mini|Bohumil Hrabal (1988) Ich habe den englischen König bedient (tschechisch: Obsluhoval jsem anglického krále) ist ein 1978Hrabal wurde 1968 in der ČSSR mit einem Publikationsverbot bestraft, weil er gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts protestiert hatte. Deshalb veröffentlichte er seinen 1971 fertig gestellten Roman zunächst nur inoffiziell im Selbstverlag. 1978 erschien das Buch in einem Kölner Exilverlag. publizierter Roman des tschechischen Schriftstellers Bohumil Hrabal. Erzählt wird die Karriere eines Kellners zum Hotelbesitzer vor dem Hintergrund der Geschichte der Tschechoslowakei von den 1930er Jahren bis Ende der 1940er. Die deutsche Übersetzung von Karl-Heinz Jähn erschien 1988.im Verlag Volk und Welt Berlin und Suhrkamp Verlag Frankfurt 1988.
Überblick Der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Protagonist mit dem Familiennamen Dítĕ erzählt, wie er als Pikkolo im Hotel „Goldenes Prag“ anfängt und beobachtet, wie die reichen Gäste wie die Fürsten bedient werden und was sie sich mit ihrem Geld alles leisten können. So will er sich zum Hotelbesitzer hocharbeiten und Millionär werden. Im zweiten, politischen Teil des Romans, der in der Zeit der deutschen Besetzung Tschechiens und des Zweiten Weltkriegs spielt, gerät er durch seine Freundin Lisa, eine sudetendeutsche Krankenschwester, zwischen die Fronten. Er besinnt sich seines deutschen Großvaters, macht so als Deutscher Karriere und heiratet Lisa. Seine tschechischen Kollegen und Bekannten verachten ihn wegen dieses Verrats. Durch eine von Lisa im besetzten Polen konfiszierte Briefmarkensammlung kann er nach dem Krieg ein exklusives Hotel eröffnen und wird Millionär. Nach der kommunistischen Machtergreifung wird er enteignet, mit anderen Millionären inhaftiert und zu einem Arbeitseinsatz als Waldarbeiter verurteilt. Hier beginnt in der ländlichen Einsamkeit seine Besinnung auf die eigentlichen Werte des Lebens, und er schreibt seine Erinnerungen auf.
Inhalt Ein Glas Grenadine Die Geschichte Dítěs beginnt mit der Unterweisung des Direktors („Sprich’s mir nach“) bei seiner Einstellung als 15-jähriger Pikkolo im Hotel „Goldenes Prag“. Der „Herr Hotelier“ lässt die Angestellten jeden Morgen um halb sechs entsprechend ihrer Rangordnung zum Defilee antreten und kontrolliert akribisch Reinlichkeit und Kleidung. Mit doppelten Sohlen und hochgestrecktem Kinn versucht der kleinwüchsige Pikkolo etwas größer zu wirken. Als Unterster in der Hierarchie hat er gewissenhaft, ohne den geringsten Widerspruch, die Anweisungen zu beachten, in ständiger Beschäftigung immer wieder Bestecke und Gläser zu polieren und die Gäste, in vollkommener Anpassung an die Situationen, unterwürfig formvollendet und diskret zu bedienen, d. h. nichts sehen und nichts hören und zugleich „alles sehen und alles hören“. Bei der Beobachtung der Besucher sammelt er Erfahrungen über die Menschen und die Geschäftswelt.
Zu seinen Aufgaben gehört der Verkauf von Würstchen auf dem Bahnsteig. Hier lernt er die erste trickreiche Überlebensstrategie. Er läuft den abfahrenden Zügen nebenher und versucht seinen mit großen Geldscheinen zahlenden Kunden das Wechselgeld ins Fenster zu reichen, was ihm jedoch trotz theatralischer Bemühungen niemals gelingt. Dieses leicht verdiente Geld gibt er bei seinen wöchentlichen Besuchen Jaruškas und anderer Prostituierten des Etablissements „Bei Rajsky“ mit vollen Händen wieder aus. Übermütig wirft er einmal eine Handvoll Münzen durch die Luft und freut sich daran, wie die Menschen beim Aufsammeln auf der Erde herumkriechen. So erfährt er täglich, wie man mit Geld Macht über andere gewinnt. Durch seine großzügigen Trinkgelder beeindruckt er eines der Mädchen Rajskas so sehr, dass sie ihn im Hotel besucht und sich in einem spektakulären Auftritt ein Glas Grenadine (Kapitelüberschrift) über den Kopf schüttet und ihn zu einem Wiedersehen einlädt.
