mini|Erstes Gebäude der Boston Latin School

Die Bildungsgeschichte der Vereinigten Staaten reicht von der Kolonialzeit im 17. Jahrhundert bis ins 21. Jahrhundert. Sie erklärt viele Eigenheiten im Bildungssystem in den Vereinigten Staaten. Dazu gehören die puritanisch-konfessionellen Anfänge, die Vielfalt der Ansätze in den verschiedenen Staaten mit ihren sehr unterschiedlichen Lebensweisen sowie das Einwirken der Immigration und Rassenfrage. Die USA sind heute die unbestritten führende Wissenschaftsnation (Hochschulranking, Nobelpreise) in der Welt, während das Schulsystem eher mittelmäßig wirkt, teilweise sogar antiwissenschaftlich (Kreationismus). Neben staatlichen Schulen gibt es viele private mit besonderer religiöser Ausrichtung, auch jüdische und zunehmend muslimische Schulen.

Kolonialzeit und Unabhängigkeit Als älteste Schulen auf dem heutigen US-Territorium gelten die Collegiate School (New York City) (umstritten 1628)In der Quelle von 1628 ist von einer Beschulung indianischer Eingeborener durch einen Geistlichen und Missionar die Rede, womit zumindest eine schulische Institution nachgewiesen ist., die Boston Latin School (1635) und Harvard College (1636) in Boston. Sie orientierten sich an niederländischen und englischen Vorbildern der Grammar School und sollten den Nachwuchs an Geistlichen sichern. Demnach standen die alten Sprachen und Religion im Vordergrund. Die puritanisch-religiöse Ausrichtung der Einwanderer begünstigte die Ausbreitung einer Elementarbildung zur Bibellektüre in Grundschulen und Lateinschulen. Das früheste Schulgesetz wurde in Massachusetts 1642 erlassen (The Olde Deluder Law) und sah eine private Pflichtfinanzierung vor. Die Alphabetisierung in Neuengland lag sehr hoch. Weitere Gründungen waren die Roxbury Latin School (1645), die Cambridge Latin School (1648), die Hopkins School (1660) in New Haven (Connecticut), die William Penn Charter School und die Friends Select School (Quäker) in Philadelphia (beide 1689). Für höhere Studien wurden privat Colleges gegründet: das College of William & Mary in Virginia (1693), die King William’s School in Maryland (1694), das Yale College (1701) und das College of New Jersey (heute Princeton, 1746), King’s College in New York City (heute Columbia, 1784), für deutsche Immigranten in Philadelphia die Germantown Academy (1759). Benjamin Franklins Proposals Relating to the Education of Youth in Pensilvania schlugen 1749 eine allgemeine Schulbildung vor, noch ohne öffentliche Steuern dafür vorzusehen. Als Thomas Jefferson 1779 eine öffentliche Finanzierung in Virginia vorschlug, fand er noch keine Zustimmung.

Nach 1780 wurden die höheren Schulen meist private Akademien, im frühen 19. Jahrhundert hießen sie oft Vorbereitungsschulen (prep schools): Phillips Academy in Andover (Massachusetts) (1778), Phillips Exeter Academy in Exeter (New Hampshire) (1781), und Deerfield Academy in Deerfield (Massachusetts) (1797).

In den Südstaaten setzten die Pflanzer mehr auf private Hauslehrer und verwehrten der öffentlichen Bildung die Mittel, in Virginia entstand die private Norfolk Academy (1728) und in Augusta (Georgia) die Academy of Richmond County (1783). Im teils katholischen Maryland betrieben die Jesuiten einige Schulen, die erste Mädchenoberschule stand in New Orleans, die Catholic Ursuline Academy (1727), die der Ursulinenorden betrieb. Hier wurden auch afroamerikanische und Indianermädchen aufgenommen. Die älteste staatliche Universität der USA ist die 1785 in Athens gegründete University of Georgia, die aber erst 1804 die ersten Abschlüsse vergeben konnte. Der aus Connecticut stammende Senator Abraham Baldwin wollte hier seine Universität Yale nachbauen.

Federal Era bis zum Sezessionskrieg Der Census 1840 zeigte, dass etwa 55 % der 3,68 Mio. Kinder zwischen fünf und fünfzehn Jahren Grundschulen oder Akademien besuchten. Viele Familien benötigten das Geld aus der Kinderarbeit für das Einkommen. Für die afroamerikanische Bevölkerung sah es mit einem Schulbesuch meist schlecht aus.

Der erste Kindergarten der USA wurde 1854 in Watertown (Wisconsin) durch eine deutsche Mutter eröffnet. Die erste High School in der Geschichte des Landes war die 1821 eingerichtete Boston English High School. Anders als an traditionellen Schulen, insbesondere vor Ort die Boston Latin School, wurden nicht die akademischen Fächer (alte Sprachen, Geschichte, Religion), sondern auch Englisch, Geografie, Navigation, Naturwissenschaften und moderne Fremdsprachen gelehrt. Der Schulleiter George B. Emerson gründete 1823 parallel eine erste High School für Mädchen. Mit Rücksicht auf den wachsenden Bedarf an Lehrerinnen folgte 1852 die Boston Girl’s High and Normal School. In Philadelphia entstand 1838 die Central High School, die von 1849 an auch Collegeabschlüsse verlieh, und in New York City 1847 die Free Academy of the City of New York. Für viele Schwarze gab es eine berufliche Zwangslehre in Form der Forced apprenticeship, die erst 1919 abgeschafft wurde.

