mini|Titelblatt einer gedruckten Festrede von Soltan-gjin Achmet,Helmstedt 1732 Prinz Soltan-gjinZur Kleinschreibung durch den Namensträger selbst siehe Dem Allerdurchlauchtigsten … Herrn Carl dem Sechsten Erwehlten Römischen Kayser … Paul Dietrich Schnorr, Helmstedt o. J. , S. 2, den Helmstädter Matrikeleintrag „Soltangin“ u. a. (oder -gyen) Achmet aus dem Haus Magate, (geb. vor 1710 angeblich in Ahmedabad, Sultanat Gujarat; gest. nach 1739) stammte nach eigener Aussage aus Ostindien und bekleidete im Mogulreich die Würde eines Raja der Provinz Malwa. Er reiste ab 1730 wegen einer angeblichen siebenjährigen Verbannung durch Europa.
Leben Nach seiner eigenen Darstellung stammte Soltan-gjin Achmet über seine Urgroßmutter aus dem fürstlichen „Hause Magate“,Nach einer älteren Darstellung des Asienreisenden François Bernier war Sultan Ekbar (der angebliche Großvater des Soltan-gjin Achmet) der dritte Sohn des Großmoguln Aurangzeb und Sohn einer Tochter des Gouverneurs von Amadabad „Chah-Naveze-kan … du sang des ancien Souverains de Machate (= vom Blut der alten Herrscher von Machate)“ bzw. „Princes de Machate (= Fürsten von Machate)“; François Bernier: Voyages de Francois Bernier … Contenant la Description des etats du Grand Mogol …, Bd. I. (Claude Barbin, Paris 1670) Nachdruck Paul Marret, Amsterdam 1699, S. 169; vgl. S. 105 u. ö. (Google-Books).„Machate“ bei Bernier (= Magate) meint wahrscheinlich Mascat in Oman; Edward Henry Nolan: The illustrated history of the British empire in India and the East, Bd. I. Virtue, London 1878, S. 666 (Google-Books); Archibald George Constable (Bearb.): Travels in the Mogul Empire, A•D 1656–1668 by François Bernier, Bd. I. University Press, Edinburgh 1891, S. 73f Anm. 2 und 3 und S. 126 (Google-Books); André Wink: The Making of the Indo-Islamic World c. 700–1800 CE. University Press, Cambridge 2020, S. 154 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau). kam aus Gusurate (auch Goçurat, heute Gujarat) und war mit dem indischen Großmogul Muhammad Shah (Mahomet XeaEdition: Mahomet X:e. = Fergeon Daghtar) verwandt.Landesarchiv Sachsen-Anhalt (Z 88 Facharchiv Zerbst, Fach 110, Nr. 3). Wie dieser war er Muslim, wurde aber im Alter von 10 bis 14 Jahren in einem „Convent der Bengianin“ (Banyan; ein Ausdruck für indische Händler aus der Vaishya-Kaste bzw. hier als Synonym für Hindu gebraucht) mit dem Hinduismus und angeblich auch mit der Lehre des KonfuziusAugustissimo invictissimoque Principi ac Domino Carolo VI … Natalem duodequinquagesimum oratione Germanica … gratulatur … Paul Dietrich Schnorr, Helmstedt 1732, S. 1f. vertraut gemacht. Das Haus Magate habe die Rajas (Statthalter; Gouverneure) der Provinz Malwa gestellt, einer Subah (Provinz) des indo-islamischen Mogulreiches. Zwischen 1714 und 1737 regierte dort – mit zwei Unterbrechungen – der Hindu Raja Jai Singh II. aus der Kachhwaha-Dynastie. 1722/23 und von 1725 bis Ende 1728 wurde Malwa von dem Hindu Girdhar Bahadur (gest. 1728) aus einer Kayastha-Familie beherrscht. Mit beiden war Soltan-gjin Achmet nicht verwandt.
Sein Vater soll Sultan Mirow oder Sultan Mirad,„Султан Мирад“. seine beiden älteren Brüder sollen Skanderbeckij (Sikander Beki) und Zebchan Darassier (vermutlich: Zeb Chandar Ashiya o. ä.) geheißen haben. „Sultan Gyen Achmet“ berichtete über Zebchan Darassier: „Wegen eines mit meinem Bruder fürgefallenen Misverstandnißes halber ist von den vursagter (= dem Vorgenannten) mir die Ordre worden, aus meinem Vatterlande auff sieben Jahr zu entweichen, wannhero ich nach der mir beygewohnten Passion denen Asiatischen die Europaischen Lander zu besehen fürgezogen“.Bittschrift, Bremen 1734; Anne E. Dünzelmann: „Vom Gaste, den Joden und den Fremden“. Lit, Münster 2001, S. 177f.
