mini|hochkant=1.5|Das Musiktheater im Revier bei Nacht

Das Musiktheater im Revier (MiR) am Kennedyplatz in Gelsenkirchen-Schalke ist ein bedeutender Theaterbau aus der deutschen Nachkriegszeit. Der unter der Federführung des Architekten und Stadtplaners Werner Ruhnau errichtete Komplex mit zwei Spielstätten, dem Großen und dem Kleinen Haus, wurde am 15. Dezember 1959, nach 41 Monaten Bauzeit eröffnet und ist seitdem Aufführungsort von Opern, Musicals, Sinfoniekonzerten und Tanzaufführungen. Das Große Haus hat 1004 Plätze und eine Bühnenfläche von 450 m², das Kleine Haus 336 Plätze und einen Bühnenraum von 180 m². 1997 wurde das Musiktheater im Revier in die Denkmalliste der Stadt Gelsenkirchen eingetragen. Seit Juni 1966 trägt auch der von der Stadt Gelsenkirchen getragene Theaterbetrieb den Namen „Musiktheater im Revier“, von 1949 bis 1966 war er unter der Bezeichnung „Städtische Bühnen Gelsenkirchen“ bekannt.

Der Theaterbau

Baugeschichte Im Jahr 1953 gründete Werner Ruhnau mit Harald Deilmann, Ortwin Rave und Max von Hausen ein Architektenteam im Baubüro der Landwirtschaftskammer für das Theater Münster. Sie gewannen den 1954 ausgeschriebenen Wettbewerb der Stadt Gelsenkirchen für einen Theaterneubau. Das Programm des Wettbewerbs sah ein Großes Haus mit 1100 Plätzen sowie ein Bühnenhaus mit Haupt- und Hinterbühne, zwei Seitenbühnen und eine kleine Probebühne vor. Das Kleine Haus war nicht geplant, es entwickelte sich im Laufe der Organisation aus der Probebühne. Ziel des Wettbewerbs war eine traditionelle Trennung zwischen Bühnen- und Zuschauerraum, Foyer und Außenbereich. Der Entwurf der Münsteraner Architektengruppe basierte dagegen von Anfang an auf „Öffnung und Integration“.Ruhnau 1992, S. 7. Vor der Realisierung des Musiktheaters in Gelsenkirchen verließ Harald Deilmann das Team, und Werner Ruhnau übernahm die gesamte folgende Verantwortung für Entwurf, Planung und Ausführung.

„Werner Ruhnau hat wie im Bauhüttenwesen des Mittelalters alle Künste zusammengefasst, bildende Künstler integriert und so ein Gesamtkunstwerk geschaffen.“Georg Dehio 2012.

Lage Der Kennedyplatz befindet sich am Nordrand der Gelsenkirchener City im Stadtsüden. Hier steht das hoch aufragende Musiktheater, welches Künstler, Musik und Architektur zu einem Meisterwerk vereint. Die Hauptachse des Großen Hauses, die ihre Verlängerung in einer nach Nord-Süd ausgerichteten Fußgängerzone, der Ebertstraße findet, wird von der Florastraße gekreuzt. Diese verläuft in Ost-West-Richtung parallel zum Theaterkomplex. Das Kleine Haus steht an der Westseite etwas versetzt vor dem Großen Haus. Das Große und das Kleine Haus sind jeweils in sich axialsymmetrisch disponiert.

In unmittelbarer Nähe befinden sich der U-Bahnhof Musiktheater sowie die gleichnamige Straßenbahn- und Bushaltestelle.

Architektur und Bautechnik Das Große Haus mini|Glaszylinder, der den Innenraum des Großen Hauses umgibt

Der mit schwarzen Kacheln verkleidete Sockel trägt das Große Haus. Die Südfront ist weitgehend in Glasflächen aufgelöst. Die Glasfront ist in der Vertikalen durch weiße Profile gegliedert, dahinter befinden sich die von außen nicht sichtbaren Stützen. In der Horizontalen unterteilen schwarze Sprossen die Glasfront. Die Glasfront ist ein essentielles Element der Architektur des sogenannten Internationalen Stils im 20. Jahrhundert: Der Beginn der Glasfront lässt sich am Fagus-Werk in Alfeld entdecken und findet eine endgültige Ausprägung in der Glasfront des Bauhauses Dessau. Werner Ruhnau wurde insbesondere durch den Entwurf von Mies van der Rohe zum Nationaltheater Mannheim inspiriert. Es ist keine Fassade im herkömmlichen Sinne, vielmehr der Gedanke des „Floating Space“: Eine dünne Trennschicht, die einen fließenden Übergang zwischen Architekturraum und äußeren Stadtraum zulässt.Hesse/Bockemühl 2003, S. 38.

