Der Kriemhildenstuhl, seltener auch Krimhildenstuhl (mit kurzem i), auf der Waldgemarkung der pfälzischen Kreisstadt Bad Dürkheim (Rheinland-Pfalz) ist ein ehemaliger römischer Steinbruch. Er wurde um das Jahr 200 n. Chr. von der 22. Legion der römischen Armee betrieben, die im gut 60 km entfernten Stützpunkt Mainz stationiert war.

Der Kriemhildenstuhl befindet sich im Eigentum des Drachenfels-Clubs. Das Gelände ist lt. Infotafel der Stadt Bad Dürkheim als Denkmalzone eingestuft, die Denkmalliste des Landes führt es als Einzeldenkmal.

Geographie Lage Der Kriemhildenstuhl liegt im Nordwesten von Bad Dürkheim links des Flüsschens Isenach auf einer Höhe von etwa Lage und Höhe des Kriemhildenstuhls auf: , abgerufen am 24. November 2021. am Südosthang des hohen Kästenbergs. Dies ist ein südlicher Ausläufer des Teufelssteins (), der zur Haardt gehört, dem Ostrand des Pfälzerwalds zur Rheinebene hin. Von der Anhöhe aus bietet sich ein umfassender Ausblick hinunter auf die Stadt und über die Ebene.

Umgebung Direkt oberhalb des Kriemhildenstuhls erstreckt sich die Heidenmauer, eine 26 Hektar große befestigte keltische Siedlung aus der späten Hallstattzeit. Weitere Steingewinnung durch die Römer in der Nähe gab es im Kallstadter Tälchen und am Weilerskopf.

Name Der heute als Kriemhildenstuhl bezeichnete Steinbruch war zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der heimischen Bevölkerung als "Krummholzer Stuhl" bekannt. In der Zeit zwischen 1867https://rlp.museum-digital.de/object/117413 und 1939 wurde er in einigen Veröffentlichungen als "Brunholdisstuhl" (= Brünhildenstuhl) identifiziert. Dass es sich dabei um eine nicht verifizierbare Zuweisung einer in älteren Quellen genannten Bezeichnung handelte, wurde allerdings schon damals angemahnthttps://rlp.museum-digital.de/object/117413.

Die in heutiger Zeit verschiedentlich zu lesende Behauptung, es gebe "wenige Meter nordöstlich" bzw. "oberhalb" des Kriemhildenstuhls einen weiteren römischen Steinbruch, hat ihren Ursprung in dieser falschen Zuweisung. Dass es tatsächlich in der Umgebung des Kriemhildenstuhls keinen zweiten derartigen Steinbruch gibt, ist sowohl durch die amtlichen topographischen Karten als auch durch die Liste der Kulturdenkmäler in Bad Dürkheim belegt.

Grabungsgeschichte mini|links|Panorama

Im Mittelalter wurde der Kriemhildenstuhl fälschlicherweise mit den germanischen Burgunden und dem Nibelungenlied in Verbindung gebracht. Wissenschaftliche Ausgrabungen wurden 1884, 1893/94, 1916/17, 1934/35 und 1937–1939 durchgeführt.

In der Zeit des Nationalsozialismus gab es – erfolglose – Bestrebungen, durch GrabungenGrabungen von Hans Schleif in den Jahren 1937–1939, siehe auch Artikel zur Heidenmauer. zu belegen, dass es sich bei dem Steinbruch um eine altgermanische Kultanlage gehandelt habe. Entsprechenden Spekulationen, die 1934 in der "Berliner Illustrierten Zeitung" geäußert worden waren, war das Überwachungsamt der NSDAP damals noch vehement entgegengetretenDarüber berichtet Fr. Sprater, Der Brunholdisstuhl bei Bad Dürkheim, Speyer 1934. https://rlp.museum-digital.de/object/117413. Drei Jahre später griff die der SS anfangs nahestehende, später in diese integrierte "Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe e.V." genau diese Idee wieder auf. Die in großer Zahl gefundenen Sonnenräder ließen eine germanische Interpretation zwar grundsätzlich zu; diese wurde aber dadurch vereitelt, dass die Zeichen allesamt nachweislich in eine Felsoberfläche eingeschlagen worden waren, die zuvor in römischer Zeit bearbeitet worden war. Ein ebenfalls aufgefundenes Hakenkreuz blieb ohne Aussagekraft, weil solche in vielfältigen Varianten auch von den Römern benutzt wurden.

Ausgrabungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erbrachten neue Forschungsergebnisse über Technik und Arbeitsorganisation der Römer und förderten über die bis dahin bekannten Inschriften hinaus weitere zutage.

Grabungsergebnisse Technik und Arbeitsorganisation mini|links|Arbeitsterrassen mini|Arbeitsterrassen

In dem halbrunden Steinbruch wurde der weißliche quarzitische Sandstein der Karlstal-Schichten des Mittleren Buntsandsteins abgebaut. Dass die Steingewinnung in der Nähe des Plateaus vorgenommen wurde, liegt vermutlich daran, dass dort das Gestein nur mit wenig Erde überdeckt war.

Gearbeitet wurde mit mehreren Arbeitsgruppen, sogenannten Arbeitsköpfen. Einzelne Arbeitsköpfe waren 25 m über der nächsten Ebene darunter.

An den Schrotrillen lässt sich erkennen, dass die geförderten Steinblöcke Längen zwischen 1,20 und 3 m, Breiten zwischen 0,6 und 1,4 m und Höhen von 0,6 m hatten. Vereinzelt wurden auch Kapitelle und runde Steine, die eventuell für Säulen bestimmt waren, gefertigt. Die Blöcke wurden zunächst mit Schrothämmern an zwei Seiten aus der Felswand freigehauen, dann wurde mit Setzkellen die Unterseite ausgelöst. Beide Arten von Werkzeug wurden bei den Ausgrabungen gefunden.

Die Transportrille, in der die Blöcke auf Kufen und Rollen ins Tal geschafft wurden, ist noch gut zu erkennen.

Inschriften und Zeichnungen

Da die unteren Schichten des Steinbruchs während des Betriebs mit Abraum verfüllt wurden, blieben hier die Spuren römischer Werkzeuge sowie Inschriften und Zeichnungen sehr gut erhalten.

Arbeitsinschriften (angulus) Aici = Arbeitskopf des Aicus (H)ostili Geniali angulus Quin(ti) Purpurionis = Dem Hostilis Genialis (wird) der Arbeitskopf des Quintus Purpurio (zugewiesen) (angulus) Septimi VI id Aug = (Arbeitskopf) des Septimus am 8. August (übergeben)

Legionsinschriften I(ovi) O(ptimo) M(aximo)/ET GENIO/I(m)PERATORE/LVC(Lucio) SEPTIMO/SEVERO VEX(i)L(latio) L(egionis) XXII P(iae) F(idelis) = Weihung an Jupiter und den Genius des Kaiser Septimius Severus durch die Abteilung der 22. Legion, der rechtschaffenen und getreuen ob m(emoriam) Dat(ivi) Pr(o)c(uli) S(igniferi) = zum Gedenken an den Bannerträger Dativus Proculus Natalis m(iles) l(egionis) XXII p(iae) f(idelis) = Natalis, Soldat der 22. Legion, der rechtschaffenen und treuen Vog(e)llin(us) Perpet(uus) Leg(ionis) XXII P(iae) = Vogellinus Perpetuus, (Angehöriger) der 22. Legion, der rechtschaffenen Gettonius/Ursus Dossus(S)/LE LEG XXII A/LEG XXII P PF = Gettonius, Ursus und Dossus, Soldaten der Legio XXII Antoniniana(?) Legio XXII p(rimigeniae) p(iae) f(idelis) 22. Legion, der erstausgehobenen, getreuen und rechtschaffenen

Zeichnungen

Es finden sich Pferdedarstellungen, die vielleicht Abzeichen der hier tätigen Einheit waren, außerdem Abbildungen von Menschen, Phalli und Vulven. Ob die Geschlechtssymbole in Verbindung zu einem religiösen Kult stehen oder eher heutigen Latrinenschmierereien entsprechen, lässt sich nicht eindeutig beurteilen.

Bei Raddarstellungen und Hakenkreuzen könnte es sich um religiöse Symbole, aber auch um Arbeitsmarkierungen handeln.

Literatur (aktuellste unten)

Weblinks

Einzelnachweise

Kategorie:Archäologischer Fundplatz im Landkreis Bad Dürkheim Kategorie:Steinbruch in Rheinland-Pfalz Kategorie:Bauwerk in Bad Dürkheim Kategorie:Kulturdenkmal in Bad Dürkheim Kategorie:Archäologischer Fundplatz in Europa