Herr Walden, ein Handlungsreisender, der für die Firma Berkel Wurstaufschnittmaschinen und Präzisionswaagen verkauft und mit seinen eingenommenen Geldscheinen den Hotelzimmerboden auslegt, wird der väterliche Mentor des Pikkolos auf seiner nächsten Etappe. Er hat ihn bei seinem Wechselgeldtrick beobachtet und erzählt ihm von seiner Karriere. Dabei erinnert sich der Pikkolo an seine findige Großmutter, bei der er als uneheliches Kind aufwuchs. Sie sammelte die von den Gästen der benachbarten Badeanstalt aus den Fenstern geworfene schmutzige Wäsche auf, wusch sie und verkaufte sie an Bauarbeiter. Herr Walden bemerkt seine Begabung fürs Geldverdienen und gibt ihm den Rat: „Merk dir, das Geld öffnet dir den Weg in die ganze Welt.“ Er empfiehlt ihn dem Hotel „Tichota“ als Kellner.
Hotel Tichota Mit einem neuen Frack der Schneiderfirma in Pardubice stellt sich Dítě bei Herrn Tichota vor, dem Besitzer des gleichnamigen Hotels in Strančice, südöstlich von Prag. Er wird als „zweiter Kellner“ unter dem Oberkellner Zdenĕk eingestellt. Der schwergewichtige Chef überwacht aus seinem Rollstuhl heraus die Angestellten und befiehlt sie, wenn sie sich ausruhen wollen, sofort mit seiner Trillerpfeife zu sich, um ihnen neue Aufträge zu erteilen. Zdenĕk führt, ähnlich wie Dítě als Pikkolo, ein Doppelleben: im Dienst spielt er perfekt seine Rolle, im Privatleben verschleudert er sein Geld mit Vergnügungen und Besuchen bei einsamen Nachbarinnen. Seine Identität als kommunistischer Agent wird erst später offenbar.
Das ausgefallen eingerichtete Hotel hat nur reiche spleenige Gäste, die ihre Eskapaden fürstlich bezahlen: Ein General stopft das Essen, das er ständig als ungenießbar beschimpft, in sich hinein und schießt Gläser vom Fensterbrett. Anderntags feiert er mit einem Dichter und zwei Frauen eine von einer Tanzmusikkapelle begleitete Orgie. Ein anderer Gast, „der Staatspräsident“, liebt eine aus Paris eingeflogene Französin auf den vom Personal sorgfältig arrangierten Heuhaufen im nächtlich romantischen Garten. Bei ihren Gelagen mit nackten Frauen schauen die Gäste versonnen der ländlichen Idylle des im Hof zu ihrer Unterhaltung permanent Holz hackenden Hausknechts zu und schließen zwischendurch Handelsverträge ab, dabei geht es um eine Schiffsladung Rinderhäute aus dem Kongo, einen Straßenzug Mietshäuser, Munitionszüge für arabische Regimenter usw.
Eine Episode ist der Besuch einer bolivianischen Delegation, die im Hotel logiert. Sie ist mit einer sechs Kilogramm schweren goldenen Nachbildung des Bambino di Praga in die Stadt gekommen, um die Statue vom Erzbischof segnen zu lassen. Zur Diebstahlsicherung wird ein Duplikat aus vergoldetem Gusseisen angefertigt. Dítě erhält den Auftrag, den Transport des Gnadenbildes durch die Stadt zu sichern. Dabei kommt es zu Verwechslungen und das Original wäre beinahe verloren gegangen. Darauf wird Dítě von Herrn Tichota beschuldigt, er habe das Gold für sich erbeuten wollen, und entlassen. Später erfährt er von Walden, dass der Hausknecht, der Spion Tichotas, ihn verleumdet hat, weil er ihn für geldgierig hält.
