Adiri (), frühere Transkription auch Adri, Edri, Ederi, ist eine Oase in der Sahara und Hauptstadt der dünn besiedelten libyschen Provinz Wadi asch-Schati’.Libya Administrative Units GeoHive, abgerufen am 4. Juni 2021.
Name Seinen Namen soll Adiri von den Byzantinern bekommen haben, deren Amtssprache Griechisch war. Sie nannten die Oase Hydri (griech. Wasser).Dugald Campbell: Camels through Libya. A Desert Adventure from the Fringes of the Sahara to the Oases of Upper Egypt. Seeley Service & Company, 1935, S. 119. Während der islamischen Expansion wurde Hydri in arabische Schrift () transkribiert, was dann später europäische Reisende und Afrikaforscher phonetisch in die lateinische Lautschrift ihres jeweiligen Heimatlandes übertrugen. So wurde aus Hydri (arabisch ausgesprochen) beispielsweise in Englisch je nach Verfasser Adiri, Adri, Edri, Idri, im Deutschen Adiri, Edri, Ederi, oder in Französisch Oasis d’Éderi, Adri, Edri. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts setzte sich auf Karten und in der Sachliteratur der meisten westlichen Länder die Schreibweise Adiri primär durch.Idri variant names King’s Digital Laboratory, abgerufen am 4. Mai 2021.Vgl. auch Wikipedia in anderen Sprachen, wobei Schweden an erster Stelle die Schreibweise Idrī gefolgt von Ederi, Adrī, Edri, Adīrī aufführt.
Geografie Adiri ist eine von Tuareg bewohnte relativ große Oase in der Sahara und gehört zur historischen Region Fessan.Klaus Braun, Jacqueline Passon: Across the Sahara. Springer Nature, 2018. Springer Nature, abgerufen am 5. Mai 2021. Die Stadt liegt 338 Meter über dem Meeresspiegel.Idri, Libya Global Gazetteer by Falling Rain, abgerufen am 3. Mai 2021. Sie befindet sich zentral in Libyen etwa 600 km südlich der Hauptstadt Tripolis im abgelegenen Süden der Provinz Wadi asch-Schati’ an der Grenze zum Wadi al-Haya. Adiri liegt nahezu isoliert in einer großen Talsenke und ist auf allen Seiten von Sanddünen umgeben, die im Norden von den Hügeln und Tälern des Jabal al-Hasawna begrenzt werden. Sabha, das politische und wirtschaftliche Zentrum des Fessan, befindet sich 208 km südöstlich. Der nächstgelegene Flughafen ist in Brak, rund 130 km östlich von Adiri entfernt. Das Gebiet außerhalb der Oase ist Wüste mit keiner oder geringer Vegetation. NASA Earth Observations, abgerufen am 3. Mai 2021.
Die Straße von Brak nach Adiri ist asphaltiert. Es ist die einzige, die in die Oase führt. Auf ihr befindet sich zwischen den kleinen Ortschaften Wanzarik und Tmisan rund 28 km vor Adiri ein Rastplatz, der ebenfalls den Namen Adiri trägt. Auf Karten ist diese Station jedoch nicht mit der Stadt Adiri zu verwechseln. Neben einer Tankstelle und einem Verkehrssicherheitskontrollposten stehen an dem Rastplatz ein paar Hütten, wo Händler aus Adiri frische Waren anbieten. Von Tmisan führt die asphaltierte Straße in einem großen Bogen über Al-Mansura weiter nach Adiri. Hinter Tmisan gibt es eine Abkürzung über eine Wüstenpiste, welche Al-Mansura umgeht und die Fahrzeit zwischen Tmisan und Adiri etwas verkürzt. Beide Routen enden in Adiri.Wegbeschreibung Adiri Google Maps, abgerufen am 3. Mai 2021.
Klima Adiris Wüstenklima ist gekennzeichnet durch hohe Temperaturen im Sommer und geringe Niederschlagsmengen im Winter. Im Frühling ist die Oase dem mit Sandstaub beladenen heißen und trockenen Wüstenwind Gibli ausgesetzt. Die jährliche Durchschnittstemperatur in der Region beträgt 25 °C. Der wärmste Monat ist der August mit einer Durchschnittstemperatur von 36 °C, der kälteste Januar mit 12 °C. Der durchschnittliche jährliche Niederschlag beträgt 45 Millimeter. Der feuchteste Monat ist der Dezember mit durchschnittlich 9 mm Niederschlag und der trockenste ist Juli mit 1 mm Niederschlag.
