Italienische Kolonialtruppen (truppe coloniali) gab es von 1885 bis 1943 in den italienischen Kolonien in Afrika. Jede Kolonie hatte eine eigene Kolonialtruppe mit der Bezeichnung Regio Corpo Truppe Coloniali (RCTC) („Königliches Kolonialtruppenkorps“ mit dem Namen der Kolonie als Zusatz), das in der Regel der jeweiligen italienischen Kolonialregierung vor Ort unterstand. Die Offiziere und ein Teil der Unteroffiziere waren Italiener, ansonsten dienten in den Kolonialtruppen einheimische Afrikaner, die umgangssprachlich und verallgemeinernd meist als Askaris bezeichnet wurden, obwohl nicht alle Kolonialtruppen aus Askari-Verbänden bestanden. Italienische Siedler in den Kolonialgebieten konnten dort zum Militärdienst in separaten Einheiten herangezogen werden. Einheiten aller italienischen Kolonialtruppenkorps und anderer italienischer Militärverbände verübten in Afrika Kriegsverbrechen, insbesondere im Zweiten Italienisch-Libyschen Krieg (1922–1932) und im Abessinienkrieg (1935–1941). mini|Libyscher Savari
Truppengattungen Die aus afrikanischen Kolonialsoldaten bestehenden und von italienischen Kolonialoffizieren befehligten italienischen Kolonialtruppen (RCTC) bestanden aus folgenden landestypischen Truppengattungen:
Baschi Buzuk: Ursprünglich eine irreguläre osmanische, dann ägyptische Truppe des Khedivat Ägypten, schließlich der italienischen Kolonialtruppen in Eritrea. Italien stellte erste Sicherheitseinheiten dieser Art 1885 in Massaua auf, also noch vor der offiziellen Gründung der Kolonie Eritrea. Sie wurden 1888 in reguläre Askari-Einheiten überführt.Vito Zita: La nascita delle truppe coloniali italiane: Dai basci buzuk agli ascari. Paolo Emilio Persiani, Bologna 2023, ISBN 979-1-259-56103-9, S. 120.
Askari: Die ersten eritreischen Askari-Einheiten entstanden ab 1888. Zunächst handelte es sich vorwiegend um eine Infanterietruppe, dann wurde die Bezeichnung auch im Bereich der Kavallerie, der Artillerie, bei Kolonialeinheiten von Luftwaffe und Marine, später auch bei der Kolonialpolizei in allen italienischen Kolonialgebieten verwendet. Askari-Verbände wurden ursprünglich als „Indigenen-Bataillone“ bezeichnet, ab 1908 als eritreische und arabisch-somalische Bataillone, ab 1936 nur noch als Kolonialbataillone. Wegen der rechtlichen Gleichstellung Italienisch-Libyens mit dem Mutterland gab es im Zweiten Weltkrieg offiziell libysche Truppen, inoffiziell blieb die Bezeichnung Askari jedoch verbreitet.
Dubat: Eine ab 1924 in Italienisch-Somaliland rekrutierte irreguläre, leichte, zum Teil berittene Infanterietruppe. Dubat bedeutet „weißer Turban“, der typisch für die Angehörigen der Truppe war. In sogenannten „Banden“ organisiert, dienten sie in erster Linie dem Grenzschutz.
Meharisten: Eine Kamelreitertruppe, benannt nach den Mehari-Dromedaren. Sie wurde vorwiegend in den südlichen libyschen Wüstengebieten eingesetzt. Im Zweiten Weltkrieg dienten Meharisten auch in motorisierten Spezialeinheiten, die unter anderem mit der Camionetta Sahariana ausgerüstet waren und sich gut gegen die britische Long Range Desert Group bewährten.
Savari: Eine reguläre libysche Kavallerietruppe, auf libyschen Pferden, nach italienischem Muster organisiert. Diese Truppe war stark in die genozidalen Operationen im Osten Libyens involviert.Alberto Baldini: Savari. In: Enciclopedia Italiana, Bd. 30 Romania–Scap, Rom 1936.
Spahis: Eine irreguläre leichte libysche Kavallerietruppe, deren Bezeichnung auf eine osmanische Reitertruppe zurückgeht. Im Gegensatz zu den italienisch organisierten Savari hatten die Spahis eine eigene Ausrüstung, Organisation und Einsatztaktik. Sie übernahmen vorwiegend Aufklärungs- und Grenzschutzaufgaben.Ugo Badalucchi: Spahis. In: Enciclopedia Italiana, Bd. 32 Sod–Suo, Rom 1936.
