Radikalisierung beschreibt den Prozess, in dem ein Individuum oder eine Gruppe radikale oder extreme politische, soziale oder religiöse Einstellungen und Überzeugungen entwickelt oder übernimmt und sich gegebenenfalls eine dementsprechende Ideologie zu Eigen macht. Es handelt sich dabei nicht um eine einmalige, isolierte Entscheidung, sondern eine graduelle Entwicklung, die schrittweise und kumulativ zu Veränderungen des politischen, sozialen oder religiösen Denkens, des Handelns gegenüber Mitmenschen und gesellschaftlichen Institutionen, des sozialen Umfelds, der Lebensplanung sowie der Persönlichkeitsstruktur führen und im Ergebnis in Extremismus, Gesellschaftsfeindschaft und Befürwortung von oder sogar Beteiligung an verfassungsfeindlichen, revolutionären, kriegerischen oder terroristischen Akten münden kann. Die vertretenen Meinungen weichen laut Sanne B. Geeraerts in der Folge immer weiter von den vorherrschenden ab, während es dem im Prozess der Radikalisierung befindlichen Individuum immer schwerer falle, gegensätzliche Meinungen zu akzeptieren. Dieser Prozess sei nicht eindimensional, sondern von verschiedenen Faktoren abhängig.

Konfrontative Taktiken Im Zuge der Rekonzeptualisierung von Radikalisierung als ein individueller oder kollektiver (Gruppen-)Prozess, durch den, meistens in einer Situation politischer Radikalisierung, normale Methoden des Dialoges, Kompromisses und der Toleranz zwischen politischen Akteuren und Gruppen mit unterschiedlichen Interessen aufgegeben werden, kann es, von einer oder von beiden Seiten in einer Konflikt-Dyade zu Gunsten einer wachsenden Einsatzbereitschaft, dazu kommen, dass konfrontative Taktiken beim Austragen des Konfliktes betrieben werden.

Diese können Verwendung von (gewaltfreiem) Druck und Nötigung, verschiedene Formen politischer Gewalt (nicht Terrorismus) oder Handlung von gewalttätigem Extremismus in Form von Terrorismus oder Kriegsverbrechen einschließen.

Der Prozess ist auf Seiten des rebellischen Lagers allgemein begleitet von ideologischer Sozialisierung weg vom Status quo und den am Mainstream orientierten Positionen hin zu radikaleren oder extremistischeren Positionen, die eine dichotome Weltsicht beinhalten und die Akzeptanz eines alternativen fokalen Ortes politischer Mobilisierung abseits der dominanten politischen Ordnung, da das existierende System nicht mehr als angemessen/legitim angesehen wird.

Mechanismen

Der Prozess der Radikalisierung läuft nicht immer gleich ab. Menschen aus unterschiedlichen sozioökonomischen und persönlichen Verhältnissen radikalisieren sich auf je verschiedene Weise. Eine allgemeingültige oder einheitliche wissenschaftliche Erklärung für das Phänomen der Radikalisierung gibt es nicht. In der Forschung werden verschiedene Ansätze unterschiedlicher Fachbereiche verfolgt, die alle kein vollständiges oder umfassendes Erklärungsmodell anbieten, sondern sich gegenseitig ergänzen. Vor allem Theorien der Gruppendynamik aus der Sozialpsychologie kommen oft zur Anwendung.

Individuell Es existieren verschiedene psychologische Modelle, die die Ursachen und Mechanismen der Radikalisierung auf individueller Ebene zu erklären versuchen. Die meisten Theorien gehen davon aus, dass in Folge eines einschneidenden persönlichen Erlebnisses ein Ressentiment entsteht, das die weitere Radikalisierung vorantreibt. In der Forschung werden Radikalisierungsprozesse bei Heranwachsenden damit in Zusammenhang gestellt, dass sie versuchen, eine hinreichend stabile eigene Identität und entsprechende Sinnstiftungen zu entwickeln, wobei auch familiäre Problemkonstellationen oder Diskriminierungserfahrungen berücksichtigt werden. Abschnitt „Religiös kontextualisierter Extremismus im Namen des Islam“, Unterabschnitt „Forschungsstand Individuelle Dispositionen“, S. 76.

