mini|hochkant=2.3|Die römische Aquäduktbrücke Pont du Gard in Südfrankreich Der oder das Aquädukt (von „Wasserleitung“) ist ein Bauwerk zum Transport von Wasser. Sein wasserführender Teil auf dem Kopfbalken ist konstruktiv als Trogbrücke ausgeführt.
Der Begriff wird im weiteren Sinne für überwiegend als Freispiegelleitung ausgeführte Wasserversorgungsanlagen von antiken römischen Städten verwendet. Im engeren Sinne wird er für wasserführende Brücken oder Kanalbrücken benutzt. Im englischen Sprachraum steht aqueduct allgemein für Röhrensysteme oder Kanäle, die Wasser über eine längere Strecke weiterleiten.BritannicaWebster’s New World Dictionary Im Französischen bezeichnet der Begriff aqueduc die gesamte Wasserversorgungsanlage einschließlich der Freispiegelleitung, der wasserführenden Brücke (le pont-aqueduc) sowie der Druckrohrleitung und des Dükers (le siphon).Pons
Wasserleitungen in den alten Hochkulturen und in Griechenland mini|Reste der ʿAin-ʿArafāt-Leitung, hier die ʿĀbidīya-Brücke zwischen der ʿArafāt-Ebene und Muzdalifa Bereits vor Entstehung des römischen Reichs wurden von den alten Hochkulturen Bauwerke für die Bewässerung errichtet; in der historischen Überlieferung werden die ältesten Aquädukte Ramses dem Großen, Semiramis und dem König Salomo zugeschrieben.
Die ʿAin ʿArafāt () bzw. ʿAin ʿArafa war eine Freispiegelleitung, die wahrscheinlich seit dem späten 10. Jahrhundert die Haddsch-Pilger in der Ebene von ʿArafāt mit Wasser versorgte und in den 1560er-Jahren nach Mekka verlängert wurde – danach war das Bauwerk ungefähr 28 Kilometer lang.
Die Überreste der Aquädukte von Palmyra und Samos (Tunnel des Eupalinos, erbaut im 6. Jahrhundert v. Chr. von Eupalinos von Megara) sind Beispiele von unterirdischen Kanälen, die das Wasser aus mehr oder minder entfernt liegenden Quellen in die Städte führten.
Für die Wasserversorgung der wachsenden Residenz Ninive z. B. ließ der assyrische König Sanherib 691 v. Chr. einen 48 Kilometer langen Kanal bauen, der mit einer 280 Meter langen und neun Meter hohen Trogbrücke (der ältesten der Welt) mit fünf Spitzbogen aus Kragsteinen über ein Flusstal führte.Ansicht des Bauwerks: gatesofnineveh.files.wordpress.comT. Jacobsen, H. Frankfort: Sennacherib’s Aqueduct at Jerwan, Publikationen des Orientalischen Institutes der Universität Chicago, Band 24, 1935 Vier der Pfeiler sind als Strompfeiler bereits mit Rundungen angelegt. Bereits zwei Jahre nach seiner Thronbesteigung gab der König ein System von vier Kanälen teilweise mit Tunneln und Aquädukten von ca. 150 km Länge in Auftrag, deren Ausführung fünfzehn Jahre dauerte. Die größte Herausforderung war die Querung eines 280 m langen Tales, weshalb das Jerwan-Aquädukt (als ältester Aquädukt angesehenes Bauwerk) als Teil eines dieser Kanäle in der Nähe des heutigen Dorfes Jerwan im Nordirak erbaut wurde. Der künstliche Wasserweg weist ein gleichmäßiges Gefälle von einem Meter auf einen Kilometer auf, wodurch das Wasser stetig fließen konnte. Das Bauwerk war 21 m breit und bestand aus über zwei Millionen behauenen Steinquadern aus Kalkstein und diente späteren römischen Anlagen als Vorbild.Detlef Wienecke-Janz: Die große Chronik der Weltgeschichte / Griechenland und die klassische Antike. 2008, wissenmedia, ISBN 3-577-09064-2.Michael P Streck: Der Alte Orient: Eine Einführung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006, ISBN 3-534-18558-7. Sanherib war sehr stolz auf dieses Bauwerk und hat an dem Punkt, wo der Kanal mittels dieser Brücke ein Tal überspannt, in Keilschrift seine Bauinschrift hinterlassen.. Durch seine Maßnahmen wurde Getreideanbau im Süden von Ninive erst möglich, ebenso dienten die Anlagen zur Versorgung der Stadt, der üppigen Palastgärten, Plantagen und Felder.Dahlia Shehata: Babylonier, Hethiter & Co. für Dummies. Wiley-VCH, 2015, ISBN 3-527-70499-X.