Wirtschaft Adiri verdankt seine wirtschaftliche Bedeutung der Verfügbarkeit von unterirdischem Wasser sowie der Fülle an Obstgärten und Dattelpalmen. Die Oase verfügt über 50 Quellen mit 20 Flachbrunnen, deren Tiefe 2,5 bis 3 Meter beträgt, und einige Tiefbrunnen. Im Mittelpunkt des Wirtschaftslebens der rund 4600 Einwohner (Stand 2018) steht die Landwirtschaft. Frische und getrocknete Datteln gehören neben Gerste, Getreide, Zuckerrohr und begrenzten Mengen Mais, die für den lokalen Verbrauch ausreichen, zu den wichtigsten Produkten der Stadt. Im Sommer und Winter wird Gemüse angebaut, beispielsweise Tomaten, Melonen, Paprika, Zwiebeln und Knoblauch. Weitere Tätigkeiten sind Aufzucht und Haltung von Kamelen, Ziegen und Schafen.
Darüber hinaus befinden sich in der Umgebung von Adiri terrestrisch-aride Salzlagerstätten. Wissenschaftler gehen davon aus, dass vor sieben Millionen Jahren der schrumpfende Ozean Tethys die Sahara austrocknete und dabei riesige Salzvorkommen hinterließ.Ein schrumpfendes Meer schuf die Sahara Konradin Medien (wissenschaft.de) vom 17. September 2014, abgerufen am 6. Juni 2021. Das Salz der Sahara zählte schon im Altertum zu den berühmtesten Gütern der Wüstenhändler. Öko-fair Verbraucher Initiative e.V., abgerufen am 6. Juni 2021. Die Salzlagerstätte Adiri besteht aus einer harten Kruste und umfasst eine Fläche von etwa 35 km². Aus den Solen kann ein ziemlich reines Tafelsalz mit etwa 96 Prozent NaCl gewonnen werden.Gus H. Goudarzi: Geology and Mineral Resources of Libya-A Reconnaissance. United Sates Government Printing Office, 1970, S. 85. US Government Service, abgerufen am 6. Juni 2021.
Geschichte mini|Oase Adiri, um 1850 (illustriert nach einer Skizze von Heinrich Barth)
Adiri war bereits in der Antike bekannt. Aufgrund ihrer geografischen Lage bildete die Oase ein wichtiges Zentrum auf den Karawanenrouten in Richtung Norden und Süden. Hier gab es viele Quellen, Wasser war im Überfluss vorhanden. In der Stadt befindet sich noch heute die Ruine einer Ksar, die der deutsche Afrikaforscher Heinrich Barth Mitte des 19. Jahrhunderts als Wüstenburg zum nächtlichen Schutz für Karawanen der Garamanten beschrieb.Heinrich Barth: Reisen und Entdeckungen. Justus Perthes, 1857, S. 151 f. Barth lieferte umfassende Informationen zur Geschichte der Region, beschrieb detailliert die soziale Struktur der Tuareg und vervollständigte seine Beschreibungen mit Skizzen und regionalen Karten.
Als lokale Macht beherrschten die Garamanten den frühen Transsaharahandel zwischen der Mittelmeerküste Libyens und dem Tschadsee. Die Durchquerung der extrem trockenen Landschaften war abhängig von den wenigen Wasserstellen. Im Fessan kontrollierten die Garamanten alle Wadis und Oasen, legten Burgen als militärische Außenposten an, bauten ausgeklügelte Bewässerungssysteme, bestellten kleine Felder und kultivierten Dattelpalmen. Die Oase Adiri war aufgrund ihrer Größe eine der wichtigsten Lebensadern im Fessan.
