mini|Stadtkirche in Haiger mini|hochkant|Im Kern romanischer Westturm Die Evangelische Stadtkirche in Haiger im Lahn-Dill-Kreis (Mittelhessen) ist eine spätgotische Hallenkirche. Der Unterbau des Westturms geht in seinen ältesten Teilen auf das 11. Jahrhundert zurück, der Fünfachtelschluss mit seinen bedeutenden spätgotischen Wandmalereien auf die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts und die dreischiffige, dreijochige Halle auf den Anfang des 16. Jahrhunderts. Die denkmalgeschützte Kirche ist das Wahrzeichen von Haiger und aufgrund ihrer geschichtlichen, künstlerischen und städtebaulichen Bedeutung hessisches Kulturdenkmal.
Geschichte Der Kirchberg war vermutlich schon in vorchristlicher Zeit besiedelt. Die Ersterwähnung einer Kirche fällt ins Jahr 914, als der ostfränkische König Konrad I. eine Taufkirche (baptismalem ecclesiam), den Hof Heiger mit dem Zehnten und die Marktrechte dem Walpurgisstift Weilburg schenkte.Schenkungsurkunde von 914. Abgerufen am 4. Mai 2021. Durch diese Verbindung kam sie 993 für einige Zeit an das Hochstift Worms. Eine neue oder erweiterte Kirche unterstand 1048 dem Patrozinium von Jesus Christus, des heiligen Kreuzes der Mutter Maria und aller Heiligen.Folkhard Cremer, Tobias Wolf, u. a.: Georg Dehio. Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Hessen I: Regierungsbezirke Gießen und Kassel. Deutscher Kunstverlag, Berlin / München 2008, S. 368. Erzbischof Eberhard von Trier bestätigte in einer Urkunde die Grenzen der Kirche und des Haigergaus. Haiger war Mutterkirche und Sitz eines gleichnamigen Dekanats, das die Pfarreien des gesamten Amtes Dillenburg umfasste.Sebastian Schmidt: Glaube – Herrschaft – Disziplin. Konfessionalisierung und Alltagskultur in den Ämtern Siegen und Dillenburg (1538–1683). Ferdinand Schöningh, Paderborn 2005, ISBN 978-3-506-71782-5, S. 24, . Das alte Kirchspiel Haiger bildete ein Archidiakonat (Landkapitel), zu dem die späteren Kirchspiele Bergebersbach, Burbach, Daaden, Dresselndorf, Frohnhausen, Haiger, Kirburg, Liebenscheid, Neunkirchen sowie ein Teil von Gebhardshain und wohl auch das alte Kirchspiel Herborn gehörten. Die Zugehörigkeit weiterer Orte ist umstritten, da ein vollständiges Pfarreienverzeichnis des Archidiakonats fehlt.Konstantin Schulteis: Erläuterungen zum geschichtlichen Atlas der Rheinprovinz. Fünfter Band: Die beiden Karten der kirchlichen Organisation, 1450 und 1610. Zweite Hälfte: Die Trierer und Mainzer Kirchenprovinz. Die Entwicklung der kirchlichen Verbände seit der Reformationszeit. Europäischer Geschichtsverein, Paderborn 2015 (Nachdruck von 1913), S. 237–238, . Nachdem die genannten Pfarreien selbstständig geworden waren, verblieben beim Kirchspiel Haiger die Orte Allendorf, Dillbrecht, Fellerdilln, Flammersbach, Haigerhütte, Haiger-Seelbach, Langenaubach, Manderbach, Niederroßbach und zum Teil Oberroßbach, Rodenbach, Sechshelden, Steinbach und Wilgersdorf.Konstantin Schulteis: Erläuterungen zum geschichtlichen Atlas der Rheinprovinz. Fünfter Band: Die beiden Karten der kirchlichen Organisation, 1450 und 1610. Zweite Hälfte: Die Trierer und Mainzer Kirchenprovinz. Die Entwicklung der kirchlichen Verbände seit der Reformationszeit. Europäischer Geschichtsverein, Paderborn 2015 (Nachdruck von 1913), S. 244, . Das Dekant Haiger gehörte im ausgehenden Mittelalter zum Archidiakonat St. Lubentius Dietkirchen im Bistum Trier.Gerhard Kleinfeldt, Hans Weirich: Die mittelalterliche Kirchenorganisation im oberhessisch-nassauischen Raum (= Schriften des Instituts für geschichtliche Landeskunde von Hessen und Nassau 16). Elwert, Marburg 1937, ND 1984, S. 168. Das Dekanat Haiger war das nördlichste Dekanat im Bistum und grenzte südlich an die Dekanate Dietkirchen und Wetzlar an.