„In der Rezeption von Mies van der Rohe rezipiert Ruhnau auch nach Mies latenten Klassizismus in der äußeren Gesamterscheinung und der Disposition der einzelnen Funktionsbereiche. Das Haus erfüllt drei Grundprinzipien klassizistischer Architekturästhetik: symmetrische Komposition, axiale Komposition, hierarchische Komposition.“Hesse/Bockemühl 2003.

Durch die mittig liegende Kassenhalle wird die dem Zentrum entsprechende Spiegelachse des Gebäudes hervorgehoben. Sichtbare Ecktreppen akzentuieren die Axialität der Front. Plattformen und Treppen sind symmetrisch. Im Kern des Großen Hauses stehen der gläserne Halbzylinder und das Bühnenhaus.Hesse/Bockemühl 2003, S. 40. Das Innere des Großen Hauses ist in drei Geschosse geteilt. In der Podiumszone unterhalb der Glasfront sind symmetrisch angelegte Garderoben, an deren Stirnwänden jeweils ein Schwammrelief des französischen Künstlers Yves Klein hängt. Über dieser Etage liegt das Zwischenfoyer, ein niedriges Halbgeschoss und darüber wiederum das hohe weiträumige Hauptfoyer. Im Eingangsbereich und in beiden Foyers erstreckt sich über einen Halbkreisgrundriss die Außenwand des Auditoriums. Die Ränge werden durch davorstehende Treppenumgänge erreicht, die von einem gläsernen Halbzylinder umhüllt sind. Auch die Tische und Drehstühle, die im Hauptfoyer stehen, wurden von Werner Ruhnau entworfen.

Die Öffnung des Raumes zur Stadt findet sich in der Farbgebung des Foyers wieder: Der Boden ist mit schiefergrauem Kattenfels aus dem Sauerland belegt und gleicht der Farbe der Bürgersteigplatten außen. Da in einem Theater Abendveranstaltungen dominieren, wurde die Decke mit schwarz eingefärbtem, schallabsorbierendem Putz beschichtet, der dem nächtlichen Himmel entspricht. Die Art des Lichtes ähnelt den Lichtern einer abendlichen Großstadt und vermeidet jeden Effekt, der an Innenraumdekoration oder Möblierung erinnern könnte. Der über einem hufeisenförmigen Grundriss angelegte Zuschauerraum ist symmetrisch. Die Sitzreihen steigen im Parkett leicht an, darüber liegen zwei Ränge, die jeweils auf beiden Seiten drei abgetreppte Balkone aufzeigen. Auch hier ist die Decke schwarz gehalten, ebenso die Wand. Die Rangbrüstungen bestehen aus mattem Aluminium. Die Stühle sind in einem leichten mittelgrau gehalten. Durch Portalblenden, höhenverstellbare Podien und einer beweglichen Vorbühne lassen sich Bühnengröße und Bühnenöffnung verändern. „Bühne und Zuschauerraum sind geprägt von dem Leitgedanken der Demokratisierung des Theaters, der Überwindung der herkömmlichen Trennung von Auditorium und Bühne, im Idealfall der Schaffung eines Einheitsraumes. Durch die ausschwingenden Seitenwände und die Deckenwölbung des Zuschauerraumes wird ein fließender Übergang zu Portal und Bühne geschaffen, das einheitliche Schwarz und bündig abschließende Strahler heben die Raumgrenzen noch stärker auf.“Jakobs, 1998. Der Zuschauerraum ist im Gegensatz zum eher kantig wirkenden Äußeren elegant geschwungen und ermöglicht von allen Plätzen eine gute Sicht.

