einheimische Bevölkerung. So waren die Bewohner der Provinz Bithynia et Pontus vom Einsatz des Statthalters Plinius des Jüngeren für den Bau neuer Bäder sehr angetan, wie Plinius’ Briefwechsel mit Trajan belegt.
Heilbäder Die Nutzung heißer Dämpfe, Mineral- und Thermalquellen zu therapeutischen Zwecken war bereits in vorrömischer Zeit verbreitet, wie der Bericht des Livius über den (nicht erfolgreichen) Kuraufenthalt des Konsuls Gnaeus Cornelius Scipio Hispallus 187 v. Chr. in Baiae bestätigt.Titus Livius, Ab urbe condita 41,16: Oft waren solche Quellen mit Heiligtümern des Asklepios und medizinischen Einrichtungen verbunden.
Heilbäder wie Aquae Sulis in Britannien, Pautalia in Thrakien, Aquae in Baden-Württemberg und besonders Baiae ähnelten den heutigen Kurorten. So spottete Martial über Kurschatten und untreue Ehefrauen und Seneca beschwerte sich über Lärm.