Bei Radikalisierungsprozessen sind ideologie- und gruppenübergreifende Gemeinsamkeiten aufgezeigt worden und Parallelen zwischen islamistischen und rechtsextremen Jugendgruppen gezogen worden, etwa „Gefühle der Entrüstung über lokale Situationen, Frust sowie das Rebellieren gegen die Gesellschaft vor allem bei Jugendlichen, welche sich in ausdifferenzierten Gesellschaften mit ihrer noch unsicheren sozialen Identität auseinandersetzen müssen und dabei anfällig scheinen für symbolische und reale Gruppenbedrohungen“.

Entstehung des „Terroristen Mindset“ nach Borum Der Psychologe Randy Borum leitete aus Fallbeobachtungen im Jahr 2003 ein vierstufiges Entwicklungsmodell für die Entstehung gewaltbereiter Überzeugung bei Individuen ab. mini|Radikalisierung nach Borum in 4 Stufen|300x300pxBorum beschreibt die 4 Phasen wie folgt:

Kontext: soziale und ökonomische Deprivation Vergleich: aus der beobachteten Ungleichheit, die als Ungerechtigkeit wahrgenommen wird, entsteht eine Unzufriedenheit. Attribution (Zuweisung): Zuschreibung der Schuld für die Ungleichheit an eine Gruppe. Reaktion: Entmenschlichung und Stereotypenbildung im Bezug auf die „Schuldigen“

Es handelte sich dabei ursprünglich um eine praxisnahe Heuristik aus der Polizeiausbildung und keine empirisch fundierte Theorie.

Treppenstufen zum Terrorismus nach Moghaddam Als „staircase to terrorism“, Treppenstufen zum Terrorismus, bezeichnet Fathali M Moghaddam sein sechsstufiges Erklärungsmodell. Während es, wie Borums Model, von Eskalationsstufen ausgeht, berücksichtigt Moghaddam, dass immer weniger Menschen die höheren Stufen des „enger werden Treppenhauses der Radikalisierung“ erreichen.

Jihadisierungsmodell der Polizei New York Viel Verbreitung hat das von der Polizei in New York in Zusammenarbeit mit Experten entwickelte Model der Jihadisieurng erfahren. Das erklären soll warum Bürger eines westlichen Landes sich dem Salafismus zuwenden. Es beschreibt einen linearen Prozess aus den Phasen Selbst-Identifikation, Indoktrinierung und abschließend Jihadisierung.

In bestimmten Fällen führen politische Ereignisse oder Entwicklungen dazu, dass Individuen sich radikalisieren. Häufig assoziieren sich diese Individuen mit größeren intellektuellen Bewegungen. Bekanntes Beispiel hierfür ist Ted Kaczynski – auch als Unabomber bekannt.

Typischerweise verläuft der Beitritt zu einer radikalen Gruppe langsam und graduell. Der Mechanismus durch den ein Individuum sich schrittweise selbst überzeugt ist in der Sozialpsychologie gut untersucht. Die Theorie der kognitiven Dissonanz erklärt diesen Umstand mit der Bestrebung, Unterschiede im eigenen Verhalten und den eigenen Überzeugungen zu minimieren. Das wohl bekannteste Verhaltensexperiment dazu stellt das Milgram-Experiment dar.

Individuen werden durch persönliche Bekanntschaften von einer terroristischen Gruppe rekrutiert. Dieser Mechanismus wird vor allem von Forschern der Social Movement Theory untersucht.

Gruppen Eine große Rolle bei der Radikalisierung spielen die Interaktion innerhalb einer Gruppe und die Auswirkungen von Gruppenprozessen auf das Individuum. Hier können unter anderem schon bestehende Konzepte aus der sozialpsychologischen Forschung zur Gruppendynamik angewendet werden.

In Gruppen kommt es insgesamt zu einer erhöhten Übereinstimmung und gleichzeitig zu einer Verschiebung der durchschnittlichen Meinung hin zu Extremen. Dieses Phänomen bezeichnet die Sozialpsychologie als Gruppenpolarisierung.

In Isolation und unter Bedrohung entwickeln Gruppen eine starke Interdependenz. Diese führt zu einem extremen Zusammenhalt innerhalb der Gruppe, welcher seinerseits einen hohen Druck für gruppenkonformes Verhalten sowie eine internalisierte Übereinstimmung von Werten nach sich zieht.

Gruppen, die sich im Wettbewerb um dieselben Sympathisanten befinden, können ihren Status durch radikalere Handlungen für die Sache vergrößern. Dies kann so weit gehen, dass Gruppen, die ähnliche Ziele verfolgen, aktiv bekämpft werden. Ein extremes Beispiel hierfür sind die LTTE.