Bericht von der Flucht aus Indien über Niederländisch-Indien, Kapstadt und Amerika nach Europa mini|links|Cherokee Delegation 1730 in London Über Bengalen sei er, von seiner Mutter mit Juwelen und Gold unterstützt, auf einem Paketschiff (Packet Jagd) nach Batavia (heute: Jakarta) geflohen und 1728 auf Anraten des Generalgouverneurs von Niederländisch-Indien Mattheus de Haan (1663–1729) mit dem Schiff Huis te AssenburgEin 800-Tonnen-Schiff, Stapellauf 1718 in Amsterdam, 1735 in Batavia abgewrackt. der Holländischen Ostindien-Kompanie (VOC) zum Cap de bon EspéranceDie Huis te Assenburg benötigte 1724/25 fünf Monate für die Fahrt von Ceylon bis zum Kap; Uwe Granzow: Quadrant, Kompass und Chronometer. Technische Implikationen des euro-asiatischen Seehandels von 1500 bis 1800. Steiner, Stuttgart 1986, S. 203. gefahren. Mit zwei amerikanischen „Prinzen“ (indianischen „Häuptlings“-Söhnen) sei er zunächst nach Batavia zurückgekehrt, habe dort von der Ermordung seines Bruders Zebchan Darassier und der siebenjährigen Verbannung erfahren und sei daraufhin mit den beiden Indianern in die englische Kolonie Carolina nach Amerika gefahren, schließlich 1730 in England in Europa angekommen. Soltan-gjin Achmet begleitete eine Delegation von sieben Cherokee (darunter zwei „Könige“ und zwei „Prinzen“), zu denen Ata-gul' kalu (O Onaconoa; Onkanacleah) gehörte. Die Gruppe kam im Juni 1730 mit Sir Alexander Cuming (1691–1775) auf dem Kriegsschiff (Man-of-war) HMS Fox1702 als Fregatte HMS Nightingale gebaut, 1707 in HMS Fox umbenannt, bestückt mit 24 Kanonen, ab 1727 unter dem Kommando von Captain Thomas Arnold (1679–1737) aus Lowestoft, 1737 abgewrackt.Thomas Salmon: Modern History or the Present State of All Nations, Bd. XXVII. George Grierson, Dublin 1739, S. 93 (Google-Books). aus Charleston über Dover zu einer Audienz bei König Georg II. von Großbritannien nach London.Daniel J. Tortora: Carolina in Crisis. Cherokees, Colonists, and Slaves in the American Southeast, 1756–1763. University of North Carolina Press, Chapel Hill 2015, S. 17–22. Soltan-gjin Achmet wurde aber „mit denenselben uneinig“, so dass er nicht wie geplant mit ihnen nach Carolina zurückkehrte.
Stattdessen habe er Holland, dann wieder London, anschließend SpanienSelbstbericht, Halle, 1733. In: Anonymus: Der reisende Avantürier, Bd. III. Frankfurt am Main / Leipzig 1750, S. 388f. und – zusammen mit einem Duc de Saint-AignanWahrscheinlich ist der Diplomat und spätere (ab 1731/32) Botschafter beim Heiligen Stuhl in Rom Paul-Hippolyte de Beauvilliers, duc de Saint-Aignan gemeint. – Frankreich (Paris) und Italien (Neapel, Rom, Venedig) besucht, dann sei er nach Konstantinopel gereist. Er habe sich mit Erlaubnis des damaligen Sultans Ahmed III. der Reisegruppe des osmanischen Sondergesandten Efendi Bassa Mustafa nach Wien angeschlossen. Nach einem zeitgenössischen Bericht traf „Mustapha Effendi, anderer (= zweiter) Tefterdar der Pforte,“ am 26. Mai 1731 in Wien ein, um offiziell den Regierungsantritt des neuen Sultans Mahmud I. mitzuteilen.Andreas Lazarus von Imhoff: Des Neu-eröffneten Historischen Bilder-Saals Neunten Theils Zweiter Periodus, Bd. VI 1739–1733. Johann Leonhard Buggel, Nürnberg 1735, S. 927f (Google-Books). Bassa Mustafa, der Soltan-gjin Achmet ein halbes Jahr „unterhielt“, wurde nach einer „Rebellion“ von Teilen der Janitscharen bald in die Türkei zurückgerufen und stranguliert.
