mini|Hermann Reinmuth als Student (um 1925) Karl Hermann Reinmuth (* 19. Januar 1902 in Reichenbach, heute Ortsteil von Haselbachtal, Landkreis Bautzen; † 26. April 1942 im KZ Sachsenhausen) war ein deutscher Jurist und Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime mit dem Schwerpunkt der humanitären Hilfe für die notleidenden Familien politisch Inhaftierter.
Leben Familie und beruflicher Werdegang mini|Das Pfarrhaus von Reichenbach (2020); Geburtshaus von Hermann Reinmuth mini|Die Geschwister Hermann und Maria Reinmuth mit ihren Eltern (1913) mini|Die Geschwister Reinmuth – v.l. Maria, Hermann und Clementine, vorn Heinrich jun. (1929) Hermann Reinmuth war der älteste Sohn des evangelisch-lutherischen Pfarrers Heinrich ReinmuthHeinrich Reinmuth (*16. August 1873 in Glauchau; †28. September 1941 in Markkleeberg) war evangelischer Theologe und Pfarrer von Reichenbach (1900), Mittelsaida (1906) und Syhra (1913). Die Emeritierung erfolgte 1933. Die Familie lebte seitdem in der Siedlung Am Wolfswinkel in Markkleeberg. und dessen Ehefrau Amalie, geborene Mulert.Amalie Reinmuth, geborene Mulert (*11. April 1876 in Niederbobritzsch; †25. Mai 1964 in Markkleeberg). Zusammen mit seinen drei jüngeren Geschwistern Maria, verehelichte Flux (1905–1996) Clementine, verehelichte Küstner (1913–2007) und Heinrich (1917–1980) wuchs er in einem Elternhaus auf, das von christlichem Humanismus und starker Empathie für die konkreten seelischen und materiellen Nöte der Mitmenschen geprägt war. Bereits als Gymnasiast beschäftigte er sich stark mit den Ideen des religiösen Sozialismus, näherhin mit den Schriften Karl Barths. Ein Onkel mütterlicherseits war der Theologe Hermann Mulert.
Nach Abschluss seiner Reifeprüfung im Januar 1920 studierte er Volkswirtschaft und Rechtswissenschaften an den Universitäten in Tübingen, Kiel und Leipzig. Während seines Studiums beschäftigte er sich insbesondere mit dem Arbeitsrecht, speziell mit Lohn- und Gewerkschaftsfragen. In den Semesterferien arbeitete er in der großstädtischen Industrie, bei der Eisenbahn und im Kohlebergbau und lernte dabei aus erster Hand die harten Bedingungen kennen, unter denen die Industriearbeiter in der von Inflation und Weltwirtschaftskrise geprägten Zeit der Weimarer Republik existieren mussten. 1926 wurde Reinmuth unter Erwin Jacobi magna cum laude promoviert. Thema der Arbeit war: Betrieb und Unternehmen, besonders im Betriebsrätegesetz und in der Reichsversicherungsordnung. Darin werden u. a. Fragen des gerechten Lohns und des Anteils der Arbeiterschaft am Eigentum auf Betriebsebene behandelt.
Nach Beendigung seiner Referendariatszeit in Dresden wurde er Gerichtsassessor in Bautzen. 1929 konnte er ans Polizeipräsidium in Oberhausen wechseln und wurde dort zum Regierungsassessor ernannt. Als solcher war er ab 1930 weiter im Landratsamt des Kreises Düsseldorf-Mettmann tätig. Im März 1933 wurde er, nunmehr eine politisch missliebige Person, von den Behörden zur Wasserbaudirektion nach Königsberg abgeschoben, von da im September 1933 weiter nach Lüneburg, wo er als Mitarbeiter der Bezirksregierung mit verschiedenen Bereichen der VerwaltungsarbeitReinmuth wurde in der Schulabteilung, der Domänenabteilung, der Forstverwaltung und als Bearbeiter von Verwaltungsstreitverfahren eingesetzt. in Berührung kam. Aufgrund der politischen Lage in Deutschland plante Reinmuth bereits ab 1933, den Staatsdienst zu verlassen und als selbständiger Jurist mit eigener Anwaltspraxis zu arbeiten. Nach dem Tod des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg am 2. August 1934 wurde von den Beamten des Reiches der persönliche Eid auf Adolf Hitler abverlangt. Dies bedeutete für die Beamtenschaft die direkte Unterordnung unter die Person Adolf Hitlers als obersten Dienstherrn. Reinmuth verweigerte diesen Eid gegenüber seinen Vorgesetzten, ließ sich jedoch von seinem Onkel Hermann Mulert dazu bewegen, die Eidformel wenigstens schriftlich zu unterzeichnen.Dies wurde ihm während seines Prozesses vor dem Volksgerichtshof 1935 schwer angelastet. Der Vorwurf lautete: Er habe den Staat nicht aus innerstem Willen unterstützt, habe sich bei der Gruppenvereidigung der Lüneburger Beamten im Hintergrund gehalten, die Eidformel nicht mitgesprochen und die Schwurhand nicht erhoben. Vgl.: Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, Kreisvereinigung Lüneburg (Hrsg.): Hermann Reinmuth. Christ, Humanist, Gewerkschafter, Sozialist. Versuch einer Annäherung an ein vergessenes Opfer des NS-Regimes. Eine Erinnerung an den Beamten der Lüneburger Bezirksregierung, Nazi-Widerständler und KZ-Häftling. Selbstverlag, Lüneburg 2012, S. 12.