Die Assyriologin und Keilschrift-Expertin Stephanie Dalley von der University of Oxford legte bereits Anfang der 1990er-Jahre Argumente für die Deutung vor, die Hängenden Gärten in Ninive am Tigris seien der Palastgarten Sanheribs gewesen und er sei für Sanheribs Gattin Tašmetu-Šarrat erbaut worden. Damit wäre das Jerwan-Aquädukt ein, wenn auch entfernter, Bestandteil dieses Weltwunders.
Auch die Griechen beherrschten den Bau von Aquädukten: In Athen wurde das Wasser vom Hymettos und Pentelikon hergeleitet. Weitere Aquädukte fand man in Griechenland bei Theben, Megara, Samos, Pharsalos, Stymphalos und anderen Orten.
Wasserleitungen im Römischen Reich
Allgemeines mini|Querschnitt Aquädukt vor dem Archäologischen Museum Antibes mini|Castellum von Nîmes Am bekanntesten sind die Aquädukte der Römer, da sie oft auf gewölbten Bogenstellungen geführt wurden und zu den bedeutendsten Bauwerken der Antike gehören. Die altrömischen Leitungen bestanden aus Holz, Blei oder Leder, meist waren es jedoch Steinkanäle. Die in die einzelnen Häuser führenden Leitungen waren gewöhnlich aus Blei, wie Ausgrabungen in Pompeji ergaben. Einige Aquädukte hatten mehrere Stockwerke – in jedem floss Wasser einer anderen Quelle. Da das Wasser stetig weiterfließen musste, wurden die Aquädukte so gebaut, dass sie ein stetiges, leichtes Gefälle aufwiesen. Dies wurde durch frühere Architekten genauestens ausgemessen. So betrug das Gefälle nach Vitruvius mindestens 0,5 %.
Der Beginn des Aquädukts ist das Quellhaus; das Ende des Laufs bildet das „Wasserschloss“ (castellum oder nymphaeum), in welchem das Wasser von Steinen und grobem Schmutz gereinigt wurde und von wo aus es über Rohrsysteme in die Häuser, Bäder und Gärten geleitet wurde. Besondere Beamte waren für die Regelung der Wasserzuteilung zuständig, die durch strenge Gesetze den Schutz der Anlagen gewährleisteten. Im Gegensatz zu den größeren, steinernen Überlandleitungen mit Freispiegelgefälle verwendete man in der Stadt häufig Druckleitungen und schaltete im Bedarfsfalle „Wassertürme“ dazwischen. Die Druckleitungen bestanden aus Blei- oder Tonrohren. Die Bleirohre wurden industriell aus in der Breite genormten, gegossenen Bleiplatten gefertigt. Durch das Zusammenbiegen und Verlöten erhielten die Rohre einen etwa birnenförmigen Querschnitt. Für die Rohrherstellung wurden aber auch noch andere Baustoffe wie Holz, Stein und sogar Beton eingesetzt.
Aquädukte in Rom mini|hochkant=2.3|Aqua Claudia Die imposantesten Aquädukte wurden in Rom errichtet. Sie führten das Quellwasser aus dem Gebirge bis zu 150 Kilometer weit über Täler, Schluchten und Abgründe oder durch Höhlen. Große Strecken der römischen Aquädukte verliefen also am Erdboden oder unterirdisch. Die eindrucksvollen Brückenbauwerke wurden errichtet, weil man bei großen Entfernungen Druckleitungen vermied. Die Verteilung innerhalb der Städte erfolgte jedoch schon im antiken Römerreich wie bei heutigen Wasserversorgungsnetzen über Druckleitungen. mini|Teilstück der Aqua Claudia Die erste Wasserleitung, die Aqua Appia, erbaut 312 v. Chr. durch Appius Claudius Caecus, begann an der Via Praenestina, wurde fast vier Wegstunden lang unterirdisch geführt, trat bei der Porta Capena in die Stadt und endete im Campus Martius.
Im weiteren Verlauf der Republik und in der Kaiserzeit wurden weitere Wasserleitungen errichtet, so dass Rom schließlich aus insgesamt elf Aquädukten versorgt wurde, deren Gesamtlänge mehr als 400 Kilometer betrug, davon 64 Kilometer Bogenaquädukte und 2,5 Kilometer Tunnel. Mit den Aquädukten wurde selbst aus viele Kilometer entfernten Quellen Wasser in die Millionenstadt geführt – die Quelle in Subiaco war ungefähr 100 Kilometer entfernt –, und zwar in einer solchen Menge, dass man sich auch die riesigen Badehäuser, die Thermen, leisten konnte. Nie zuvor hatte eine Stadt über derartige Wassermassen verfügt. Schon die zur Zeit des Sextus Iulius Frontinus vorhandenen neun Wasserleitungen versorgten die Stadt mit täglich 992.200 Kubikmetern Wasser. Bei einer anzunehmenden Bevölkerung von einer Million Einwohnern entsprach das ziemlich genau 1000 Liter pro Einwohner. 1968 waren es nur 475.Zahlen nach F. Coarelli: Rom. Ein archäologischer Führer. Zabern, Mainz 2000, S. 41.