mini|hochkant|Bruweiler-Glocke von 1449 Johann von Br(a)uweiler goss 1449 eine spätgotische Glocke, die erhalten ist. Um 1460 erhielt ein romanisches oder frühgotisches Schiff mit Querhaus eine hölzerne Balkendecke, die aber wenige Jahre später verbrannte. Zwischen 1460 und 1494 erfolgte der Anbau des Chors. Die Ausmalung aus den Jahren 1485 bis 1490 wurde von den letzten Rittern, Hermann von Haiger und seinem Sohn Jost von Haiger, finanziert. Im Nordosten wurde eine Marienkapelle als Grablege derer von Haiger angelegt, die später als Sakristei diente. Das Hallenlanghaus mit seinen Seitenschiffen wurde zu Beginn des 16. Jahrhunderts, also noch in vorreformatorischer Zeit, fertiggestellt. Steinerne Gewölbe ersetzten die flache Holzbalkendecke.
Unter Wilhelm Graf von Nassau-Dillenburg wurde die Reformation in der Grafschaft Nassau-Dillenburg in den 1530er Jahren in mehreren Stufen eingeführt. Die Einführung der nürnberg-brandenburgischen Kirchenordnung 1533/1534 war ein öffentliches Bekenntnis zum Protestantismus. Sie erschien 1537 in überarbeiteter Form einer Agende unter dem Titel „Instruction für die ainfaltigen pfarherren und kirchendiene“.Sebastian Schmidt: Glaube – Herrschaft – Disziplin. Konfessionalisierung und Alltagskultur in den Ämtern Siegen und Dillenburg (1538–1683). Ferdinand Schöningh, Paderborn 2005, ISBN 978-3-506-71782-5, S. 32–36, . Mit der Reformation änderte sich auch die kirchliche Organisationsform. Mit 15 anderen Pfarreien bildete Haiger die Synode Dillenburg.
Um 1578 wechselte die Gemeinde zum reformierten Bekenntnis. Aufgrund des Bilderverbots der Reformierten wurden die Fresken um 1585 übertüncht. Dies trug unbeabsichtigt zu ihrer Konservierung bei, so während des Stadtbrandes 1723, der auch die Kirche erfasste.Aus der Geschichte der Stadt Haiger. Abgerufen am 4. Mai 2021. Im Jahr 1608 wurden im Langhaus Emporen eingebaut, die in den 1870er Jahren ersetzt wurden.
Nachdem 1902 die Übertünchung stellenweise abgebröckelt und an einigen Stellen Malereien zutage getreten waren, wurden diese 1905 im Chor durch den Kölner Kirchenmaler Wilhelm Batzem freigelegt.Folkhard Cremer, Tobias Wolf, u. a.: Georg Dehio. Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Hessen I: Regierungsbezirke Gießen und Kassel. Deutscher Kunstverlag, Berlin / München 2008, S. 369. Die Reste von Malereien im Schiff waren hingegen unzusammenhängend und wurden wieder übertüncht.Ferdinand Luthmer (Bearb.): Die Bau- und Kunstdenkmäler der Kreise Biedenkopf, Dill, Oberwesterwald und Westerburg. Heinrich Keller, Frankfurt am Main 1910, S. 64 (online) Zeitgleich erfolgte 1904/1905 die Renovierung des Turms. 1954 wurden die Chorfresken restauriert und die Malereien am Chorbogen durch Kirchenmaler Hermann Velte freigelegt.Karl Löber: Das Bildwerk der evangelischen Stadtkirche zu Haiger. Evang. Kirchengemeinde, Haiger 1954, S. 13. Nach Entfernung der Emporen im nördlichen Querarm erfolgte 1975/1976 die Freilegung der Wandmalerei mit dem hl. Christophorus. Von 1973 bis 1977 wurde eine weitere Turmrenovierung durchgeführt.
Verschiedene Untersuchungen ab dem Jahr 2002 ergaben einen Sanierungsbedarf von € 500.000, der die Erneuerung des Putzes, schadhafter Balken im Dachwerk, der Verschieferung des nördlichen Daches, des steinernen Turmaufgangs, der Heizung und der Elektronik sowie einen neuen Anstrich umfasste. In mehreren Bauabschnitten wurden der Turm, das Schiff und der Chor bis 2006 saniert.Evangelisches Dekanat an der Dill: Das Wahrzeichen der Stadt Haiger. Abgerufen am 6. Mai 2021.
Die evangelische Kirchengemeinde Haiger wird von zwei Pfarrstellen betreut. Sie umfasst die Kernstadt und die Ortsteile Rodenbach und Steinbach und gehört zum Evangelischen Dekanat an der Dill in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.Präsenz auf Evangelisches Dekanat an der Dill. Abgerufen am 4. Mai 2021.
