Als Philosophische Praxis bezeichnet man eine Form der außerakademischen philosophischen Tätigkeit, die in Deutschland etwa seit den 1980er-Jahren ausgeübt wird. Der Prozess der Ausdifferenzierung und das Finden eines gemeinsamen Selbstverständnisses sind noch nicht abgeschlossen, was eine Definition schwierig und vorläufig macht. Klassisch ist die Definition von Odo Marquard im Historischen Wörterbuch der Philosophie von 1989: „Den Begriff PP hat Gerd B. Achenbach 1981 … geprägt: unter PP versteht er die professionell betriebene philosophische Lebensberatung, die in der Praxis eines Philosophen geschieht. … Sie verordnet keine Philosopheme, verabreicht keine philosophische Einsicht, sondern sie setzt das Denken in Bewegung: philosophiert.“Vgl. Artikel O. Marquard: Praxis, Philosophische.

Eine Philosophische Praxis definiert sich demnach vor allem durch das Anliegen, philosophisches Wissen und philosophische Methodik für die breite Öffentlichkeit zugänglich zu machen und das praktische Potenzial der Philosophie und des Philosophierens als Ressource nutzbar werden zu lassen. Zu dieser allgemeinen Öffentlichkeit gehören Einzelpersonen, Organisationen oder Unternehmen, für die Philosophie in Form von philosophischen Gruppengesprächen, Einzelgesprächen, Seminaren, Projekten, Reisen u. a. aufbereitet wird. Das Spektrum reicht von der Einzelberatung, der Beratung von Organisationen oder Unternehmen, der Bildungsarbeit (Seminare, Vorträge), Projektentwicklung und Umsetzung, philosophischen Reisen oder dem philosophischen Café.Vgl. Verzeichnis: Philosophische Cafes und Tagungsstätten. Die Angebote der einzelnen Philosophischen Praxen unterscheiden sich oftmals deutlich voneinander und sind stark geprägt von der Persönlichkeit und Ausbildung, sowie Zielen des jeweiligen Praktikers.Gerd B. Achenbach: Was ist Philosophische Praxis?

Philosophische Praxen im deutschsprachigen Raum haben unterschiedliche Schwerpunkte und Formen. In der Regel sind diese Praxen meist privatwirtschaftliche Unternehmungen, seltener gemeinnützige Einrichtungen. Wie in den einzelnen Praxen gearbeitet wird, ist gesetzlich nicht reglementiert. Eine Übersicht über die unterschiedlichen Formen bietet ein Praxenverzeichnis.Vgl. pro-phil Praxenverzeichnis.

Es gibt auch Ausbildungslehrgänge zum Beruf des Philosophischen Praktikers, z. B. seit 2016 postgradual an der Universität Wien.Lehrgang Philosophische Praxis .

Historische Entwicklung

Die Philosophie in Europa nahm ihren Ausgang im antiken Griechenland. Damals stellte sie meist eine Art von avantgardistischer Strömung innerhalb eines nicht immer ganz stabilen Weltbildes dar.

Philosophie bemühte sich einerseits um eine Neuformulierung theoretischer Rahmenkonzepte für gesellschaftliches Zusammenleben. Sie war aber keineswegs bloß eine theoretische Auseinandersetzung, sondern eigentliche Schulung in Lebensstil, Einübung in eine gute Lebensführung. Gutes Leben im antiken, griechischen Verständnis wie auch bei Konfuzius in China bedeutete Streben nach einer Übereinstimmung (Harmonie) mit dem Weltganzen und der Weltvernunft (dem Logos). Philosophie war somit Theorie und Praxis des guten Lebens. Philosophiert wurde in meist mehr oder weniger elitären Zirkeln (Platons Akademie, Aristoteles Lykeion, Epikurs Kepos, Zenon von Kitions Stoa). Philosophie als Organisation hatte in gewisser Weise damals im alten Griechenland die Gestalt und Funktion einer Art Seelenführung, sie war Geistige Übung.Vgl. Hadot, Pierre: Philosophie als Lebensform. Geistige Übungen in der Antike. Berlin 1981.

Seit dem 2. Jahrhundert begann sich diese Aufgabe der Seelenführung und Übung in die Gemeinschaften des noch jungen Christentums zu verlagern. Die christliche Lehre übernahm mehr und mehr die Rolle der „wahren Philosophie“. Sie verstand sich als dem wahren göttlichen Logos verpflichtet. Nach dem Vorbild der antiken Philosophenzirkel waren geistliche Übungen zentrales Element im Tagesablauf vieler christlicher Klostergemeinschaften. Philosophie wurde dadurch im christlich-klösterlichen Umfeld zum Inbegriff von Seelsorge. Sie war Lebensschulung und Geistesübung im Sinn von gelebter Weisheit als Religiosität.