Soziales Engagement, Gewerkschaftsarbeit, politische Tätigkeit Von frühester Kindheit an erlernte Hermann Reinmuth durch das Leben in der Familie, besonders aber durch das Vorbild der Mutter, die persönliche Verpflichtung zu tätiger Mitmenschlichkeit als einen selbstverständlichen Ausdruck christlicher Gesinnung. Sein waches Gespür für die Not arbeitsloser Familien und alleinstehender Mütter brachte ihn dazu, diesen Menschen große Teile seines persönlichen Einkommens für Hilfeleistungen zur Verfügung zu stellen. Während einer großen Hungersnot in China sammelte er Spenden und organisierte eine weltweite Hilfskampagne, für die er sich in Briefen und Appellen mit der Bitte um Unterstützung an bekannte Persönlichkeiten wie Albert Schweitzer, Fridtjof Nansen und Elsa Brandström wandte. In seiner Mutter und seiner Schwester Clementine sowie seinen Freunden Georg Sacke und Maria Grollmuß fand er tatkräftige Unterstützer für seine karitativen Unternehmungen. Aus sozialer Verantwortung engagierte er sich frühzeitig in der Bildungsarbeit der Gewerkschaften. Reinmuth warb in zahlreichen Vorträgen vor Mitgliedern des Metallarbeiterverbandes für den Ausbau des Arbeitsrechts und der betrieblichen Mitbestimmung. Er setzte sich für soziale Chancengleichheit und eine gerechte Lohn- und Eigentumsordnung sowie für die Durchsetzung des Achtstundentages ein.
Bereits während seiner Studienzeit war Reinmuth dem Sozialistischen Studentenbund beigetreten. Auf ausgedehnten Reisen durch Großbritannien und die Niederlande beschäftigte er sich mit der Sozialen Frage und den Folgen des Ersten Weltkrieges für die Arbeiterschaft. 1926 wurde er Mitglied der SPD und wechselte 1931 zur SAPD. Im Oktober 1933 begann er gemeinsam mit Maria Grollmuß und Willi Elsner finanzielle Hilfen und juristischen Beistand für die Angehörigen der politischen Gefangenen zu organisieren. Dabei knüpfte er Kontakte zur Bekennenden Kirche und über seinen Onkel Hermann Mulert zu den Quäkern in Deutschland. Gemeinsam mit dem jüdischen Rechtsanwalt Ernst Fraenkel setzte er sich für den verhafteten sächsischen Innenminister Hermann Liebmann ein. Den Erzbischof von Paderborn, Caspar Klein, gewann er, sich zugunsten eines zum Tode verurteilten Kommunisten an Reichsminister Hermann Göring zu wenden.
Ende 1933 kam über Maria Grollmuß der Kontakt zur Gruppe der Revolutionären Sozialisten um den ehemaligen Reichstagsabgeordneten Max Seydewitz in Prag zustande. Von Mai bis September 1934 reisten Reinmuth und Maria Grollmuß, getarnt als Urlauber, mehrfach nach Prag. Die Gespräche kreisten um die Reorganisation der Gewerkschaften, die Straffung der politischen Opposition und – worauf es Reinmuth besonders ankam – die Organisation von Sozialhilfen für politisch Verfolgte. Für dieses humanitäre Anliegen hoffte sich Reinmuth dank der Verbindungen, die Seydewitz besaß, weitere Hilfsquellen zu erschließen. So erklärte sich Reinmuth seinerseits einverstanden, nach Deutschland eingeschmuggelte Schriften der Revolutionären Sozialisten – als Zeitschrift mit dem Arbeitstitel Rote Blätter – zu verbreiten, obwohl er als Pazifist die auf gewaltsamem Umsturz basierenden Vorstellungen der Revolutionären Sozialisten ablehnte.