Amhara-Reiter: Berittene Askaris in Ostafrika, aufgestellt um 1939, unter dem Befehl von Amedeo Guillet.
Zaptié: Eine Polizeitruppe osmanischen Ursprungs, die von den Carabinieri organisiert wurde, erstmals 1888 in Eritrea. Gemeinsame Streifen von Carabinieri und Zaptié waren in allen italienischen Kolonialgebieten typisch. Ab 1936 wurden Carabinieri und Zaptié von der zivilen Polizia dell’Africa Italiana (PAI) ergänzt, in der auch Einheimische dienten.
In den italienischen Kolonien gab es Militärverbände mit der Zusatzbezeichnung d’Africa, die nicht aus indigenen Truppen bestanden, sondern aus Italienern. Die Cacciatori d’Africa oder „Afrikajäger“ bestanden aus italienischen Siedlern in den Kolonien und aus Freiwilligen aus Italien. Die teilweise milizartigen Afrikajäger waren eine leichte Infanterietruppe, zum Teil auch motorisiert oder beritten. Andere Verbände mit dem Zusatz d’Africa bestanden ab 1935 aus Wehrpflichtigen, Freiwilligen oder Strafversetzen aus Italien.
Bei den italienischen Kolonialtruppen waren in der Infanterie lange Zeit selbständige Bataillone die Regel, die bei Bedarf zu regimentsäquivalenten Verbänden mit unterschiedlicher Bezeichnung und diese gegen Ende der kolonialen Epoche dann auch zu Brigaden (besonders in Italienisch-Ostafrika), Divisionen und Armeekorps zusammengefasst wurden. Im Bereich der Kavallerie (Meharisten, Savaris, Spahis, berittene Dubats) blieb die Eskadron (oder ähnlich personalstarke „Banden“) die zentrale Einheit, genauso wie die Batterie bei der Artillerie, die bei Bedarf zu Abteilungen (Bataillon) zusammengefasst wurden. Weitere spezialisierte Kolonialtruppen kamen in der Regel über die Kompanieebene nicht hinaus.
Zur logistischen Unterstützung der Kolonialtruppen bestand ein Depot in Neapel, von wo aus es die meisten Schiffsverbindungen zu den Kolonien gab, und ein Versorgungsstützpunkt in Syrakus auf Sizilien. Diese beiden Einrichtungen unterstanden ab 1915 bzw. 1922 dem Kolonialministerium, das zusammen mit dem Kriegsministerium für die Kolonialtruppen administrativ zuständig war.
Kolonialtruppenkorps Regio Corpo Truppe Coloniali dell’Eritrea (1891–1936) Regio Corpo Truppe Coloniali della Somalia (1908–1936) Forze Armate dell’Africa Orientale Italiana (1936–1941) Regio Corpo Truppe Coloniali per la Tripolitania e per la Cirenaica (1914) Regio Corpo Truppe Coloniali della Tripolitania (1914–1935) Regio Corpo Truppe Coloniali della Cirenaica (1914–1935) Regio Corpo Truppe Coloniali della Libia (1935–1939) Regio Corpo Truppe Libiche (1939–1943)
Die beiden ersten Kolonialtruppenkorps in Eritrea und Somalia wurden 1936 im Zug der italienischen Besetzung Äthiopiens und der Gründung Italienisch-Ostafrikas zu den „Streitkräften Italienisch-Ostafrikas“ (Forze Armate dell’Africa Orientale Italiana) zusammengefasst, die bis zur italienischen Niederlage im Ostafrikafeldzug 1941 bestanden. Diese Streitkräfte unterschieden sich hinsichtlich der Aufgaben und der inneren Zusammensetzung nur unwesentlich von den beiden ursprünglichen Kolonialtruppenkorps.
Die beiden Kolonialtruppenkorps in Nordafrika wurden wegen der Fusion (1934) der beiden italienischen Kolonien Tripolitanien und Kyrenaika zur Kolonie Italienisch-Libyen im Jahr 1935 zum Kolonialtruppenkorps Libyen zusammengefasst. Weil Libyen im Jahr 1938 dem italienischen Mutterland gleichgestellt und somit nicht mehr als Kolonie betrachtet wurde, änderte sich auch der Status und die Bezeichnung des Kolonialtruppenkorps Libyen 1939 entsprechend in „Königliches Korps Libyscher Truppen“. Es bestand bis zum Ende des Afrikafeldzuges Anfang 1943.