Der Rechtsanwalt Horace Mann wurde ab 1837 im neu geschaffenen Education Board zum Schulreformer von Massachusetts, dessen Konzept von freier, nicht an eine bestimmte Kirche gebundener und steuerfinanzierter Bildung viel Unterstützung fand, aber bei privaten und christlichen sectarian Schulen auf Widerstand traf. Mann sprach als erster von einem Bürgerrecht auf Bildung, die auch die Befähigung zur Wahrnehmung der Bürgerpflichten einschließen müsse. Er gründete 1839 auf der Nordostecke des Platzes der historischen Schlacht von Lexington zur besseren Lehrerausbildung die erste Normalschule des Staates, die später zur Framingham State University aufstieg. Dabei wurden vor allem Frauen aufgenommen, die als die besseren Lehrkräfte galten (Feminisierung). Zuvor war die erste in den USA 1823 in Concord (Vermont) von Samuel Read Hall gegründet worden.

Nationale Einheit und Reformprozesse mini|Verleihung von Bachelor- und Mastergraden pro Jahr 1870–2017

Nach dem Bürgerkrieg begannen mehrere parallele Entwicklungen im Bildungssystem: 1) die faktische Durchsetzung einer allgemeinen Schulpflicht bis in die unteren Schichten, 2) die Integration der Afroamerikaner in das Bildungssystem, 3) die Stärkung der höheren Frauenbildung und 4) die Expansion der höheren Bildung über die High Schools und Colleges.

Von 1880 bis 1910 wurden die High Schools zu allgemeinbildenden Schulen, die nicht zwingend auf ein akademisches College vorbereiteten. Von 7 % der Jugendlichen von 14 bis 17 Jahren wuchs der Besuch auf 32 % im Jahr 1920. Erst 34 Staaten hatten um 1900 eine Schulpflicht, vier im Süden. Um 1910 besuchten 72 % der Kinder eine Schule, meist eine einräumige Kleinschule. Doch nach dem Ersten Weltkrieg 1918 gab es überall eine allgemeine Schulpflicht, auch für die Schwarzen.

Durch den Morrill Act 1862 wurden die Bundesstaaten aufgefordert, ihnen vom Bund zugeteilten Landbesitz zur Einrichtung von Colleges zu nutzen (Land-grant-Universities), deren Schwerpunkte die Agrarwirtschaft, das Ingenieur- und Militärwesen sein sollten. Private Stifter richteten weitere neue Universitäten ein: so die Vanderbilt University 1875, die Stanford University 1891. So stiegen die Studentenzahlen alle 15 Jahre um das Doppelte.

Die Hochschulen und Universitäten blieben den Schwarzen lange verschlossen, doch für die theologische und Lehrerausbildung wurden sie gebraucht. Im Quäkerstaat Pennsylvania öffneten sich zuerst 1837 die heutige Cheyney University und 1854 die Lincoln University in Chester County. In Washington D. C. eröffnete 1851 die Pädagogin und Abolitionistin Myrtilla Miner die Normal School for Coloured Girls, um Lehrerinnen auszubilden. Ebenso in Washington D.C. bestand bereits seit 1867 die private Howard University, die Schwarzen ein Studium möglich machte wie die von ehemaligen Sklaven 1867 gegründete, öffentliche (spätere) Alabama State University. Booker T. Washington entwickelte für Schwarze ab 1881 in der Tuskegee University (Alabama) eine berufsbildende Schule. Er schloss 1895 den Kompromiss von Atlanta, der die Berufsbildung gegen den Verzicht auf Universitätsbildung vorsah. Erst 1903 stellten einige aus der Gruppe Talented Tenth um W. E. B. Du Bois, der 1895 als erster Schwarzer in Harvard promoviert worden war, dies infrage und forderten freien Zugang für die Afroamerikaner. Die American Negro Academy (ANA) bestand in Washington D. C. von 1897 bis 1928 und öffnete den schwarzen Studenten den Weg zum regulären Studium. Zu den Gründern gehörten unter anderem der Missionar Alexander Crummell.

Im 20. Jahrhundert wurde das Schulwesen an vielen Orten geprägt von den Gedanken des Bildungsreformers John Dewey, der eine wahrhaft demokratische Schule schaffen und „Demokratie als Lebensform“ lehren wollte. Sein engster Mitarbeiter war William Heard Kilpatrick, der die Projektmethode schuf. In Chicago stand die von Ella Flagg Young geleitete Laboratory School, um viele Ideen der Reformpädagogik (Progressive Education) zu erproben. Motivation sollte Zwang unnötig machen, Wahlmöglichkeiten die Interessen fördern. Die Lehrerin Helen Parkhurst entwickelte nach 1900 den Daltonplan in enger Zusammenarbeit mit Maria Montessori, auch wenn diese in den USA sonst wenige Nachahmer fand. Marietta Johnson schuf 1907 eine Reformschule in Alabama. Aus deutscher Sicht ergaben sich daraus oft sehr niedrige Ansprüche in den Fächern. Nicholas Murray Butler wurde 1901 Präsident der Columbia University in New York, wo er das Teachers College mit Dewey zum nationalen Zentrum der Reformbewegung ausbaute. Dagegen begann ausgerechnet an dessen ehemaliger Universität Chicago unter Präsident Robert M. Hutchins eine Verteidigung der höheren Bildungsansprüche (The Higher Learning in America, 1936).

Belebend wirkten die vielen (Zwangs-)Emigranten aus Europa auf die US-Hochschulen, die ihre Ideen und Theorien dort einbrachten: Dies galt besonders für die Atomphysik, aber auch für die pädagogiknahen Disziplinen wie die Psychologie und Soziologie.

Im Kalten Krieg nach 1945