mini|hochkant=1.3|Mittlerer Ausschnitt des St. Galler Klosterplans mini|hochkant=1|St. Galler Klosterplan (Reichenau, frühes 9. Jahrhundert) mini|hochkant=1.4|Rekonstruktionszeichnung des Klosters nach dem Klosterplan von Johann Rudolf Rahn, 1876. Die Rekonstruktion ergänzt eine Klostermauer, die in der frühmittelalterlichen Zeichnung nicht vorhanden ist. mini|hochkant=1.1|Abbildung des Planes aus der Encyclopædia Britannica. Ganz oben links der Küchengarten. mini|hochkant=1.4|Versuch einer Modellrekonstruktion des Klosterplans Der St. Galler Klosterplan ist die früheste gezeichnete Darstellung eines Klosterbezirks aus dem Mittelalter und zeigt die ideale Gestaltung einer Klosteranlage zur Karolingerzeit. Benannt ist der Plan nach der Zugehörigkeit seines Adressaten „Sohn Gozbert“ zur Fürstabtei St. Gallen. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um Diakon Gozbert den Jüngeren (830–859), Mönch in St. Gallen, und nicht wie lange angenommen um Abt Gozbert von St. Gallen.

Er entstand um 825/26 im Kloster ReichenauAlfons Zettler: Ein höchst rätselhaftes „Wunder der Überlieferung“. Bemerkungen zu den Schöpfern und Empfängern des Klosterplans. In: Dieter Büker: In neuem Licht – Der Klosterplan von St. Gallen. Aspekte seiner Beschaffenheit und Erschaffung. Mit einem Beitrag von Alfons Zettler. Lang, Berlin 2020, S. 179–216; Walter Berschin: Der St. Galler Klosterplan als Literaturdenkmal. In: Peter Ochsenbein, Karl Schmuki (Hrsg.): Studien zum St. Galler Klosterplan II. 2002, S. 107–150, hier S. 113. im heutigen Landkreis Konstanz in Baden-Württemberg. Die Motivation zur Erstellung des Plans ist umstritten. Es könnte sich um die Kopie eines Idealplans zum Bau benediktinischer Klöster oder einen Originalplan zur Umgestaltung des St. Galler Klosters handeln.

Der Plan ist wahrscheinlich seit dem 9. Jahrhundert im Besitz der Stiftsbibliothek St. Gallen und wird dort unter der Bezeichnung Codex Sangallensis 1092 (Cod. Sang. 1092) aufbewahrt. Ausgestellt war bis 2018 lediglich ein Faksimile.

Im April 2019 eröffnete die Stiftsbibliothek mit dem St. Galler Stiftsarchiv eine neue Ausstellung, in der die Besucher das wertvolle, mittlerweile rund 1200-jährige Dokument im Original betrachten können – allerdings nur für jeweils sehr kurze Zeit, denn die auf dem Pergament verwendeten Tinten sind lichtempfindlich.

Beschreibung Der Klosterplan hat eine Größe von 112 cm × 77,5 cm und besteht aus fünf zusammengenähten Teilen aus Schafspergament, die mit Pflanzenfasern zusammengehalten werden. Begonnen wurde die Arbeit mit dem zentralen Teil des Plans mit Kirche und Klausur, später wurde die Zeichenfläche angestückt. Die Art der Schriftzüge und der Zeichnung weisen darauf hin, dass die Anstückungen bereits während der Arbeit vorgenommen wurden.

Trotz einiger Beschädigungen durch frühere Faltungen – die Schadstellen wurden mit grünen Seidenfäden vernäht – ist der Plan gut erhalten. Die rote Mennigefarbe ist nur an einigen Stellen am inneren Rand der Anfügungen abgesprungen, wo der Plan gefaltet war. Die Beischriften sind in gleichmäßigem Duktus in brauner und schwarzer Tinte ausgeführt. Zuweilen ist die Tinte verblasst, so dass sich hier und da Schwierigkeiten bei der Entzifferung ergeben.

Um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert wurde der Plan in der nordwestlichen Ecke beschädigt. Damals hatte ein Mönch die Rückseite des Plans dazu verwendet, das Leben des Heiligen Martin aufzuschreiben. Zur Vereinfachung wurde der Plan entsprechend der beschriebenen Spalten gefaltet. Als sich herausstellte, dass der Platz nicht ausreichte, kratzte der Mönch das große Gebäude an der Nordwestecke aus, um dort den Schluss seiner Erzählung niederzuschreiben. Im 19. Jahrhundert wurde versucht, mit chemischen Flüssigkeiten die weggekratzten Stellen wieder sichtbar zu machen, aber der Schaden, den man anrichtete, war größer als der Nutzen. Es blieben blaue Flecken zurück und die Partien sind endgültig verdorben.