Mit der Bildung der ersten Universitäten im Mittelalter vollzog sich die Abspaltung der Philosophie von Belangen des praktischen Lebens: sie beschränkte sich zunehmend auf die Erörterung rein theoretischer Zusammenhänge. Schließlich galt Philosophie bloß noch als Vorbereitung auf das Theologiestudium und wurde so degradiert zur „Magd der Theologie“. Damit war Philosophie endgültig nicht mehr Lebensform, sondern abstrakter, theoretischer Diskurs. Die Aspekte von Übung und Lebensgestaltung wurden vollständig von der klösterlichen Praxis übernommen. Philosophie als Universitätsdisziplin wurde so zum elitären Spezialistendiskurs.

Mit der Renaissance und dem Rationalismus erfolgt zum Teil eine Befreiung aus diesem Korsett. Eine Rückgewinnung von Lebensnähe ist jedoch damit noch keineswegs erreicht.

Seit Ende des 18. Jahrhunderts lässt sich eine Zunahme von schöpferischer Dynamik auch innerhalb universitärer Kreise verzeichnen (Kant, Vertreter des deutschen Idealismus wie Fichte, Schelling, Hegel). Außeruniversitär und als Kontrapunkt zur Schulmeinung vor allem des deutschen Idealismus formulierten unter anderen Kierkegaard, Schopenhauer und Nietzsche ihre Thesen, die sich als Vorläufertheorien der wesentlichen philosophischen Strömungen des 20. Jahrhunderts (Phänomenologie und Existenzphilosophie) lesen lassen und deren Bewegung schließlich in die postmoderne Konstruktion von Spezialdiskursen mündet (Derrida, Deleuze, Guattari, Lyotard u. a.).

Der Abstraktionsprozess hat sich bis in das 21. Jahrhundert durchgezogen. Für Philosophie und Lebenskunst ist nun vor allem von Bedeutung, dass inzwischen auch die ethische Diskussion, das heißt die philosophische Reflexion auf die Voraussetzungen und Möglichkeiten eines guten und gerechten Lebens und Zusammenlebens, in einer Sackgasse steckt. Die theoretischen Bemühungen verlieren sich im Formulieren allgemeiner Prinzipien, die in ihrer Allgemeinheit nicht mehr auf eine Lebenspraxis anwendbar sind. Ethik ohne Anwendung aber ist reines Gedankenspiel, das die Öffentlichkeit zu ratlosem Zuschauen verurteilt. Die professionelle Ethik versucht dieses Anwendungsproblem durch die Ausformulierung sogenannter Bereichsethiken zu lösen (z. B. Ökoethik, Medizinalethik, Tierethik, Rechtsethik, Verkaufsethik…). Eine wirkliche Anwendung ethischer Fragestellungen ist jedoch kaum auf rein kognitiver (gedanklicher) Basis, sondern nur auf dem Weg des persönlichen Erlebens unter Einbezug individueller Gefühlsaspekte zu erreichen. Dies aber setzt das persönliche Gespräch zwischen real präsenten Gesprächspartnern voraus. In Hans Krämers Worten: „Wenn […] Ethik praktisch werden soll, […] dann ist das philosophische Beratungsgespräch unverzichtbar“.Krämer, Hans: Integrative Ethik. Frankfurt am Main 1992, S. 334. Hier ist ein anderer Umgang mit philosophischem Fragen und Wissen gefordert. Dies nicht nur, um die Philosophie aus ihrem Elfenbeinturm zu erretten, sondern um philosophisches Wissen wieder zugänglich zu machen für individuelle und gesellschaftliche Belange.