Architektur mini|hochkant|links|Romanisches Turmportal mini|Grundriss der Stadtkirche mini|Ansicht von Südosten mini|Innenraum Richtung Chor Die verputzte Hallenkirche mit Westturm und Fünfachtelschluss ist nicht exakt geostet, sondern nach Ost-Nordost ausgerichtet. Sie ist repräsentativ auf einer befestigten Anhöhe im alten Ortszentrum errichtet. Sie erhielt 2005 einen beige-weißen Anstrich. Das Maßwerk der Fenster und die Portalgewände von Langhaus und Chor heben sich in Rot ab.
Ältester Baukörper ist der massiv aufgemauerte, ungegliederte, kräftige Westturm auf quadratischem Grundriss, der im unteren Teil auf das Jahr 1048 zurückgeht und im 15. und 18. Jahrhundert erneuert wurde. Der Turm, der im Westen durch einen geböschten Strebepfeiler gestützt wird, ist gegenüber dem Kirchenschiff eingezogen. Der Turmschaft, der den Dachfirst des Schiffs überragt, ist im unteren Teil aus blockförmigen Basalt-Tuffsteinen in rot-schwarzem Wechsel aufgeführt. Der Mörtel enthält roten Ton, was auf eine Bauweise vor dem 12. Jahrhundert hinweist. An der Südseite sind vier rundbogige Öffnungen und drei kleine Schlitzfenster eingelassen, an der Westseite zwei rundbogige Öffnungen und an der Nordseite vier rundbogige Öffnungen und ein Schlitzfenster. Zahlreiche Kreuzanker sichern das Mauerwerk. Zugänglich ist der Turm durch ein Rundbogenportal an der Südseite. Dem Turmschaft ist ein hölzerner Aufbau aufgesetzt, der vollständig verschiefert ist. Das quaderförmige Glockengeschoss mit kleinen Schallöffnungen für das Geläut hat einen Umgang. Im Inneren beherbergt es ein Fünfergeläut. Neben der Bruwiler-Glocke von 1449 hängt eine Glocke von 1854. Die anderen historischen Glocken wurden in den Weltkriegen eingeschmolzen. Die Firma Rincker goss 1948 eine und nach 1955 zwei weitere Glocken als Ersatz. Aus dem flachen Zeltdach entwickelt sich eine achtseitige Haube, der eine Laterne aufgesetzt ist, an deren Seiten die vier Zifferblätter der Turmuhr angebracht sind. Der gedrungene, oktogonale Spitzhelm wird von einem Turmknauf, einer kreuzförmigen Windrose und einem Windrichtungsanzeiger bekrönt.
Das Hallenlanghaus auf annähernd quadratischem Grundriss hat drei Schiffe mit je drei Jochen, die auf vier Mittelsäulen ruhen, und tendiert dadurch zu einem Zentralbau. Allerdings sind die östlichen beiden Jochen der Seitenschiffe anders ausgebildet. An ein schmales rechteckiges Joch kragen nach Norden und Süden Dreiachtelschlüsse aus, sodass der Eindruck einer Hallenkirche mit kreuzförmigem Grundriss entsteht.Ferdinand Luthmer (Bearb.): Die Bau- und Kunstdenkmäler der Kreise Biedenkopf, Dill, Oberwesterwald und Westerburg. Heinrich Keller, Frankfurt am Main 1910, S. 62 (online) Durch die Querhausarme, die wohl an den Vorgängerbau erinnern, entsteht eine Dreikonchenanlage. Im Inneren liegen die östlichen Joche der Seitenschiffe etwa 1,50 Meter tiefer als die übrigen Joche. Das Mittelschiff ist gegenüber den Seitenschiffen breiter und leicht überhöht.
Die quadratisch angeordneten Mittelsäulen mit vierpassförmigem Querschnitt auf zylindrischen Sockeln enden in Platten. Die Jochen haben überwiegend Kreuzrippengewölbe, deren Rippen Hohlkehlen aufweisen und im Mittelschiff auf Wappen- oder Kopfkonsolen ruhen. Die Fenster haben schräge Laibungen und sind unterschiedlich in Form, Größe und Position, aber überwiegend spitzbogig mit zweibahnigem Maßwerk mit Nonnenköpfen, Fischblasen und Drei- und Vierpassen im Bogenfeld. Im Norden und Süden belichten im oberen Bereich je zwei Spitzbogenfenster und ein tiefer sitzendes Rundbogenfenster die Seitenschiffe. Die je drei Fenster der Seitenschiff-Vorbauten sind in flachen Blenden eingelassen, deren Lisenen und Rundbogenfriese romanische Formen aufnehmen. An der Südseite sind zwei weitere Blenden fensterlos. Das Schiff wird im Süden und Norden durch Rundbogenportale mit Hohlkehle erschlossen. Ein flacher Strebepfeiler an der Südwand endet in halber Höhe, ein weiterer Strebepfeiler stützt die Nordwestecke des Schiffs. Das einheitliche Dachwerk geht auf die Zeit nach 1723 zurück und ersetzt die ursprünglichen Querdächer über den einzelnen Jochen.