Die Architektur des Großen Hauses versucht innen wie außen Grenzen des Raumes zu überschreiten, deutlich wird dies durch die der Stadt zu gewandten Glasfassade. Die Glasfassade gestattet Blicke von innen nach außen und umgekehrt, somit werden Zuschauer selbst zu Akteuren, da sie äußeren Blicken ausgesetzt werden. Ein Stück Kultur wird offen hinaus getragen, es ist kein abgeschlossener Ort. Doch brachte diese Offenheit auch Zweifel mit sich: „Das durch die Verglasung offene Foyer, das vor allem beim abendlichen Theaterbetrieb durch die Innenbeleuchtung voll einzusehen ist, forderte Bedenken der Theaterbaukommission heraus: Theaterbesucher können sich den zusehenden Passanten draußen ausgeliefert fühlen. Es wurde bezweifelt, ob in einer derartigen Offenheit überhaupt eine ‚festliche Stimmung’ aufkommen könne… In Gelsenkirchen bin ich daher mit der Theaterbaukommission übereingekommen, eine Vorhangschiene in das Foyer zu integrieren, und, falls notwendig, binnen weniger Wochen einen 'Pausenvorhang' einzuziehen.“Ruhnau 1992, S. 54.

Das Kleine Haus Das Kleine Haus bildet einen Kontrapunkt zum Hauptbaukörper. Der obere geschlossene Quader liegt auf einer niedrigen Unterzone mit offener Pfeilerfolge, darauf befindet sich ein bleiverkleidetes Dach. Das Kleine und das Große Haus verbindet eine Brücke, hier wird die Verkleidung des Hauptbaus aufgegriffen. Dieses Architekturmotiv erinnert an den die Straße überbrückenden Verbindungstrakt des Dessauer Bauhauses von Walter Gropius. Dunkelgraue Natursteinplatten zieren die Außenwand des Kleinen Hauses. An der Südwand hängt das aus gebündelten Stahlrohren bestehende Große Relief in zwei Ebenen von Norbert Kricke. Es hebt sich stark von der dunkelgrauen Verkleidung ab. Auch am Kleinen Haus lässt sich an der Westseite eine Glaswand entdecken. Hinter der Glaswand liegen Eingangshalle und Garderobe. Zwei mechanische Reliefs von Jean Tinguely hängen an den mit grauem Velours bespannten Wänden, im darüber liegenden Foyer. Ohne trennende Wände und Türen dehnt sich der Zuschauerplatz bis in das Foyer aus. Im Vergleich zum Großen Haus, ist die räumliche Trennung von Bühnenbereich und Zuschauerplatz radikaler verwirklicht. Durch eine bewegliche Bestuhlung, verschiebbare Handpodien und eine mobile Beleuchtungs- und Beschallungstechnik lassen sich Raum und Spielsituation innerhalb kürzester Zeit verändern.

Gegensätze zwischen hell und dunkel, außen und innen, zwischen strengen rechteckigen Formen und weichen Rundungen, zwischen Farbe und schwarzweiß bis hin zur Farblosigkeit, begegnen einem im Musiktheater im Revier auf Schritt und Tritt.

Barrierefreies Theater Das Musiktheater im Revier ist mit seinen Spielstätten, dem Großen und dem Kleinen Haus, vollkommen barrierefrei. Alle Bühnenräume sind für Rollstuhlfahrer und gehbehinderte Menschen auch per Fahrstuhl erreichbar. Für Blinde und sehbehinderte Menschen bietet das MiR für ausgewählte Vorstellungen mit der Hör.Oper einen im Ruhrgebiet einzigartigen Service an: Mit Hilfe einer Audiodeskription werden visuelle Vorgänge des Bühnengeschehens live während der Vorstellung von ausgebildeten Sprechern erklärend kommentiert und so erfahrbar gemacht. Eine Führung durch das Bühnenbild vor der Vorstellung gibt Gelegenheit zum Ertasten von Requisiten und Kostümen. Hierbei werden Handlung und Hintergründe des entsprechenden Stücks erläutert.

Am Bau beteiligte Künstler mini|Glasfassade des Musiktheater im Revier