Den Begriff Philosophische Praxis hat Gerd B. Achenbach eingeführt. Dabei ging er von der Beobachtung aus, dass die universitäre Philosophie ihre Philosopheme nicht am Alltag messe und die Psychologie ein Theoriedefizit aufweise. Bald darauf, 1985, fand die erste Konferenz zur Philosophischen Praxis statt. Der 'Erfinder' dieses Begriffs verstand unter Philosophischer Praxis eine philosophische Lebensberatung; mittlerweile haben sich die Konzepte Philosophischer Praxen ausdifferenziert. Philosophische Praxen existieren inzwischen weltweit. Vor allem in skandinavischen Ländern, aber auch in der Schweiz, in Österreich, England, Israel, den USA, in Holland, Frankreich, Italien, Spanien, Portugal oder Mexiko erfreuen sich Philosophische Praxen eines regen Zulaufs. Das Aufgabenfeld der Philosophischen Praxis besteht in der Organisation und Pflege philosophischer Gespräche als vielfältige, zum Teil neue Formen der Verständigung, Klärung und Sinnfindung.

Formen Philosophischer Praxis Philosophische Praxis hat sich in Form diverser Angebote verwirklicht: Am Anfang stand die Philosophische Beratung, doch bald kamen weitere Formen philosophischer Bildungsveranstaltungen (Seminare, Vorträge, Philosophische Reisen, Lehrgänge), Diskussionsforen wie Philosophische Cafés und Podien, philosophische Gesprächsgruppen, philosophische Unternehmensberatung und Coaching, Philosophieren mit Kindern und Orientierungshilfen hinzu.

Philosophischer Salon

Ein Philosophischer Salon oder Philosophisches Café („Café-Philo“) ist ein Diskussionsforum, in dem philosophische Fragestellungen diskutiert werden.

Die Ursprünge lassen sich schon in der griechischen Antike ausmachen, wo der Marktplatz, die Agora, das Zentrum des kulturellen Lebens und auch der Platz für philosophische Debatten war, wie etwa die Sokratischen Dialoge zeigen. Aspasia von Milet gründete in Athen einen philosophischen Salon. Auch heute wird zum Beispiel in philosophischen Cafés versucht, im Rahmen einer kritischen Auseinandersetzung zu einem tieferen philosophischen Verständnis der eigenen Überzeugungen und Ansichten zu gelangen.

Initiiert wurde diese Form der Philosophischen Praxis in Frankreich von dem französischen Philosophen Marc Sautet, der 1992 in Paris das erste Café Philosophique abhielt.Marc Sautet: Ein Café für Sokrates. Philosophie für jedermann. Artemis und Winkler, Düsseldorf/Zürich 1997, S. 7. Sautets Hauptanliegen war es, die Philosophie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen und ihr Raum auch über den wissenschaftlichen Diskurs hinaus zu geben. Jeden Sonntag sollten an jenem Ort Interessierte zusammentreffen, um über ein bestimmtes Thema zu diskutieren, wodurch Sautet die philosophischen Überlegungen der Menschen auch außerhalb der akademischen Philosophie „in Gang setzen“ wollte.Marc Sautet: Ein Café für Sokrates. Philosophie für jedermann. Artemis und Winkler, Düsseldorf/Zürich 1997, S. 10. Sein Ziel war es, jedem die Chance zu geben, die eigene Meinung zu argumentieren und zu hinterfragen. Er wollte somit eine elitäre Gruppenbildung vermeiden, in der nur philosophisch gebildete Menschen zu Wort kommen. Die Besucher seines Café-Philo wählten die Themen der Diskussion gemeinsam, demokratisch vor Ort aus. Unter anderem widmete man sich etwa den Fragen: „Ist Gewalt etwas Universelles oder etwas Menschliches?“, oder „Was ist Schönheit?“. Sautet versuchte stets, die Diskussionen spannend und kurzweilig zu gestalten.Marc Sautet: Ein Café für Sokrates. Philosophie für jedermann. Artemis und Winkler, Düsseldorf/Zürich 1997, S. 19ff.

Das erste Philosophische Café überhaupt fand jedoch in Deutschland statt. Gemeinsam mit der Eitorfer Künstlerin Erika Kaldemorgen veranstaltete es die Gelsenkirchener Philosophin und Sachbuchautorin Marit Rullmann ("Denken um zu Leben", Wiesbaden 2018, gem. mit Werner Schlegel) am 24. September 1989 im dortigen Kulturladen Spunk. Beide begründeten damit eine Bewegung, die sich bis heute auf zahlreiche deutsche Städte ausweitete. Allein Rullmann initiierte Cafés in 21 deutschen Städten (z. B. Halberstadt, Meißen, Moers, München, Stuttgart). Seit November 2019 hält die Philosophin Cafés im eigenen heimischen "Dachstubensalon" ab, wird jedoch auch weiterhin in andere Städte eingeladen. Von 1999 bis 2017 betrieb Bernd Oei einen Philosophie-Salon in Bremen.