Am 20. April 1949 wurde der Plan im Schweizerischen Landesmuseum von der Leinwand abgelöst, auf die er im 17. oder 18. Jahrhundert zur Verstärkung aufgezogen worden war. Dadurch erscheint er nicht mehr in einem düsteren Braun, sondern viel heller.

mini|alt=St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 1092, f. verso – Plan von Sankt Gallen (https://www.e-codices.ch/en/list/one/csg/1092)|Rückseite des Plans mit der um 1200 kopierten Vita des Martin von Tours

Inhalt Der Klosterplan zeigt Grundrisse von rund fünfzig Gebäuden, deren Namen und Funktionen in 333 tituli (Beischriften) beschrieben werden.Berschin: Der St. Galler Klosterplan als Literaturdenkmal. Das größte und am genausten gezeichnete Gebäude der Anlage ist die Klosterkirche, an die sich Skriptorium, Sakristei, eine Unterkunft für Gastmönche und Torräume anschließen, gefolgt von der quadratisch angelegten Klausur, dem Bereich der Mönche mit Dormitorium, Refektorium, Latrinenanlagen, Waschraum, Küche, Back- und Brauhaus. Weiter sind ein Gästehaus, das Wohnhaus des Abtes, Hospital und ein Novizenhaus, die sich eine Doppelkapelle teilen, und zahlreiche Wirtschaftsbauten und Handwerksbetriebe sowie Gartenanlagen, Zäune, Mauern und Wege eingezeichnet. Die Gebäude könnten mehr als 100 Mönchen und rund 200 Arbeitern und Dienern Platz bieten.

Der Plan für die mit Mauern versehenen Gartenanlagen enthält einen rechteckigen Arzneigarten (herbularius) mit 16 Beeten sowie einen ebenfalls rechteckigen Küchengarten (hortus für Gemüse und Kräuter) mit 18 Beeten, neben dem als Obstgarten (boum-gart) gestalteten Friedhof. Die Pflanzen für herbularius und hortus sind allesamt auch Bestandteil der Pflanzenliste des Capitulare de villisWolfgang Sörrensen: Gärten und Pflanzen im Klosterplan. In: Johannes Duft (Hrsg.): Studien zum St. Galler Klosterplan. St. Gallen 1962 (= Mitteilungen zur vaterländischen Geschichte. Band 42), S. 193–277, passim.Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. (Mathematisch-naturwissenschaftliche Dissertation Würzburg 1994) Königshausen & Neumann, Würzburg 1998 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 65), ISBN 3-8260-1667-X, S. 105–107 (Der Klosterplan von St. Gallen). und zehn Pflanzen des herbularius finden sich auch im um 835H. G. Schwieger, Gottfried Zöbl: Die alte Apotheke. Hrsg. anlässlich des Deutschen Apothekertages 1954. Verbandstoff-Fabriken Paul Hartmann AG, Heidenheim 1954, S. 5. bis 840Johannes Gottfried Mayer, Konrad Goehl: Kräuterbuch der Klostermedizin. Reprint-Verlag Leipzig 2013, ISBN 978-3-8262-3057-8, S. 29. entstandenen Hortulus des Walahfrid Strabo.Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. 1998, S. 108–110.

Auffälligerweise fehlt ein Gebäude, das die Kanzlei beherbergt. Sie diente dem Schreiben von Urkunden.

Forschungsdiskussion zu Ursprung und Zweck des Plans Angesichts der langen und aktiven ForschungsgeschichteWerner Jacobsen: Der St. Galler Klosterplan. 300 Jahre Forschung. In: Peter Ochsenbein, Karl Schmuki (Hrsg.): Studien zum St. Galler Klosterplan II. 2002, S. 13–56. konkurrieren heute verschiedene Deutungen, die bislang nicht überall widerspruchsfrei aufgelöst werden konnten. Über einige Punkte ließ sich jedoch weitgehender Konsens herstellen.