Ich habe den englischen König bedient Walden verhilft dem Arbeitsuchenden zu einer neuen und besseren Anstellung im von Herrn Brandejs geführten Prager Hotel „Paris“. Auch hier ist er einem Oberkellner, dem erfahrenen Skřivánek, unterstellt. Dieser hat über alles den Überblick. Aus seiner Erfahrung heraus stuft er die Gäste nach ihrer Herkunft, ihren Gewohnheiten ein und kennt ihre Wünsche, bevor sie geäußert werden. Er unterweist Dítě in dieser Kunst und verbindet die Vorhersagen mit Wetten um jeweils zwanzig Kronen, die er immer gewinnt. Als Erklärung für seine richtige Einschätzung dient ihm der Standardsatz: „Weil ich den englischen König bedient habe“. Für Dítě ist das der Gipfel seiner Kellnerausbildung: der vollkommene Dienst. Durch ein Missgeschick des vom Chef Brandejs sehr geschätzten Speisekellners Karel, der stolz darauf ist, dass keiner mehr Teller tragen könne als er, rückt Dítě mit Unterstützung Skřiváneks zum Platzkellner auf. Durch einen niesenden Gast irritiert, verliert Karel das Gleichgewicht, Speisen und Getränke rutschen von seinem Servierbrett und landen auf den Gästen. Darüber ist Karels Kellnerehre so verletzt, dass er wütend im Restaurant und der Küche randaliert und das Hotel für immer verlässt. Jetzt bedient Dítě jeden Donnerstag die Börsenjobber, die im Chambre séparée mit Prostituierten ihre Wochengewinne verjubeln. Beim Reinigen der Polster findet er, wie zuvor Karel, aus den Taschen gerutschte Münzen und Ringe. Am meisten profitiert Dítě vom „Visitationskabinett“, der inneren Abteilung. Hier erschöpfen sich ältere Börsenjobber beim Ausziehen der Damen als kollektivem Pfänderspiel und er übernimmt gern die Aufgabe, nach Abzug der betrunkenen müden Gäste die durch das Betasten erregten, aber unbefriedigten Prostituierten aus ihrer Spannung zu erlösen. Eitel achtet er auf seine Kleidung. Geschmückt mit von Gästen im Hotel vergessenen edlen Krawatten stolziert er durch Prag, betritt als zahlungskräftiger Kunde Bekleidungsgeschäfte, lässt sich beraten und geht wieder unentschlossen davon, wie es wählerische Kunden zu tun pflegen.
Weil in Prag nur das Hotel „Paris“ über hunderte von goldenen Bestecken verfügt, findet hier das offizielle Festmahl für den abessinischen Kaiser Haile Selassie und sein Gefolge statt. Für Dítě ist es ein großes Spektakel. Schwarze Köche richten das exotische Essen an: Ein Kamel wird mit Antilopen, Truthähnen, Eiern, Fischen usw. gefüllt und auf einem Spieß gebraten. Seinen großen unvorhergesehenen Auftritt hat Dítě, als ihm eine Lücke in der Bedienung des Kaisers auffällt. Er übernimmt spontan für den eigentlich zuständigen Oberkellner des Hotels Šroubek die Aufgabe, das Glas des Kaisers mit Moselwein zu füllen. Dafür wird er mit einem Orden und einer blauen Schärpe für Verdienste um den Thron des Kaisers von Abessinien ausgezeichnet und kann nun damit prahlen, er habe den Kaiser von Abessinien bedient. Wie sein Lehrmeister Skřivánek wendet er diesen Spruch bei allen Situationen an, in denen er um eine Erklärung gebeten wird. Später, in seiner philosophischen Entwicklungsphase setzt er die Redewendung selbstironisch ein. Doch seine Freude am Glanz des Erfolges trübt sich kurz darauf, als beim Aufräumen ein goldener Kaffeelöffel fehlt und er des Diebstahls beschuldigt wird. Verzweifelt über das Misstrauen sogar seines Oberkellners will er sich im Wald erhängen, doch man entdeckt den Löffel im Abflussrohr der Spüle und Skřivánek eilt ihm nach und holt ihn zurück.
Mit dem nächsten Ereignis wird die politische Entwicklung in den 1930er Jahren aufgegriffen. Die Spannungen zwischen Tschechen und Sudetendeutschen werden auch in Prag offenbar: Die tschechischen Kellner geben deutschen Gästen gegenüber vor, sie verstünden nicht ihre Sprache. Dítě gerät in diesen Konflikt hinein, als er im Kino die, ebenso wie er, kleine Turnlehrerin Lisa kennenlernt, die Mitglied der Sudetendeutschen Partei von Konrad Henlein ist. In Eger besitzt ihr Vater das Hotel „Zur Stadt Amsterdam“. In Tirolerjacke und mit weißen Strümpfen besucht sie ihn im Hotel. Er wird jetzt von Brandejs, Skřivánek und den anderen Kellnern gemieden und wegen seiner Sympathien für Deutsche entlassen. Einige Zeit ist er arbeitslos. Nach der Besetzung Prags durch deutsche Truppen 1939 geht er mit Lisa, in der Uniform einer Frontschwester, ins Hotel „Paris“, lässt sich von seinen ehemaligen Kollegen bedienen und revanchiert sich, indem er sie ignoriert. Lisa nimmt ihn anschließend mit in ihre Wohnung und initiiert ein Liebesverhältnis mit symbolträchtigen vampirhaften Praktiken.
Ihr Kopf war nicht mehr aufzufinden