Die späteren Verhörprotokolle besagen, Reinmuth habe die Texte für die erste Ausgabe auf der Rückreise von Prag nach Lüneburg geschmuggelt, wo er sie Willi Elsner aus Hamburg zur Druckausfertigung übergeben habe. Elsner habe zwei Exemplare angefertigt, die er wiederum Reinmuth und Grollmuß zum Redigieren übergab. – Auf diese Darstellung stützt sich auch das spätere Urteil des Volksgerichtshofes. Aus anderen Unterlagen ergibt sich ein hiervon abweichendes Bild.Laut einem Vermerk von Clementine Küstner habe ihr Reinmuth während einer Pause zwischen Verhandlung und Urteilsspruch mitgeteilt, dass in Wahrheit nicht er, sondern Elsner die Roten Blätter aus dem Ausland eingeführt habe. Da diese Blätter jedoch von der Gestapo bei Reinmuth entdeckt worden seien, habe er die Tat auf sich genommen, weil er mit dem Todesurteil rechne und Elsner doch Familie habe. (Vgl.: Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, Kreisvereinigung Lüneburg (Hrsg.): Hermann Reinmuth. Christ, Humanist, Gewerkschafter, Sozialist. Versuch einer Annäherung an ein vergessenes Opfer des NS-Regimes. Eine Erinnerung an den Beamten der Lüneburger Bezirksregierung, Nazi-Widerständler und KZ-Häftling. Selbstverlag, Lüneburg 2012, S. 18). Hiermit steht die folgende Feststellung von Max Seydewitz im Einklang: „Willi Elsner, der zwar dieselbe Verbindung wie Grollmuß und Reinmuth mit mir gehabt und mich auch in Prag besucht hatte, dem das jedoch vom Volksgerichtshof nicht nachgewiesen werden konnte, wurde (…) zu einem Jahr sechs Monaten Zuchthaus verurteilt.“ (Vgl. Max Seydewitz: Es hat sich gelohnt zu leben. Dietz Verlag, Berlin 1976, S. 335.)
Verhaftung durch die Gestapo Am 7. November 1934 wurde, nach einer Denunziation, Maria Grollmuß in Radibor verhaftet. Bei der Überwachung ihres Postverkehrs wurde die Gestapo auf ihre politische Verbindung zu Reinmuth aufmerksam. Am 23. November 1934 erfolgte in seiner Wohnung die Verhaftung Reinmuths durch Beamte der Gestapo-Zentrale Harburg-Wilhelmsburg. Die zuständige Staatspolizei in Dresden entsandte eigens einen Mitarbeiter, der die Verhöre durchführte und die Durchsuchung von Reinmuths Büro und Wohnung veranlasste. Dabei wurden Briefe von Grollmuß und Elsner sowie ein Exemplar der Roten Blätter entdeckt und eine große Menge illegaler politischer Literatur beschlagnahmt.
Durch die Unachtsamkeit eines Gefängnisaufsehers gelang Reinmuth am 25. November die Flucht aus dem Gestapo-Gefängnis. Einen Tag später wurde er durch einen Suchtrupp der Gestapo in der Nähe von Winsen wieder aufgegriffen und nach Dresden überführt, wo ihm aufgrund des Paragraphen 1 der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat vom 28. Februar 1933 wegen „staatsfeindlicher Betätigung“ der Schutzhaftbefehl ausgestellt wurde. Unverzüglich, bereits zum 30. November 1934, schloss die Lüneburger Bezirksregierung Reinmuth von seinem Dienst aus und versetzte ihn in den einstweiligen Ruhestand. Nach wochenlangen täglichen Verhören erging am 21. Dezember 1934 an ihn der Haftbefehl des Amtsgerichts Dresden, mit dem die Schutzhaft aufgehoben und in eine Untersuchungshaft umgewandelt wurde. Reinmuth wurde in die Gefangenenanstalt I überführt.Dieses Gefängnis befand sich in Dresden in der George-Bähr-Straße 5. Dort befanden sich bereits seine Schwester Clementine und sein Freund Georg Sacke, die Anfang des Monats verhaftet worden waren.Clementine Reinmuth wurde 1935 vorläufig aus der Haft entlassen. Hermann Reinmuth gelang es, die Verfahren gegen Sacke und seine Schwester von seinem Verfahren abzutrennen. Deswegen fand deren Prozess am 1. November 1935 vor der Strafkammer des Landgerichts Leipzig statt, an dessen Ende der Freispruch aus Mangel an Beweisen stand. Während der knapp einjährigen Untersuchungshaft lebte Reinmuth – abgesehen von streng reglementierten Besuchen – in völliger Isolation.
Prozess vor dem Volksgerichtshof