Universitätsbesucher in Deutschland und den Niederlanden Prag, Ingolstadt, Gießen und Marburg Aus Wien ging Soltan-gjin Achmet zunächst nach Prag:
Soltan-gjin Achmet begab sich nach Deutschland (Tuitschland), „um beydes die vornehmste Hoffe zu nehmen, und auff ein und andere Universität, als Halle, Leipzig, Jena und HalberstadtKein zeitgenössischer Universitätsstandort, aber Sitz des renommierten Martineums. nützliche Studia, wißenschafften und exercitia zu erlernen“. Auch München und die Universitäten in Prag, Ingolstadt, Gießen und Marburg will Soltan-gjin Achmet besucht haben. In Gießen sei er kurzzeitig Lehrer gewesen, in Marburg habe er häufig Kontakt mit dem Philosophen Christian Wolff gehabt und im September 1731Friedrich I. von Hessen-Kassel besuchte Marburg während seiner einzigen Deutschlandreise als König von Schweden vom 14. bis 17. September 1731; Ausführliche Beschreibung der Solemnitäten … Bey höchst-beglückter Ankunfft Sr. Kön. Majest. in Schweden nach Marburg. Philipp Casimir Müller, Marburg 1731 (Google-Books). den schwedischen König Landgraf Friedrich I. von Hessen-Kassel kennengelernt. Er sprach neben seiner Muttersprache Hindi„Индийской язык называемой гиндейской – indische Sprache genannt Hinduanisch“; vielleicht ist auch das nah verwandte Gujarati, das in der Region Gujarat dominiert, als Form des Hindi verstanden. auch einige europäische Sprachen: Italienisch, Französisch sowie etwas Lateinisch und Deutsch, wahrscheinlich auch Niederländisch und Englisch, vielleicht Portugiesisch, das in Gujarat in der portugiesisch-indischen Kolonie Diu gesprochen wurde. Soltan-gjin Achmet interessierte sich besonders für philosophische und mathematische Kollegs. Er hörte Vorlesungen – wahrscheinlich von Christian WolffHenrik Jaeger: Konfuzianismusrezeption als Wegbereitung der deutschen Aufklärung. In: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie. 37, 2012, S. 165–189. – über die Philosophie des Konfuzius in Latein und Deutsch und las Samuel von Pufendorfs De Jure NaturaeSamuel von Pufendorf: De Jure Naturae Et Gentium Libri Octo. Junghans, Lund 1672. auf Latein.
Hessische, nassauische und Braunschweiger Residenzen Soltan-gjin Achmet hielt sich auch einige Zeit an Höfen in Hanau, Frankfurt am Main, Darmstadt, Dillenburg, Siegen, Bevern, Kassel, Hannover-Herrenhausen, Braunschweig und Salzdahlum auf. Er berichtete von Begegnungen mit Graf Johann Reinhard III. von Hanau, Generalpostmeister Anselm Franz von Thurn und Taxis, Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt, Fürst Christian von Nassau-Dillenburg, Amalie Luise verwitwete Fürstin von Nassau-Siegen, geborene Prinzessin von Kurland (1687–1750), und ihrer Schwester Eleonore Charlotte von Kurland (1686–1748), der Herzogin von Braunschweig-Wolfenbüttel-Bevern, Herzog Ernst Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel-BevernDas Buch Soltan. Gjin Achmets gehaltene Rede auf den Geburts-Tag Carls VI. Helmstaedt. 1732 befand sich in der Fürstinnenbibliothek seiner Schwägerin Antoinette Amalie von Braunschweig-Wolfenbüttel (∞ mit Ferdinand Albrecht II. von Braunschweig-Wolfenbüttel-Bevern; Altkatalog, S. 52 (Bl. 23v), Nr. 256 (diglib.hab.de; MWW-Forschung). und Prinz Wilhelm von Hessen-Kassel. In Schloss Herrenhausen traf er im Sommer 1732Georg II. hielt sich vom 12. Juni bis 25. September 1732, dann erst wieder 1735 in Herrenhausen auf; Karl Otto Unico Ernst von Malortie: Beiträge zur Geschichte des Braunschweig-Lüneburgischen Hauses und Hofes, Bd. II. Hahn, Hannover 1860, S. 1 und 131 (Google-Books). den englischen König Herzog Georg II. August von Braunschweig-Lüneburg wieder, der sich an ihre Begegnung in London erinnerte.
Rinteln und Helmstedt mini|Haupt- und Hörsaalgebäude Juleum der früheren Universität Helmstedt|200px