So gilt heute die Herstellung des Planes im Kloster Reichenau als weitgehend gesichert, ebenso ein Zeitfenster zwischen etwa 819 und etwa 837 mit dem Schwerpunkt auf den frühen Jahren, während über eine noch genauere Datierung Uneinigkeit herrscht. Florian Huber glaubt in der Beischrift des Gänsestalls ein Chronogramm mit der Jahreszahl 819 erkennen zu können.Florian Huber: Der Sankt Galler Klosterplan im Kontext der antiken und mittelalterlichen Architekturzeichnung und Messtechnik. In: Peter Ochsenbein, Karl Schmuki (Hrsg.): Studien zum St. Galler Klosterplan II. 2002, S. 233–284. Allerdings existiert keine karolingische Handschrift, die ein Chronogramm enthält. Die frühesten belegten Chronogramme stammen erst aus dem 14. Jahrhundert. Aufgrund der Beteiligung Walahfrid Strabos lässt sich die Entstehung des Klosterplans laut Cornel Dora auf die Jahre 825/826 eingrenzen. Demnach sei der Absender nicht Abt Heito I. von Reichenau, sondern Reginbert und die Widmung nicht an Abt Gozbert, sondern an Diakon Gozbert den Jüngeren gerichtet.

Es werden unterschiedliche Maßstäbe des Planes diskutiert. Zuletzt hat Florian Huber 2002 mit guten Gründen den Maßstab 1:160 errechnet und die Verwendung des altrömischen Fußes (pes monetalis) von 29,62 cm Länge glaubhaft gemacht.

Schreiber Eine Untersuchung der Handschriften durch Bernhard Bischoff, Paläograph und Kenner des Mittellateinischen, ergab, dass der Plan von zwei Schreibern beschriftet wurde und die in alemannischer Minuskel verfassten Beischriften von Reginbert stammen, der unter Abt Haito Schreiber, Lehrer und Bibliothekar im Kloster Reichenau war. Eine der Handschriften im Klosterplan stimmt mit der Handschrift einer Vita des Heiligen Martin überein, die von Reginbert geschrieben wurde.Bernhard Bischoff: Die Entstehung des Klosterplanes in paläographischer Sicht. In: Johannes Duft (Hrsg.): Studien zum St. Galler Klosterplan. 1962, S. 67–78, hier S. 68. Davon ausgehend sieht Alfons Zettler in Reginbert den Autor und Urheber der Zeichnung.Zettler: Ein höchst rätselhaftes „Wunder der Überlieferung“.

In gesicherter Mikroskopie konnte 2014 bestätigt werden, dass Reginbert der Schreiber der alemannischen Minuskel ist, womit Bischoffs These weiter gestützt wurde.

Der Schreiber der karolingischen Minuskel im Klosterplan war lange Zeit unbekannt. Walahfrid Strabo, der zur gleichen Zeit auf der Reichenau tätig war, wurde ausgeschlossen, da Bischoff die „Hand W“ im Cod. Sang. 878 und zwei weiteren Handschriften als Walahfrids Autograph identifizierte. Die eher schwachen Lateinkenntnisse der „Hand W“ schienen jedoch nicht zu dem versierten Dichter Walahfrid zu passen. 2022 konnte der Mittellateiner und Paläograph Tino Licht nachweisen, dass die karolingische Hand („Hand S“) im St. Galler Klosterplan, die von Johanne Authenrieth ebenfalls im Reichenauer Verbrüderungsbuch und im Zürcher Adamnan erkannt wurde, tatsächlich Walahfrid Strabo zuzuordnen ist.

In der älteren Forschung wurde als Absender des Planes Haito vermutet, Abt des Klosters Reichenau. Als Ratgeber Karls des Großen hatte er einen hohen Rang inne, war aber doch gleichrangiger Amtsbruder des St. Galler Abtes. Haito verzichtete 822 auf alle Würden und lebte fortan als Mönch im Kloster Reichenau, wo er 835 starb. Werner Jacobsen, Norbert Stachura und Lawrence Nees gehen davon aus, dass der Plan für Gozbert angefertigt wurde, als dieser nach 820 eine neue Klosterkirche bauen wollte. Jacobsen bemerkte die Einstiche einer Zirkel-Nadel im Pergament und Änderungen, die während der Erstellung der Zeichnungen vorgenommen wurden. Auch Lawrence Nees vermutete, dass das Manuskript von zwei Schreibern angefertigt wurde, deren älterer die Arbeit beaufsichtigte und ergänzte, wo das Wissen des Jüngeren nicht ausreichte.so zitiert Lawrence Nees Walter Horn, siehe Diese Umstände sahen beide als Beleg, dass es sich um ein Originaldokument und keine Kopie handelt.

Angelus Häußling vermutete 2002 als „Vordenker“ des Planes den Reichenauer Mönch und Abt Walahfrid Strabo (807–849), was allerdings auf eine Spätdatierung um 837 hinweisen würde.Angelus A. Häussling: Liturgie in der Karolingerzeit und der St. Galler Klosterplan. In: Peter Ochsenbein, Karl Schmuki (Hrsg.): Studien zum St. Galler Klosterplan II. 2002, S. 151–183.

Zweck und Adressat