Regio Corpo Truppe Coloniali dell’Eritrea mini|Kolonialartillerie, Eritrea, 1889 Nachdem italienische Truppen im Februar 1885 in Massaua und Assab gelandet waren, formierte man noch im selben Jahr zwei Einheiten aus vormals ägyptischen Baschi Bozuk zur Unterstützung der italienischen Kräfte. Die Einheiten baute man mit weiteren, als Askari bezeichneten Männern aus, die sich zu Beginn des Eritreakriegs bewährten, weswegen bis 1889 vier Askari-Bataillone, eine Kavallerie-Eskadron, eine Batterie Artillerie und kleine Zaptié-Sicherheitseinheiten folgten, die 1892 mit weiteren kleineren Einheiten als „Königlich Afrikanische Truppen“ offiziell Teil des italienischen Militärs wurden. Die Bataillone hatten römische Nummern und farbige Erkennungszeichen; bis zum Italienisch-Äthiopischen Krieg (1895–1896) wurden es acht, bis 1902 waren es im „Königlichen Kolonialtruppenkorps“ wieder vier. Wegen des Bedarfs an Truppen in Somalia, wegen des Italienisch-Türkischen Krieges und des Ersten Weltkriegs stellte man die vier aufgelösten Bataillone bis Nummer VIII ab 1911 wieder auf und bildete vorübergehend weitere (bis Nummer XXV), von denen einige nach Libyen entsandt und mit dortigem Personal ergänzt wurden; 1919 verblieben in Eritrea wieder acht Bataillone, 1920 sechs und 1922 fünf, hinzu kamen eine Kavallerie-Eskadron und fünf Artillerie-Einheiten und Sicherheitskräfte, die zusammen mit italienischen Truppen dem RCTC-Stab in Asmara unterstanden. Für die Unterwerfung ganz Libyens stellte das RCTC Eritreas ab 1922 elf eritreische Bataillone, ab 1931 blieben noch vier vor Ort.Annuario ufficiale 1938, S. 601ff.Annuario militare 1913, S. 870ff.
Neben diesen eritreischen Kräften umfasste das RCTC Eritreas zeitweise sechs bis sieben italienische Afrikaregimenter zu je drei Infanteriebataillonen, die mit den eritreischen Bataillonen, Artillerie- und kleineren Unterstützungseinheiten zu Brigaden formiert werden konnten.
Für den 1935 begonnenen Abessinienkrieg mobilisierte das RCTC Eritreas ein Armeekorps mit der 1. und 2. eritreischen Division und acht gemischten Brigaden (I bis VIII) mit insgesamt 28 Infanteriebataillonen, einem Kavallerieverband und vier Gebirgsartillerie-Verbänden (12 Batterien). Nach dem Ende des Krieges ging das RCTC Eritreas in den Streitkräften Italienisch-Ostafrikas auf.
Regio Corpo Truppe Coloniali della Somalia mini|Dubat, Somalia, 1938 Die Verwaltung der Kolonie Italienisch-Somaliland oblag bis 1905 den privaten Kolonialgesellschaften Filonardi und Benadir, danach stand sie unter direkter Kontrolle der italienischen Regierung. Den Kolonialgesellschaften standen irreguläre Askari zur Verfügung, deren Anzahl die Benadir-Gesellschaft bis Ende 1902 auf rund 1100 brachte. Im Jahr 1903 begann eine Neuordnung, bei der man das Kolonialtruppenkorps in Eritrea als Vorbild nahm. Am 15. April 1904 entstand eine Truppe mit der Bezeichnung Guardie del Benadir, die zwölf Kompanien und eine kleine Milizorganisation umfasste. Im Zug der Übernahme der Kolonie durch die italienische Regierung wurde die Truppe Anfang 1906 in Regio Corpo Truppe Indigene del Bandir und 1908 in Regio Corpo Truppe Coloniali della Somalia Italiana umbenannt und auf 3500 Mann gebracht, die in Kompanien organisiert waren. Die italienischen Carabinieri wurden bei ihren Polizeiaufgaben auch hier von einheimischen Zaptié unterstützt. In dieser Organisation trug das Kolonialtruppenkorps zur Erweiterung des italienischen Kolonialgebietes bei, wobei einige Aufstände niedergeschlagen wurden.Annuario militare 1913, S. 874ff.