Die frühesten römischen Aquädukte verliefen noch in unterirdischen Schächten aus Tuffblöcken. Der Bau der ersten erhöhten Wasserleitung wurde 144 v. Chr. begonnen. Die Wasserleitungen konnten in den Aquädukten in mehreren Etagen übereinander erfolgen. Eine Besonderheit bildet die Stadt Perge an der kleinasiatischen Südküste. Dort verlief eine Wasserleitung in einem Kanal auf erhöhter Ebene auf einem Mittelstreifen der Straße.
Die Aquädukte mündeten am höchsten Punkt der Stadt in einen Verteiler (castellum), der einem heutigen Wasserturm vergleichbar ist. Von dort gingen drei Hauptäste ab, der erste für die öffentlichen Trinkwasserbrunnen, der zweite für die Versorgung der öffentlichen Bäder, der dritte für Privathäuser.Vitruv, De architectura 8,6,2. Von diesen lag der erste am niedrigsten, so dass er bei Knappheit vorrangig Wasser erhielt. Trevi-Brunnen (Aqua Virgo), von Marcus Agrippa 22 v. Chr. angelegt, von Papst Pius IV. wiederhergestellt; Aqua Felice oder di Termini (Aqua Claudia), von Caligula angefangen, von Claudius 50 n. Chr. beendigt, von Papst Sixtus V. wiederhergestellt, und Algentina, welche die herrlichen Wasserfälle in der Villa Aldobrandini bildet. 1882 ist die Wasserleitung des Bitilenus bei Alatri aufgedeckt worden.
Die Kanäle der römischen Wasserleitungen waren nach Frontinus, der die genaueste Schilderung dieser hinterlassen hat (De aquis urbis Romae), durchweg gemauert, sowohl unter als über der Erde, und hier auf Unterbauten oder Bogengängen in Hausteinen oder Ziegeln ausgeführt und nach oben überall entweder mit Gewölben oder Steinbalken überdeckt. Die inneren Wände und Sohlen der Kanäle erhielten anstelle eines Sandputzes einen wasserdichten, aus Kalk und zerschlagenen Ziegelstückchen gemischten Bewurf, der auch in den durch festes Felsengebirge getriebenen Stollen nicht fehlte.
mini|Ruine des Aquädukts von Aspendos, Türkei mini|Die Eifelwasserleitung versorgte das römische Köln
Aquädukte in Italien und den römischen Provinzen Alle Aquädukte in den römischen Provinzen stammen aus der Frühen und Hohen Kaiserzeit (d. h. vom 1. bis zum 3. Jahrhundert); von ihnen sind in Deutschland nur noch Reste vorhanden – so die „Römersteine“ in Zahlbach bei Mainz, die auch „Römerkanal“ genannte Eifelwasserleitung mit mehreren Aquädukten nach Köln und die Wasserleitung zur Colonia Ulpia Traiana bei Xanten. Andere sind (in Teilen) besser erhalten – zum Beispiel der Pont du Gard bei Nîmes oder der Aquädukt von Ansignan. Auch die spanischen Aquädukte in Segovia sowie bei Tarragona und Mérida sind erwähnenswert; ebenso die kleinasiatischen Bauten von Pergamon und Phaselis in der heutigen Türkei. Der sogenannte „Aquädukt“ von Aspendos (Kleinasien) sowie nahezu alle Aquädukte von Lyon verfügten in Teilen auch über Druckleitungen (Düker) mit Bleirohren.
Der 50 Kilometer lange Aquädukt von Nikopolis versorgte die antike Großstadt Nikopolis in Epirus mit Wasser. Der philhellenische Kaiser Hadrian ließ im Jahr 125 auf dem Peloponnes den Hadrianischen Aquädukt vom Stymphalischen See bis Akrokorinth bauen. Es war bis um 1800 in Betrieb; die ersten fünf Kilometer werden seit einer Restauration um 1885 erneut genutzt.
Aquädukte im Oströmischen Reich Bald nach den Gotenkriegen ließ der oströmische Kaiser Justinian die inzwischen verfallenen Wasserleitungen aus konstantinischer Zeit erneuern. Die städtische Wasserversorgung von Konstantinopel erfolgte jedoch hauptsächlich über große Zisternenanlagen (zum Beispiel die Yerebatan-Zisterne).
Mittelalterliche Aquädukte