Barth verweilte mehrmals in Adiri. Er transkribierte den Ortsnamen in Ederi und beschrieb die Oase für sich und seine Mitreisenden als einen „malerischen Lagerplatz zwischen Dattelbäumen und Kornfeldern“. In der Umgebung entdeckte er Höhlen, römische Grabkammern und Gräber der Garamanten, die in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts das Christentum annahmen. Einheimische berichteten ihm, dass der Ksar um das Jahr 1840 von wilden Horden zerstört wurde. Die neue Stadt entstand am nördlichen Hügel der Burg. Sie war ebenfalls befestigt, verfügte über zwei Stadttore und ein- bis zweistöckige Häuser in engen Gassen.Josef Chavanne: Die Sahara – oder: Von Oase zu Oase. U. Hartleben, 1879, S. 60. Zu Barths Zeiten lebten in Adiri beständig „nicht mehr als 1000 Menschen“.Adriano Balbi: Allgemeine Erdbeschreibung. Band 1. A. Hartleben, 1893, S. 1096. Nur ein kleiner Teil der Bewohner verließ regelmäßig von Januar bis April die Oase und zog mit den Kamel- und Schafherden zum Weiden in die Hammada al-Hamra. In den anderen Monaten grasten die Tiere in Adiri.Universität Heidelberg (Hrsg.): Heidelberger Geographische Arbeiten. Ausgaben 25–26. Geographisches Institut der Universität Heidelberg, 1969, S. 164.
Transsaharahandel mini|Lage von Adiri in der Provinz Wadi asch-Schati’ (eng. Ash Shati)
Im 16. Jahrhundert geriet der Fessan unter die lockere Oberherrschaft der Osmanen und der Qaramanli. Ab 1835 war das gesamte heutige Territorium Libyens offiziell eine Provinz des Osmanischen Reiches, vorher kontrollierten verschiedene Eroberer nur die Küstengebiete Tripolitaniens und der Cyrenaika, nicht aber deren Hinterland und den Fessan.Dirk Vandewalle: A History of Modern Libya. Cambridge University Press, 2012, S. 13 f. Im 18. und 19. Jahrhundert erlebte Adiri eine wirtschaftliche Blütezeit. Dies war auf die von den Osmanen geschaffene Sicherheit und Stabilität in der Region zurückzuführen. In dieser Periode florierten Handelskarawanen erheblich, die teilweise aus 1000 und mehr Kamelen, Maultieren oder Eseln bestanden. Die Oase wurde aufgrund ihrer Lage und ausreichenden Ressourcen zu einer der wichtigsten Stationen im Transsaharahandel: Adiri versorgte die Karawanen mit Wasser, frischen und getrockneten Datteln sowie anderen notwendigen Lebensmitteln.
Die Stadt war über Jahrhunderte auch eine wichtige Transit-Station und ein Treffpunkt für Pilgerkarawanen aus dem Maghreb, die nordwärts, südwärts oder ostwärts in Richtung der heiligen Stätten zogen. Die Handels- und Pilgerrouten, die Adiri unumgänglich mit dem Mittelmeer und dem Süden verbanden, waren: die
von Ghadames kommende Route über Adiri nach Sabha und von dort meist über Ubari und Ghat weiter nach Westafrika Route Adiri über die Sanddünen des Erg Ubari nach Murzuk und al-Qatrun nach Zentralafrika von Adiri nördliche Wüstenroute in Richtung Daradsch bis Tripolis ab Adiri östlich verlaufende Route über al-Dschufra nach Sirte und Bengasi oder nördlich in Richtung Mizdah und dann Tripolis von Süden kommende Route über Adiri durch das Gebiet von al-Dschufra nach Audschila, al-Dschaghbub, Siwa und von dort über die Sinai-Halbinsel in Richtung Mekka
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts nahm die Anzahl der durch Adiri ziehenden Handelskarawanen ab. Der Rückgang war auf die Handels- und Machtinteressen der europäischen Großmächte zurückzuführen. Im Zuge des Wettlaufs um Afrika weiteten Frankreich und Großbritannien ab 1880 ihre kolonialistischen Bestrebungen auf die Länder südlich der Sahara aus. Dabei kam es nicht nur zu heftigen kriegerischen Auseinandersetzungen mit heimischen Stämmen, sondern auch zu militärischen Feindseligkeiten zwischen den beiden rivalisierenden Kolonialmächten, die ihren Höhepunkt 1898 in der Faschoda-Krise fanden. Um die Konfliktgebiete zu umgehen, wählten die Handelskarawanen zunächst andere Routen in Richtung Mittelmeer und Westafrika. Mit der kolonialen Unterwerfung Nordwestafrikas durch Frankreich richteten sich die Handels- und Wirtschaftsbeziehungen Innerafrikas jedoch endgültig nach den Küstengebieten am Atlantik aus.Jean Devisse: Trade and Trade Routes in West Africa. In: M. El-Fasi (Hrsg.): Africa from the Seventh to the Eleventh Century. (= UNESCO General History of Africa. 3). London/Berkeley, Cal. 1988, S. 367–434.