Durch die Interaktion von Gruppen und der Staatsgewalt kann es zu einer gegenseitigen Eskalation kommen. Einerseits kann der übermäßige Einsatz von Gewalt von Seiten des Staates gegen die Gruppe dazu führen, dass sich die Sympathie für die Gruppe erhöht und somit neue Leute der Gruppe beitreten. Gleichzeitig bleiben nur diejenigen Gruppenmitglieder zurück, deren Überzeugung für die Sache stark genug ist, um dem Konflikt mit dem Staat standzuhalten.

Der Konkurrenzkampf innerhalb der Gruppe um Status wie ihn die Theorie des sozialen Vergleichs beschreibt, kann starke Konflikte hervorrufen. In der Folge kann es zu einer Aufspaltung der terroristischen Gruppen kommen. Beispiel hierfür ist die IRA, die sich auf viele konkurrierende Gruppen verteilt.

Gruppen, die sich über längere Zeiträume im Konflikt miteinander befinden, werden extremer in ihrer negativen Auffassung voneinander, besonders wenn der Konflikt gewaltsam verläuft. Diese Tendenz kann so extrem werden, dass der Feind nicht länger als Mensch behandelt wird, es kommt zu einer Entmenschlichung.

Gesellschaftlich

Auch gesamtgesellschaftliche Phänomene wie etwa die Globalisierung können eine wichtige Rolle im Radikalisierungsprozess einnehmen. Durch das Wegfallen von Traditionen und Normen kommt es zu Verunsicherung und Problemen bei der Identitätssuche.

Risikofaktoren und Ursachen Es lassen sich eine Reihe von Risikofaktoren für die Radikalisierung eines Individuums ausmachen. Ein Vorhandensein dieser Prädiktoren hat jedoch nicht notwendigerweise die Radikalisierung eines Individuums zur Folge. Es handelt sich vielmehr um den Versuch, gewisse Risiken erkenntlich zu machen und so einen möglichen Ansatz zur Prävention zu bieten.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit schlägt John Horgan die folgende Risikofaktoren vor:

Emotionale Verletzlichkeit, wie beispielsweise Wut oder das Gefühl der Nichtzugehörigkeit.

Unzufriedenheit mit der aktuellen Beschäftigung, in politischem oder sozialen Sinne; das Gefühl, dass die politischen Gegebenheiten keine Ergebnisse erzielen. Terrorismus wird dann als dringend notwendig angesehen, um sich zu verteidigen.

Identifikation mit Opfern, um Anschläge gegen den Gegner zu rechtfertigen.

Der Glaube, dass es nicht unmoralisch ist, gewalttätig gegen den Staat vorzugehen.

Der Glaube, im Tod mehr zu erreichen, als man es im Leben jemals könnte und durch die Taten den Respekt und die Autorität innerhalb der Gruppe zu steigern.

Verwandtschaft oder sozialer Kontakt mit Menschen, die die gleichen Probleme erleiden oder bereits in einer radikalen Organisation involviert sind.

Der niederländische Terrorismusforscher Alex P. Schmid führt eine Unterteilung von Ursachen der Radikalisierung in drei Ebenen an:

Mikro-Ebene (individuelle Ebene): Umfasst z. B. Identitätsprobleme, gescheiterte Integration, Gefühl der Alienation, Marginalisierung, Diskriminierung, Entbehrung, Erniedrigung, Stigmatisierung und Zurückweisung, oft kombiniert mit moralischer Entrüstung und Rachegefühlen Meso-Ebene (das „breitere radikale Milieu“): Die unterstützende oder sogar beteiligte soziale Umgebung, welche als Vereinigungspunkt dient und die „fehlende Verbindung“ zu der breiteren Anhängerschaft oder Referenzgruppe der Terroristen ist, die unzufrieden ist und Ungerechtigkeiten erleidet. Dies kann wiederum zu Radikalisierung von Teilen der jungen Kohorte und zu der Bildung von terroristischen Organisationen führen. Makro-Ebene (Rolle der Regierung und der Gesellschaft in der Heimat und im Ausland): die Radikalisierung öffentlicher Meinung und Parteipolitik, angespannte Mehrheiten-Minderheiten Beziehungen, besonders bezogen auf Diaspora und die Rolle fehlender sozio-ökonomischer Möglichkeiten für ganze Teile der Gesellschaft, was dann zu Mobilisierung und Radikalisierung der Unzufriedenen führt, was teilweise die Form von Terrorismus annehmen kann.

Islamistische Radikalisierung